Mit Flugblättern gegen die Nazi-Diktatur

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Vor genau 80 Jahren wurden die Geschwister Scholl und Christoph Probst von dem berüchtigten Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und sofort brutal hingerichtet. Viele Schulen und Straßen in Deutschland tragen heute ihren Namen. Grund genug, sich noch einmal die Geschichte dieser studentischen Widerstandsbewegung anzuschauen.

Von Ralf Balke

„Es lebe die Freiheit!“ Das sollen die letzten Worte von Hans Scholl gewesen sein, bevor er zusammen mit seiner Schwester Sophie sowie ihrem Mitstreiter Christoph Probst mit dem Fallbeil am späten Nachmittag des 22. Februar 1943 in München-Stadelheim hingerichtet wurden. Nur wenige Stunden zuvor, und zwar gegen 12.45 Uhr, hatte der sogenannte Volksgerichtshof unter Vorsitz des Blutrichters Roland Freisler die drei Studenten zum Tode verurteilt. Als Gründe nannte das 1934 eingerichtete Sondergericht, das bis 1945 etwa 5.200 Menschen ermorden ließ, „Wehrkraftzersetzung“, „Feindbegünstigung“ sowie die „Vorbereitung zum Hochverrat“. Zwischen der Verhaftung und der Hinrichtung der drei Studenten lagen gerade einmal vier Tage – selbst für die gleichgeschaltete Nazi-Justiz, die Menschen im Schnellverfahren in oftmals demütigenden Schauprozessen dem Henker zuführte, war das überraschend schnell. Als einen der treibenden Kräfte dahinter nennt der Historiker Hans Günter Hockert, der sich jüngst noch einmal intensiv mit den Ereignissen rund um die Verhaftung der Mitglieder der als „Weißen Rose“ in die Geschichte eingegangenen studentischen Widerstandsbewegung gegen das NS-Regime beschäftigt hatte, Paul Giesler, seines Zeichens seit 1942 Gauleiter von München-Oberbayern sowie geschäftsführender bayrischer Innen- und Kultusminister in einer Person. Er hatte Adolf Hitlers Sekretär Martin Bormann nur einen Tag nach der Verhaftung der drei Studenten dazu gedrängt, so schnell wie möglich ein Verfahren einzuleiten und ein Urteil zu fällen. Und weil Giesler als Bormanns Günstling galt, sollte das auch so geschehen.

Der Grund dafür war recht persönlicher Natur, steht aber durchaus im Zusammenhang mit den Widerstandsaktionen der „Weißen Rose“. Denn erst am 13. Januar 1943 hatte Gauleiter Giesler anlässlich der 470-Jahr-Feier der Münchner Universität vor der versammelten Studentenschaft einen Auftritt absolviert, der so gar nicht gut ankommen sollte. So nannte er die männlichen Studenten „Drückeberger“ und beschimpfte alle Studentinnen, sie sollten lieber „dem Führer ein Kind schenken“ statt im Hörsaal zu hocken. Und wer nicht attraktiv genug sei, dem würde er gerne einen seiner Adjutanten zur Verfügung stellen, um den Damen „ein erfreuliches Erlebnis“ zu verschaffen. Daraufhin gab es heftige Proteste, Giesler musste seinen Auftritt vorzeitig abbrechen und das Weite suchen.

Genau diesen Vorfall griffen die Geschwister Scholl, die in dem gegen sie am 21. Februar 1943 ausgestellten Haftbefehl fälschlicherweise als „Eheleute Scholl“ genannt werden, in ihrer letzten Flugblattaktion vom 18. Februar 1943 auf. „Frontkämpfer werden von Studentenführern und Gauleiteraspiranten wie Schuljungen gemassregelt. Gauleiter greifen mit geilen Spässen den Studentinnen an die Ehre“, hatten sie damals unter anderem geschrieben. Es war das letzte von insgesamt sechs Flugblättern, die Mitglieder der „Weißen Rose“ verteilt hatten, in dem sie wie Sophie und Hans Scholl diese vor den Hörsaaltüren und in den Gängen der Münchner Universität auslegten. Dann hatte man aber die Idee, weitere von der Balustrade der oberen Galerie im Lichthof des Gebäudes herabzuwerfen. Genau dabei wurden die Geschwister Scholl von dem Hörsaaldiener Jakob Schmid beobachtet, der zusammen mit anderen sie schließlich solange festhielt, bis die Gestapo eintraf.

Bei der Untersuchung ihrer Taschen fand die Gestapo den Entwurf für ein weiteres Flugblatt, verfasst von Christoph Probst, so dass auch dieser sofort verhaftet wurde. Weitere dreizehn Personen aus dem Umfeld der „Weißen Rose“ gerieten ebenfalls in die Fänge der Ermittler. Und der Prozess vom 22. Februar 1943 war nicht der einzige. Es sollte ein weiterer im April 1943 erfolgen, bei dem noch einmal drei junge Studenten zum Tode verurteilt wurden Alle anderen erhielten Gefängnisstrafen. Nur einer aus der Gruppe, Franz Harnack, kam wegen Beweismangel mit einen Freispruch davon, wurde aber in ein Strafbataillon nach Griechenland abkommandiert, erneut verhaftet und in ein Konzentrationslager verschleppt, aus dem ihm die Flucht gelang, woraufhin er sich den griechischen Partisanen anschloss.

Bis heute wird viel darüber spekuliert, warum die Geschwister Scholl das enorme Risiko eingegangenen waren, am helllichten Tag ihre Flugblattaktion in der Universität auszuführen. Manche Experten bezeichnen sie zwar als „tollkühn“, auf der anderen Seite aber schien es angesichts des großen Risikos dabei erwischt zu werden, der „reinste Selbstmord“ zu sein, wie es der Historiker Hans Mommsen auf den Punkt brachte. Vielleicht dachten sie aber auch, dass nach den Protesten gegen den Auftritt des Gauleiters die Stimmung an der Hochschule bereits gegen das Regime gekippt war, weshalb man sich womöglich eine Spur zu sicher fühlte. Auf jeden Fall hatte ein anderes Ereignis bei ihnen zu der Überzeugung geführt, dass nun die Zeit zum Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft gekommen sei, und das war die kurz zuvor bekannt gewordene Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad, die in Deutschland wie eine Schockwelle wirkte und den Glauben an einen Sieg erstmals erschüttern sollte.

Bemerkenswert ist ebenfalls die Tatsache, dass ihre Gegnerschaft zum Nationalsozialismus keine automatische war, sondern auf recht unterschiedlichen, individuellen Erfahrungen basierte. Denn wie die Geschwister Scholl handelte es sich bei allen Mitgliedern aus dem Umfeld der „Weißen Rose“ um Vertreter einer Generation, die ihre politische Sozialisation fast ausschließlich in den Jahren nach 1933 erlebte, also unter eindeutig nationalsozialistischen Vorzeichen. Hans Scholl hatte es beispielsweise als Fahnenträger der Hitler-Jugend 1935 sogar auf den Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg gebracht. Seine Schwester war beim Bund Deutscher Mädel aktiv, beide zeigten sich anfänglich von dem vermeintlichen Gemeinschaftsideal begeistert, das die Nationalsozialisten stets beschworen. Doch weil ihre Eltern dem Regime mehr als kritisch gegenüberstanden und sie selbst wegen „bündischer Umtriebe“ – Hans Scholl hatte bei einer als HJ-getarnten bündischen Gruppe, den sogenannten „Ulmer Trabanten“, mitgemacht – 1937 verhaftet, verhört und angeklagt wurde, wich die anfängliche Konformität schnell einer Distanz, die später dann zum aktiven Widerstand werden sollte.

Ähnliches ist bei ihren Mitstreitern Christoph Probst, Alexander Schmorell und Willi Graf zu beobachten. Stets ist das Elternhaus entweder sehr katholisch oder protestantisch geprägt oder es herrschte eine besonders freigeistige Atmosphäre, die trotz manch juveniler Begeisterung für das in den NS-Jugendorganisationen beschworene Gemeinschaftsideal wie eine Art Schutzschild vor einer nachhaltigen Indoktrination wirkte. Hinzu kommt das Wissen über die Massenmorde an Juden in den von Deutschland besetzten Gebieten. Willi Graf, der im zweiten Prozess gegen Mitglieder der „Weißen Rose“ ebenfalls zum Tode verurteilt und am 12. Oktober 1943 hingerichtet wurde, war in seiner Zeit als Sanitäter bei der Wehrmacht selbst mehrfach Zeuge solcher Gräueltaten, weshalb er sich schließlich zum Widerstand entschloss. „Ich muss etwas tun!“, hatte er seiner Schwester Anneliese einmal gesagt.

Selbstverständlich waren den Möglichkeiten, die eine Gruppe Studenten hatte, um sich gegen eine Diktatur zur Wehr zu setzen, Grenzen gesetzt. Deshalb fiel die Wahl auf die Flugblätter als Aktionsform. Man wollte die Bevölkerung damit wachrütteln und eine Befreiung „von innen“ her einleiten. Die ersten vier Flugblätter entstanden im Sommer 1942, und damit zu einer Zeit, als die Wehrmacht sich auf der Siegerstraße wähnte und das sogenannte Dritte Reich seine größten militärischen Erfolge feierte. Genau das unterscheidet die Mitglieder der „Weißen Rose“ von den Attentätern des 20. Juli 1944 auf Hitler – schließlich hatten sich die Offiziere erst dann zum Widerstand aufgerafft, als der Krieg bereits so gut wie verloren war. Und anders als diese thematisierten die Studentinnen und Studenten in ihren Flugblättern unmissverständlich die Verbrechen des Nationalsozialismus und Verantwortung aller Deutschen dafür. Zudem forderten sie einen politischen Umsturz. Eine Demokratie, die allen Staatsbürgern individuelle und religiöse Freiheitsrechte garantiert, das war ihr Ziel. So etwas hatten die Männer um Claus Schenk von Stauffenberg eher nicht auf ihrer Agenda.

Im ersten Flugblatt noch nahmen die Mitglieder der „Weißen Rose“ Bezug auf Goethe und Schiller. Für ein Kulturvolk wie die Deutschen sei es absolut unwürdig, sich von Verbrechern wie den Nationalsozialisten regieren zu lassen. Im zweiten bezeichneten sie die NS-Ideologie als ein „Krebsgeschwür“, machten auf die hunderttausendfachen Morde an Jüdinnen und Juden aufmerksam und attestierten den Deutschen eine Mitschuld an den Verbrechen. Im vierten dann betonten sie, dass die aktuellen Erfolge der Wehrmacht nur deshalb möglich waren, weil es überall „grauenhafteste Opfer“ gab. Es endet mit folgenden Worten. „Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen, die Weisse Rose lässt Euch keine Ruhe!“ Zwar hatte die Gestapo die Flugblätter zur Kenntnis genommen. Doch mehr als eine Ahnung, dass ihre Verfasser im Raum München zu suchen sind, gab es noch nicht. Auch waren manche der männlichen Mitglieder der „Weißen Rose“ wieder im Fronteinsatz, wo sie erneut Erfahrungen machen mussten, die sie in ihrer gegnerischen Haltung zum Regime bestätigten. Um die Jahreswende 1942/43 kam es noch zu Graffiti-Aktionen, als einige von ihnen Slogans wie „Freiheit“ oder „Nieder mit Hitler!“ auf Häuserwände schrieben. Das fünfte Flugblatt, das seine Leser dazu aufforderte, ebenfalls durch Taten zu beweisen, dass sie „anders denken“ als die Nazis, wurde zudem mit der Post in andere Städte versandt.

Auch über die Frage, ob der Einsatz von Gewalt gegen die Diktatur ein legitimes Mittel sei, wurde bei der „Weißen Rose“ diskutiert. Doch die Verhaftungen, Verurteilungen und Hinrichtungen setzten ihren Aktivitäten ein Ende. Ihre Flugblätter sollten jedoch weiter zirkulieren. Denn über Helmuth James von Moltke, dem Initiator des Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreises“ gelangten sie nach England, woraufhin die Alliierten viele Tausend Exemplare davon aus Flugzeugen über Deutschland abwarfen. Auf diese Weise konnte das Erinnern an ihren Mut und ihre moralische Standhaftigkeit bewahrt und weiter bekannt gemacht werden. So nannte Thomas Mann sie in einer BBC-Übertragung: „Brave, herrliche jung Leute. Ihr sollt nicht umsonst gestorben, sollt nicht vergessen sein.“

Bild oben: Mahnmal für die Weiße Rose vor dem Hauptgebäude der LMU München 

–> Zu den Flugblättern der Weißen Rose