Leben nach dem Überleben

0
71
Eine Gruppe jüdischer Kinder aus dem Konzentrationslager Buchenwald, Foto: US National Archives and Records Administration (111-SC-207908 / PD)

Neue Studie über das Schicksal jüdischer Kinder nach der Shoa

David und Fajga wurden 1934 beziehungsweise 1932 im polnischen Pultusk geboren, die Eltern offensichtlich bei der Ghettoräumung 1943 ermordet. Die Kinder überlebten bei einer christlich-polnischen Familie. Nach dem Einmarsch der Roten Armee kamen die Geschwister in ein jüdisches Kinderheim und wurde später mit Hilfe zionistischer Organisationen nach Deutschland gebracht – zunächst ins DP-Camp Feldafing, danach ins International Children’s Center Prien am Chiemsee. Dort wandten sie sich an Mitarbeiter des Canadian Jewish Congress und bewarben sich für das „War Orphans Project“, einem Programm der kanadischen Regierung zur Aufnahme von rund 1.000 jüdischen Waisenkindern. Im September 1948 erreichten die Kinder Kanada und wurden dort bei einer Pflegefamilie untergebracht.

Fajga und David hatten Glück gehabt. Vor ihnen lag eine Zukunft in Freiheit und Sicherheit. Doch ihre Geschichte war gelogen. Sie waren nie im Ghetto von Pultusk gewesen. Der Vater kämpfte in der polnischen Armee und blieb verschollen. Die Mutter und die beiden Kinder überlebten in der Sowjetunion. Die Mutter erkrankte schwer und verschwand; David und Fajga erfanden ihr Leben neu und nutzen damit ihre Chance. Doch nach ihrer Ankunft in Kanada meldet das Rote Kreuz völlig überraschend, dass ihre Mutter noch am Leben sei. Doch die beiden hatten ihre neue Biografie so verinnerlicht, dass sie diese Nachricht nicht glaubten. Die kanadischen Behörden versuchten Kontakt zur Mutter aufzunehmen, doch die Briefe kamen mit dem Vermerk „unzustellbar“ zurück. Die Mutter war erneut verschwunden – diesmal für immer.

Solche und andere Biografien von jüdischen Child Survivors, die mit falscher Identität, bei den Partisanen oder auch in den Lagern überlebten, beleuchtet die kanadische Historikerin Rebecca Clifford in ihrem neuen Buch „Ich gehöre nirgendwohin.“ Kinderleben nach dem Holocaust. Eine Opfergruppe, die erst spät in den Fokus der Geschichtswissenschaft rückte, wie die Autorin schreibt. „Kinder und ihre Erfahrungen haben in der historischen Forschung oft nur eine marginale Rolle gespielt“, führt Clifford aus. „Wenn Historiker sich mit Kindern befasst haben, konzentrieren sie sich eher auf Konstrukte der Kindheit statt auf die Kinder selbst.“ Dem will die Autorin mit ihrem Buch abhelfen und nun „zum ersten Mal“ die Geschichte aus der Perspektive der Kinder erzählen, denn „bei allem Reichtum an Dokumenten sind die Stimmen dieser Kinder in den Archiven kaum zu vernehmen“.

Doch bereits kurz nach der Shoa haben sich jüdische Überlebende dem Schicksal ihrer Kinder angenommen. Dafür steht beispielsweise die Historische Kommission, angesiedelt beim Zentralkomitee der befreiten Juden in der US Zone, die ab 1946 mit der Zeitschrift Fun letstn Churbn in der Reihe „Kinderaufsätze – Meine Erlebnisse während des Krieges“ regelmäßig auch Berichte von Kindern und Jugendlichen veröffentlichten. Auch der Zionist Benjamin Tenenbaum befragte unmittelbar nach dem Krieg etwa 1.000 überlebende Kinder in Polen, in den DP-Camps und Waisenhäusern und veröffentlichte einen Teil davon 1947 in hebräischer Sprache. Die Sammlung der auf polnisch, jiddisch oder russisch verfassten Dokumente befindet sich heute im Archiv des Beit Lochamei HaGetaot. Diese wichtigen und authentischen Berichte hat Clifford offensichtlich leider nicht konsultiert, sie sind jedenfalls nicht im Quellenverzeichnis aufgeführt. Wie auch einige von deutschen Historikern vorgelegte Arbeiten, z. B. Christian Höschlers Studie über das Children‘s Village in Bad Aibling[1], in dem zwischen 1948 und 1951 rund 2.300 „unaccompanied children“ zurück ins Leben geführt wurden.

Clifford will nicht nur Überlebensgeschichten präsentieren, sondern deren Wahrnehmung thematisieren und insbesondere beschreiben, wie mit den Traumata der Kinder beziehungsweise deren Verdrängung umgegangen worden ist. Da wäre eine Konsultation der beiden wichtigen und frühen Untersuchungen „Psychological Problems of Displaced Persons“ von John Rickman (1945) sowie der „Report on a Survey of the Psychological Conditions of the Surviving Children in Europe“ (1947) von Paul Friedman sicher hilfreich gewesen.[2]  

Gleichwohl hat Clifford den Schätzungen zufolge den 180.000 zwischen 1935 und 1944 geborenen, überlebenden jüdischen Kinder eine Stimme gegeben. Anhand von Interviews, Testimonies und anderen Archivrecherchen zeichnet sie Lebensläufe von der Kriegszeit bis in die Gegenwart nach. Jungen und Mädchen, die als die „Glücklichen“ bezeichnet werden, deren Leben aber bis ins hohe Alter oft von traumatischen Erlebnissen sowie Unsicherheit hinsichtlich ihrer Identität geprägt war. Clifford macht mit ihrem Buch die teilweise verdrängte oder vergessene Kindheit der jungen Shoa-Überlebenden sichtbar – sie zeichnet ein eindrucksvolles, ungewöhnliches Bild der Child Survivors. Ein einfühlsam geschriebenes Buch, dessen positiver Gesamteindruck durch die Nichtberücksichtigungen von grundlegenden Quellen ein wenig beeinträchtigt wird.  – (jgt)

Rebecca Clifford, „Ich gehörte nirgendwohin.“ Kinderleben nach dem Holocaust, Suhrkamp 2022, 447 S., Euro 28,00, Bestellen?

LESEPROBE

Bild oben: Eine Gruppe jüdischer Kinder aus dem Konzentrationslager Buchenwald, Foto: US National Archives and Records Administration (111-SC-207908 / PD)

[1] Christian Höschler, Home(less): The IRO Children’s Village Bad Aibling, 1948–1951, 289 Seiten, 21,99 €. Siehe https://www.hagalil.com/2018/02/homeless/
[2] Statt aus der 57-seitigen Originalstudie von Paul Friedman zitiert Rebecca Clifford aus einem zusammenfassenden Artikel aus der Zeitschrift Commentary (Dezember 1948).