Antisemitismus in der politischen Linken als Thema der Bildungsarbeit gegen Judenfeindschaft

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Die politische Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und Rassismus sollte bei den Teilnehmenden eine selbstkritische Auseinandersetzung mit eigenen Voreingenommenheiten und Ressentiments anstoßen. Andernfalls erscheint Judenfeindschaft als ein Problem von »den Anderen«. Deswegen ist das Thema »Antisemitismus in der Linken« nur dann sinnvoll, wenn die Mehrheit der Seminar- oder Workshopteilnehmenden sich zur politischen Linken zählen. Zwar ist Judenfeindschaft in der politischen Linken ein notorisches Problem. Von ihm geht jedoch nicht dieselbe Gefahr aus wie vom rechtsextremen Judenhass oder dem islamistischen Antisemitismus. Die Zeiten, in denen deutsche radikale Linke Anschläge auf Jüdinnen:Juden verübten, liegen mehr als zwei Jahrzehnte zurück.

Von Olaf Kistenmacher
Der Text erschien zuerst in der Handreichung „Aktuelle Erscheinungsformen und Herausforderungen des Antisemitismus“ des Erich-Zeigner-Haus

Für die politische Bildungsarbeit grundsätzlich interessant sind die Motive, die zu antisemitischen Positionen innerhalb der Linken führen, weil sie sich mit denen in der Mehrheitsgesellschaft überschneiden. Da sind zu nennen: Erinnerungs- und Schuldabwehr, Israelfeindschaft, eine personifizierte Wahrnehmung der kapitalistischen Gesellschaft und der Globalisierung sowie Verschwörungsideologien. Bei der politischen Linken handelt es sich außerdem um einen »latenten« Antisemitismus, also eine inoffizielle, verleugnete und verdrängte Form der Judenfeindschaft, weil Ressentiments gegen Jüdinnen:Juden dem linken Selbstverständnis grundsätzlich widersprechen.

1969 legte ein Mitglied der linksradikalen Gruppierung Tupamaros Westberlin einen Sprengsatz in der Jüdischen Gemeinde Berlin, dessen Zünder zum Glück versagte. In ihrem Bekennerschreiben erklärten die Tupamaros, warum sie die Jüdische Gemeinde attackieren wollten und die Bombe bei einer Gedenkveranstaltung an die Reichspogromnacht explodieren sollte: Das Gedenken an den Nationalsozialismus würde außer Acht lassen, dass »die Kristallnacht von 1938« mittlerweile »täglich von den Zionisten in den besetzten Gebieten, in den Flüchtlingslagern und in den israelischen Gefängnissen wiederholt« werde. »Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen.« Die Tupamaros verwahrten sich in ihrer Erklärung außerdem dagegen, dass ihre Taten als »rechtsradikale Auswüchse« eingeordnet werden.

Die Tupamaros beanspruchten damit, dass sie aus der deutschen Geschichte gelernt hätten. Sie verstanden sich als antifaschistisch. Aber weil sie der projektiven Vorstellung anhingen, der Nationalsozialismus würde nun in Israel wiederkehren, und weil sie die Jüdische Gemeinde und den jüdischen Staat in eins setzten, hielten sie ihre Tat für gerechtfertigt. Dieses Muster, in Israel und nur in diesem Staat im Nahen Osten einen Widergänger des Nationalsozialismus zu imaginieren, findet sich nicht nur bei radikalen Linken, bei der Israelboykottkampagne BDS oder propalästinensischen Gruppen, sondern in allen politischen Spektren. Denn das zugrundeliegende Motiv, damit bewusst oder unbewusst die eigene Schuld als Deutsche zu relativieren, ist kein genuin linkes. Diese Form des Schuldabwehr-Antisemitismus ist weit verbreitet.

Anhand des Bekennerschreibens der Tupamaros lässt sich kritisch nachvollziehen, wie Schuldabwehr und Israelfeindschaft zusammenhängen. Der Hass gegen den jüdischen Staat ist allerdings kein Alleinstellungsmerkmal von radikalen Linken. Neonazis hassen Israel ebenfalls und geben sich dabei gern auch propalästinensisch. Die beiden großen Kirchen in Deutschland können auf eine lange Geschichte der sogenannten Palästinasolidarität zurückblicken. In der deutschen Linken war bis in die 1990er Jahre die propalästinensische Position dominant und weitgehend unhinterfragt. Der Hass auf Israel war verknüpft mit der Vorstellung, die Linke hätte den »nationalen Befreiungskampf« zu unterstützen, also die arabische Seite, denn die Jüdinnen:Juden im Nahen Osten wären kein ›richtiges‹ Volk, sondern Israel wäre nur ein »Brückenkopf des US-Imperialismus«.

Bei einem jungen Publikum kann die einseitige Parteinahme gegen Israel verbunden sein mit einem Unwissen über die lange Geschichte der Konflikte im Nahen Osten. Um sie infrage zu stellen, reicht es mitunter, an die pogromartigen Ausschreitungen in Palästina im Spätsommer 1929 oder an Amīn al-Husainī zu erinnern, in den 1920er und 1930er Jahren Mufti von Jerusalem, der bereits in dieser Zeit den modernen Antisemitismus aus Europa in seine »antizionistische« Agitation integrierte und in den 1940er Jahren von Berlin aus eine muslimische SS-Division aufbaute. Grundsätzlich ist die Frage zu stellen, warum Menschen in Deutschland mehr Solidarität mit Palästinenser:innen empfinden als mit Uigur:innen in China oder den Afrikaner:innen, die verzweifelt versuchen, nach Europa zu fliehen.

Eine radikale Linke definiert sich über die antikapitalistische Haltung, die Sozialdemokratie steht für eine Politik der sozialen Gerechtigkeit. Moishe Postone hat in dem Text »Antisemitismus und Nationalsozialismus« gewarnt: »Die Linke machte einmal den Fehler anzunehmen, daß sie ein Monopol auf Antikapitalismus hätte; oder umgekehrt: daß alle Formen des Antikapitalismus zumindest potentiell fortschrittlich seien.« Er kritisiert in dem Text einen »fetischisierten«, personifizierten »Antikapitalismus«, der dem modernen Antisemitismus zugrunde liege. Postones Ausführungen, die auf seiner Marx-Interpretation beruhen, sind zu voraussetzungsreich, um sie direkt in der politischen Bildungsarbeit verwenden zu können.

Die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus hat mit »Die verbrannte Leiche von Ocarina Island« eine Methode entwickelt, mit der auf leicht verständliche Weise die Vorstellung hinterfragt werden kann, es müsse für wirtschaftliche Krisen stets Schuldige geben und Krisen ließen sich beheben, indem bestimmte Personen verschwinden. Das ist eine personifizierte Wahrnehmung ökonomischer Verhältnisse. Hier liegt auch eine Grundlage für verschwörungsmythisches Denken. Die Methode der KIgA erfordert kein Vorwissen. Sie bereitet außerdem vielen, ob jung oder alt, Spaß. Im Anschluss daran lässt sich gemeinsam reflektieren, wie ökonomische Ungerechtigkeiten wirklich behoben werden können. Das interessiert Linke, die zu Recht an der Forderung einer gerechten Welt festhalten, mehr als andere. Da die Gefahr eines personifizierten »Antikapitalismus« jenseits der radikalen Linken sogar noch größer ist als in ihr, eignet sich die Methode sogar auch in Seminaren, die sich nicht mit dem Antisemitismus von links beschäftigen.

Literatur

Personalisierende Wirtschaftskritik. Die verbrannte Leiche von Ocarina Island. Online: https://www.anders-denken.info/agieren/die-verbrannte-leiche-von-ocarina-island

Moishe Postone: Antisemitismus und Nationalsozialismus [1979], übersetzt von Dan Diner/Renate Schumacher, in: Ders.: Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen, Freiburg im Breisgau 2005, S. 165–194. Online: https://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/postone-deutschland_lp/

Bild oben: Titelbild der Roten Fahne (Quelle: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde) und der Gewerkschaftszeitung Metall