Spott-Light: Björn Höcke in Rede und Gegenrede

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Björn Höcke bei Wahlkampfkundgebung in Neubrandenburg, 12.8.2016, (c) redoc – research & documentation

– und zwischendurch nahe der Couch

Die Anhänger eines großen Mannes
pflegen sich zu blenden,
um sein Lob besser singen zu können.
(Nietzsche, 1879)

Von Christian Niemeyer

Björn Höcke, die entscheidende Figur der AfD, wird in diesem Aufsatz mittels der Analyse seiner wichtigsten Texte und Reden als das definiert, was er ist: ein Hitler-Wiedergänger. Über den als solchen zu reden selbst einer der Vorsitzenden dieser Partei, Tino Chrupalla, meidet wie die Pest. Der Grund liegt auf der Hand: Spräche sich herum, was Höcke vorhat, nämlich ein Bündnis mit Russland und eine Abwendung von den USA, würde die durch die Vokabel „Friedenspartei AfD“ angelockten Wähler*innen panisch das Weite suchen.

Vielleicht ist es mein innerer Widerstand gegen die Vokabel „großer Mann“ im als Motto gewählten Nietzsche-Zitat, der mich zum Einstieg die Klarstellung wählen lässt, dass es sich bei Björn Höcke um die, meiner bescheidenen Meinung nach, grauenhafteste Erscheinung handelt, welche die deutsche Politik aktuell zu bieten hat. Wem dies mit „groß“ in eins geht – bitteschön. Deswegen werde ich noch lange nicht davon ablassen, selbst seine lediglich aus Standard-Sätzen bestehende Weihnachtsbotschaft vom Dezember 2022 auf Deutschland-Kurier für grässlich zu erklären. Mich jedenfalls erinnert dieser Weihnachtsmann, was Mimik und starrer Blick aus blassblauen Augen angeht, an den Kreide fressenden Wolf im Märchen. Mit diesem Urteil sei übrigens keine Herabsetzung ausgesprochen in Richtung von Höcke-Fans wie Michael Klonovsky. Hier indes geht es um Höcke und damit auch um den Eindruck, den die ‚juvenile‘ und recht hübsche (spätere) AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber, damals noch voller Begeisterung für diese Partei, aus einem Gespräch mit Höcke im Juli 2015 gewonnen hat:

Höcke enttäuschte mich. Er ist weder charmant noch sympathisch, er bewegt sich unnatürlich, sehr steif und unsicher. Seine Augen können den Blickkontakt im Gespräch kaum halten, huschen mal hierhin, mal dorthin. Dass dieser offensichtlich getriebene Geist die AfD und eventuell sogar dieses Land führen könnte, erscheint undenkbar. Am unangenehmsten aber war mir sein Lächeln, es ist nicht mehr als ein spöttisch verzogener Mund, bei dem die Mundwinkel sich nach unten kräuseln. (Schreiber 2018: 162)

Dieser Eindruck einer Insiderin als eine Art warming up zum Folgenden bedarf noch einer Ergänzung in Sachen von Höckes Putin-Bild. Substantiell unterscheidet es sich kaum von den auf amazon.de/product reviews nachlesbaren, etwa aus der Feder des in Fragen wie diesen immer verlässlichen „Ramons 16“[1], der am 19. Mai 2022 sein Urteil ad Putin („faszinierender Machtpolitiker“) aus einer im neu-rechten Landt-Verlag erschienenen Putin-Biographie eines für den Propagandasender Russia today tätig gewesenen AfD-nahen Autors namens Thomas Fasbender filterte. Ähnlich der ‚neue Sarrazin‘ Fritz Söllner von der TU Ilmenau. Der dafürhielt, der „Ukraine-Krieg“ – nicht aber etwa Putin als Verantwortlicher für selbigen – liefere den Deutschen „ein neues Feindbild: das Russland Putins.“ (Söllner 2022: 186) Nietzsche war da, wie das Motto zeigt, etwas störrischer und nannte derlei Lobhudelei „sich blenden“ (II: 530)[2] lassen – übrigens aus Erfahrung sprechend: Nietzsches ‚großer Mann‘ lautete auf den Klarnamen Richard Wagner. Dem er 1879, als alles vorbei war, vorwarf, ihm zur Zeit seiner Anhängerschaft als Wagnerianer das Gehirn ausgeschnitten zu haben, auf dass er, wie ein Huhn ohne Kopf, noch eine Zeitlang Zeichen der Anbetung sende. (vgl. Niemeyer 2011: 76) Putinizer sind von derlei Einsicht noch weit entfernt, was womöglich auch mit Sozialisationsbedingungen Ostdeutscher zu tun hat. Oder, um Fritz Söllner nicht zu vergessen: denen in Bayern.

Ein hierzu passendes Zeichen gibt hier ein (fingiertes?) Ferienerlebnis aus der Steiermark 2016 (vgl. Niemeyer 2021: 700 f.), als mir Olaf, ein Fünfzehnjähriger aus Dresden, der vor zwei Tagen mit seiner alleinerziehenden Mutter eingetroffen war und den ich auf der Suche nach unseren Zwillingen plus Hund im Fernsehzimmer im Keller allein antraf. Ich wollte gerade gehen, aber Olaf wollte mir unbedingt noch einen soeben per Netflix gesehenen und erstmals 2016 auf BR gezeigten Witz des Dresdner Kabarettisten Uwe Steimle erzählen. „Nu‘!“, willigte ich, herzhaft sächselnd, ein, um nicht als humorloser Ossi-Gegner verdächtigt zu werden. Wissen müsse man vorab, so darauf Olaf, wichtigtuerisch, um Horst Seehofers damals ständig beschworene ‚Obergrenze‘. Wissen müsse man des Weiteren, dass Steimle einen Russen spiele, der plötzlich von sich gäbe (und Olaf machte dies wirklich gut, als er jetzt lautstark improvisierte):

Wir Russen sind das friedlichste Volk der Welt! […]. Amerikanski alle Rechte von dieser Welt sich genommen. Amerikanski gesagt, Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an: Mittelmeer! Hat die meisten Flüchtlinge aufgenommen. […]. Es lebe die russisch-bayerische Freundschaft. Mir san mir!

Um ehrlich zu sein: Ich war sprachlos und konnte nicht glauben, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk derlei gesendet haben sollte.

Kann es allerdings heute, sechs Jahre später, vielleicht besser verstehen, wenn ich mir das Versagen etwa des ZDF in Sachen der Aufklärung über Tino Chrupalla vor Augen führe, auf das wir gleich zu sprechen kommen werden. Oder wenn ich einbeziehe, was die bekannte Sportschau-Moderatorin Jessy Wellmer in ihrer zusammen mit Falko Korth erstellten Doku Die Story im Ersten: Russland, Putin und wir Ostdeutschen (2022) – für die sie am 25. Oktober 2022 bei Plasbergs Hart aber fair Reklame machen durfte – darbot.[3] Schon die Eingangsszene hatte es in sich: Gezeigt wurde die Moderatorin (Jg. 1979) zu Besuch bei ihren Eltern im heimatlichen Güstrow. Was man zu sehen bekam, ist ein DDR-gestähltes Lehrerehepaar um die siebzig. Die Mutter Lydia dereinst Russisch unterrichtend. Beide zusammen prächtige Putinizer. Und vom lieblichen Töchterlein, das permanent als ihre Rechtfertigung vorträgt, die ostdeutsche Bevölkerung fühle sich „ungehört“, interviewt. Mal etwas ganz Neues, wie mir schien – und denn auch gründlich schief ging. Denn was tat Wellmer? Sie eröffnete, als liebende Tochter verständlich, ihren selbstgefälligen Eltern jeden Rederaum. Und wagte noch nicht einmal zu fragen, ob ihnen der Name Gorbatschow noch etwas sage, dem Millionen DDR-Bürger kurz vor der Wende 1989 Zuflucht in ihren Herzen angeboten hatte und nach seinem Tod im August 2022 nochmals. Die Folgen waren entsprechend: Statt Gorbatschows als Befreier vom DDR-Stalinismus zu danken, gedachten die um 1989 offenbar im Tiefschlaf verfallenen Eltern letztlich Stalins. Mit dem Argument, sie seien schließlich russischfreundlich sozialisiert worden, hätten die UdSSR als Befreier vom Hitler-Faschismus wertschätzen gelernt – und könnten jetzt unmöglich so rasch umlernen und Putin wegen des Ukrainekriegs in Grund und Boden verdammen.

Erklärt eben dies letzten Endes auch Höckes Putin-Bild? Als eines unter vielen in der DDR entkernt um die Erinnerung an Gorbatschow – und dies, wo alle Welt ahnt, dass nur ein neuer Gorbatschow Russland und uns herauszuführen vermöchte aus dem aktuellen Elend aller? Oder wartet Höcke wohlmöglich auf einen ganzen anderen ‚Führer‘, mit einem Besetzungsplan für eben jenen schon im Gepäck?

1. Björn Höcke und seine Geraer Rede vom 3. Oktober 2022 im Spiegel [4]

Keineswegs bereits mit der zuletzt erwähnten Frage im Kopf, kaufte ich mir am 8. Oktober 2022 den Spiegel. Schuld war eine freundliche Mitarbeiterin vom Leserservice, die mich am Vortag um 15:44 hatte wissen lassen, dass in Nr. 41 mein Leserbrief zum Spiegel-Gespräch mit Michael Bully Herbig aus Nr. 39[5] nun doch dort erscheinen werde. Bei der Lektüre desselben langweilte ich mich ein wenig, ehe mir Sammy, unser rabenschwarzer Labrador-Schäferhund-Mix, zu verstehen gab, das gehe ihm auch immer so mit meinen Texten. Wütend auf das Tier an und für sich blätterte ich nach vorn und entdeckte eine Titelstory zu Björn Höcke von Ann-Kathrin Müller. Gerahmt von einem ganzseitigen Farbfoto einer glücksstrahlenden, recht gut im Futter stehenden Anhängerin beim Selfie mit einem vergleichsweise freundlich lächelnden Björn Höcke – und im Hintergrund zahllose Protestierende aus Erfurt, unter ihnen herausragend ein Mann mit Schlapphut, seinerseits lächelnd das Selfie-Duo fotografierend.

Entlarvt man so einen Demagogen? Wohl eher nicht, zumal bei diesem Auftakt über die helle Seite Höckes dessen dunkle fast unterging: Mit, so Müller (2022: 33), „wir sind die Ersten von morgen“ begrüßte Höcke 8.000 Anhänger in Gera zu seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2022, um im weiteren Verlauf auffällig häufig die Wendung „Unser Kampf“ zu verwenden, als mache er sich gemein mit Hitlers Mein Kampf, so meine Deutung. Müller ließ diesen Aspekt unbeachtet, kommentierte aber korrekt zum Erstgenannten, das sei geklaut vom Hitler-Stellvertreter und Kriegsverbrecher Rudolf Heß, eine Neonazi-Ikone. (vgl. Eberle / Uhl 2005: 568; Klee 2003: 249) Dieses Stichwort erlaubt die Ableitung, Höcke sei kaum mehr als ein Neo-Nazi, eben als Verehrer eine Neonazi-Ikone. Müller spricht diesen Punkt beiläufig an, per name dropping („Thorsten Heise“) und erzählt dazu, nun als Beifahrerin in Höckes Dienstwagen sitzend, folgende Episode:

Im Wald nahe dem Thüringer Landtag gabelt sich der Weg, Höcke will den linken Pfad nehmen. ‚Rechts wär besser‘, sagt eine der LKA-Beamten von hinten. Höcke dreht sich um, grinst: ‚Rechts ist immer besser‘. Der LKAler lächelt und antwortet: ‚Deswegen sag ich es ja. (Müller 2022: 34)

Entlarvt man so Höcke? Nein, so enttarnt man das Landeskriminalamt Thüringen als, wie es früher, zu Zeiten der RAF, so schön hieß, „Sympathisantensumpf“ der AfD (den es endlich, Jahre nach dem NSU, trockenzulegen gilt).

Im Übrigen: In welchem Werkstattbrief für Journalist*innen steht eigentlich geschrieben, dass man mit Politiker*innen zum Interview in den Wald fahren muss? Ich jedenfalls würde dringend davon abraten angesichts der vagen Ahnung darum, was ich damit bezweckte und dann täte. Der Zweck ist, den anderen abzulenken und Themen selber zu setzen, etwa nach dem Loriot/Valentin-Muster: „Ja, wo laufen sie denn hin!“ Dies ist immer noch besser als dem Interviewer, auch noch im Studio, die Chance zu geben auf (Suggestiv-) Fragen wie:

Herr Höcke, wo laufen Sie eigentlich hin mit Ihrer Partei? Doch wohl nicht in die Arme Hitlers?

Und tun würde ich als Höcke im Wald wenig – so wenig, dass der Interviewerin am Ende, nachdem ich, als Höcke, sie, nach Art eines bösen Wolfs, vollgestopft hätte mit allen möglichen Kreidestücken, wie etwa: ich würde heute nicht mehr sagen, dass das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“ ist, auch nicht, dass es ein großes Problem sei, „dass man Hitler als das absolut böse darstellt“, nichts weiter einfällt als der Satz:

„Trotzdem erfüllt Höcke alle Kriterien, die Rechtsextremisten nach den gängigen Definitionen ausmachen.“ (Müller 2022: 34)

Mit Verlaub: Dies ist die Sprache eines Buchhalters, kann aber unmöglich O-Ton einer lebendigen Journalistin sein, die sich von Höcke „hinter die Fichte führen“ ließ. Und noch nicht einmal auf dem Schirm hatte, dass Höcke auf ganz ähnliche Weise 2017 schon Melanie Amann & Markus Feldenkirchen hatte auflaufen lassen. Denen er, wenn es hart auf hart kam, versprach, seine „Wortwahl“ zu überprüfen – ein Versprechen noch nicht einmal so hart wie ein Vogelschiss.

Zurück also in die Zukunft, zu Ann-Katrin Müller. Die über das Desaster ihrer über Monate hinweg vorbereiteten Reportage durchaus offen berichtet. Müller:

„Im Wald spricht Höcke über die Zukunft der Partei, will danach aber davon aber nichts zitiert wissen, wie sein Büroleiter schreibt. Schließlich habe es sich um ein Hintergrundgespräch gehandelt. Dabei ist es üblich, im Anschluss Zitate aus solchen freizugeben.“ (Müller 2022: 34)

Der letzte Satz klingt ein wenig nach Kinderart („Manno!“) und ruft in mit sofort den Helfer wach. Also war ich versucht, Ann-Kathrin Müller wissen zu lassen: Was Not tut, ist eine ausgeprägte Lesefähigkeit plus hermeneutischer Kompetenz. Sowie ein erneutes Nachdenken über die Geraer Rede, diesmal aber aus Expertensicht. Anlass dafür fand sich einige Wochen später, bei Markus Lanz.

2. „Hitler würde AfD wählen!“ Höckes Geraer Rede bei Markus Lanz (ZDF), der schlecht vorbereitet ist [6]

Internet-Journalismus ist maximal ein Hilfswort, weiß doch inzwischen ein jeder, dass sich beim Googeln Abgründe auftun können voller neu-rechten Mülls. Also heißt es säuberlich zu trennen zwischen jenen, die den Vorwurf „Lügenpresse“ gegen Printmedien allgemein nur als Vorwand lancieren, um in dessen Schatten in schnell geschaffenen „alternativen Medien“ umso ungehemmter lügen zu können, namens eines „Journalismus von unten“ mit ausgeprägter AfD-Nähe. Die Anderen, um die es uns im Folgenden geht, dürfen nicht über diesen Leisten geschlagen werden, sind vielmehr Ergebnis einer allmählich sich formierenden Gegenrede gegen beides: den angeblichen Qualitätsjournalismus im Printbereich, aber auch in öffentlich-rechtlichen wie privaten Sendern, der oftmals nur auf dem Papier steht, aber häufig verfehlt wird. Die im letzten Abschnitt diskutierte Spiegel-Story von Ann-Katrin Müller darf hier als Fanal gelten. Wobei uns im Folgenden nur ihr Anfangsteil interessieren soll, also der sich nach dessen Lektüre unweigerlich einstellende Eindruck, dass die Stärken dieser Autorin jedenfalls nicht im Bereich der Nacherzählung oder Inhaltsangabe liegen: Man weiß am Ende der Lektüre, dass die Wolkendecke aufbrach, kurz bevor Höcke die Bühne betritt und infolgedessen die Abendsonne „den Platz in orangenes Licht [taucht], während er spricht“ (Müller 2022: 33) – nicht aber, was er eigentlich gesagt hat. Abgesehen von einigen Brocken, etwa dem bereits zu Anfang des letzten Abschnitts erwähnten Einstieg über Rudolf Heß. Einverstanden: Nicht alles kann dem Reporter vor Ort sogleich klar sein; mitunter bedarf es einer gehörigen Nachrecherche – für die wir allerdings keinerlei Indiz fanden in Folgeheften des Spiegel. Deswegen hier, im Schnelldurchgang, dasjenige, was sich im benannten guten Teil des Internet finden lässt zu Höckes Geraer Rede.

Allererst wichtig scheint mir der Hinweis, dass es im Vorfeld dieser Rede zu schwerem Knatsch in der Partei kam, ebenso im Nachgang derselben, beide Fälle symptomatisch und letztlich den Sieg der Höcke-Linie und eine weitere Radikalisierung der AfD anzeigend. Agierende in beiden Fällen: Joana Cotar (AfD-MdB). Im September 2022, vor der Höcke-Rede in Gera, forderte sie ein „hartes Durchgreifen vom Bundesvorstand“ wegen der bekannt gewordenen Russland-Reisepläne mitsamt Besuch der Kriegsschauplätze in der Ostukraine der AfD-Landtagsabgeordneten Christian Blex, Thomas Tillschneider und Daniel Wald. Der Vorstand gab sich überrascht. Tino Chrupalla erklärte: „Wir unterstützen diese Reise nicht.“ Und Alice Weidel sprach von einer „Privatreise“, die nicht abgesprochen sei und die „nicht die Position der AfD“[7] vertrete. Derweil saß wohl – dazu gehört wenig Fantasie – der „wahre Parteichef“ (Ann-Kathrin Müller) Björn Höcke an seinem Schreibtisch in Bornhagen und bastelte an den prorussischen Partien seiner Geraer Rede, mal mit Blex, mal mit Tillschneider, mal mit Wald telefonierend – eine Rede schließlich, deretwegen Joana Cotar am 21. November die AfD unter Hinweis auf Höckes „Anbiederung an die diktatorischen Regime in Russland, China und jetzt auch den Iran“ verließ. Und Alice Weidel sowie Tino Chrupalla? Nun, Letzterer durfte, wie wir gleich zeigen werden, bei und dank Marcus Lanz, einen unvergesslichen Auftritt hinlegen in der Rolle eines bauernschlauen Malermeisters aus dem Osten, der selbst den Schönsten aller Südtiroler auf die Bretter der Darbietung seiner Schmierenkomödie legt, als handele es sich um einen verirrten Federgewichtler.

Klingt vielleicht, als Ausblick auf Kommendes, etwas überlustig, deswegen zurück zur bitteren Wahrheit: Was Höcke in Gera unter der sicherheitshalber verborgenen Headline „Hitler würde AfD wählen“ veranstaltete, war nichts weniger als ein Putsch gegen die eigene Partei, indem er ihr eine Agenda verordnete jenseits des aktuell geltenden Parteiprogramms. Dies zeigt vor allem jener Part der Rede, über den Ann-Kathrin Müller im Spiegel nicht ein Wort verlor: Putin habe „nach langem Zögern auf die Offensive einer fremden Macht reagiert“, hatte Höcke am Tag der Deutschen Einheit 2022 getönt, mit der „raumfremden Macht“ die USA meinend und fordernd, Deutschland müsse sich „auf die Seite des ‚Ostens‘, also Russlands, stellen.“[8] Dass Höcke „Osten“ sagte statt Putin, erklärt sich trivial: Er hatte bereits die Zeit nach Putin auf dem Schirm – verschwendete allerdings, und dies ist der entscheidende Fehler dieses von den meisten hoffnungslos überschätzten Geschichtslehrers aus Lünen, nicht einen einzigen Gedanken auf die Zeit nach Höcke. Obgleich diese selbst doch von Durchschnittsintelligenten im Sog von Putins Untergang so sicher erwartet werden darf wie das Amen in der Kirche. Oder glaubt irgendjemand in Thüringen, Sachsen & Co., auch nur ein einziger Wähler würde diesem aus dem Westen stammenden und jetzt im Osten wohnenden Rattenfänger mit wohlmöglich familienbiographisch erklärbarem Ostdrang[9] über Moskau und Teheran bis nach Peking folgen? Jetzt abgesehen von hoffnungslosen Fällen wie den genannten (Blex, Tillschneider, Wald)? Bei dann unvermeidlichem Austritt aus der NATO und auf der Suche nach Schutz vor dem ehemaligen Verbündeten, einer so „raumfremden Macht“ wie der USA? Und dies mit einem Paten wie Russland an der Seite, ein Land, das nach dem Ukrainekrieg und ob nun mit oder ohne Putin am Boden liegen wird und wegen eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges sowie zahlloser weiterer Kriegsverbrechen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sein Versailles erleben dürfte: führungslos, desillusioniert, verbittert, wütend, auch entsetzt ob des Angerichteten sowie schwer leidend unter Reparationskosten aller Art? Ein Punkt, der das Nicht-zu-Ende-Gedachte jener Höcke-Rede offenbart. Die im Internet sogleich als „faschistische Programmrede“[10] eingeordnet wurde, mittels derer Höcke seine Anhänger einzuschwören suche auf ein neues Bündnis Deutschlands mit Russland zwecks Abweisung der imperialen Gelüste der USA. Eine Denkfigur, die keineswegs neu ist für Höcke, insofern er schon in seinem 2018 publizierten Gespräch mit Sebastian Hennig das auf Carl Schmitt zurückgehende und schon von seinem Kumpel Thorsten Hinz (32011: 112 f.) gelobte „Interventionsverbot raumfremder Mächte“ für „hochaktuell“ (Höcke / Hennig 2018: 283) erklärte.

Maßgeblich ist dabei Schmitts Schrift Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte (1939), mit welcher der Autor seinerzeit „den Vorherrschaftsanspruch des nationalsozialistische Deutschland über Europa legitimieren wollte“[11] Der Trick dabei: Schmitt kopierte einfach die auf den US-Präsidenten James Monroe (1758-1825) zurückgehende Monroelehre von 1823, „die erste Erklärung in der Geschichte des modernen Völkerrechts […], die von einem Großraum spricht und für ihn den Grundsatz der Nichtintervention raumfremder Mächte aufstellt“ (Schmitt 21941: 28) – eine Bemerkung, die, vorgetragen im Frühjahr 1939, das ihr anhaftende Lauernde nicht in Abrede stellen kann im Blick auf die Kriegsvorbereitungen Hitlers. Für diese Belange wichtig: Das von Schmitt herausgearbeitete Prinzip der Nichteinmischung der USA in Europa bei gleichzeitigem Verzicht auf Kolonialisierung von Europa ausgehend. Schmitts Variante:

Der europäische Kontinent gehöre dem Deutschen Reich als Erbe des antiken und mittelalterlichen römischen Imperiums, die Meere den Engländern und Amerikanern. (Hausmann 2008: 340)

Eine Doktrin also, die als Gegendoktrin zum „monarchistisch-dynastischen Legitimitätsprinzips“ und die ihm innewohnende Gefahr von „Interventionen in die revolutionären Staatsgründungen in Lateinamerika“ (Schmitt 21941: 29) galt und des Weiteren geeignet schien, den Kriegseintritt der USA (nach Pearl Harbor) zu verhindern. Im Übrigen wollten die Nazis diese Lehre im Fall des Endsiegs über die ganze Welt ausdehnen, unter Einbringen der Ergebnisse des Krieges. So Ralph Giordano in seinem Aufsehen erregenden Buch Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte (2000), unter der Headline Großraumwirtschaft – unter deutscher Führung (vgl. Giordano 2000a: 226 ff.; zum Thema auch Hildebrand 1969; Thies 1986; auch, in literarischer Darstellung: Basil 1966; Harris 1992). War hier also, im verträumten thüringischen Bornhagen, Hitler II herangewachsen? In den, was diese spezifische Schmitt-Deutung angeht, in den für ihn wohl etwas großen Fußstapfen des Alain de Benoist (insbesondere Benoist 2007: 84 ff.) laufend (von dem inzwischen übrigens in Frage steht, ob er, in jungen Jahren Rechtsterrorist, noch als Neu-Rechter will gelten können oder nicht die Attitüde des Öko-Sozialisten bevorzugt)?

Eines jedenfalls darf als gewiss gelten: Es geht um eine Idee von NS-Uralt-Adel, wie Matthäus Wehowski vom Hannah-Arendt-Institut der TU Dresden am 4. Oktober 2022, also vier Tage vor Erscheinen der hier in Rede Spiegel-Story von Ann-Kathrin Müller, auf Twitter anmerkte, unter Vorlage einer Reihe faksimilierter Zeitungsartikel und unter Verweis auf den Hitler-Stalin-Pakt. In dessen Sog Ende August 1939 zum Entsetzen der „Moskauer“ unter den in die UdSSR vor Hitler geflüchteten deutschen Kommunisten (etwa Walter Ulbricht) (vgl. Petersen 2019) Parolen Geltung erlangten des Inhalts:

„Deutschland und Russland ist es immer gut gegangen, wenn sie Freunde waren, aber immer schlecht, wenn sie Feinde waren.“ (zit. n. Hillgruber 1980: 9)

So ähnlich nun auch Höcke 2022 zu indes nicht wirklich für derlei Abenteuertum gut geeigneter Zeit, nämlich im Sog von Putins Untergang – der 2018 noch nicht absehbar war –, seine damaligen Bedenken gegen dieses Konzept hintanstellend, also nicht mehr betonend, dass es befreit werden müsse

vom NS-Imperialismus, der eine Mißachtung des Selbstbestimmungsrechts der Völker war und anstelle der nationalen Identitäten das Prinzip der Rasse favorisierte. (Höcke / Hennig 2018: 283)

Wie nennt man jemanden, der diese Bedenken nicht mehr erhebt, aber nach wie vor festhält am schon 2018 geforderten „Migrationsverbot raumfremder Bevölkerungen“ (ebd.)? Richtig, man nennt ihn, wie eben schon angedeutet, Hitler II. Damit gilt es, namens der ansonsten viel und durchaus zurecht gescholtenen wokeness, Höcke die Maske vom Gesicht zu reißen: Er ist, Stand 2022, ein Nazi, nichts außerdem.

Womit wir nun langsam auf Markus Lanz zu sprechen kommen können – nun, nachdem gleichsam in Erweiterung der Spiegel-Story vom 8.10.2022 und unter Beiziehung weiterer Erläuterungen zu Höckes Geraer Rede klar sein dürfte, was ein wohlvorbereiteter Moderator alles gelesen und auf dem Schirm hätte haben müssen, um es, am 29.11.2022, riskieren zu können, Tino Chrupalla in seine Sendung einzuladen. Das Ergebnis haben wir bereits vorweggenommen: Nichts hat Lanz offenbar gelesen – abgesehen von jener Passage aus Höckes Geraer Rede, in welcher von der „raumfremden“ Macht die Rede ist. Genau nach dieser Passage fragte er etwa in Minute 20 – und bekam von Chrupalla, wortwörtlich, zur Antwort:

Das kann ich nicht beantworten. Das müssen Sie Herrn Höcke fragen, was er damit gemeint hat. Ich weiß ja nicht, aus welchem Kontext er das gerissen, aus welcher Rede er das gerissen hat. Das kann ich nicht beantworten. Das weiß ich nicht.

Unfassbar: Der bauernschlaue Malermeister aus Görlitz gibt hier mit Unschuldsmiene vor, er wisse nicht um Höckes Geraer Rede, obgleich ihm als Parteivorsitzenden dieselbe natürlich nicht unbekannt sein kann! Zumal von ihrer Vor- wie Nachgeschichte her, also von der Reise des Trios Blex / Tillschneider / Wald beginnend bis zum gerade einmal acht Tage zurückliegenden Austritts von Joana Cotar wg. eben dieser Rede, die in jenen Reiseplänen präludiert wurde? Und einer der wichtigsten Talkmaster der Republik inklusive seines Teams – gefordert wären Eva Quadbeck sowie Gerald Knaus – setzt nicht etwa den Blattschuss an, indem Chrupalla, mit diesem Vorwissen im Hinterkopf, als Lügner angesprochen wird, dem das Spiel von den drei Affen nicht davor bewahren wird, hier und jetzt vor einem Millionenpublikum sich zum beschämenden Zustand seiner Partei zu bekennen. Die durch Höckes „faschistische Programmrede“ in Gera letztlich der Lächerlichkeit preisgegeben wurde. Ersatzweise fragt Lanz im späteren Verlauf der Sendung, recht unmotiviert, nach einem anderen Russland- und Syrienfreund in der AfD, verschenkt also die Blex / Tillschneider / Wald-Fährte, in deren Line er Chrupalla hätte stellen können. Und, gravierender: Allzu nachgiebig lässt Lanz einem naseweißen Zwischenrufer (Gerald Knaus) zum Thema „raumfremde Macht“ („Das sind die USA!“) sein Unwissen in Sachen Helmut Kellershohn & Co. durchgehen. Was dem erneut bauernschlau reagierenden Chrupalla sein Lieblingsspiel anzustimmen erlaubt: „Natürlich sind die USA Kriegspartei!“ Und, so sein Zusatz: „Wir werden es bald durch unsere Waffenlieferungen gleichfalls sein!“

In Übersetzung geredet: Mit öffentlich-rechtlicher Zustimmung schafft es der „unwahre Parteichef“, das Publikum vom grauenerregenden Bellizismus des „wahren Parteichefs“ abzulenken und seine Lieblingsplatte zu spielen: Wir von der AfD, liebe Leute am Bildschirm, sind, da wir uns mit Waffenlieferungen zurückhalten und Putin mit einem gewissen Verständnis entgegenkommen, die eigentliche ‚Friedenspartei‘ als Ausgleich für die dank Anton Hofreiter in dieser Funktion abhanden gekommenen Grünen. So also läuft das Spiel langsam aus, auch, weil der Moderator alles Mögliche andere im Kopf hat, die Ukrainegeschäfte von Joe Bidens Sohn etwa, ohne allerdings wirklich präzise zu sein, und gar nicht merkt, dass er damit Wasser auf die Mühle Chrupallas leitet, weil unpräzises Gerede sein Spezialgebiet ist. Womit nun auch klar wird, warum er zuvor so dumm sich stellte in Sachen von Höckes Plänen und so energisch aufbegehrte gegen das Etikett „Kriegsverbrecher“ (für Putin): Er, Chrupalla, will dieses Etikett offenbar in Vorrat halten für Deutschland, das einfach so Russland mit einem „Wirtschaftskrieg“ überzogen habe. Und er will vermeiden, dass der, nach Höcke, neue Bündnispartner Russland nicht durch Reparationsforderungen geschwächt wird. Dabei still hoffend, dass Höcke nicht durchkomme mit seiner Idee, über die er, Chrupalla, bei Markus Lanz schweigt wie ein Grab, vermutlich hoffend, dass Höcke und Putin bald in selbigem verschwänden und er am Ende, nach Außerkraftsetzung auch noch der von zahlreichen Wähler*innen als zu kalt empfundenen Intelligenzbestie Alice Weidel, als Imperator der Friedenspartei AfD triumphieren könne. 

3. „Sollten wir schon einmal üben, ‚Heil Hitler‘ zu sagen?“ Höckes Geraer Rede von 2022, gemessen am neu-rechten Schlüsseltext Nie wieder in denselben Fluss (2018)[12]

„Sollten wir schon einmal üben, ‚Heil Hitler‘ zu sagen?“, fragte Frank Böckelmann 2018 extrem ironisch in seinem Vorwort zu diesem hier in Rede stehenden Schlüsseltext, auch:

Müssen wir jetzt Asyl in Neuseeland oder Südafrika beantragen? (Böckelmann 2018: 9)

„Natürlich, beides, nein!“, lautete die Antwort, zu Björn Höckes diabolischer Freude ob dieses seines allerneusten ‚nützlichen Idioten‘. Dabei gab es für Böckelmanns Unbedenklichkeitserklärung keinerlei Rechtsgrund, hätte – so die These des Folgenden – ohne weiteres auch der Satz „Hitler würde AfD wählen!“ als Imperativ anstelle der von Böckelmann bevorzugten Spott-Frage stehen können, mit welcher er dem Spießer einen ordentlichen Schrecken einjagen wollte, um ihn dann Unterschlupf zu gewähren in seiner Herde – ein altes Spiel der 68er, insofern deren gemeinsames Merkmal der Generationenkonflikt ist. Insofern ist die Sache an sich ganz harmlos – wenngleich streng Urteilende folgern könnten, Böckelmann, als junger Mann in München zusammen mit Dieter Kunzelmann mit subversiven Aktionen auffällig geworden und dann sukzessiv, wie jener, sich in einen Rechten verwandelnd, habe mit seinem Vorwort allen Regeln des Texthermeneutischen Hohn gesprochen und seiner Sache, vorgeblich der Avantgarde, schweren Schaden zugefügt, im weiteren Sinne auch der Postmoderne, insofern diese beiden schöner klingenden Worte nun im Verdacht stehen, eine eklatante Lese- und Interpretationsschwäche zu kaschieren, sei diese nun schulisch oder anti-schulisch bedingt. Oder bedingt dadurch – diesen Verdacht setzt Matthias Danyelis (2022) Interpretationsversuch zu jenem 2018er Schlüsseltext frei –, dass man sich auf der Suche nach Interpretationsverfahren im Methodendschungel verläuft.

Dritte Möglichkeit, passend m.E. auf den Fall von Höckes 2018er Gesprächspartner Sebastian Hennig, einem aus Leipzig stammenden Maler und Publizisten der Neuen Rechten: naive Gesprächsführung, was sich besonders deutlich in einem Gesprächsabschnitt zeigt, den man sich mittels der Vorstellung, man befände sich in irgendeinem Beratungsraum gleich neben der Couch, etwas unterhaltsamer ausgestalten kann. Höcke nämlich erzählt plötzlich, durch den Fragesteller nicht wirklich dazu animiert und insoweit, wie ein Psychologe anmerken würde, situationsunangemessen, positiv reformuliert: demonstrativ, als erwarte er Hilfe:

Wenn alle Stricke reißen, ziehen wir uns wie die tapfer-fröhlichen Gallier in unsere ländlichen Refugien zurück und die neuen Römer, die in den verwahrlosten Städten residieren, können sich an den teutonischen Asterixen und Obelixen die Zähne ausbeißen! Wir Deutschen – zumindest die, die es noch sein wollen – sind dann zwar nur ein Volksstamm unter anderen. Die Re-Tribalisierung im Zuge des multikulturellen Umbaus wird aber so zu einer Auffangstellung und neuen Keimzelle des Volkes werden. Und eines Tages kann diese Auffangstellung eine Ausfallstellung werden, von der eine Rückeroberung ihren Ausgang nimmt.

Viele Fragen drängen sich hier zumal dem Sozialpädagogen auf, etwa: „Wer spricht hier eigentlich?“ Besser vielleicht; „Was spricht hier? Ein Kind? Das Es? Der Suff? Oder, man beachte den erstaunlichen Übergang von ‚Auffangstellung‘ zu ‚Ausfallstellung‘, ein Wiedergänger des ‚Rembrandtdeutschen‘ Julius Langbehn (1851-1907), dem man, gerade von Assoziationen wie diesen ausgehend, eine Schizophrenie bescheinigte. Vor allem aber irritiert die Asterix-Fährte, also Höckes abstruse Anrufung des Vorbilds der „tapfer-fröhlichen Gallier“ in ihren „ländlichen Refugien“ – eine Stelle, die selbst Hennig irritiert:

Sie monierten vorhin die Infantilisierung der Politik, um nun Ihrerseits Comicstrips für politisch-strategische Überlegungen zu zitieren!

Kaum weniger auffällig: Höckes Antwort:

Warum nicht? […] Und gleich noch eine schlechte Nachricht für unsere künftigen ‚Römer‘, die diesen edlen Titel eigentlich nicht verdient haben: Wie Asterix haben auch wir einen Zaubertrank. (Höcke / Hennig 2018: 253)

„Und eine Wunderwaffe vom Typ V 2?, möchte man am liebsten noch nachtragen“ – um im gleichen Moment mit Betroffenheit zu erkennen, dass sich Höcke zusehends wohliger einrichtet in der Vision, er sei Kanzler und wisse, dass auf seiner Agenda ein „Remigrationsprojekt“ stünde. Bei welchem er wohl nicht „um eine Politik der ‚wohltemperierten Grausamkeit‘, wie es Peter Sloterdijk genannt habe, herumkommen werde, kurz: sich, so Höcke in jenem Band, „menschliche Härten und unschöne Szenen nicht immer vermeiden lassen werden.“ Er strebe an, dabei „so human wie irgend möglich, aber auch so konsequent wie nötig vor[zu]gehen.“ (ebd.: 254) Im Übrigen sei er sich sicher, „daß – egal wie schlimm die Verhältnisse sich auch entwickeln mögen – am Ende noch genug Angehörige unseres Volkes vorhanden sein werden, mit denen wir ein neues Kapitel unserer Geschichte aufschlagen können.“ Dem folgte, nahtlos:

Auch wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung zu widersetzen. (ebd.: 257)

Hennig sagt zu diesen Sätzen nichts; merkt nur, zu Höckes das Ganze abschließender Bemerkung, es gäbe „Hoffnung auf eine Erneuerung“, müde an: „Ohne eine solche, meinen Sie, geht es keinesfalls weiter?“ – und unterlässt die einzig sinnvolle Anmerkung, dass so wie Höcke Nazis gesprochen hätten. Etwa Horst Frank 1941 im Schulungsbrief der NSDAP zum Thema „straffe deutsche Führung im Generalgouvernement“; so dass des Sohnes Niklas Franks Bemerkung, Höcke sei im Gegensatz zu seinem Vater kein Verbrecher, gehe aber, „wenn auch nur ansatzweise, in die gleiche Richtung“ (Frank 2020: 107), naheliegt und hier beantwortet wird mit dem Hinweis: weil er, Höcke, der nämlichen Agenda folgt, und zwar nicht erst 2022, sondern schon 2018, im hier in Rede stehenden Gesprächsband.

Entscheidend für diese Ableitung: Jener späte Teil des 2018er Gesprächs, den Hennig mittels seiner Bemerkung zu moderieren suchte:

Das geht in Richtung einer neuen Großraumordnung, wie sie von Carl Schmitt Ende der 1930er Jahre entwickeln wollte. (Höcke / Henning 2018: 281)

In der Tat: Höcke argumentiert in diesem Gesprächsabschnitt in der Logik dieser Großraumordnung und erklärt das auf Carl Schmitt zurückgehende „Interventionsverbot raumfremder Mächte“ für „hochaktuell“, dies zumal im Blick auf die zeitgemäße Ergänzung um ein „Migrationsverbot raumfremder Bevölkerungen.“ (ebd.: 283).

Zu beachten ist dabei zusätzlich zu dem oben Vermerkten im Blick auf die Geraer Rede von 2022, dass die Denkfigur Schmitts auch ihre tragischen Helden vorweisen kann, etwa Herbert Backe (1896-1947) (vgl. Gerhard 2015), ab 1. April 1944 Reichsernährungsminister (Wistrich 1983: 17; Eberle/Uhl 2005: 523) und als solcher verantwortlich für das Aushungern Leningrads als Rest einer Kriegsplanung, die darauf ging, dass „ein siegreiches deutsches Kolonialregime die unterworfenen Slawen durch Aushungern loswerden“ (Snyder 2015: 213) will – Zusammenhänge, die neu-rechte Historiker wie Stefan Scheil mit der zynischen Geste vom Tisch zu wischen suchten, die Russen sei am Hungertod in Leningrad selber schuld (vgl Niemeyer 2021: 624 f.). Backes (jämmerlicher) Tod entsprach diesem Leben: Getröstet dadurch, „im Testament des Führers […] Bestätigung als Minister erlebt zu haben“ (zit. n. Lehmann 21999: 210) – so sein eigenes Testament vom 31. Januar 1946 –, erhängte er sich im April 1947 im Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis aus Angst vor einer Auslieferung an die Sowjetunion, die Putin fraglos gesondert forciert hätte angesichts des Umstandes, dass seine Familie unter Backes Hungerplänen besonders zu leiden hatte. Dass Höcke mit Putin schon 2018 vergleichsweise sanft verfuhr und Deutschland anlastete, durch den Wirtschaftsboykott viele gewachsene und fruchtbare Beziehungen wohl für immer „auf dem Altar der westlichen Bündnistreue“ geopfert zu haben (vgl. Höcke/ Hennig 2018: 277), deutet indes schon an, was 2022 in Gera offen angesprochen werden wird: nämlich dass diese Bündnistreue, ging es nach Höckes AfD (also in der AfD nur nach Höcke), bald ein Ende fände.

Damit können wir unsere Beweisführung beenden mit dem Befund, dass alle Ingredenzien von Höckes „faschistischer“ Geraer Rede vom 3. Oktober 2022 schon in diesem Gesprächsband von 2018 enthalten sind, mit zwei Ausnahmen: Putin war damals noch obenauf, die Gefahr, im Sog seines Untergangs Schaden zu nehmen, wie für die AfD im Jahr 2023 mit Sicherheit zu erwarten, bestand noch nicht. Sowie: 2023 ist sie fast gelungen, die von Chrupalla / Weidel veranlasste Umschaffung zu einer Friedenspartei im Sog von Frauke Petrys prächtigem Ratschlag:

Wir brauchen die Ängstlichen […], um Mehrheiten zu bewegen. Die Ängstlichen sind nicht unsere Gegner, sondern unsere Verbündeten. (zit. n. Schreiber 2018: 86 f.)

Ein kluger Ratschlag, dem eigentlich auch die Lektion eingelegt ist: Wenn man es übertreibt mit dem Ängstigen, wie bei Höcke 2018 angelegt und in Gera im Oktober 2022 gleichfalls, suchen sich die AfD-nahen Wähler andere Wächter, die unser ‚greises Volk‘ schützen können vor dem „nordafrikanischen Ausbreitungstyp“ (O-Ton Höcke) vom Typ „jung, männlich, aggressiv und geil“ (Jürgen Elsässer am 6. Oktober 2016, zit. n. Lang 2017/18: 11). Und es zugleich bewahren, in den absehbaren Konkurs Russlands hineingezogen zu werden. Und hier, so scheint mir, hat die AfD dank Höcke ganz schlechte Karten, wie spätestens durch Tino Chrupallas Auftritt bei Markus Lanz Ende November 2022 deutlich wurde.

4. Höckes Rede vom 5. November 2022 in Pfiffelbach und seine sich dort offenbarenden Verehrung für Ulrike Guérot von Nietzsches Uni Bonn…

… bei der sich allerdings die Frage stellt: Ist sie Höckes rettender Engel vor der Hölle? Wird er ihretwegen seinen Flügel hängen lassen? So, um der gegen Ende dieses Abschnitts noch einmal aufgerufenen Wahrheit die Ehre zu geben, die vollständige Überschrift dieses Abschnitts. Zwecks deren Beantwortung ich mir schon vor Jahren ein Schema zurechtgelegt habe, einen, wenn Sie so wollen, Glossenbestand. Den ich wegen des von Nietzsche an die Wand gemalten Gespenstes der ewigen Wiederkehr des Gleichen, bei Bedarf aktualisieren kann. Wie etwa diese Glosse vom Februar 2011[13] zeigen möge. In welcher der entscheidende Passus lautet, die Universität Bayreuth sei schuld am Plagiat des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, weil sie damals noch warb mit dem Nietzsche-Zitat „Irgendwann sitzen wir einmal alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht mehr, wie man es anderswo aushalten konnte“ – und deren Kanzler (ich meine jetzt den der Uni) sich schlicht daran störte, dass die Kanzlerin (ich meine jetzt die der Bundesrepublik Deutschland) nicht Nietzsches, sondern Wagners wegen nach Bayreuth kam. Also hat man den damaligen Angela-Merkel-Konkurrenten Guttenberg gefragt, ob er nicht eine Doktorarbeit voller Plagiate verfassen könne, die Wagner beschädigten und Merkel ärgerten etc. pp., kurz: die Sache muss dann irgendwann aus dem Ruder gelaufen sein. Ist aber womöglich noch heiß, die Sache. Sollte es nämlich gelingen, Björn Höcke einen Professor oder eine Professorin von der ehrbaren Universität Bonn an die Seite zu stellen, an welcher der von ihm als sein „Geschichtslehrer“ ausgewiesene Nietzsche in seiner Zeit als Student eigentlich happy geworden wäre, glücklicher jedenfalls als in Leipzig, wo er unter seiner aus Bonn eingeschleppten Syphilis zu leiden begann, könnte die Sache spannend werden. Ich gebe zu: So zu reden, könnte meinen sächsischen Freund und Tenniskameraden „kandreas“ nervös machen. Als gehe es mir um Ost-Bashing. Deswegen, nochmals: Eingefangen hat sich Nietzsche, dem Geständnis seines besten Freundes (Paul Deussen) zufolge, die Syphilis wohl in Bonn (vgl. Niemeyer 2020: 58 ff.).

Wer mich kennt, ahnt jetzt vielleicht, wie die Sache weitergeht. Nein, nicht mit Syphilis heute, auch nicht mit der Plagiatorin Franziska Giffey (SPD), die aktuell in Berlin zur Wiederwahl ansteht. Nichts liegt mir ferner, als mich in meiner Eigenschaft als, Nietzsche-bedingt, überparteilicher Vater zweier erstmals wahlberechtigter Kinder in die politische Bildungsarbeit unserer (sehr guten) Berliner (und Glienicker!) Schulen einzumischen. Außerdem: Was hat Giffey schon mit Bonn oder gar Nietzsche zu tun? Ganz anders als die in der Überschrift genannte Bonner Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot. Die zwar sehr charmant scheint und sehr lebhaft ist, voller Geist sprühend; aber gleichfalls nicht wirklich zu Nietzsche passt. So wenig wie weiland Lou von Salomé. Immerhin aber, um in dieser weniger Geistes- denn Geistergeschichte mal etwas Positives zu sagen: immerhin steht Guérot als Plagiatorin unter Verdacht und, auch nicht zu verachten auf der nach oben offenen Geister*innen-Skala: Sie wird offenbar von Höcke gemocht. Hat aber eine solche Geschichte das Zeug, Höcke final zu zerstören? Oder ihn in letzter Minute zu retten, wie der in den Text hineingeholte Untertitel andeuten soll? Mit dem Ergebnis, dass Höcke am Ende seinen Flügel hängen lässt? Oder neben ihr, als eines gefallenen Engels, zu sitzen kommt? Und, nicht zu vergessen: Was hat das Ganze mit Nietzsches Bonn zu tun, im Vergleich zur Bayreuth-Mär unseres Freiherren aus Franken? Ein irrer Plot? Ich bin da nicht ganz sicher. Also folgen Sie mir bitte in meinen Ideendschungel, wahlweise: in meine Geisterbahn; ich nehme Sie zur Not auch an die Hand.

Was mich umtreibt, und zwar dies nun schon zum dritten Mal in Folge, ist die Sorge ob Björn Höcke, weniger pastoral gesprochen: ob seiner Pläne. Dass sie plagiiert sind, von Carl Schmitt, haben wir gezeigt. Dabei würde ich ihm als einen sehr (viel würde es vermutlich besser treffen) das Abschreiben noch nicht einmal unbedingt nachtragen; einer hochbeschäftigten Politologin allerdings durchaus. Neben dem Dämonischen selbstredend, für das ihr viel kritisierter (auch und gerade vom Gastgeber) Auftritt bei Markus Lanz am 2. Juni 2022 lebhaft Zeugnis gibt. „Die Cancel Culture ist aus dem Kulturbereich über Corona in die Kriegsthematik geschlüpft: Neueste Zielscheibe: die Bonner Politikprofessorin Ulrike Guérot“, titelte beispielsweise Milosz Matuschek ganz im popjournalistischen Jargon als Gastbeiträger der Berliner Zeitung.[14] Als sei die in dieser Sendung angeblich zu Unrecht Zensierte nicht mindestens dies doch auch: Zensorin.

Von was? In welcher Hinsicht? Und in wessen Absicht? Sagen wir einmal, im Vertrauen auf die Leser*innen der letzten drei Abschnitte, mal so: Wäre Lanz mit jener Ausdauer und Hartnäckigkeit, wie eben gefordert, am Ball geblieben, hätte er jenen Elfmeter in Min. 20 seiner Sendung von Ende November nicht versemmelt, sondern erkannt, dass Tino Chrupalla auf Höckes Geraer Rede vom 3. Oktober vergleichbar derart zugeknöpft reagieren musste wie er es selbst tat am 2. Juni 2022 gegenüber Guérot. Meint, im Prinzip: Es besteht eine Art Waffengenossenschaft zwischen beiden: Guérot sieht Putin durch Provokationen herausgefordert und ein Stück weit gerechtfertigt und tadelt die USA, die Höcke am liebsten nach Schmitt-/Nazi-Art als „raumfremde Macht“ grundsätzlich ausgrenzen würde. Schlimm? Ja, für die Ukraine; sowie ja, für Deutschland, dem, wie oben angedeutet, in der Line des Höcke-Plans ein Los als Hungerleider an der Seite des Kriegsverbrecherlandes Russland droht, nicht aber, wie Ingrid Schnick mutmaßte, eine von 381 Kommentator*innen (Stand: 15.01.2023, 10: 40) der Höcke-Rede vom 5. November 2022 in Pfiffelbach[15]:

Wenn Deutschland und Russland zusammenhalten haben wir die Weltmacht.[16]

Zart dazwischengefragt, gesetzt, dem wäre so: Und wozu? Sowie für welchen Preis? Sollen wir ihn mal deutlich ansprechen, und dies mit Seitenblick auf Nietzsche, für den Wahrhaftigkeit über alles ging? Also gut: der Preis heißt Lüge, sei es jene Guérots, sei es jene Höckes, den Guérots Lügen nicht die Bohne interessieren, solange sie ihm nützlich sind; auch jene vom Typ Ingrid Schnick, also, wie mir scheint, kleinbürgerliche Träume frustrierter Hausfrauen,  die im Dritten Reich tausendfach erblühten und auf Kraft-durch-Freude-Fahrten neue Nahrung erhielten.

Schauen wir einmal etwas genauer hin, auf die Lügen der Ulrike Guérot, eine Frau, eigentlich zu schön und klug, um sie, die Lügen, eigentlich nicht nötig zu haben. Oder ist dies nur Heftchenromanweisheit? Anders gefragt: Was weiß ein Mann außerhalb der Welt des (allerdings seinerzeit nicht wirklich ganz gesunden) Alfred Hitchcock schon vom Seelenleben beispielsweise einer Kleptomanin wie Tipi Hedren? Andere sind da offenbar lebenserfahrener, wie der an Hellsicht kaum zu überbietende bedeutende Historiker Heinrich August Winkler (*1938). Der Guérot 2017 im Spiegel[17] beschuldigte, zusammen mit Robert Menasse (sowie mit Jakob Augstein im Schlepptau), apokryphe, also unechter Zitate in Umlauf gebracht zu haben (mit der Folge eines späteren Eingeständnisses bei Weitergabe des schwarzen Peters an Menasse). Dies aber war nur der Auftakt dieser Gräfin Klandestin (wie mein Krimiherz sie zu heißen begehrt). Um die Sache hier abzukürzen: Das Finale – damit wohl auch Ihr Ende an der Universität Bonn – deutet sich an mit dem von Markus Linden, apl. Professor für Politikwissenschaft an der Universität Trier, am 7. Juni 2022[18] aufgebrachten Stichwort „Plagiatsfall Guérot“ und dem Vergleich zum Skandal um Karl-Theodor zu Guttenberg. Und dies unter Verweis auf zahlreiche Fälschungen selbst in einem von der Bundeszentrale für politische Bildung übernommenen, erstmals 2016 im Dietz-Verlag erschienenen Bestseller. Am 3. August legte Linden nach[19] und berichtete über weitere Plagiate in Guérots Buch Der neue Bürgerkrieg. Das offene Europa und seine Feinde (2017). Inzwischen ist selbst der NDR – sonst, bei wirklich wichtigen Fällen wie etwa Winnetou[20], spezialisiert auf wokeness aller Art – erwacht, jedenfalls beim zweiten Mal: Am 14. September meldete der Sender, Guérot werde der Jury für den NDR-Sachbuchpreis angehören; einen Tag später folgte das Dementi wg. der offenbar zwischenzeitlichen Entdeckung, Guérot habe sich „von den Werten der wissenschaftlichen Gemeinschaft“ verabschiedet. Eine Begründung, die den Humboldt-Berliner Politologie-Emeritus Wolfgang Merkel empörte.[21] Meine Empörung ist eine gegenläufige, auch aus der Kenntnis um andere, verschwörungsideologische Texte Guérots gespeiste[22] und an der, gegenwirkend gedacht, pädagogischen Idee der Bildsamkeit und der Hoffnung auf lebenslanges Lernen orientierte. Dieses Zwecks halber empfehle ich deswegen meinem in etwa gleichaltrigen Berliner Mit-Emeritus das Anschauen des Videos von Höckes Rede auf dem AfD-Landesparteitag vom 5. November 2022 in Pfiffelbach – eine Art Strafarbeit für Nichtfans, wie ich gerne einräume. Und damit es nicht auch noch eine solche wird für die aufmerksamen Leser*innen dieses Artikels, lasse ich alle Passagen weg, in denen Höcke seine auf Bündniswechsel abstellende Geraer Rede zum Tag der deutschen Freiheit vom 3. Oktober[23] paraphrasiert und gleichwohl seinen Diener hinbekommt in Richtung Tino Chrupalla („Wir sind eine Partei des Friedens“). Und konzentriere mich auf Minute zwölf, als Höcke aufgeregt zu seiner Tasche läuft, mit einem Essay – Endspiel Europa (2022) von Ulrike Guérot & Hauke Ritz – zurückkommend, den er, strahlend wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum, in die Kamera hält, als fühle er sich ermutigt durch die Äußerung der Seniorautorin aus einem Ijoma-Mangold-Porträt vom 16. Juni 2022:

Wenn Björn Höcke mein Buch gut findet, dann darf er das gut finden. Darum bin ich noch lange nicht Björn Höcke.[24]

Wirklich nicht? Der von Höcke am 5. November gelobte Essay wurde nur eine Woche zuvor von Höckes Kumpel Götz Kubitschek auf Sezession mit dem Attribut „atemberaubend“ versehen und speziell Guérot, die damit möglicherweise auch Gemeinte, mit dem Versprechen nach Schnellroda gelockt, es gelt „Schwamm drüber“ für ihr Versäumnis, nicht schon vorher, etwa auf einer Klassenfahrt, dort abgestiegen zu sein.[25] Um dies mit meinen Erfahrungen zu vergleichen, den Erfahrungen eines durchaus reisewilligen Kaders, den es schon Silvester 2013, jedenfalls meiner Fiktion zufolge, in jenes Rittergut lockte zwecks Teilhabe an der Einspielung von Tristesse Droite (vgl. Niemeyer 2021: 655 ff.): mehr Anmache geht nicht. Allein deswegen werde ich allerdings nicht anfangen, von Kubitschek (oder von dessen Bewunderern wie „Leander“[26]) besonders lobend herausgestellte Sätze zu schreiben wie:

Wir leiten aus amerikanischen Quellen her, daß der russisch-ukrainische Krieg ein lange vorbereiteter amerikanischer Stellvertreterkrieg ist, eine Apotheose jahrzehntelanger amerikanischer Geostrategie, deren eigentliches Ziel die Verfestigung der amerikanischen Dominanz in Europa ist. Europa soll von seinen wirtschaftlichen Adern im Osten abgeschnitten werden.

Da ist sie also wieder, die AfD-Parole vom „Wirtschaftskrieg“, den der Westen mit seinen Sanktionen wegen des Krim-Krieges vom Zaun gebrochen habe; der von Kubitschek referierte fernere Rat unseres Essay-Doubles geht dahin, „man müsse in Zukunft besser denjenigen ‚draußen‘ halten,  der auf dem europäischen Kontinent und der eurasischen Landmasse nichts verloren habe“; um deutlich zu sein: Dies ist nichts weiter als eine andere Redeweise für Carl Schmitts 1939er Vision von den USA als „raumfremder Macht“ und insoweit belehrter O-Ton Höcke 2018, nur etwas elaborierter. So betrachtet gibt es keinerlei Anlass, Guérot, dieser offenkundig irgendwo falsch abgebogenen Hochbegabten, beizustehen, und dies auch noch mit dem Hinweis, bei ihren Kritikern handele es sich auffällig häufig um Männer, wie Susanne Gaschke am 27. 11. 2022 in der NZZ darzutun suchte.[27] Schade nur, dass Gaschke bei dieser Gelegenheit das zu dieser Zeit vier Wochen alte Urteil der Leserin Sabine Haag zu Endspiel Europa außer Betracht ließ:

Propaganda direkt aus dem Kreml.[28]

Männern geht diese schlichte weibliche Klarsicht zumeist ab, vielleicht, weil sie es irgendwie sexy finden, nicht immer nur Schmitt oder gar Raskolnikow lesen zu müssen, um ihrem Bedürfnis, sich toll zu finden, Auftrieb geben zu können.

Zu dieser Art Männern gehört, darin lässt sein Auftritt am 5. September in Pfiffelbach keinen Zweifel, auch und vor allem Björn Höcke. Ihn sich beim Schachspiel mit Ulrike Guérot vorzustellen, seinen vom Verfassungsschutz als verdächtig eingeschätzten Flügel hängenlassend, erfordert einiges an Phantasie. Wie heiß es dabei wird, haben beide allerdings, die eingangs benutzte Vokabel „Hölle“ spricht dagegen, wohl nicht mehr in der Hand. Und dies sage ich, wie immer bei Nietzsche, nicht als Wünschender, sondern als Befürchtender. Der allerdings, als Wunscherfüller, noch eines beantworten können muss, ausgehend von Nietzsches Brief aus Bonn an seine Schwester vom 11. Juni 1865 mit der wichtigen Bemerkung:

Suchen wir denn bei unserem Forschen Ruhe, Frieden, Glück? Nein, nur die Wahrheit, und wäre sie höchst abschreckend und häßlich. (2: 60)

Elisabeth Förster-Nietzsche hat, wie wir alle wissen könnten und im Dritten Reich jeden zweiten Tag von den Folgen her im Völkischen Beobachter studierbar, diesen Rat in den Wind geschlagen. Aber kann dies ein Grund sein, dieses Zitat nicht in der Aula der Bonner Universität zu platzieren, zwecks Erinnerung an den größten ihrer Alumni zu Ungunsten der bei Letzteren dargebotenen Trivialitäten und mit dem Ziel der Vermeidung von Abstürzen wie jenen der Ulrike Guèrot? Die derart schnell so hoch zu fliegen hoffte, dass ihr ein griechischer Gott, wie mir scheint, schließlich die Flügel versengen musste.

 

Literatur:

Basil, O. (1966): Wenn das der Führer wüsste. Wien, München.
Böckelmann, F. (2018): Vorwort. In: Höcke / Henning, 9-21.
Danyeli, M. (2022): Björn Höcke: Nie zweimal in den selben Fluss. In: Meiering, D. (Hg.) (2022): Schlüsseltexte der ‚Neuen Rechten‘: Kritische Analysen antidemokratischen Denkens. Wiesbaden, 99-114.
Dornheim, A. (2021): Beamte, Adjutanten, Funktionäre: Personenlexikon zum Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft und Reichsnährstand. Stuttgart.
Eberle, H. / Uhl, M. (Hg.) (2005): Das Buch Hitler. Bergisch-Gladbach.
Frank, H. (1941): Deutsche Ordnung und polnische Wirtschaft. Die straffe deutsche Führung im Generalgouvernement. In: Der Schulungsbrief. Das zentrale Monatsblatt der NSDAP VIII, 5./6. Folge, 88-90.
Frank, N. (2020): Auf in die Diktatur! Die Auferstehung meines Nazi-Vaters in der deutschen Gesellschaft. Berlin.
Gerhard, G. (2015): Nazi Hunger Politics: A History of Food in the Third Reich. New York, London.
Giordano, R. (2000): Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg. Köln
Guérot, U. / Ritz, H. (2022): Endspiel Europas. Warum das politische Projekt Europa gescheitert ist – und wir wieder davon träumen können. Frankfurt/M.
Harris, R. (1992): Vaterland. Roman. München.
Hillgruber, A. (1980): Der Hitler-Stalin-Pakt und die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges. In: Ders./Hildebrand, K.: Kalkül zwischen Macht und Ideologie. Der Hitler-Stalin-Pakt: Parallelen bis heute? Zürich, 7-34.
Hinz, Th. (32011): Die Psychologie der Niederlage. Über die deutsche Mentalität. Berlin.
Höcke, B. / Hennig, S. (2018): Nie zweimal in denselben Fluss. Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Hennig. Lüdinghausen und Berlin.
Lehmann, J. (21999): Herbert Backe – Technokrat und Agrarideologe. In: Smelser, R. / Syring, E. / Zitelmann, R. (Hg.): Die braune Elite II. Darmstadt, 1-12..
Müller, A.-K. (2022): Der wahre Parteichef. In: Der Spiegel 41/8.10.2022, S. 33-37.
Niemeyer, Ch. (2011): Nietzsche verstehen. Eine Gebrauchsanweisung. Darmstadt.
Niemeyer, Ch. (2018): Über Julius Langbehn (1851-1907), die völkische Bewegung und das wundersame Image des ‚Rembrandtdeutschen‘ in der pädagogischen Geschichtsschreibung. In: Kaufmann, S. / Sommer, A. U. (Hg.): Nietzsche und die Konservative Revolution. Berlin/Boston, S. 35-50.
Niemeyer, Ch. (2020): Nietzsches Syphilis – und die der Anderen. Eine Spurensuche. Freiburg i. Br.
Niemeyer, Ch. (2021): Schwarzbuch Neue / Alte Recht. Glossen, Essays, Lexikon. Mit Online-Materialien (= Bildung nach Auschwitz). Weinheim Basel.
Niemeyer, Ch. (22022): Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend. Mit einem Vorwort von Micha Brumlik. München.
Petersen, A. (2019): Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte. Frankfurt/M.
Schmitt, C. (21941): Völkerrechtlich Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte. Ein Beitrag zum Reichsbegriff im Völkerrecht. Berlin.
Schreiber, F. (2018): Inside AfD. Der Bericht einer Aussteigerin. München.
Snyder, T. (2015): Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann. München.
Söllner, F. (2022): Krise als Mittel zur Macht. München.
Wistrich, R. S. (1983): Wer war wer im Dritten Reich. Ein biographisches Lexikon. München.

Autor:

Prof. Dr. Christian Niemeyer, Prof. (i.R.) für Sozialpädagogik an der TU Dresden

Text:

Zuerst erschienen in: Zeitschrift für Sozialpädagogik 21 (2023), H. 1, S. 50-69. Der Text wird auch Aufnahme finden in mein Buch Die AfD und ihr Think Tank im Sog von Trumps & Putins Untergang. Eine Kritik mit Denk- und Stilmitteln Nietzsches (= Bildung nach Auschwitz, Bd. 2). Beltz Juventa: Weinheim Basel 2023. Die Wiedergabe hier geschieht mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

[1] Der mit 527 Rezension bei 7.087 Likes (Stand: 9.11.2022, 11:09) einer der produktivsten Multiplikatoren neu-rechter Ideologie bei Amazon ist, wie auch die hier in Rede stehende Rezension zeigt; s. www.amazon.de/product-reviews/3944422635/ref=acr_search_hist_4?ie=UTF8&filterByStar=four_star&reviewerType=all_reviews.

[2] Nietzsche wird hier und im Folgenden zitiert nach der – mit römischen Ziffern markierten – Kritischen Studienausgabe, hrsg. von Giorgio Colli & Mazzino Montinari in 15 Bänden. München, Berlin/New York 1988.

[3] S. meine Kritik vom 26. Oktober 2022, nachlesbar unter dem Link: www.hagalil.com/2022/10/spott-light-4/

[4] Basiert auf einer am 11. Oktober 2022 in hagalil publizierten Glosse. Der Titel wurde geändert, der Untertitel Journalismus, leicht gemacht wurde hier fortgelassen, ebenso einige Passagen.

[5] Hierzu auch mein Beitrag vom 3. Oktober 2022, s. www.hagalil.com/2022/10/spott-light-3/

[6] Basiert auf einem Text, der, unter etwas anderer Überschrift, seit dem 1.01.2023 nachlesbar ist unter dem Link: www.hagalil.com/2023/01/spott-light-afd/.

[7] www.tagesschau.de/inland/afd-russland-reise-101.html.

[8] https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2022/11/23/die-afd-und-die-anbiederung-an-regime-wie-china-russland-und-iran/

[9] „Ich entstamme einer Vertriebenenfamilie aus Ostpreußen“, lautet der (demonstrative!) erste Satz Höckes an seinen Gesprächspartner Sebastian Hennig (vgl. Höcke / Hennig 2018: 23).

[10] www.diss-duisburg.de/2022/11/vom-ukrainekrieg-zum-heißen-herbst/

[11] Herzinger: Putins Kalkül, 13.01.2022 auf www.perlentaucher.de/intervention/was-wladimir-putin-mit-carl-schmitt-verbindet.html).

[12] Basiert auf einem Text, der am 15. Januar 2023 eingestellt wurde und nachlesbar ist unter dem Link: www.hagalil.com/2023/01/spott-light-afd/

[13] Aus: Editorial, Zeitschrift für Sozialpädagogik 9 (2011), H. 2, S. 114.

[14] www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/ulrike-guerot-bei-markus-lanz-wer-fuer-den-frieden-ist-ist-jetzt-auch-feind-li.233689

[15] Ein Ort nördlich von Apolda, als dessen „Persönlichkeiten“, lt. Wikipedia, verzeichnet werden: Adolf Julius Kirsche (1857-1944), Bruno Kirsche (1879-1945) sowie Walther Kirsche (1884-1956), allesamt „Landwirt und Pflanzenzüchter“, abgesehen vom Erstgenannten, der zusätzlich noch „Gutsbesitzer, Firmengründer“ war. Im „zusätzlich“ liegt wohl begründet, dass in der Folge nicht mehr erreicht wurde, im Jubel ob Höckes Rede, dass sich daran zeitnahe etwas zu ändern hat.

[16] www.facebook.com/Bjoern.Hoecke.AfD/videos/1279216056199303

[17] www.spiegel.de/heinrich-august-winkler-ueber-robert-menasse-europas-falsche-freunde-a-174045.html

[18] www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ulrike-guerot-weitere-plagiate-bei-bonner-professorin-gefunden-18086527.html

[19] www.zeit.de/kultur/2022-08/ulrike-guerot-plagiat-politik-professorin

[20] S. www.hagalil.com/2022/08/winnetou/

[21] www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/debatte/medien-von-unseren-werten-entfernt-ndr-wirft-ulrike-guerot-aus-sachbuchpreis-jury-li.267918

[22] Blog.gwup.net/2022/03/19/verschwoerung-fakten-die-radikalisierung-der-ulrike-guerot/

[23] www.pi-news.net/2022/10/hoeckes-rede-zum-tag-der-deutschen-freiheit-am-3-oktober-in-gera/

[24] www.berliner-zeitung.de/news/ulrike-guerot-wenn-bjoern-hoecke-mein-buch-gut-findet-dann-darf-er-das-gut-finden-li.236845

[25] Sezession.de/66990/ulrike-guerot-und-hauke-ritz-endspiel-europa-1

[26] Er empfiehlt am 31. Oktober, 21:04 Sätze wie: „Studiert man die westlichen Kriegsvorbereitungen genau, wird deutlich, dass der Ukraine die Rolle zukam, stellvertretend für den Westen einen Krieg mit Russland zu beginnen.“

[27] www.nzz.ch/international/an-der-politikwissenschaftlerin-ulrike-guerot-scheiden-sich-die-geister-Id.1713770

[28] www.amazon.de/product-reviews/3864893909/ref=acr_dpx_hist_1?ie=UTF8&filterByStar