Spott-Light: Handbuch der Geschichte der CDU

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Friedrich Merz (CDU) am 1. März als „Sozialtourist“ bei der WBG erwischt! 

Von Christian Niemeyer

 

„Mit Abkürzung klemmt der Witz!“

„Du meinst…“

„Ja-ha!“

„… die Leser wüssten…“

„Leser*innen!“

„… nicht, wofür WGB steht?“

„Genau! Für Wohnungsbaugenossenschaft, nicht wahr? Oder meintest Du etwa, ich hätte gemeint, sie wüssten nicht, wofür CDU steht!“

„Und 1. März?“

„Für Merz‘ Mietbeginn bei der WBG? Oder einfach nur für gestern?“

„Genauer?“

„Für einen Gestrigen: Dich und Deinen Geburtstag!“

Ich überhörte den ersten Halbsatz: „An dem was geschah?“

„Mami schenkte Dir, aus Spaß, ein Buch von Friedrich Merz!“

„Na wunderbar! Dann kann’s ja losgehen!“

*

Ich weiß ja nicht, ob Sie’s schon wissen, aber meine Frau schenkte mir zum 1. März ein Buch mit Grußwort (für mich?) von Friedrich Merz, erschienen bei der WBG. Das Handbuch zur Geschichte der CDU, um genau zu sein. Erst war ich misstrauisch. Zumal dieser Verlag (sein Kürzel übersetzte sich zunächst, bis 1955, als Wissenschaftliche Buchgemeinschaft) aus denkbar dunklen Anfängen unter dem Alt-Nazi Ernst Anrich (1964: NPD), mit Autoren wie Hermann Aubin oder Günther Franz („Jugendbewegungs-Franz“, wie ich zu spotten beliebe[1]) nur schwer zum Licht fand. Und noch 1999 die Anrich-Epoche verschwieg (Danke, Wikipedia!). Aber da der Verlag, der seit 2018 wbg kleinschreibt und mit Wissen, Bildung, Gemeinschaft übersetzt, zumal mit seinem Imprint Lambert Schneider für Seriosität und Anti-Antisemitismus steht, zumindest, solange ich dort, von 1997 bis 2014, unter Vertrag stand, dachte ich mir nichts weiter bei diesem Geschenk – abgesehen davon, dass meine Frau offenbar annahm, derlei würde mich interessieren. Mehr jedenfalls als Tanja Dückers, deren „gesammelte Werke“ sie extrafein auf dem CDU-Schinken verteilt hatte, als wolle sie mir signalisieren, dass mein literarisches Lotterleben nicht ewig währen könne. Also wühlte ich mich entschlossen zum „Geist der Schwere“ (Zarathustra) durch und staunte nicht schlecht: Auch diese vom mir eigentlich sehr sympathischen Norbert Lammert edierte Schwarte trug das Sigel:

„Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der WBG ermöglicht.“

Nur gut, dass ich keines der 65.000 Vereinsmitglied mehr bin, sonst hätte ich jetzt meinen Anteil zurückverlangt – und als Ersatzblecher irgendeinen aus der CDU benannt. Etwa meinen Onkel, CDU-MdL in Niedersachsen, wie bei Wikipedia geschrieben steht.[2] Okay, Friede seiner Asche. Aber war diese Partei denn seitdem derart verarmt, dass deren Mitglieder noch nicht einmal die Finanzierung eines solchen Bandes stemmen konnten? Dessen Verkaufszahlen dort sich tummeln, wo sie hingehören, wenn allenfalls Oma und Opa aus dem Land namens Wohlstandsverwahrlosung als Käufer in Frage kommen – nicht etwa, um das Buch zu lesen, sondern um ihre wahlmündig werdenden Enkel zu beglücken! Die aber, wie ein jeder weiß, schon lange nicht mehr lesen, es sei denn, sie hätten irgendeinen Harry Potter verpasst! Für wen also ist dieses Handbuch, außer für die – wie mein Sohn immer so nett spottet – „Jugend von gestern“, die aber, weil sie schon genug Sorgen hat, nichts mehr wissen will von der Vergangenheit? Nicht zu vergessen: Was hat dieses Buch mit Wissenschaft zu tun? Angesichts des Kürzels WBG ja keine ganz unwichtige Frage, die, verneinend beantwortet, zu meinem Plan B führen könnte, also zu der These, dass eine ziemlich abgebrannte CDU, dem Agieren eines „Sozialtouristen“ vergleichbar, Unterschlupf suche und Sponsoring gefunden habe bei einem reichen Verein namens WBG.

Neugierig wollte ich gerade das Handbuch aufschlagen, den Blick meiner Frau im Rücken, deren Plan aufzugehen schien und die sich zielsicher Tanja Dückers Roman Himmelskörper aus dem Geburtstagshaufen herauspickte. Sollte Sie doch, was ging mich Dückers an, jetzt, wo ich Merz haben konnte, um ihn ordentlich unterzupflügen, was irgendwie zu allen dreien passte: zu Merz, zum März – aber auch zu mir: Psalm 23 war mein Konfirmandenspruch: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Na prima, dann konnte es ja losgehen mit dem guten Leben, mit dem „richtigen“ à la Adorno & Nietzsche hoffentlich auch! Wäre da nicht Sammy gewesen, der im Garten verschwand, mein Handbuch im Maul! Oh Gott, durchzuckte es mich: Er hasst die Union, hatte doch Andrea Lindholz (CSU) neulich einen Afghanen beleidigt. „Sie meinte doch nicht diese Hunderasse!“, rief ich ihm damals beruhigend zu, vielleicht, liebe Leserin, lieber Leser, erinnern Sie sich ja noch.[3]

**

„Also zum PC, nur ganz kurz, bis Oma und Opa kommen!“, rief ich meiner Frau zu, aber die war ganz versunken in Dückers Himmelskörper. Der allererste Lesereindruck – ich rede jetzt von meinem Buch! – passte zum Wetter: Grau, Andreas Grau, um genau zu sein – ein Name, wunderbar harmonierend zum Namen des Umschlaggestalters des Handbuch zur Geschichte der CDU, Harald Braun, was in der Summe ein kräftiges Grau-Braun ergibt. Taugt dieser Witz zur Charakterisierung des Inhalts? Schwer zu sagen auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick ergab sich – wie Sie sehen, nähere ich mich Büchern, zumal im Zustand ihrer Ermangelung[4], in aller Vorsicht –, dass die elektronische Suchfunktion bei Amazon in Sachen meines Geburtstagsgeschenks Nr. 1 bei Eingabe des Wortes „Grau“ 43 Mal anschlug und zu „Seebohm“ kein Mal.

Warum gerade zu diesem Bundesverkehrsminister der Jahre 1949 bis 1966? Nun, einigen wir uns vorerst auf das eben angesprochene Wort „Onkel“ und also darauf, dass Seebohm bei uns am Mittagstisch häufiger Thema war. Und dass mir als Kind, herkunftsbedingt, Zeitungslesen von Kindesbeinen an als Pflicht oblag. Spätestens ab Kubakrise und dem Kennedy-Attentat vom November 1963. Der Name Seebohm begegnete mir dabei und geriet, im Verein mit dem (mir) zu Mittag Aufgetischten, bald schon zum Warnzeichen für das Grauen hinter der Fassade alterswidrig kindlicher Gesichtszüge – ähnlich wie im Fall Heinrich Lübke (1894-1972). Das Lachen des Kindes über dessen Klassiker „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!“ – ob nun erfunden oder nicht – blieb selbigem, nun als Jugendlichen, im Hals stecken angesichts von Nachrichten über Lübckes Tätigkeit als KZ-Bauherr unter Albert Speer, angesprochen in einigen Nachrufen. Zu jener Zeit erreichte mich als Vorstandsmitglied der Jungen Presse Niedersachsen (JPN) die Mär eines weiteren CDUlers, des Ex-SS-Obersturmführer Otto Freiherr von Fircks (1912-1989) aus Lüneburg, der einen Lehrer, der ihn der „Untaten“ im Generalgouvernement Polen bezichtigt hatte, verklagte, mit Erfolg. Erst Jahre später wurde publik – was meinen Respekt vor Lehrern steigerte, allerding nur ganz kurz –, dass dieser treffliche Vertriebene und Baltendeutsche, im Krieg zur „‘Säuberung‘ von Polen“ eingesetzt und 1946 zunächst „Arbeiter in der Wesermarsch“ (Klee 2003: 150), am 31. Januar 1941 aus Lotz/Litzmannstadt berichtet hatte:

„Mit der Evakuierung geht es dort sehr gut vorwärts. Bis zum 12. Februar wird mit der Heraussetzung der Juden Schluß sein, dann kommen die Polen an die Reihe.“ (zit. n. Aly 1998: 83)

Nach einer Reihe weiterer Prozesse zog sich dieser braune Baron, CDU-MdL Niedersachsen 1963-1967, CDU-MdB (1969-1976) sowie Landesgeschäftsführer des Bundes der Vertriebenen (BdV) in Niedersachsen (1954-1969), aus der Politik zurück, fraglos zur Enttäuschung des Burgdorfer Kreisblatts, das konsequent kritische Leserbriefe zu diesem Fall abgewiesen hatte.

Klar, dass ich jetzt als erstes „Fircks“ eingab. Nichts. „Niedersachen“. 72 mal, zentral: „CDU in Niedersachen“, Autor: Andreas Grau. Wenigstens bunt, diesmal? Leider nein, eher schon Sätze wie: „Die konfessionellen und wirtschaftlichen Gegebenheiten spiegeln sich bis heute in der Struktur der CDU wider.“ (S. 285) Ah ja! Klingt nur lustig, wenn man dazu Loriot imaginiert.

Soviel vielleicht zur Einstimmung, damit meine Reaktion verständlicher wird auf dasjenige, was ich zu Seebohm fand – nicht, um das noch einmal zu erwähnen, in dem hier in Rede stehenden (Geburtstags-) Buch, sondern in dem, was sich beim Googeln nach Eingabe des Suchworts „Geschichte der CDU“ recht bald findet: Ein Verweis auf ein Kompendium Geschichte der CDU mit Unterpunkten wie „Geschichte“ und „Personen“ der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Und hier, unter „Personen“, fand ich sie beide wieder, Grau & Seebohm besser gesagt: Graues über Seebohm. Da beschlich mich ein erster Verdacht: Hatte irgendein Geizhals bei der KAS die Idee gehabt, die eher harmlosen Teile dieses Non-Print-Kompendiums der WBG anzudrehen – die brisanten Texte aber für sich zu behalten? Wie etwa diesen hier von Andreas Grau über Hans-Christoph Seebohm (1903-1967), als dessen Höhepunkt wohl der Satz zu gelten hat:

„Für spätere Behauptungen aus dem sowjetischen Herrschaftsbereich, er habe sich jüdischem oder tschechoslowakischem Besitz bereichert, fehlt jeder Beleg.“[5]

Was soll man sagen zu diesem Eintrag eines wichtigen Autors auch in meinem Geburtagsgeschenk, in welchem Grau u.a. das Lemma Vertriebene, Flüchtlinge, Migranten, Asylpolitik verantwortet? Etwa: „Huch, ist Erika Steinbach doch wieder zurück von der AfD und erneut bei der CDU? Vielleicht aus Solidarität mit Hans-Georg Maaßen?“ Oder, noch besser und zum Ende diese Spott-Light aufgegriffen: „Was sagt eigentlich Manfred Kittel zu Grau, was ja, wäre jetzt noch Zeit zum Witzeln, einen vom Typ Grau-Kittel (nach dem ‚Brüller‘ Grau-Braun) ergäbe? Oder würde Kittel Grau verklagen und Urheberrecht anmelden für die eben zitierte Non-News und damit Fake News zu Seebohm? Eine Fake-News, die mir mit dem Wort F.i.a.T – in meiner Jugend in stramm-deutschen Autohäusern voller Alfred-das-Ekel-Bewunderern gängig zwecks Charakterisierung der Produkte einer italienischen Automobilmarke, – nicht schlecht markiert scheint: Fehlerhaft in allen Teilen, angefangen vom abwertenden Vertriebenenjargon der Adenauerära („Behauptungen aus dem sowjetischen Herrschaftsbereich“), als gäbe es nicht auch wissenschaftliche Forschung zu dieser Frage, bis hin zum Schlusswort: Dass angeblich „jeder Beleg“ fehle, ist eine unzulässige Pointe, im Vergleich zur in der Wissenschaft erlaubten und gängigen: further research is needed. Nach diesem Bescheid im Kleinen, der deutlich machen soll, dass dieser Beitrag Andreas Graus unter keinen Umständen die Hürden einer WGB-Kontrolle – so hoffe ich doch – übersprungen hätte, offenkundig im Gegensatz zu seinen anderen aus meinem Geburtstagsgeschenk, nun der Bescheid im Großen zur Causa Seebohm, meines Kinderschrecks.

***  

Angefangen hat alles mit dem von Alice Weidel (AfD) gelobten Neu-Rechts-Chefideologen Karlheinz Weißmann (2017: 48), der 2017, wohl um die CDU in sein Lager herabzuziehen, Hans-Christoph Seebohm als Kolbenheyer-Fan ins Gespräch brachte. Klingt harmlos, aber nur für den, der um Kolbenheyer nicht weiß, auch nicht um dessen ärgsten Fan, Ernst Frank (1900-1982), über den ein gewisser Rudolf Jahn im Sudentendeutschen Turnerbrief 5/1975 urteilte:

„Das Nachkriegsschicksal teilt Ernst Frank mit Tausenden und Abertausenden, die gleich ihm nicht wegen irgendeiner Untat, sondern einer Gesinnung, eines Glauben, wer will auch Irrglaubens wegen lange Zeit hinter Stacheldraht festgehalten wurden […]. Die Austreibung der Deutschen aus den Ostgebieten und dem Sudetenland war im Gang.“ (Jahn 1977: 61)

Wir sind unschuldig, hatten nur den falschen Glauben, soll dies heißen, zu jener Zeit tausendfach wiederholt – nur angesichts der grausigen Fakten (vgl. etwa Zimmermann 2022) wenig glaubwürdig und speziell in diesem Fall kaum überzeugend. Denn immerhin: Als Einziger der vom Jugendbewegungshistoriographen Hinrich Jantzen Befragten (vgl. zum Folgenden auch Niemeyer 22022: 207 f.) notierte Frank zum Punkt ‚Widerstandstätigkeit‘: „keine, da überzeugter nationaler Sozialist.“ (zit. n. Jantzen 1977: 58) In der Tat: Frank, diesen vormaligen Chefredakteur der Karlsbader Tageszeitung und Kreishauptamtsleiter der NSDAP sowie „Sturmmann der Waffen-SS“ (zit. n. Jantzen 1977: 58), kann man durchaus als Teil einer ‚Fünften Kolonne‘ sehen. Dies verrät zwar nicht die – in diesem Punkt ausgerechnet auf den SS-Mann Kurt Oberdorffer vertrauende – Kindt-Edition (Ki III: 1294 ff.), wohl aber die 2. Auflage (1939) von Franks autobiographischem Roman Kameraden, wir marschieren (1935). Frank deklarierte in diesem im Untertitel als Grenzlanddeutscher Erziehungsabschnitt ausgewiesenen Buch seine Unterstützung für den unmittelbar zuvor frisch inthronisierten ‚Reichsstatthalter‘ in der im September 1938 von deutschen Truppen besetzten Tschechoslowakei (‚Reichsgau Sudentenland‘), Konrad Henlein (vgl. Wistrich 1983: 154; Brumlik 2005: 48 ff.), zusammen mit Heinrich Rutha und Ernst Kundt (vgl. Klee 203: 252 ff.) Gründer (1935) der von der NSDAP unterstützten und auch vom NSDAP- und SA-Mitglied Rudolf Lochner – 1951-1963 Professor an der PH Lüneburg (vgl. Hesse 1995: 477 ff.) – frequentierten Sudentendeutschen Partei. Dies war immerhin unmissverständlich und auch für die Zeit nach 1945 gültig, wie Franks Funktion als Herausgeber bzw. Schriftleiter der Vertriebenen-Illustrierten Heimat und Familie (1950-62) sowie des Sudetendeutschen Turnerbriefes (1950-68) belegt, ganz zu schweigen von seiner Tätigkeit als Gründer des – rechtsradikalen – Heimreiter-Verlages (1952) und Propagandist (etwa durch Frank 1960) für Erwin Guido Kolbenheyer (1878-1962).

Der nicht gerade das war, was man einen Sympathieträger nennt: Dem Glauben an das besondere Lebensrecht des (jungen) deutschen Volk verhaftet, seit 1928 Mitglied in Alfred Rosenbergs Kampfbund für deutsche Kultur, die ‚Machtergreifung‘ der Nazis begrüßend, seit 1940 in der NSDAP, 1942 mit einer Durchhalterede an die HJ aufwartend (vgl. Brinkmann 2011: 305 f.) und noch zu seinem 75. Geburtstag und zur Freude der Anwesenden – unter ihnen Hermann Burte (vgl. Kap. 2.2) – per Hitlergruß dankend (vgl. Loewy 1966: 317) und vom NS-Literaturpapst Josef Nadler mit dem Lob bedacht: „Sein Werk verkörpert Pflichtgefühl und Gesinnung, die das sudentendeutsche Volker geeinigt und befreit haben“ (Nadler 41941: 499), schreckte dieser in der NS-Zeit hochdekorierte Schriftsteller in seiner Autobiographie (1957/58) nicht davor zurück, „einen ehemaligen KZ-Häftling […], einen üppigen Juden mit Hängebacken, Wurstlippen und hervorstechenden Augäpfeln“ (zit. n. Brinkmann 2011: 309) als angeblich denkbar ungeeigneten Richter bzw. Kläger in seinem Entnazifizierungsverfahren der Lächerlichkeit Preis zu geben. Ein Verfahren, das übrigens nicht gut ausging. Wie auch Ernst Frank monierte:

„Der unglückliche Ausgang des Zweiten Weltkriegs traf […] Kolbenheyer gleich durch eine doppelte Vertreibung, einmal durch die geistig miterlittene Ausweisung seiner Heimatgenossen aus Karlsbad, die auch ihn um den ansehnlichen Besitz in der Mutterheimat brachte, und durch die tatsächliche Vertreibung aus seinem Hause in Solln durch die Besatzungsmacht.“ (Frank 1960: 31)

Nicht zu vergessen, nach dieser, was Kolbenheyers Besitz in Solln (b. München) angeht, Klage über das gegen den NS-Dichter verhängte 5-jährige Berufsverbot plus Vermögensentzug (50 %): Franks Pointe, „daß das Umerziehungswerk, dem das deutsche Volk seit 1945 unterworfen ist, zu bedenklichen Ergebnissen geführt hat.“ (ebd.: 34) So bekam man es in jenen Jahren tausendfach zu lesen von Heimatvertrieben und deren Funktionären, darunter Seebohm, gebürtig in Oberschlesien und ab 1941 Miteigentümer eines Bergbauunternehmens, das arisiertes Vermögen übernahm (Näheres dazu gleich). Gleichwohl gab Seebohm die verfolgende Unschuld in seiner Rolle als aggressiv auftretender Vertriebenenfunktionar sowie als langjähriger CDU-Bundesverkehrsminister (1949-1966). Autobahnraststätten nach ehemaligen deutschen Ostgebieten zu benennen oder, wie dies Björn Höcke nennen würde, damit die mangelnde Denkkraft Seebohms herausstellend: unbedacht Denkmäler der deutschen Schande in ganz Deutschland zu verteilen, war nur ein Spaß am Rande.

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Wer hier lacht und womöglich einwendet, Frank und Kolbenheyer hätten mit der Jugendbewegung nur am Rande zu tun und Seebohm, Burschenschafler, gar nicht, hat womöglich verpasst, dass der Unterschied beider Gesellungsformen, genau besehen und genauso respektlos, minimal ist: Erstere, in der Regel Studis, saufen und raufen, Letztere, weit jünger, laufen, „kochen ab“ und bauen, ab und zu und auf und ab, Zelte; beiden gemein ist das Gemeine, der Arierparagraph etwa sowie die völkischen Ideologeme Antiintellektualismus, Antisemitismus und Antislawismus. Ein um 1900 virulenter und auch den Steglitzer Wandervogel umtreibender, von den Wirkungen her toxischer völkischer Dreier-Bazillus. (vgl. Niemeyer 22022: 124 ff.) Er eskalierte im Frühjahr 1940 in Polen mit der Folge von 60.000 Ermordeten als Ergebnis einer „Intelligenzaktion“ mit nachfolgenden „Sonderaktionen“ gegen Hunderte Professoren, in der – allerdings enttäuschten – Erwartung, dass ein seiner Führungsschicht beraubtes Land keinen Widerstand mehr leiste. (vgl. Lehnstaedt 2022: 123) Den Rest besorgte die aus dem Reich importierte im Verein mit der ideologisch wie blutmäßig verlässliche Führungsschicht vor Ort.[6] Etwa den 1937 schließlich doch emigrierende jüdischen Hitleranhänger und Königsberger Historiker Hans Rothfels, der, im Konsens mit Max Hildebert Boehm und Arthur Moeller van den Bruck, das deutsche Volk als kulturbringendes Herrenvolk gegenüber den Slawen als Angehörige minderer Nationen volkspolitisch in Stellung brachte. (vgl. Haar 2000: 70)

Summarisch gesprochen und auf die Geschichte der Jugendbewegung hin konzentriert: Eine Wanderung, die 1897 mit der Böhmerwaldfahrt der Steglitzer vergleichsweise harmlos begonnen hatte und nach 1918 anti-slawistisch und irredentistisch aufgeladen wurde, endete mit dem deutschen Überfall auf Polen vom 01. September 1939. In dessen Folge offenbarte der angesprochene völkische Dreier-Bazillus seinen toxischen Gehalt. Dazu gehört das Schreckensregiment des in der Provinz Posen geborenen Reichsstatthalters im ‚Warthegau‘, Arthur Greiser, der aus dem vormaligen Reichsgau Posen „als Nahziel einen „Exerzierplatz des praktischen Nationalsozialismus“ und als Fernziel einen „Orden des Deutschtums“ ‚Mustergau des Großdeutschen Reiches‘ zu schaffen“ (Greiser 1941: 72 f.; Bialkowski 2008: 556) sich vornahm. Im Sinn dieser Vorgabe trieb Greiser, WK I-Veteran und Freikorpskämpfer (1918-21), die ‚Endlösung der Judenfrage‘ eigenständig voran und animierte eine Reihe einschlägiger Anordnungen, etwa die vom April 1941, „jeden Deutschen, der Geschlechtsverkehr mit Polinnen treibt, ins KZ einzuliefern.“ (zit. n. Gamm 1964: 446) Als Bibel galt Greiser und seinen Helfern – darunter auch die HJ, speziell der BDM – Himmlers Denkschrift über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten (1940) (ebd.: 452 ff.; vgl. Kater 2005: 79 ff.), die sich in seiner bildungspolitischen Rede vom 16. September 1942 (s. Gamm 1964: 399 f.) niederschlug, ebenso wie in Bestimmungen vom Dezember 1943 zur Beschulung polnischer Kinder mit der Maßgabe, die Erlernung der deutschen Sprache sei nur soweit erforderlich, „daß mündl. Anweisungen in d. Arbeitstelle ohne besondere Schwierigkeiten verstanden werden.“ (ebd.: 442) Mit Anordnungen wie diesen, die Gauleiter Erich Koch (1896-1986) für die Ukraine abwandelte (vgl. Wistrich 1983: 206), richtete sich eine als Herrenvolk auftretende Besatzungsmacht auf eine lange Herrschaft ein. Kein Wunder, dass man auch die Grußpflicht für Polen (gegenüber Deutschen) einführte oder gar über die Wiedereinführung der Prügelstrafe für erwachsene Polen (etwa im Fall eines Betriebsunfalls) nachsann. (vgl. Gamm 1964: 447 ff.) Spielräume dieser Art schaffte die sog. Polenstrafrechtsverordnung. Nach deren Maßgabe wurde die 25-jährige polnische Hausangestellte Rosalie Kulesa am 11. Januar 1943 – nur dieses Beispiel sei genannt (vgl. Staff 1964: 220 ff.), – wg. (angeblichen) Schlagens einer Handtasche ins Gesicht einer deutschen Frau zum Tode verurteilt wurde.

Wer angesichts dieser Vorgeschichte gleichwohl meint – wie der Siegener Sozialpädagoge Norbert Schwarte und sein dortiger Kollege, der Historiker Jürgen Reulecke vor einem Vierteljahrhundert –, unbefangen vom Thema Fernweh und Großfahrten der Bündischen Jugend der Nachkriegszeit (1997) handeln zu müssen, weiß hoffentlich, was er tut und sollte besser nicht auf jene einprügeln, für die dies gilt. Eben dies ist aber im vorliegenden Fall zu notieren, fatalerweise im Begründungsband einer damals neuen, von Ulrich Herrmann (1997) im Frühjahr 1991 initiierten Schriftenreihe (Materialen zur Historischen Jugendforschung) und exekutiert am Beispiel eines von Arno Klönne (1931-2015) in Erinnerung gerufenen Textes aus dem Vorläufer des 1948 gegründeten Stern, der Jugendzeitschrift Zick-Zack. Dort konnte man damals lesen und eben auch jetzt, 1990, bei Klönne:

„Jeder mag nach seine Facon selig werden. Was aber nicht widerstandslos hingenommen werden darf, ist die verlogene und unechte Romantik, die in den Köpfen der neu-germanischen Sprößlinge gezüchtet wird […]. Worum es hier geht, ist die Frage, ob man eine Entwicklung von Kräften zulassen darf, die uns schon einmal in eine verheerende Katastrophe geführt haben.“ (zit. n. Klönne 1990: 30)

Norbert Schwarte & Jürgen Reulecke waren entsetzt. Und wandten empört und wohl auch gegen den Überbringer (Klönne) dieser eigentlich leicht nachvollziehbaren Nachricht gewendet ein, Positionen wie diese basierten auf Unterstellungen. Etwa der, „daß die Romantik, die sich in Fahrten und Liedern auslebt, offensichtlich per se verlogen und unecht war“; eine Unterstellung, die 1951 ihren Zweck erreicht hätte, als es der Bündischen Jugend nicht gelungen sei, „in dem sich über den Bundesregierung etablierenden großverbandlichen Korporationssystem Fuß zu fassen.“ (Schwarte/Reulecke 1997: 153) Damit ist das Urteil gefallen über die beiden Autoren dieses Textes: Wir beobachten nicht Wissenschaftler bei der Arbeit, sondern Lobbyisten und Funktionäre[7] – und tun gut daran, alles aus dieser (Funktionärs-) Ecke allererst mit der Elle zu messen, ob es um Wahrheit oder um „nützliche Wahrheit“ (Nietzsche) geht, speziell hier, in diesem Zusammenhang: ob es um Wahrheit geht bezüglich des NS-Kolonialismus mit der Folge des selbst erzeugten, aber gleichwohl heftig beklagten Vertriebenenschicksals.

Damit, also mit der Vokabel „Funktionär“ ist, wie mir scheinen will, das Feld bereitet für den nächsten Abschnitt, handelnd erneut von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), diesmal, als gäbe sie den Clown in Dinner-for-one, mit der same-proedure-as-last-year-Nummer, verkörpert nicht von Grau. Sondern von Kittel.

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Wir schreiben den 2. Februar 1992. An jenem Tag feiert ein junger Mann aus Großhaßlach seinen 30. Geburtstag – ein wenig zu alt eigentlich für das Einreichen einer Doktorarbeit (im nämlichen Monat), jedenfalls wenn man Karriere machen will; nicht zu alt allerdings, wenn man sich seines Netzwerks so sehr gewiss sein darf wie dieser junge Mann, der in seiner Danksagung stolz „Wir“ sagt, nicht, weil er endlich auch einmal wie ein König reden will, sondern weil er sich als Teil eines Ganzen empfindet mit Konrad Adenauer als Fixstern. Denn ob nun die gleichnamige Stiftung, eben die KAS, dem dieser junge Mann – richtig: Manfred Kittel – für ein gut zwei Jahre Graduiertenförderung dankt; ob nun Anselm Doering Manteuffel, „dessen Thesen (zur Ära Adenauer) […] auf den Prüfstand zu stellen“ zu dürfen sich glücklich schätzt (vgl. Kittel 1993: 473); oder ob nun in der dann veröffentlichten Schrift, wo Adenauer ausweislich des Personenregisters auf über 70 Nennungen kommt. Kurz: Überall ist, um an Charles Wilp zu erinnern, zwar nicht Africa Cola, wohl aber Adenauer light sowie, und darum geht es uns hier: Seebohm very light. Meint: Kittel legt in seiner Dissertation im Kapitel „Ehemalige“ als Politiker in Bund, Ländern und Kommunen, Unterpunkt Bundespolitische Fälle, Seebohms skandalöse Einlassungen zum NS breit dar. Aber unter dem Vorzeichen, er habe Adenauer immer wieder „Schwierigkeiten“ bereitet, dies zumal angesichts der „polemischen Forderung der SPD, Seebohm in den ‚politischen Orkus‘ zu schicken.“ (Kittler 1993: 77, 79) Ist dies die Sprache der Wissenschaft? Nein, das ist der O-Ton eines Konrad-Adenauer-Stipendiaten und bayerischen Wirtshausbesuchers und Junge-Union-Anführers. Der Kittel kurz zuvor noch war und dem insoweit gleichsam habituell an Gegenaufklärung und Weißwaschen gelegen ist. Bemerkenswerterweise ohne eine zu Kittels Auslegung des Seebohm-Problems konträre Lesart, wie etwa jene des Dietrich Strothmann (1985) von der Zeit (1961 bis 1988 politischer Redakteur), auch nur mit einer Zeile zu erwähnen.

Dabei nutzt diesem Greenhorn Kittel und seinem Doktorvater Horst Möller wenig, dass es sich, der Zielsetzung dieser Dissertation zufolge, um eine Gegenschrift handelte zu einer anderen Arbeit: Ralph Giordanos Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein (1987) – ein Buch, nicht schon wichtig und richtig, weil sein Verfasser, der in Hamburg geborene jüdische (Fernseh-) Journalist in der NS-Zeit rassisch verfolgt wurde; ein Buch, das man natürlich, wie jedes andere auch, kritisieren kann; auch Polemiken sind zulässig, aber Doktorarbeiten dafür der falsche Ort. Sind Polemiken doch, gattungstypisch, auf das Verschweigen des den eigenen Absichten nicht Zuträglichen hin angelegt – ein den Anforderungen, die an eine Dissertation zu stellen sind, diametral widersprechendes Vorgehen, das damit verlangt ist.

Kein Problem für Kittel, kein Problem offenbar auch für die Zunft (Geschichtswissenschaft), der er zuzuhören wünscht und sein weiterer Lebensweg ausweist. Ebenso wie seine fünfzehn Jahre später vorgelegte Polemik Vertreibung der Vertriebenen? (2007), erschienen in einer Schriftenreihe des Instituts für Zeitgeschichte (Mit-Herausgeber: Horst Möller, Kittels Doktorvater): Erneut gibt Seebohm hier das Unschuldslamm, und auf der Anklagebank, mit dem von Jürgen Reulecke her bekannten Tadel „Mangel an Empathie“ belegt, sitzen die Berliner Stachelschweine mit ihrem „27. Programm vom Winter 1959/60“, gerichtet gegen Seebohm (vgl. Kittel 2007: 29). Erst Kittels Kollege Norbert Frei rückte die Dinge wieder zurecht und stellte Seebohm, erkennbar gegen Kittel, aber ohne diesen beim Namen zu nennen, dahin, wo er hingehört: an den „rechten Rand“ (Frei 1996: 171). Den Rest, also die Selbstdemontage, besorgte Kittel selbst, indem er in jenem Buch den Vertriebenideologen Alfred de Zayas, inzwischen dem Think Tank der Neuen Rechten zugehörig, gegen die scharfe Kritik des Historikers Lother Kettenacker (1978) in Schutz und suchte ihn, nach wie vor besessen von seinem Dissertationsthema, als einen von linker Gesinnungsjournaille verfolgten Gegner von Brandts Ostpolitik stark zu machen, kurz: Kittel sprach Zayas das Verdienst zu, die damals allgemein als „politisch inkorrekt“ (Kittel 2007: 163) verbuchte Vertriebenenthematik – immerhin im Verdacht stehend, der Relativierung deutscher Schuld zu dienen – mutig auf die Agenda gerückt zu haben. Ähnlich wie Kittel, soll uns die dem angefügte, ziemlich peinliche Geschichte eines „couragierten Privatdozenten“ in Erlangen (= Kittel) sagen; derselbe (ja doch: Kittel!, als sei er Jesu am Kreuz) sei noch Mitte der 1980er Jahre in seinem Hauptseminar genötigt gewesen, „defensiv-rechfertigende Bemerkungen“ zu machen, „um nicht allein aufgrund der Themenwahl in einen falschen, revanchistischen Verdacht zu geraten.“ (ebd.: 164)

Einverstanden: Im Kreis Gleichgesinnter, etwa in Rhöndorf im Konrad-Adenauer-Haus, trifft Kittel mit Anekdoten dieser Art fraglos sicherlich heute noch auf Schenkelklopfen. Wohl aber eher nicht dort, wo derlei als Relativierung deutscher Schuld wahrgenommen werden muss, wie 2014 Thema wurde, als man Kittel von seinen Aufgaben als Direktor der Berliner Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung entband, wegen eben auf diesen Nenner zu bringender Vorwürfe polnischer Ausstellungsmacher.[8] Vorwürfe, die allerdings die FAZ nach alter, schon bei Kittels Dissertation bewährter, diesmal durch Reinhard Müller verfochtener Sitte („Dem Direktor kann man nichts vorwerfen“[9]) aus der Welt zu schaffen suchte. Nichts vorwerfen? Ich rate allen allzu rasch Urteilssicheren in Fragen wie diesen, mir bei Gelegenheit einmal zu erklären, was sie bei Kittel oder auch Zayas gefunden haben zu den Verbrechen nachmals Vertriebener.

Damit schließt sich der Kreis: Manfred Kittel bot über ein Vierteljahrhundert hinweg von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) geförderte „Funktionärswissenschaft“ im Dienste der Vertriebenen (auch unter seinen Professoren) und auf Kosten der Naziopfer. Und Andreas Grau, gleichfalls gefördert von der KAS, tut es ihm aktuell gleich. Die spannende Frage lautet: Hat dies die WBG übersehen – oder etwa nicht sehen wollen, als sie mein Geburtstagsgeschenk in ihr Programm nahm?

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In diesem Moment – wir schreiben jetzt wieder den 1. März 2023, wir plauderten gerade so nett mit Oma und Opa, ich gedanklich ein wenig abgelenkt, – klingelte es Sturm: Ein Typ von Amazon mit rabenschwarzem Kapuzenpullover und FFP2-Maske vorm Gesicht stand vor mir, ein Wrack von Buch rechts und ein brandneues links. Ich wähle, wie immer eigentlich, links – das Wrack würde ich Sammy vor die Hundehütte legen –, und hielt ein Exemplar in Händen mit Widmung „Happy Birthday, Yours truly, Jeff Bezos!“ Entgeistert starre ich den Amazon-Typen an, der jetzt seine Maske abnimmt und sagt: „Happy Birthday, Daddy!“ Da nahm ich ihn – Leo, wer sonst? – in den Arm, was er gar nicht mochte, aber er hatte mich auf den Arm genommen, was ich gar nicht mochte.

„Und die Sache mit Jeff Bezos, dem vormaligen Chef von Amazon…“

„Gut Papi!“ Meine Tochter war auch noch da.

„… ist euer Beitrag zu meiner großen Hoffnung, die Sache mit den Kundenrezensionen bei Amazon betreffend?“[10]

„Gut Papi!“ Jetzt reichte es mir – und ich nahm auch sie in den Arm.

Der Rest ist schnell erzählt: Das Buch in der Hand zu halten war schön. Der Geruch astrein. Die WBG gab sich am Telefon, meine Frage betreffend, was dieses Buch in einer Wissenschaftlichen Buchgesellschaft zu suchen habe, und dies auch noch in Reihe wbgAcademic, recht zugeknöpft. Ob schon Vereinsmitglieder gekündigt hätten. Oder ob sicherheitshalber nur noch Mitglieder aufgenommen würden mit CDU-Parteibuch. Wer das Buch begutachtet habe. Da nichts Relevantes kam, wie beim Mikado, machte ich mir meinen eigenen Reim.

Anerkannte Wissenschaftler*innen unter den Autor*innen (Ist gendern erforderlich? Es geht doch nur um die CDU!)? Null.

Unter den Zitierten? Kaum messbar und wenig aussagekräftig, Beispiel Wolfgang Benz: Nennungen 10, aber meist nur in den Literaturhinweisen.

Habermas? Null! Adorno? Zwei! Arendt? Sechs, aber die meisten zielen auf das gleichnamige Institut. Aly? Dito. Niemeyer? (Aus dem Off, mein Lektor Konrad Bronberger: Bitte nicht übermütig werden, Herr Niemeyer!) Margalit? Dito.

Heaven! Wie komme ich überhaupt auf Professor Gilad Margalit (1959-2014), früher Dept. of General History an der Uni Haifa, der leider vor zehn Jahren starb? Wenn ich jetzt antworte: Von Wikipedia her, bricht bei Wissenden wahrscheinlich hämisches Gelächter aus! Tatsache ist aber, dass ich am 14. Sowie 21. Februar 2023 auf haGalil nicht etwa ein Verbot von Wikipedia gefordert habe, sondern Transparenz und den Verzicht auf lächerliche Pseudonyme wie „Jergen“ (ich könnte jetzt, aufs Blaue hin, ergänzen: wie „Ente 99“ oder „Stromer 97“ oder was auch immer).

Ungeachtet dessen bleibt richtig: Wikipedia erleichtert die wissenschaftliche Arbeit ungeheuer. Wer beispielsweise als Suchwort „Hans-Christoph Seebohm“ eingibt – um nur mal so ein Beispiel zu geben – kommt unter Fußnote 1 (Stand: 27.02.2023, 20:14) bei Andreas Grau heraus und unter Fußnote 5 bei Gilad Margalit. Wissenschaftler (soll ich jetzt [un-] verschämt sagen: C’est moi!?) zeichnet aus, beiden Spuren nachzugehen; Nicht-Wissenschaftler (das Beispiel gibt Dr. Andreas Grau) charakterisiert, nur im eigenen Saft zu schmoren und sich zumal von Juden nicht irritieren zu lassen. Die Kunst in der Leitung eines Verlages mit Wissenschaftsambitionen (wie komme ich jetzt bloß auf die WBG?) besteht darin, Wissenschaftlern Verträge zu geben und Nicht-Wissenschaftlern nicht.

Soweit die Moritat im Ganzen. Jetzt, zum Grande Finale hin, die exemplarische Kleinarbeitung derselben am Beispiel des hier in Rede stehenden Buches.

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Kein Wort zu Margalit im hier zu rezensierenden Buch, kein Wort aber auch zu Seebohm. Wie also soll das funktionieren – diesem Handbuch Geschichte der CDU Wissenschaftsrelevanz zu bestreiten, wenn der kritische Wissenschaftler scheinbar gar nicht benötigt wird, und zwar in Ermangelung der Person (eben Seebohm), über die er am meisten weiß?

Nun, nicht so kleinmütig, das funktioniert wunderbar. Zumal das Verschweigen NS-belasteter CDU-Politiker (wie Seebohm) sowie das Schweigen über ihre „dunklen Seiten“ in diesem Handbuch die Regel ist, also Methode hat. Merke, auch dies als Rat an die WBG gedacht für zukünftige Fälle: Legt vorher ein Lastenheft an, von wem oder von was auf keinen Fall geschwiegen werden darf, wenn das Ergebnis als wissenschaftlich will gelten können. Beispielsweise, weil ich mich ein wenig auskenne mit Nietzsche und weil, wie ich mal vermute, dies während meiner Zeit bei der WBG nicht jedem gefiel: Von der Syphilis muss reden können, wer Nietzsche auch in seinen dunklen Seiten verstehen will. Punkt.

„Was aber müsste in einem Lastenheft eines Buches stehen, das wissenschaftlich über die CDU zu handeln beabsichtigt?“

Auf diese Frage aus dem Off würde ich jetzt am liebsten aufs Blaue hinein antworten, also mit:

„Lieber Herr Dr. Heucke, ich soll jetzt also die Arbeit Ihrer Lektor*innen machen, oder? Also gut: Kiesinger ohne Beate Klarsfeld geht gar nicht; Heinrich Lübke ohne Albert Speer auch nicht; Kai-Uwe von Hassel ohne Ralph Giurdano ebenfalls nicht; und über Alfred Dregger nur Banales zu schreiben und über Hans Filbinger lediglich, wie es Wolfgang Tischner, Leiter Publikationen/Bibliothek von der KAS, in meinem Geburtstagsgeschenk tut: Für sein „Stolpern“ „waren weniger seine Taten wie späte Todesurteile als vielmehr seine äußerst ungeschickte öffentliche Verteidigung entscheidend“ (S. 55), geht gar nicht. Um mich darob zu empören und Herrn Tischner zu fragen, wie es sich denn, um Gotteswillen, um seinen Begriff einer ‚geschickten öffentlichen Verteidigung‘ verhält, muss ich nicht einem aus der dritter Linie von Filbingers Opfern in der Marine zuhören. Nein, dazu reicht vollständig mein Wissen um das, was Wissenschaft ist und Moral meint!

Wieder Dr. Heucke, in meiner Fantasie:

„Einverstanden! Aber was ist nun mit Seebohm? Sie sagen ja selbst, er fände im Handbuch nicht statt. Schlimm, meinetwegen. Aber was gibt der Fall sonst noch her?“

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Ganz einfach, zurückkommend auf Wikipedia über Seebohm: Wenn hier unter Literaturhinweise Andreas Grau Nr. 1 ist und Gilad Margalit Nr. 5 – was gibt dann Anlass zu der Vermutung, Grau habe nicht interessiert, was der Israeli geschrieben hat? Richtig, nichts – außer vielleicht, Grau benötige die Pose des demonstrativen Desinteresses, um im KAS-Lexikon den Satz zu schreiben, den ich oben kritisiert habe und hier gerne noch einmal wiederholen kann:

„Für spätere Behauptungen aus dem sowjetischen Herrschaftsbereich, er [Seebohm; d. Verf.] habe sich an jüdischem oder tschechoslowakischem Besitz bereichert, fehlt jeder Beleg.“

Ich habe diesen Satz oben methodologisch bewertet (Sie erinnern sich: F.i.a.T) und möchte dies nun inhaltlich tun, einmal, indem ich der Spur nach Israel (Margalit), andererseits, indem ich cues aufgreife aus jenem Wikipedia-Artikel. Was ich mir als ausgewiesener Wikipedia-Kritiker leisten kann, deutlicher: Ich kann mir leisten, Graus in einem sehr angenehmen Hintergrundgespräch am 27. Februar 2023 gegebenen Hinweis, was bei Wikipedia stünde könne man nicht unbesehen glauben, in den Wind zu schlagen, jedenfalls in Nebenfragen. Warum soll ich beispielsweise bezweifeln, dass Seebohm einen Vater hatte, nämlich Kurt Seebohm (1870-1946), einen deutschen Montanindustriellen und gebürtigen Düsseldorfer? Der seinerseits einen Vater hatte, Hermann Seebohm (1827-1886), einen Industriellen, über dessen Ehefrau unser Seebohm verwandt war (Enkel) mit einem irischen Bergbauunternehmer? Mehr als dies: Über seine Mutter war Seebohm auch verwandt mit deren Vater, einen Bergwerksdirektor und Vetter seines Vaters. An dieser Stelle – da es etwas kompliziert wird, – empfehle ich den Dallas-Trick: Stellen Sie sich Seebohm in einer ersten Einstellung einfach wie eine Art „J.R.“ vor, mit einer Aufgabe vor Augen: Knete war genug da – es ging nur darum, dass dem auch so blieb. Denn einige „Ölfelder“ lagen leider nicht im (vormals ziemlich) Wilden Westen, sondern in den „vormaligen deutschen Ostgebieten“, schon Jahrzehnte bevor sie eben dies waren, nämlich „vormalig“; etwa, seit 1906, als Vater Kurt Leiter von Kohlebergwerken in Graupen (heute Krupka in Tschechien), Seestadt (heute Ervenice in Tschechien) und Königswerth an der Eger (heute eine Gemeinde am Stadtrand von Sokolov in Tschechien) war. Heutzutage wäre klar, welchen Lärm „J.R.“ schlüge, weil ihm Robert Haebeck des Klimaschutzes wegen verböte, weiterhin Kohle aus seiner Kohle (sorry: seinem Öl) zu schlagen. Nur, damit Sie in etwa eine Vorstellung haben von der Stimmung auf unserer „Southfolk Ranch“ im November 1945, als die Seebohms aus der Tschechoslowakei ausgewiesen wurden: Richtig, Sie, die Stimmung, war nicht gut: Der Vater starb im Juni 1946. Und der Sohn Hans-Christoph, inzwischen im allerbesten Alter (42 Jahre) und zuletzt, 1941, in Königswerth Mitbegründer einer Auffanggesellschaft zur Übernahme arisierten Eigentums und ausgestattet mit mehreren Posten in den Vorständen ‚entjudeter‘ Unternehmen, begann, den Vater zu rächen und, als Mitglied einer Partei von Altnazis und Vertriebenenfunktionären, die alten „Ölfelder“ zurückzufordern. Und die für die Erforschung von derlei Zusammenhängen zuständige, von vertriebenen Professoren dominierte Historikerzunft weiß von all dem nichts? Beraten von einer Stiftung, eben der KAS, bei der einem alles ziemlich Grau vorkommt und von deren Mitarbeiter*innen heutzutage keiner an meinem Geburtstagsgeschenk mitgeschrieben hätte, würde ihr oberster Dienstherr Norbert Lammert dies nicht goutieren und die WBG nicht Wachs in seinen Händen sein.

Dass, mit Verlaub, darf alles nicht wahr sein, oder? Auch, dass ich, ein gelernter Sozialpädagoge ähnlich wie Götz Aly, soviel weiß – und die anderen nur so wenig. Soll ich Ihnen an dieser Stelle mein Geheimnis verraten? Es wird Sie vom Stuhl hauen: Ja, ich, aktuell der schärfste Wikipedia-Kritiker unter der Sonne – bin so schlau dank Wikipedia! So, wie in diesem Fall: Seebohms Familiengeschichte habe ich aus Wikipedia (von mir ist nur die unterhaltungsmäßig angeratene Dallas-Parallele), und auch das danach erzählte habe ich aus Wikipedia! Etwas weniger trotzig geredet und leider sehr viel grauer: Als Quelle leitete mich der Wikipedia-Artikel Hans-Christoph Seebohm unter Nr. 3 und 4 – Sie erinnern sich: Nr. 1 galt Grau, Nr. 5 Margalit – hin auf das vom Rabbinersohn und SED-Politbüromitglied Albert Norden in Zusammenarbeit mit Friedrich Karl Kaul sowie Norbert Podewin erstellte DDR-Braunbuch BRD (1968), das bei seinem ersten Erscheinen (1965) zur Enttarnung vieler ehemaliger NS-Täter im westdeutschen Staatsdienst führte und auch den Fall Filbinger ins Rollen brachte sowie den Abschied Lübckes forcierte. Wodurch die Beliebtheit dieser Quelle in CDU-Kreisen nicht gerade stieg, wie der von Kurt Georg Kiesinger (einer der in diesem Braunbuch Beschuldigten) unterstützte, vom einem geltungssüchtigen Amtsrichter namens Norbert Pawlik (hierzu: Der Spiegel 44/1967)  angeordnete spektakuläre Polizeieinsatz am Ende der Frankfurter Buchmesse 1967 anlässlich der Vorstellung der 2. Auflage dieses Braunbuchs Zeugnis gibt (vgl. Nees 2015), ebenso wie das Schweigen über all dies in Kreisen der KAS, bis auf den heutigen Tag, wie wir nun feststellen können: unterstützt 2022/23 von der WBG.[11]

Wie es anders hätte gehen können, wissenschaftlich korrekter – wir greifen sie nun auf, die oben angesprochene Israel- resp. Margalit-Fährte – zeigt eine Tagung der Ranke-Gesellschaft von 2008 mit dem Titel Flucht, Vertreibung und Vertriebenenintegration. Gestrickt wurde sie, was die Referentenauswahl angeht, nach dem Muster, so der Veranstalter, der Würzburger Historiker Matthias Strickler, ansonsten ein Liebling der CDU und auch Andreas Graus, Referenten „nicht mit Blick auf bestimmte ‚Gesinnungen‘ oder Zugehörigkeit zu ‚wissenschaftspolitischen Lagern‘“ auszuwählen, sondern unter der Maßgabe, dass ein „kritischer Diskurs“ (Stickler 2013: 11) in Gang kommt. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, gleichwohl offenbar mit Anregungspotential für die WBG. Meint zugleich: Diese Idee kam nicht in Betracht für das hier zur Rezension anstehende Handbuch. Wobei es auch hier – wer ein wenig googelt zur Person Stickler, wird nicht überrascht sein, – nur um eine Nebelkerze handelt, die offenbar verhindern sollte, dass Leser*innen des Kongressbandes denselben gleich wieder zuklappten, wenn sie auf den wohlformulierten Beitrag von Gilad Marghalit von der Uni Haifa trafen. Und nicht nur seiner recht deftigen Kritik an Matthias Sticklers und Manfred Kittels Seebohm-Banalisierung (vgl. Marghalit 2014: 38) über sich ergehen lassen mussten, sondern auch einem archivalisch nach allen Seiten hin abgesicherten Beitrag zu Seebohms Neu-Grenzziehungsplänen in den 1950er Jahren, als er, seit 1949 Bundesverkehrsminister, noch Mitglied der Deutschen Partei (1945/47 bis 1961) gewesen war, die sich mit einem Logo in den Farben der Reichskriegsflagge schmückte und in welcher Seebohm in sog. Sonntagsreden mehrere Skandale mit nachfolgenden Prozessnoten der Alliierten provozierte. Seebohms Problem, wie im Vorhergehenden angedeutet: Er konnte sich mit den Kriegsfolgen nicht abfinden. So wollte er die Grenzen von 1937 nicht anerkennen, stellte die Legalität der Grenze der Tschechoslowakei in Frage, sah eine „Parallele zwischen dem Genozid an den Juden und der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten“. Schon dieser Vergleich, ohne jede Frage einer nach dem Geschmack des Björn Höcke, zeigt die ganze Maßstabslosigkeit Seebohms, dem das Wort von der „Vertriebenenschuld“ und zumal das Wort von seiner persönlichen Schuld nicht über die Lippen kam und der es fertigbrachte, selbst die Folgen der NS-Vernichtungspolitik, nämlich die Gründung des Staates Israel für den spärlichen Rest der dem Nazi-Terror Entronnenen, für seine Zwecke zu nutzen und als Beleg dafür zu lesen, „dass selbst nach 2000 Jahren Heimatvertreibung“ (ebd.: 41) das Hoffen auf Gerechtigkeit belohnt werden könne. Wie angedeutet: Stickler, eher auf Grau- wie KAS-Linie, hat, wie mir scheinen will, „diesen Juden“ reden lassen, denn ein Feigenblatt ist immer besser als ganz nackt dazustehen.

Mein Fazit: Das Hoffen, die CDU können sich den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit auf so billige Weise entledigen wie mit diesem von der WBG gesponserten und durchgewunkenen Handbuch, wird nicht belohnt, jedenfalls nicht von mir. Sowie: Eine Buchkatastrophe wie diese, extrem schädigend ebenso für die CDU, dies auch im Blick auf ihr Interesse, Punkt bei der Jugend zu machen. Niemand sollte unterschätzen, dass die „Jugend von heute“, im Unterschied zur „Jugend von Gestern“ durch den Schulunterricht für das Thema NS extrem sensibilisiert ist und also die Schwächen dieses Handbuchs, sollte es im Unterriecht zum Einsatz kommen, recht schnell erkennen würde. Pleiten dieser Art werden sich für die Zukunft nur vermeiden lassen, sich die WBG (oder eben wbg) des an der Machtergreifung der Nazis förmlich zu Grunde gegangenen, längst vergessenen Klassikers der Sozialpädagogik, Aloys Fischer (1880-1937), erinnert:

„Wissenschaft will nichts als erkennen; in solcher Einstellung ist sie autonom und zugleich allumfassend“,

ließ er, nicht zufällig 1932, verlauten, um dem die Umkehrung anzuschließen:

„Wer sich der Wissenschaft bedient, um sie vor den Karren seiner eigenen Interessen zu spannen, übersieht, „daß er mit solcher Zumutung die Autorität zerstört, die er nutzen möchte.“ (zit. n. Niemeyer 32010: 114)

Die Forderung an den Vorstand der wbg, etwa an Hubert Wolf, Hermann Parzinger sowie Nikolas Jaspert kann folgerichtig nur lauten, die aktuellen Geschäftsführerinnen Beate Varnhorn und Claudia Ferber im Verein mit dem Programmleiter Clemens Heucke zu veranlassen, die in Druck befindliche zweite Auflage des Handbuch zur Geschichte der  CDU dieser Partei resp. der KAS zum Rückkauf anzubieten und vorhandene Verträge zu annullieren.

 

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin, TU Dresden

Text: Basiert auf meinem neuen Buch Die AfD und ihr Thank im Sog von Trumps & Putins Untergang. Eine Analyse mit Denk- und Stilmitteln Nietzsches (= Bildung nach Auschwitz, Bd. 2). Beltz Juventa: Weinheim Basel 2023 (i.E.). Dort auch alle sonstigen Literaturhinweise.

 

[1] Zum Grund dafür s. www.hagalil.com/2023/02/wikipedia

[2] Dass hier und im Folgenden so viel Lob auf die Wikipedia fällt, ist mir etwas peinlich. Es könnte ja gelesen werden als Zeichen dafür, dass ich jetzt zu Kreuze krieche – eine mich als Nietzscheaner beleidigende Annahme. Einigen wir uns also lieber auf: Sometimes you win… etc. pp.

[3] Ansonsten lesen Sie – nein!, nicht jetzt sofort – nach, und zwar unter www.hagalil.com/2022/10/spott-light-bamS, demnächst auch in Die AfD und ihr Think Tank im Sog von Trumps & Putins Untergang (2023), hier im Kap. 6.2.

[4] Wie man Bücher rezensiert, die man gar nicht gelesen hat, habe ich andernorts erläutert (vgl. Niemeyer 2021: 655 ff.; 675 ff.).

[5] www.kas.de/de/web/geschichte-der-cdu/personen/biogramm-detail/-content/hans-christoph-seebohm1 (abgerufen am 24. Februar 2023, 18: 42)

[6] Nietzsches „heitere Deutschthümelei“ (V: 195), es sei vielleicht eine Idee wert, Rassenmischung zwischen jüdischem und beispielsweise jenem des „adeligen Offiziers aus der Mark“ zu unterstützen, damit „etwas Geist und Geistigkeit“ (V: 194), dem Juden resp. der Jüdin (Nietzsche dachte hierbei an seine große, leider unerwiderte Liebe Lou von Salomé) eigen, wieder eine Chance bekämen bei den Herrenmenschen, war zu jener Zeit längst vergessen, besser gesagt: Es war vergessen gemacht worden durch Elisabeth Förster-Nietzsches raffinierte Verfälschung gerade dieses Textstücks (vgl. Niemeyer 2009), und zwar zur Erleichterung der Nazis, war doch Rassenmischung nach ihrer Lehre Todsünde (anders als – ja: so pervers war die Lage damals in deutschen Kleinhirnen – die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, und sei es in Gestalt einer unerwünschten ‚Rasse‘, den Semiten).

[7] Sehr erfolgreich offenbar, wie mir 2001 im Zusammenhang der Steglitzer Tagung 100 Jahre Wandervogel auffiel (vgl. Niemeyer 2001a; 22022: 68 f.), als mein Sozialpädagogik-Kollege Schwarte die unmittelbar zuvor (1998) von mir dargelegte dunkle Seite von Karl Wilker (1888-1980) (vgl. Niemeyer 32010: 186 ff.) auf einer immerhin von der Bundeszentrale für politische Bildung mitveranstalten Tagung  völlig unbeachtet ließ – und sein Halbwissen gleichwohl im sechs Jahr später erschienen Tagungsband präsentierte. (vgl. Schwarte 2006; ähnlich verharmlosend: Herrmann 2008: 184 ff.) 

[8] www.tagesspiegel.de/kultur/direktor-der-stiftung-vertreibung-geht-3601357.html (abgerufen am 14.01.2023, 10:29)

[9] Reinhard Müller am 2.12.2014, 11: 49, s. www.faz-net/aktuell/politik/in-der-vertriebenen-stiftung-wird-es-neue-personalien-geben-13296899.html (abgerufen am 14.01.2023, 10:40)

[10] Näheres hierzu unter dem Link www.hagalil.com/2023/02/wahrheit-und-luege

[11] Dies alles darf indes nicht dazu verleiten, die Sprache dieses Braunbuchs – funktionärsdeutsch à la Stasi, Typ Sachsen- oder auch Trabi-grau – nicht für grässlich zu erklären oder dieser Quelle, einer vom Typ „nützliche Wahrheit“ (Nietzsche), vorbehaltlos zu vertrauen; oder gar abzusehen vom Fortwirken von Alt-Nazi-Seilschaften auch in der DDR.