„Nun ist zumindest seine Taschenuhr zurückgekehrt…“

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Die Taschenuhr mit einem Monogramm aus den Buchstaben S und M, den Initialen von Siegfried Marx © Riccardo Altieri

Stolpersteinverlegung in Aschaffenburg bringt Angehörige der Ermordeten und Schüler*innen aus Israel zusammen

Von Riccardo Altieri

Insgesamt 13 Steine wurden am vergangenen Samstag verlegt. Ein ungewöhnlicher Tag für eine solche Aktion, ist der Schabbat als oberster Feiertag doch eigentlich in seiner Ruhe heilig. Aber gewiss rechtfertigt die gute Tat im Sinne des Gedenkens einen solchen Bruch der Vorschriften. Denn immerhin sind die Verantwortlichen für diese Verlegung Oded Zingher aus Aschaffenburg und Sigal Ostreicher aus Kfar Saba in Israel. Schon oft haben sie kooperiert und Jugendlichen beider Länder so die jüdische Vergangenheit Deutschlands nähergebracht.

Seit dem Herbst 2022 haben Schüler*innen der Yitzhak Rabin High School in Kfar Saba und solche des Dalberg-Gymnasiums im unterfränkischen Aschaffenburg gemeinsam die Biographien der Jüdinnen und Juden erforscht, für die an diesem Tag Stolpersteine verlegt werden. Ein besonderer Fall ist dabei der des Ehepaars Siegfried und Julia Marx, geb. Gudenberg. Sie sind die Urgroßeltern von Prof. Dr. Jeffrey Gutman aus Washington, der an diesem Samstag eigens nach Aschaffenburg gekommen ist, um an der Verlegung der Steine teilzunehmen. Denn ein Grab haben seine Urgroßeltern nicht. Sie wurden beide am 5. März 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet und anschließend verbrannt.

Nach dem Novemberpogrom von 1938 reiste das Ehepaar von Aschaffenburg nach Amsterdam. Der Grund war die Beerdigung der dort plötzlich verstorbenen Tochter Brunhilde Weidenmann. Nach einem Unfall starb sie mit nur 30 Jahren. Als das Ehepaar vor Ort war, erlitt Julia Marx einen Nervenzusammenbruch. Die Reisevisa wurden verlängert und letztlich erklärte Siegfried Marx im März 1939, er wolle von Amsterdam aus die Emigration in die USA anstreben. Doch es gelang nicht. Nach der Eroberung der Niederlande durch die Wehrmacht wurden die Jüdinnen und Juden nach Westerbork deportiert und dort interniert. Von hier kamen Julia und Siegfried Marx in das Vernichtungslager Sobibor.

Die Stolpersteine für Siegfried und Julia Marx mit Porträtfotos aus Familienbesitz © Riccardo Altieri

Seit Oktober 1937 lebte ihr gemeinsamer Sohn Hubert Marx in Kalifornien. Er war über Bremen und New York nach Los Angeles ausgewandert. Dort kam später auch sein Enkel Jeffrey zur Welt. Dieser brachte zur Stolpersteinverlegung eine kleine goldfarbene Taschenuhr mit. Sie gehörte einst seinem Urgroßvater Siegfried Marx, der sie seinem Sohn Hubert vermutlich mit auf die Reise gegeben hatte, damit das Kleinod in Familienbesitz bleibt. „Nun ist zumindest seine Taschenuhr nach Aschaffenburg zurückgekehrt“, sagte Jeffrey Gutman während seiner bewegenden Rede.

Die Steine wurden vor dem letzten freiwilligen Wohnsitz des Ehepaares in der Erthalstraße 6 in Aschaffenburg verlegt. Hier entstand auch ein Foto von Jeffrey Gutman mit den vier Schülerinnen, die für die Erarbeitung der Biographien seiner Urgroßeltern verantwortlich waren und ständig mit ihm in Kontakt standen.

Prof. Dr. Jeffrey Gutman mit den Schülerinnen (v.l.n.r.) Neta Sagi, Lea Böhl, Enya Chudaska und Maya Kantan © Riccardo Altieri

An der Verlegung hatten rund 50 Personen teilgenommen, darunter der Beauftragte der bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben in Bayern Dr. Ludwig Spaenle, aber auch die verantwortlichen Lehrkräfte Sigal Ostreicher und Michael Frosch, ferner der Oberbürgermeister von Aschaffenburg Jürgen Herzing und Stadträtin Rosi Ruf, die das Stolpersteine-Projekt einst in Aschaffenburg ins Leben gerufen hat.

Riccardo Altieri ist Leiter des Johanna-Stahl-Zentrums für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken.

Bild oben: Die Taschenuhr mit einem Monogramm aus den Buchstaben S und M, den Initialen von Siegfried Marx © Riccardo Altieri