„Ich bereue sehr, dass ich mich getauft hab‘“ – Heinrich Heine über Juden und Judentum

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Vor 225 Jahren wurde Heinrich Heine geboren.

Im Januar 1906 erschien in der Zeitschrift Ost und West eine Zusammenstellung von Zitaten aus Schriften, Briefen und Gesprächen Heines, der sich 1825 taufen ließ, über sein Verhältnis zum Judentum. Die Zeitschrift verstand sich als „Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum“ und stellte im Kontext der „Jüdischen Renaissance“ dem westjüdischen Publikum die kulturellen Leistungen der sog. „Ostjuden“ vor.

Heinrich Heine über Juden und Judentum

(Notizen Aus seinen Schriften, Briefen und Gesprächen.)

Nationalerinnerungen liegen tiefer in der Menschen Brust, als man gewöhnlich glaubt. Man wage es nur, die alten Bilder wieder auszugraben, und über Nacht blüht hervor auch die alle Liebe mit ihren Blumen.
Heine: Reisebilder (Norderney).

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Meine Vorliebe für das konsequente, rigorose Rabbinentum lag schon vor vielen Jahren in mir als ein Resultat historischer Untersuchungen, nicht als apriorische Annahme.
Aus einem Briefe Heines an Moser.

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Wie du denken kannst, — kommt hier [bei seinen Eltern] die Taufe zur Sprache. Keiner von meiner Familie ist dagegen, ausser ich – Und dieser ich ist sehr eigensinniger Natur. Aus meiner Denkungsart kannst du es dir wohl abstrahieren, dass mir die Taufe ein gleichgültiger Akt ist, dass ich ihn auch symbolisch nicht widrig achte, und dass er in den Verhältnissen und auf die Weise, wie er bei mir vollzogen werden würde auch für andere keine Bedeutung hätte. Für mich hätte er vielleicht die Bedeutung, dass ich mich der Verfechtung der Rechte meiner unglücklichen Stammesgenossen mehr weihen wurde. Aber dennoch halte ich es unter meiner Würde und meine Ehre befleckend, wenn ich, um ein Amt in Preussen anzunehmen, mich taufen liesse. Im lieben Preussen!!! Ich weiss wirklich nicht, wie ich mir in meiner schlechten Lage helfen soll. Ich werde noch aus Aerger katholisch und hänge mich auf.
Aus einem Briefe an Moser v. 27. Nov. 1823.

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Eines Tages, als ich Heine fragte, warum er sich taufen liess, sagte er mir: Sie müssen wissen, dass ich nach meiner Rückkehr aus Italien und England, wo ich niemals üble Folgen meiner Religion verspürt habe, eine deutsche Revue herauszugeben versuchte, —deren Herausgeber ich von vornherein in meiner Eigenschaft als Jude nicht sein könnte. Börne ist ebenso zur Taufe gezwungen worden, um die Balance zu veröffentlichen, obwohl er nicht mehr Christ war als der König von Preusscn und ich. Einen Augenblick hatte ich mich mit meinem Freunde, dem Doktor Gans, verbunden, um die geistige und gesellschaftliche Lage der Juden zu bessern. Kaum hatte ich das Werk unternommen, da fragte ich mich: Was ist dein Ziel und was deine Absicht? Du willst offenbar, dass alle Juden so vorgeschritten seien wie du und dein Freund Gans. Worin besteht diese Aufklärung und dieser Vorschritt? In dem Verwerfen der Wunder der Bibel und in der Verachtung aller scholastischen Vorschriften des Talmud und der Rabbinen. Wenn alles dies geschehen sein wird, wenn alle meine Glaubensgenossen den alten Menschen des Moses und des Rabbi Jehuda Hanasi abgelegt haben werden, was wird ihnen bleiben? Die einen werden Anhänger Hegels werden, die anderen Schellings, die dritten Spinozas, andere nichts. Was werden sie gewonnen haben? Werden sie emanzipiert sein, weil sie zu Hegel schwören werden, anstatt zu Moses? Keineswegs! Sie müssten zu Jesus schwören! Sie werden einen falschen Eid leisten, denn niemals wird ein Jude an die Göttlichkeit eines Juden glauben, nicht einmal Neander und Stahl, wie sehr sie sich auch dagegen sträuben. Nur durch diese Lüge werden sie und ihre Kinder alle ihre natürlichen Rechte geniessen, die die Christen den Juden vorenthalten. Warum? Ich weiss nichts davon! Vielleicht, um sich an ihnen zu rächen, weil sie ihnen das Christentum gegeben haben, die unwahrste, unvernünftigste, abgeschmackteste Religion, die es gab, eine Religion der Liebe, die nichts als den Hass kennt, eine Religion der Freiheit, die nichts kennt als den Despotismus, eine Religion der Humanität, die stets nur die grausamste Barbarei ausgeübt hat. Die Christen sind erst
menschlich geworden, seitdem sie an ihre Religion nicht mehr glauben, seit der Renaissance und der Reformation. Ein Protestant ist ein Katholik, der den Aberglauben der Dreieinigkeit verlässt, um dem jüdischen Monotheismus entgegen zu gehen. Der Jude seinerseits muss die andere Hälfte des Weges machen. Ich bin nun Protestant geworden. Ich bin in die Festung eingetreten, um sie besser zerstören zu können. Aber ich zerstöre zur selben Zeit die jüdischen Bollwerke, damit beide sich vereinigen auf dem gemeinsamen Felde der Freiheit.“
Mitgeteilt von Alexander Weil in seinen Souvenirs in-times de Heinrich Heine 1883

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Vom Verein [Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden] schreibst Du nur wenig. Denkst Du etwa, dass die Sache unserer Brüder mir nicht mehr so am Herzen liege wie sonst? Du irrst Dich dann gewaltig. Wenn mich auch mein Kopfübel jetzt niederdrückt, so hab‘ ich es doch nicht aufgegeben, zu wirken. Verwelke meine Rechte, wenn ich deiner vergesse, Jeruscholajim! sind ungefähr die Worte des Psalmisten, und es sind auch noch immer die meinigen.
Aus einem Briefe an Moser vom 9. Januar 1824.

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Ich weiss nicht, was ich sagen soll, Cohen versichert mich, Gans predige das Christentum und suche die Kinder Israel zu bekehren. Tut er dieses aus Ueberzeugung, so ist er ein Narr; tut er es aus Gleissnerei, so ist er ein Lump. Ich werde zwar nicht aufhören, Gans zu lieben, dennoch gestehe ich, weit lieber wär’s mir gewesen, wenn ich statt obiger Nachricht erfahren hätte, Gans habe silberne Löffel gestohlen.
Dass Du, lieber Moser, wie Gans denken sollst, kann ich nicht glauben, obschon es Cohen versichert und es sogar von Dir selber haben will. — Es wäre mir sehr leid, wenn mein eigenes Getauftsein Dir in einem günstigen Lichte erscheinen könnte. Ich versichere Dich, wenn die Gesetze das Stehlen silberner Löffel erlaubt hätten, so würde ich mich nicht getauft haben. — — —
Vorigen Sonnabend war ich im Tempel und habe die Freude gehabt, eigenohrig anzuhören, wie Dr. Salomon gegen die getauften Juden loszog und besonders stichelte: wie sie von der blossen Hoffnung, eine Stelle (ipsissimn verba) zu bekommen, sich verlocken lassen, dem Glauben ihrer Väter untreu zu werden.
Aus einem Briefe Heines an Moser v. 14. Dez. 1825.

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Ich bereue sehr, dass ich mich getauft hab‘.
Aus einem Briefe Heines an Moser v. 9. Jan. 1826.

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Du hattest damals auch einige sehr gute Gedanken über Judentum, christliche Niederträchtigkeit der Proselytenmacherei, Niederträchtigkeit der Juden, die durch die Taufe nicht nur die Absicht haben, Schwierigkeiten fortzuräumen, sondern durch die Taufe etwas erlangen, etwas erschachern wollen, und dergleichen mehr, die Du gelegentlich einmal aufschreiben solltest. Du bist ja selbständig genug, als dass Du es wegen Gans nicht wagen dürftest, und was mich betrifft, so brauchst Du Dich wegen meiner gar nicht zu genieren. — —
Aus einem Briefe Heines an Moser v. 23. April 1826.

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Ich mache kein Hehl aus meinem Judentum, zu dem ich nicht zurückgekehrt bin, da ich es niemals verlassen hatte. Ich habe mich nicht taufen lassen aus Hass gegen das Judentum ….
Vgl. Gustav Karpeles: Heinrich Heines Biographie. Hamburg 1833.

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Dennoch, trotz der barbarischen Pelzmütze, die seinen Kopf bedeckt, und der noch barabarischeren Ideen, die denselben füllen, schätze ich den polnischen Juden weit höher als so manchen deutschen Juden, der seinen Bolivar auf dem Kopf und seinen Jean Paul im Kopfe trägt. In der schroffen Abgeschiedenheit wurde der Charakter des Juden ein Ganzes, durch das Einatmen toleranter Luft bekam dieser Charakter den Stempel der Freiheit. Der innere Mensch wurde kein quodlibetatiges Kompositum heterogener Gefühle und verkümmerte nicht durch die Einzwängung Frankfurter Judengassmauern, hochweiser Stadtverordnungen und liebreicher Gesetzbeschränkungen. Der polnische Jude mit seinem schmutzigen Pelze, mit seinem bevölkerten Barte und Knoblauchgeruch und Gemauschel ist mir noch immer lieber als mancher in all seiner staatspapiernen Herrlichkeit.
Aus Heines Schrift ‚über Polen‘.

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Ich hätte ihm (Shylok) etwas mitzuteilen gehabt, was ihm Vergnügen machen konnte, dass z. B. sein Vetter, Herr von Shylok, zu Paris (gemeint ist Baron Rothschild) der mächtigste Baron der Christenheit geworden und von Ihrer katholischen Majestät den Isabellenorden erhalten hat, welcher einst gestiftet ward, um die Vertreibung der Juden und Mauren aus Spanien zu verherrlichen.
Aus Shakespeares Frauen und Mädchen: Porzia.

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Ich spreche von jener Religion, in deren ersten Dogmen eine Verdammnis alles Fleisches enthalten ist, und die dem Geiste nicht bloss eine Obermacht über das Fleisch zugesteht, sondern auch dieses abtöten will, um den Geist zu verherrlichen, ich spreche von jener Religion, durch deren unnatürliche Aufgabe ganz eigentlich die Sünde und die Hypokrisie in die Welt gekommen, indem eben durch die Verdammnis des Fleisches die unschuldigsten Sinnenfreuden eine Sünde geworden und durch die Unmöglichkeit, ganz Geist zu sein, die Hypokrisie sich ausbilden musste; ich spreche von jener Religion, die ebenfalls durch die Lehre von der Verwerflichkeit aller irdischen Güter, von der auferlegten Hundedemut und Engelsgeduld, die erprobteste Stütze des Despotismus geworden.
Vorrede zur Geschichte der neueren schönen Literatur in Deutschland 1833.

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„Ich nenne das Christentum eine Idee, aber welche! Es gibt schmutzige Ideenfamilien, die in den Ritzen dieser alten Welt, der verlassenen Bettstelle des göttlichen Geistes, sich eingenistet, wie sich Wanzenfamilien einnisten in der Bettstelle eines polnischen Juden. Zertritt man eine dieser ldeen-Wanzen, so lässt sie einen Gestank zurück, der jahrtausendelang riechbar ist. Eine solche ist das Christentum, das schon vor achtzehnhundert Jahren zertreten worden, und das uns armen Juden seit der Zeit noch immer die Luft verpestet!“
Aus einem Briefe Heines (zitiert in der Abhandlung Max Jungmanns über „Heinrich Heine als Nationaljude“. Berlin 1896.)

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„Diese grosse Figur (Moses) hat mir nicht wenig imponiert. Welche Riesengestalt! Ich kann mir nicht vorstellen, dass Og, König von Basan, grösser gewesen sei. Wie klein erscheint der Sinai, wenn der Moses darauf steht! Dieser Berg ist nur das Postament, worauf die Füsse des Mannes stehen, dessen Haupt in den Himmel hineinragt, wo er mit Gott spricht. Gott verzeih‘ mir die Sünde — manchmal will es mich bedünken, als sei dieser mosaische Gott nur der zurückgestrahlte Lichtglanz des Moses selbst, dem er so ähnlich, ähnlich im Zorn und in der Liebe. Es wäre eine grosse Sünde, es wäre Anthropomorphismus, wenn man eine solche Identität des Gottes und seines Propheten annähme — aber die Aehnlichkeit ist zu frappant.
Ich hatte Moses früher nicht sonderlich geliebt, wahrscheinlich weil der hellenische Geist in mir vorwaltend war, und ich dem Gesetzgeber der Juden seinen Hass gegen alle Bildlichkeit, gegen die Plastik, nicht verzieh. Ich sah nicht, dass Moses trotz seiner Befeindung der Kunst dennoch selber ein grosser Künstler war und den wahren Künstlergeist besass. Nur war dieser Künstlergeist bei ihm, wie bei seinen ägyptischen Landsleuten, nur auf das Kolossale und Unverwüstliche gerichtet. Aber nicht wie diese Aegypter formierte er seine Kunstwerke aus Backstein und Granit, sondern er baute Menschenpyramiden, er meisselte Menschenobelisken, er nahm einen armen Hirtenstamm und schuf daraus ein Volk, das ebenfalls den Jahrhunderten trotzen sollte, ein grosses, ewiges heiliges Volk, ein Volk Gottes, das allen anderen Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp dienen konnte! Er schuf Israel.“
Ans den ‚Geständnissen‘ Heinrich Heines.

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„Anstatt gegen die Unmöglichkeit zu kämpfen, anstatt törichterweise die Abschaffung des Eigentums zu beschliessen, strebte Moses nur danach, es zu moralisieren. Er hat das Eigentum mit der Moral vereinigt, mit dem Recht der reinen Vernunft, und er hat sein Ziel erreicht durch den Zehnten, durch das siebente Jahr des Brachzwanges und durch die Einführung des Jubeljahres, ein Zeitabschnitt, in dem jedes veräusserte Eigentum zum ersten Eigentümer zurückkehrte… Freiheit! Freiheit! Das ist immer der erste und letzte Gedanke des Emanzipators des Menschengeschlechts.
Er hasste bis zum Unwillen jede Sklaverei, jeden knechtischen Geist. Gegen einen Sklaven, der sich aus Armut verkauft hatte und durch sein Gesetz am Ende der sieben Jahre frei wurde und das Haus seines Herrn nicht mehr verlassen wollte — ordnet Moses an, dass dieser Strauchdieb, dieser unverbesserliche Bettler gekennzeichnet werde durch ein Loch im Ohrläppchen, das sein Herr ihm am Aufstieg des Tores durchbohrte. O Mosche Rabenu, unser Meister und Erzieher, erklärter Feind jeder Sklaverei, gib mir deinen Hammer und deinen Nagel, damit ich die langen Ohren unserer empfindsamen Sklaven durchbohre, in der schwarz-rot-goldenen Livrée, am Brandenburger Tor in Berlin!“
Aus den ‚Geständnissen‘ Heinrich Heines.

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Wie über den Werkmeister, hab‘ ich auch über das Werk, die Juden, nie mit hinlänglicher Ehrfurcht gesprochen, und zwar gewiss wieder meines hellenischen Naturells wegen, dem der judäische Ascetismus zuwider war. Meine Vorliebe für Hellas hat seitdem abgenommen. Ich sehe jetzt, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer, nicht bloss ehemals, sondern bis auf den heutigen Tag, trotz achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung und des Elends. Ich habe sie seitdem besser würdigen gelernt, und wenn nicht jeder Geburtsstolz bei den Kämpen der Revolution und ihrer demokratischen Prinzipien ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte der Schreiber dieser Blätter stolz darauf sein, dass seine Ahnen dem edlen Hause Israel angehörten, dass er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben.
Die Geschichte des Mittelalters und selbst der modernen Zeit hat selten in ihre Tagesberichte die Namen solcher Ritter des heiligen Geistes eingezeichnet: denn sie fochten gewöhnlich mit verschlossenem Visier. Ebenso wenig die Taten der Juden wie ihr eigentliches Wesen sind der Welt bekannt. Man glaubt sie zu kennen, weil man ihre Bärte gesehen, aber mehr kam nie von ihnen zum Vorschein, und wie im Mittelalter sind sie auch in der modernen Zeit ein wandelndes Geheimnis ….
Aus Heines ‚Geständnisses‘.

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Seltsames Volk, das seit Jahrhunderten immer geschlagen wird, immer weint, immer duldet, fortwährend von seinem Gotte vergessen wird und doch so zäh und treu an ihm hängt wie kein anderes unter der Sonne. O, wenn Märtyrertum adelt und Geduld und Treue, Ausdauer im Unglück, so ist dieses Volk adlig vor vielen anderen. Lesen wir doch die Geschichte des Mittelalters, dieser klassischen Zeit des verbündeten Pfaffen- und Rittertums, es gibt kein Jahr darin, das für die Juden nicht bezeichnet wäre durch Foltern, Scheiterhaufen, Enthauptungen, Brandschatzungen und Massacres! Und zwar leiden die Juden unter den Anhängern Christi, den durch ihre Religion gebildeten, immer mehr als unter den rohesten und wildesten Völkern ….
Alfred Meissner: II. Heine, Erinnerungen.

Bild oben: Heinrich Heine (Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831)