Emanuel Kirschners Synagogen-Gesänge

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Der an der Liberalen Jüdische Gemeinden Beth Shalom München amtierende Kantor Nikola David hat gemeinsam mit dem offenbacher vokalensemble prophet die Musik von Münchens großem Chasan neu aufgenommen. Seine ausdrucksstarke Stimme lässt Gänsehaut aufkommen, ein großes Hör-Erlebnis!

Emanuel Kirschner war einer der bedeutendsten Kantoren Deutschlands. 1857 in Oberschlesien geboren führte ihn sein Weg über Berlin, wo er auch bei Louis Lewandowski studierte, nach München. Mit 24 Jahren trat er dort die Stelle als Kantor in der Synagoge an der Westenriederstraße an. 1887 zog die Gemeinde in die Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße. Kirschner begleitete die Gemeinde am Abschiedsgottesdienst vor dem von den Nationalsozialisten angeordnetem Abriss der Synagoge im Juni 1938. Er starb im jüdischen Altenheim am 28. September 1938. 

Nikola David, geb. in Bela Crkva, Serbien, studierte Gesang und Musikpädagogik und war als Solist an der Oper und am Nationaltheater Belgrad tätig. Ab 2008 studierte er am Abraham-GeigerKolleg und wurde im April 2013 ordiniert. Seit 2013 ist er als Kantor für die Liberale Jüdische Gemeinde Beth Shalom tätig. 

Das CD-Booklet enthält neben dem Text von Rabbiner Dr. Tom Kučera, den wir hier wiedergeben dürfen, eine Einführung des Musikwissenschaftlers Prof. Jascha Nemtsov zu Leben und Werk von Emanuel Kirschner. 

Die CD kostet Euro 24,00 inkl. Versand und kann gegen Vorkasse unter office@beth-shalom.de bestellt werden.

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Aus dem CD-Booklet von Rabbiner Dr. Tom Kučera

Im Alter von 24 Jahren bekam Emanuel Kirschner, geboren im Jahr 1857, eine Kantorenstelle in München. Die Hauptsynagoge existierte zu dieser Zeit noch nicht, sie wurde sieben Jahren später eröffnet. Kirschner diente der Münchener Gemeinde ganze 45 Jahre als Kantor. Im Alter von 70 Jahren trat er in den Ruhestand und starb fast zwölf Jahre später, Ende September 1938, im jüdischen Seniorenheim in der Kaulbachstraße.

Kurz vor seinem Tod wurde er gebeten, den Schlussgesang der Tefilla (des sog. Gottesdienstes) zu leiten. Dies war am 8. Juni 1938, und es war die letzte Tefilla in der Hauptsynagoge. Ein Tag zuvor war der Gemeinde mitgeteilt worden, dass die Synagoge niedergerissen werde. Kirschner sang, wie eine Zeitung schrieb, „mit seiner 80-jährigen Stimme, die immer noch den Abglanz ihrer baritonalen Schönheit und Wärme bewahrt hatte.“ Tags drauf musste er Zusehen, wie seine Synagoge vor seinen Augen zerstört wurde. Er konnte nicht ahnen, dass innerhalb eines Jahres fast alle Synagogen vernichtet werden würden.

Eine Verbindung zu unserer Gemeinde Beth Shalom stellt der Parochet, der Tora- Vorhang (zu sehen auf dem CD-Umschlag) dar, der Jenny Baerwald anlässlich ihres Todes gewidmet wurde. Ihr Mann, Rabbiner Leo Baerwald, arbeitete fast zehn Jahre lang mit Kantor Kirschner in der Israelitischen Kultusgemeinde in München zusammen. Rabbiner Baerwald wanderte 1940 nach Amerika aus, leitete in New York im Stadtviertel Washington Heights die Gemeinde Beth Hillel. Seine Gemeinde bestand aus deutschsprachigen Juden und wurde im Jahre 2000 geschlossen, weil die meisten Juden aus diesem Stadtviertel weggezogen waren. Auf unbekannten Umwegen gelangte der Parochet auf einen Berliner Flohmarkt und dank Rabbiner Walter Rothschild zu Beth Shalom.

In Beth Shalom wurden wir auf die Musik von Kantor Kirschner schon vor fast 20 Jahren dank Dr. Ralph Selig, einem Kenner der Synagogalmusik, aufmerksam, der sich um die Wiederbelebung der Musik von Kirschner in München bemühte. Diese Musik war nach Amerika ausgewandert, wo sie in New York nicht nur in Beth Hillel, sondern auch in der Gemeinde Habonim weiterlebt. Nun kommt sie nach München zurück.

Alle Lieder, die Kantor Nikola David für diese Aufnahme aussuchte, wurden von ihm von der ursprünglichen aschkenasischen Aus-sprache in die sephardische umgeschrieben. Es war die gleiche Entscheidung, die Eliezer Ben-Jehuda traf, als er die Grundlagen des modernen Hebräisch schuf.

Kantor Nikola David wählte aus dem reichen Repertoire von Kantor Kirschner nicht nur Texte, die wöchentlich zu Schabbat, sondern auch solche, die an den Jamim Noraim, den Hohen Feiertagen, und den Chagim, den anderen Feiertagen, gesungen werden.

Ma towu ist die feierliche Eröffnung jeder Tefilla, ein Dank für den Ort der Versamm-lung (d. h. Synagoge, wie „Versammlung“ im Altgriechischen heißt), aber auch die persönliche Einstellung zur spirituellen Beschäftigung, dem Gebet.

Lecha Dodi ist die Begrüßung des Schabbats. Nach den sechs Psalmen – ein Psalm für jeden Tag der Arbeitswoche – wird die Woche mental abgeschlossen, und wir begrüßen den Schabbat in der symbolischen Gestalt der Braut (Kala).

Tow lehodot ist der Anfang des Psalms 92, der den Titel trägt: der Gesang für den Tag des Schabbats. Die Anfangsworte können interpretiert werden als „es ist gut zu danken“. Wir vergessen dies oft. Der Dank ist das Gedächtnis des Herzens.

Zaddik kaTamar ist das Ende des erwähnten Psalms 92. Es ist die Einladung zum ethischen Handeln, von dem geglaubt wird, dass es mit einem guten und aktiven Alter belohnt wird.

Adoschem Malach ist der letzte Psalm 93 von Kabbalat Schabbat, dem Gebet am Freitagabend. Mithilfe zweier Substantive im ersten Vers denken wir an den Unterschied zwischen dem Natürlichen und Übernatürlichen. Wo verläuft für uns die Grenze?

Weschameru ist der Aufruf zum Beachten und Halten des Ruhetags, des Schabbats, denn er ist für immer und ewig ein Zeichen für alle, die der jüdischen Tradition angehören.

Kedduscha ist der dritte Teil der Amida, des im Stehen gesprochenen Gebets. Wenn wir uns beim Wort „heilig“ auf die Zehenspitzen stellen, versuchen wir symbolisch, die Gegenwart als Befreiung und Potenzial wahrzunehmen.

Der Priestersegen für Sukkot sind die Worte der Tora (Num 6: 23-27) und der Inbegriff der Segnung, die zu besonderen Anlässen gesprochen wird.

Schomreni El sind einige Verse aus dem Psalm 16, die oft auf dem Friedhof vorgetragen werden und eine Verbindung zum „kategorischen Imperativ“ beinhalten: Ich stelle den Ewigen immer vor mich.

Adoschem – diese Worte der Tora (Ex 34:6-7) sind in der jüdischen Tradition als die „13 Attribute Gottes“ bekannt und sowohl mit den Bitten um Vergebung als auch an den Feiertagen mit der Tora-Lesung verbunden.

Mechalkel chajim ist der zweite Teil der Amida, der mit seiner Melodie zu der Stimmung der Hohen Feiertage beiträgt und die Bitte beinhaltet, für das nächste Jahr in das Buch des Lebens eingeschrieben zu werden.

Uwschofar gadol ist eine der emotional schwersten Stellen der Amida der Hohen Feiertage. Wir denken darüber nach, wer sich von uns im nächsten Jahr vom Leben verabschieden wird, in der Hoffnung, dass der Dreiklang „Gebet – Umkehr – gute Taten“ vieles doch noch ändern kann.

Kaper Chataenu ist die Bitte um die Vergebung der Sünden, die in der jüdischen Tradition als das Verfehlen eines optimalen Zieles verstanden werden können.

Elohejnu wElohej Awotenu
 ist das melodische Ausschütten des Herzens mit dem Wunsch, dass unsere Kräfte mit dem Älterwerden nicht ganz verschwinden und dass wir uns nie verlassen fühlen.

Awinu Malkenu ist die Essenz der Bitte eines Menschen, der auf die Vergebung hofft, auch wenn er nicht viel vorzuweisen hat.