„Ende der alten Münchner Gemeinde“

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Zum 85. Jahrestag des Abrisses der alten Münchner Hauptsynagoge

Wenige Tage vor dem 85. Jahrestag des Ereignisses hat die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKGM), Dr. h.c. mult. Charlotte Knobloch, an den Abriss der alten Münchner Hauptsynagoge am 9. Juni 1938 erinnert. Knobloch hatte die alte Hauptsynagoge als kleines Kind selbst noch kennengelernt: „Mein Vater war ein angesehenes Mitglied der Gemeinde, und wir waren immer wieder dort.“ Sie selbst habe natürlich noch nicht alles verstanden, „aber ich war fasziniert von der Liturgie und den Gesängen.“ Die tiefe Trauer der Menschen während des letzten G’ttesdienstes vor dem Abriss im Juni 1938 habe sich ihr bis heute ins Gedächtnis eingebrannt, so Knobloch: „Ich habe in meinem Leben selten ein solches Unglück in den Gesichtern gesehen wie an diesem Tag.“

Mit dem Abriss der Synagoge hätten die Nationalsozialisten nicht nur das Ende der alten Münchner Gemeinde besiegelt, sondern auch die Gewaltexzesse des 9. November vorbereitet: „Die Zerstörung mitten in München machte auch dem Letzten klar, dass es im Vorgehen gegen die jüdische Gemeinschaft nun keine Grenzen mehr gab. Die sichtbare Existenz des Judentums in Deutschland selbst stand jetzt zur Debatte.“ Vor diesem Hintergrund sei die Reaktion der Gesellschaft besonders enttäuschend gewesen, wie Knobloch ausführte: „Die Machthaber sahen, dass aus der Bevölkerung kein Widerstand kam. Das konnten sie nur als Ermutigung zu noch größerer Gewalt verstehen, die dann am 9. November Realität wurde.“

Knobloch, die auch als Beauftragte für Holocaust-Gedenken des Jüdischen Weltkongresses amtiert, betonte abschließend, 85 Jahre nach dem Abriss der alten Hauptsynagoge habe die jüdische Gemeinschaft Münchens heute zwar wieder ein Zuhause in der Stadt. Angesichts neuer Bedrohungen für die Demokratie durch den Aufstieg rechtsextremer Kräfte und eines neuen alten Judenhasses könnten Gebäude allein aber keine Sicherheit geben: „Die neue Hauptsynagoge ist Ausdruck des Vertrauens in dieses Land, das nach 1945 auf dem ‚Nie wieder‘ aufgebaut wurde.“ Damit dieses Vertrauen halte, dürfe es nicht beim Gedenken an Verbrechen von vor 85 Jahren bleiben, so Knobloch: „Wir kämpfen nicht gegen den Hass der Geschichte. Wir kämpfen gegen den Hass von heute.“

Die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern wurde am 8. Juni 1938 darüber informiert, dass seitens der Stadt der Abriss der Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße beschlossen worden sei. Da dieser bereits am nächsten Tag beginnen sollte, wurden noch am Abend des 8. Juni im Rahmen eines Abschiedsg’ttesdienstes die Torah-Rollen feierlich aus dem Gebäude entfernt. Die Synagoge wurde binnen eines Monats abgebrochen, das Gelände in einen Parkplatz umgewandelt. Auf dem nach dem Krieg restituierten Grundstück befindet sich nach einem Verkauf, dessen Erlös den Bau der neuen Hauptsynagoge am St.-Jakobs-Platz mit ermöglichte, heute die Erweiterung des Kaufhauses Oberpollinger. Ein Gedenkstein erinnert an die alte Hauptsynagoge.

Ida und Emanuel Kirschner, (c) Stadtarchiv München

Veranstaltungshinweis – Konzert und Lesung zu Ehren des Münchner Kantors und Komponisten Emanuel Kirschner (1857 – 1938)

Emanuel Kirschner war von 1881 bis 1926 erster Kantor der Israelitischen Kultusgemeinde. Er begleitete beim letzten Gottesdienst in der Hauptsynagoge 1938 den Auszug der Torarollen mit seiner unvergleichlichen Stimme. Bei dem Gedenkkonzert am 12. Juni um 19 Uhr geben Nikola David, Kantor der Liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, und das Ensemble Cantus München Kostproben seiner Synagogenmusik, außerdem gibt es einen Überblick zu Kirschners Leben und Werk und eine Lesung aus seinen Erinnerungen und historischen Quellen.
Zuvor werden um 16 Uhr Erinnerungszeichen für Kirschner, seine Ehefrau Ida Kirschner und das Ehepaar Goldlust gesetzt.
Für Gäste: Das Konzert findet im Jüdischen Gemeindezentrum Hubert-Burda-Saal, St.-Jakobs-Platz 18, statt. Anmeldung erforderlich unter gedenkkonzert@ikg-m.de oder 089/202400-127