Sinti und Roma Kunst im Kontext

Das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma hat mit Unterstützung des Zentrums für internationale Kulturelle Bildung am Goethe-Institut Mannheim zum ersten Mal das Künstler*innen-Residenz-Programm „Sinti und Roma Kunst im Kontext“ ausgeschrieben. Mit Natali Tomenko aus der Ukraine, Valérie Leray aus Frankreich und Alfred Ullrich aus Österreich wurden drei internationale Künstler*innen eingeladen, die ihre Projekte am 30. November in Heidelberg vorstellen.

Natali Tomenko, Valérie Leray und Alfred Ullrich aus Österreich setzen sich in ihren Arbeiten intensiv mit aktuellen Themen wie Erinnerungskultur, Aktivismus, Kampf gegen Rassismus und Antiziganismus sowie Widerstand durch Kunst auseinander.
Sie werden von Oktober bis Dezember 2022 institutionell und materiell gefördert, um ihnen neue Möglichkeiten zum Austausch mit Künstler*innen, Kulturschaffenden und Kulturinstitutionen in der Rhein-Neckar-Region zu eröffnen. In enger Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Forum für Kunst und dem Haus am Wehrsteg werden Atelier- und Ausstellungsräume zur Verfügung gestellt. Für das Jahr 2023 ist eine Abschlussausstellung geplant, bei der die im Rahmen der Künstler*innen-Residenz entstandenen Werke einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.

Bei einem Künstler*innen Gespräch (mit Übersetzung Deutsch-Englisch und Englisch-Deutsch) stellen die Drei am Mittwoch, 30. November, zwischen 16 und 18 Uhr ihre Projekte im Heidelberger „FORUM für KUNST e.V.“ in der Heiliggeiststraße 21 vor. Zudem besteht die Möglichkeit zum Austausch mit ihnen und den Initiatoren.

Die Initiative, ein Residenz-Programm für Künstler*innen und Kulturschaffende der Minderheit ins Leben zu rufen, entstand 2007 während der Biennale in Venedig, als dort der erste Roma-Pavillon „Paradise Lost“ gezeigt wurde. Der damals als Künstler teilnehmende André Raatzsch, heute Referatsleiter im Dokumentationszentrum, erkannte, dass das Wissen über die Kunst und Kultur der Sinti und Roma in Europa fehlte und gerade die zeitgenössische Kunst neue (Frei-)Räume benötigt. Durch die Künstler*innen-Residenz sollen Perspektivwechsel angeregt und der Austausch innerhalb und außerhalb der Kunst- und Kulturszene intensiviert werden.

Das Dokumentations- und Kulturzentrum ist das Resultat jahrzehntelanger erfolgreicher Bürgerrechtsarbeit. Seit 1997 ist dort die erste Dauerausstellung zu sehen, die den NS-Völkermord an Sinti und Roma dokumentiert: von der stufenweisen Ausgrenzung und Entrechtung bis hin zur systematischen Vernichtung. Daneben sollen Besucher*innen durch Veranstaltungen und Bildungsangebote zu einem kritischen Geschichtsbewusstsein angeregt werden.

Die Zentren für internationale Kulturelle Bildung wirken an Goethe-Instituten in Deutschland als Brücke zur Welt. Sie machen internationale Perspektiven der Kulturellen Bildung im Inland zugänglich und fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einem diversen Deutschland. So soll langfristig eine Plattform für einen strategischen Erfahrungsaustausch zwischen Institutionen der Kulturellen Bildung zur Bekämpfung von Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus entstehen. Unterstützt werden sie durch das Auswärtige Amt.

Natali Tomenko (geboren 1994 in Krementschuk, Ukraine) ist Künstlerin und Roma-Aktivistin. Sie absolvierte den Master-Studiengang (MA) „Kulturwissenschaften und kulturelles Erbe: Akademische Forschung, Politik und Management“ an der Central European University in Wien. Außerdem hat sie einen MA in Grafikdesign von der staatlichen Akademie für Design und Kunst in Charkiw, Ukraine. Derzeit ist sie Vorstandsmitglied und Kreativdirektorin bei der ARCA (Agency for the Advocacy of Roma Culture) in der Ukraine, die sich für die Förderung der Kultur der Roma einsetzt. Natali Tomenko arbeitet auch ehrenamtlich als nationale Freiwilligenkoordinatorin und als Roma Rights Defender (Verteidigerin der Rechte der Roma) beim Europäischen Zentrum für die Rechte der Roma in der Ukraine. Ihr Ziel ist es, die Arbeit des Zentrums bei der Verteidigung der Menschenrechte der Roma in ganz Europa zu unterstützen und den digitalen Antiziganismus zu bekämpfen. Darüber hinaus ist sie als Koordinatorin für Geschichte und Gedenken am Europäischen Roma-Institut für Kunst und Kultur tätig. Und zwischen diesen Tätigkeiten engagiert sie sich für die visuelle Darstellung der Geschichte und Kultur der Roma im Rahmen von Kunstprojekten, die sich mit dem kulturellen Erbe der Roma und dem Völkermord an den Roma beschäftigen.

Valérie Leray (Paris/Berlin) ist bildende Künstlerin – Fotografin, Forscherin und künstlerische Leiterin der Künstlervereinigung la mire. Leray begann ihre Karriere als „Reportage-Fotografin“ zu Themen im Zusammenhang mit Menschen „am Rande“ der Gesellschaft und hinterfragte diesen Ansatz dann mit dokumentarischer und „konzeptueller“ Fotografie rund um das Material: Geschichte, verbunden mit dem Konzept der „Reiche der Erinnerung”. Die Fotografie erforscht die Spannung, die zwischen der Geschichte, ihrer eigenen Fähigkeit, sich an den Orten sichtbar zu machen, an denen sie stattgefunden hat, ihrem mnemotechnischen Prozess und ihrer Ambivalenz entsteht. Das erneute Aufsuchen dieser Orte wird zur künstlerischen Geste. Dies vermittelt ein neues Paradigma des individuellen und des kollektiven Gedächtnisses, dessen ästhetische Präsenz auf das Fehlen einer kritischen Diskussion hinweist. Die Aussagekraft ihrer Serien ist so groß, dass sie bereits in mehreren Ländern ausgestellt wurden, insbesondere ihre Serie „Ort ohne Namen“, die kürzlich auf der 58. Biennale für zeitgenössische Kunst in Venedig und der 2. Roma Biennale in Berlin ausgestellt wurde und Fördermittel aus dem EU-Programm „I-Portunus“ zur Förderung der Mobilität von Künstler/innen und Kulturschaffenden erhielt.

Der Zeichner, Video- und Aktionskünstler Alfred Ullrich (geboren 1948 in Schwabmünchen/Bayern, Deutschland) lebt in Dachau. Ullrich ist der Sohn eines Deutschen und einer österreichischen Sintezza, und als solcher betrachtet er sich selbst als eine Art Außenseiter unter Außenseiter*innen. Seine Arbeit kreist um die Frage des Verhältnisses der deutschen Mehrheitsgesellschaft zur Community der Sinti und Roma. Es ist ihm ein Anliegen, gegen die jahrhundertealten Vorurteile, die sich im kollektiven Unterbewusstsein verfestigt haben, anzukämpfen. Ullrich verarbeitet dabei auch seine eigenen Familiengeschichte: Seine gesamte Familie wurde in die Konzentrationslager verschleppt, wo die meisten von ihnen ermordet wurden. Die Erlebnisse seiner Mutter in den Konzentrationslagern traumatisierten auch Ullrich selbst. Schmerz, Tod und Verletzlichkeit finden sich dementsprechend auch in seiner Arbeit wieder.

Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma
https://dokuzentrum.sintiundroma.de/

Bild oben: Alfred Ullrich. Chad Wyatt RomaRising Archiv

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