Schokolade aus Afrika und Magen Zedek

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Wer würde sie nicht lieben – in welcher Form, Konsistenz und Süße auch immer? Es geht um die Schokolade.

Rabbiner Tom Kučera, Beth Shalom in München

Das Wort kommt aus der Aztekensprache. Die Azteken waren ein mittelamerikanischer Indianerstamm, der in der Region des heutigen Mexiko eine Hochkultur schuf, die bis zum 16. Jahrhundert reichte. Sie wurde von den Kolonisatoren zerstört. Im 16. Jahrhundert kamen Kakaobohnen nach Spanien, erst Anfang des 17. Jahrhunderts nach Deutschland. Im Talmud, der mehr als tausend Jahre früher abgeschlossen wurde, finden wir natürlich keine Erwähnung der Schokolade, jedoch im Midrasch zumindest Süßigkeit(en), z. B.: al tihje matok pen jiwlaucha, sei nicht süß, sonst wird man dich verschlingen.

Lassen wir die Ethik des Spruches beiseite und lassen wir uns auf den Geschmack ein. In der Aztekensprache bedeutete „xocolatl“ bitter. Kakao war das „göttliche Getränk“ bei den Ritualen der Azteken und wurde ungesüßt mit Wasser getrunken. Darum fand er anderswo lange keinen Gefallen. Die erste Tafelschokolade wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts hergestellt. Die erste Schokoladenfabrik in Deutschland entstand vor genau 200 Jahren, 1823 in Dresden.

Warum erzähle ich es? Das Hauptthema des Buches Wajikra/Leviticus ist Kaschrut, die Speisegesetze. Wenn ein Lebensmittel mit einem Zertifikat als „koscher“ erklärt wird, sprechen wir vom „Hechscher“. Im Jahr 2007 hat Morris Allen, ein amerikanischer Masorti-Rabbiner, „Hechscher Zedek“ geschaffen, ein Koscher-Zertifikat für Gerechtigkeit. Damit hob er hervor, dass ein koscheres Lebensmittel bei der Herstellung den ethischen Anforderungen entsprechen muss. Der Anlass dafür waren katastrophale Umstände beim größten Koscherfleisch-Produzenten der USA. Einige Jahre lang erschien dieses zusätzliche Zertifikat, genannt „Magen Zedek“ (als ein dreifacher Magen David auf orangem Grund), auf koscheren Lebensmitteln in Amerika. Nach Protesten orthodoxer Rabbiner ist das „Magen-Zedek“-Siegel seit Mai 2013 verschwunden.

Dennoch müssen die Ansprüche von „Hechscher Zedek“ nach wie vor aktuell bleiben. Besonders in Bezug auf Schokolade. Wie der „Focus“ (15/2023) informierte: „Zur bitteren Wahrheit von Schokolade gehört auch Kinderarbeit. Schon Fünfjährige versprühen Pestizide auf Kakaopflanzen, ernten mit scharfen Macheten und schleppen schwere Säcke, statt in die Schule zu gehen. …. Laut einer Studie … von 2020 arbeiten noch immer rund 1,5 Millionen Kinder unter schwersten Bedingungen auf Kakaoplantagen in Westafrika. … Viele Minderjährige würden aus Nachbarländern verschleppt und zur Arbeit … gezwungen. Obwohl Schokoladenhersteller seit Jahren versprechen, Kinderarbeit zu beenden, ist die Zahl zuletzt noch gestiegen. 2021 reichte (eine)… Menschenrechtsorganisation … eine Sammelklage gegen die größten Schokoladenhersteller der Welt ein, darunter Nestlé, … Mars, … Milka. Sie profitieren weiterhin vom Verkauf billigen Kakaos, der von Kindersklaven geerntet wurde, heißt es in der Klageschrift.“

Zusätzlich zu der verwerflichen Kinderarbeit geht es um den ökonomischen Aspekt: 75 % der weltweiten Ernte der Kakaobohnen stammen aus Afrika, aber nur 1 % der Schokoladenproduktion wird auch da hergestellt. Der größte Kapitalfluss verfehlt damit das bedürftige Ursprungsland. Dies änderte sich, nachdem Unternehmen wie ein Münchener Start-up gegründet wurde, mit Sitz in Obersendling. Es heißt Fairafric. Sein Impact? Nach eigenen Aussagen verbleibt ein Vielfaches von lokalem Einkommen im Land (im Vergleich zur Industrie- und Fairtrade-Schokolade). Über 90 direkte Angestellte. Mehr als 400 % des lokalen Mindestlohns plus Kranken- und Sozialversicherung für die ganze Familie. Zudem ist ein Vielfaches dieser Anzahl an Jobs in Zulieferbetrieben entstanden. Durch die Schaffung der Arbeitsplätze in Ghana wird dessen Anteil an der Wertschöpfung gesteigert.

Ich möchte Sie einladen, die Website „fairafric.com“ zu besuchen und – falls Sie Schokolade essen, was vermutlich der Fall sein wird – die köstlich dekorierten Schokoladentafeln, Schoko-Chips oder Schoko-Kugeln (in Kombination mit Ananas oder Mango) zu bestellen. Ich kann Ihnen versichern, dass ich keine Provision bekomme. Aber schon mit einer Bestellung können wir zeigen, dass wir das Konzept von „Hechscher Zedek“ in die Tat umwandeln. Rabbiner Zalman Schachter-Shalomi schreibt: „Manchmal denke ich, dass wir Juden existieren, um in jedem Zeitalter unsere ewige Frage stellen zu können: Ist es koscher? Koscher bedeutet sauber, rein, und ausgeweitet gut für die Naturprozesse unseres Universums.“ Ich füge hinzu: und gut für die sozialen Umstände unserer Gesellschaft.

Bild oben: Logos von Magen Zedek und fairafric