Der Jüdische Friedhof Potsdam

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Der Abend am Alten Markt am 16. Februar 2023 in Potsdam war ein hochinteressanter, ein sehr lehrreicher, ein wichtiger für die Stadt Potsdam und ihre Bewohner. Dr. Anke Geißler-Grünberg stellt ihre Dissertation vom letzten Jahr vor. Die Arbeit wurde zwischenzeitlich von dem hervorragenden Harrassowitz Verlag in Wiesbaden in 2 Bänden herausgegeben. Ein regelrechtes Nachschlagewerk über den Jüdischen Friedhof in Potsdam hat Anke Geißler-Grünberg für zukünftige Generationen und Interessierte geschaffen.

Von Christel Wollmann-Fiedler

Der Jüdische Friedhof Potsdam – Dokumentation – Geschichte – Erinnerungsort ist das Thema der beiden Bücher und des Abends. Der Saal im Forum für Kunst und Geschichte im ehemaligen Alten Rathaus füllt sich bis auf den letzten Platz, das Interesse ist schon jetzt sehr groß, eine Buchpremiere einer lohnenden jahrelangen Fleißarbeit.

Wir erfahren über das Judentum in Potsdam vor dem 2. Weltkrieg, erfahren über die Jüdischen Gemeinden und vor allem auch über die Historie der jüdischen Einwanderung. Nach dem Dreißigjährigen Krieg holt der Große Kurfürst die Juden in die Stadt, um den Handel wiederzubeleben, auch am kulturellen Leben werden sie sich beteiligen. Nur 1% der Potsdamer Bevölkerung ist im 20. Jahrhundert Jüdischen Glaubens, 600 Mitglieder sollen es am furchtbaren Ende gewesen sein.

Vom König sind sie abhängig, als Schutzjuden dürfen sie hier wohnen. Wenn sie keine waren, konnten sie abgeschoben werden. Die zu bezahlende Porzellansteuer, d.h. die Zwangsabnahme von Porzellan, brachte viele von ihnen in den Ruin. Friedrich II. betrachtete diese Steuer als gute Einnahmequelle, so wird das Leben des einfachen Juden in Brandenburg gewaltig eingeschränkt. Erst im 19. Jahrhundert werden die Juden gleichberechtigte Bürger in Preußen.

Wir gehen zurück zum Thema des Abends und der gewissenhaften Arbeit von Anke Geißler-Grünberg. Die Jüdische Gemeinde möchte einen eigenen Friedhof in Potsdam haben. Bislang werden ihre Toten in der Großen Hamburger Straße in Berlin beerdigt, ein schwieriger und weiter Weg bis dorthin. Der Jüdischen Gemeinde wird 1743 ein brachliegendes Gelände hinter den Weinbergen, außerhalb der Stadt, angeboten. Der Pfingstberg in Potsdam ist damals voll mit Weinstöcken bepflanzt. In den Jahren wird erweitert, heute ist dieser Friedhof am Fuße des Pfingstberges mit seinem Gärtnerhaus und der Trauerhalle UNESCO Weltkulturerbe.

Wir hören, dass Körper und Seele eine Einheit bilden, auch über den Tod hinaus. Die Gräber dürfen nicht weggeräumt werden, bleiben auf Ewigkeit an diesem Ort, sagt die Tradition. Bis 1945 wird auf diesem Friedhof beerdigt, doch in den letzten drei Jahren ohne Grabstein. Zu Beginn der Veranstaltung erklärt uns Anke Geißler-Grünberg die Grabanlage der Magdeburger Rabbinertochter Johanna Cohn, geb. Philippson und ihres Ehemannes Dr.phil. Tobias Cohn,  Rabbiner in der liberalen Jüdischen Gemeinde in Potsdam, im 19. Jahrhundert. Aus schwarzem schwedischen Granit mit hauptsächlich deutscher Beschriftung wird der Stein gefertigt. Die vom Steinmetz eingemeißelten segnenden Hände zeigen, dass die Cohns zu den Kohanim gehören, sind Angehörige der Jüdischen Priesterschaft, eine religiöse Autorität des Judentums. Von anderen wichtigen Persönlichkeiten erfahren wird, die auf dem Friedhof beerdigt wurden.

1938 pöbelt der Mob auf dem Friedhof, will Gärtnerhaus und Trauerhalle anzünden, doch gelingt es ihnen nicht, Grabsteine werden nicht angetastet. 1940 dann werden Ketten, eiserne Zäune und Gitter abgebrochen, als Reichsmetall gespendet und verwendet. 1944 wird der Friedhof arisiert und wird städtisch, eine Jüdische Gemeinde gibt es nicht mehr. Einige Juden können in die weite Welt fliehen, andere werden in den Gaskammern ermordet.

Zu Zeiten der DDR wird Antifaschismus propagiert, doch gibt es zur Pflege des Friedhofes keine finanziellen Mittel und keine Empathie, ist eher Ballast. Es gibt keine Jüdische Gemeinde in Potsdam.  

1977 wird der Friedhof unter Denkmalschutz gestellt, doch das einzigartige Erbe wird nicht gepflegt, 1989 gar soll die Trauerhalle abgerissen werden.

Seit 1990 gibt es wieder eine jüdische Gemeinde, da seit 1989 die Einwanderung der Juden aus den GUS Staaten beginnt, so wird die erste Beisetzung 1992 stattfinden. 1993 beginnt die Sanierung des Friedhofes mit über 500 historischen Grabanlagen, zuvor wird ein Lageplan erstellt.

Der Jüdische Friedhof ist ein offenes Museum, ein Bildungsort und ein Archiv jüdischer Geschichte, um diese Aspekte für die Zukunft zu erhalten muss permanent daran gearbeitet werden, sozusagen ein Fass ohne Boden, erklärt die Judaistin und Historikerin Dr. Anke Geißler-Grünberg.

Die Veranstaltung hätte so weitergehen können, interessante Fragen hat Herr Markus Wicke vom Förderverein des Potsdam-Museums parat und hochinteressant ist Anke Geißler-Grünbergs Erzählen.

Die Qualität ist hervorragend, die Fotos vom Feinsten. Die beiden Bücher werden dem Weltkulturerbe gerecht.

Anke Geißler-Grünberg, Jüdischer Friedhof Potsdam. Dokumentation – Geschichte – Erinnerungsort.
Teil 1: Geschichte, Gestaltung, Ort der Erinnerung
Teil 2: Dokumentation der Grabsteine und Grabanlagen
Harrassowitz Verlag, 2022

Die jüdischen Friedhöfe lassen sie nicht los, ist irgendwo zu hören. Die reichhaltige, lange Publikationsliste zeigt auch dieses. Geboren wird Anke Geißler im Jahr 1971 in Berlin und besucht in ihrer Geburtsstadt die Schule. Dann wird sie Facharbeiterin für Datenverarbeitung bei der Deutschen Post in Berlin. Ein Fernstudium an der AKAD-Hochschule für Berufstätige in Hannover hängt sie an, beendet dieses mit dem Abitur. Geschichte und Jüdische Studien studiert sie an der Universität Potsdam und an der Hebräischen Universität Jerusalem, mit dem Magister beendet sie das Studium. In verschiedensten Projekten bewies sie ihr Können. Es sind im Moment keine weiteren Projekte in Aussicht. Gespräche über eventuelle zukünftige Dokumentationsarbeit führt sie mit dem Landesdenkmalamt in Berlin und in Brandenburg.

In unterschiedlichen Orten und Landschaften war sie in den Jahren mit Projekten, auch Schülerprojekten, unterwegs. In Wusterhausen an der Dosse wird der Jüdische Friedhof genannt, dann das „Jüdische Treuenbrietzen“, ebenso „Jüdische Orte in Potsdam“. In ihrer Vita ist  zu lesen, dass sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Denkmalkunde der Europa-Universität Viadrina war, ebenso an der Universitätsbibliothek Potsdam zum Thema „NS-Provenienzforschung“, dann freie Mitarbeiterin des Heimat- und Geschichtsvereins Pappenheim und Ortsteile e.V., Bayern in Pappenheim/Franken, freie Mitarbeiterin bei Helle Panke e.V. Berlin und freie Mitarbeiterin am Institut für angewandte Geschichte in Frankfurt an der Oder. Anschließend in der Unteren Denkmalschutzbehörde Potsdam als freie Mitarbeiterin und Operatorin im zentralen Rechenzentrum der Otto-Reichelt AG. Berlin. Die wichtigste Aufgabe ist im Moment die Koordination der Datenbank „Jüdische Friedhöfe in Brandenburg“: www.uni-potsdam.de/de/juedische-friedhoefe.