„Er hatte jeher eine offene Hand für Arme und Bedrückte …“

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Alfred Nathan ca. 1910. (Foto: Jüdisches Museum Franken)

Der Fürther Philanthrop Alfred Nathan und das Nathanstift

Ein Beitrag von Bavaria-Judaica.de

„Großzügigkeit leuchtet aus allen seinen Gaben und Taten hervor, bei allen Gelegenheiten, wo es Großes und Edles zu unternehmen gilt, steht er als geistiger und materieller Förderer an der Spitze.“ Mit diesen Worten charakterisierte der Bürgermeister der Stadt Fürth, Robert Wild, den jüdischen Philanthrop Alfred Nathan, der schon zu Lebzeiten sein Vermögen für soziale Zwecke verschenkte. Zu seinen größten und bedeutendsten Stiftungen gehörte das Nathanstift, eine 1909 in seiner Heimatstadt eröffnete moderne Geburtsklinik, in der bis 1967 rund 20.000 Kinder das Licht der Welt erblickten.

Alfred Nathan wurde 1870 in Fürth in eine wohlhabende jüdische Bankiersfamilie hinein geboren. Er studierte in München Jura. Nach Praktika an Gerichten in Fürth und Bad Reichenhall ließ er sich in München als Rechtsanwalt nieder. Aufgrund einer schweren und langwierigen Lungenerkrankung musste er seine anwaltliche Tätigkeit aufgeben. Der Tod seiner Mutter 1906, der Vater war bereits 1888 gestorben, und das damit verbundene enorme Erbe ermöglichten ihm ein sorgenfreies Leben und führten ihn „auf den Weg der Wohltätigkeit“, wie er selbst schrieb.

„Dieser Tage hat ein Sohn hiesiger Stadt“, meldete die Allgemeine Zeitung des Judentums am 14. Dezember 1906 über Alfred Nathan, „seiner Vaterstadt Fürth 300.000 Mark zur Gründung eines Wöchnerinnen- und Säuglingsheims geschenkt und nur die Bedingung daran geknüpft, dass die Stadtverwaltung den Bauplatz dafür kostenlos hergebe und der Bau im Laufe des kommenden Jahres begonnen werde. Diese großartige Spende hat der hochherzige und edle Geber zum Andenken seiner verstorbenen Eltern Siegmund und Amalie Nathan gestiftet.“ Zum Tag des Begräbnisses seiner Mutter stellte Alfred Nathan zusätzlich noch je 3.000 Mark für jüdische und christliche bedürftige Bürger Fürths bereit. Insgesamt spendet er seiner Geburtsstadt über zwei Millionen Mark. Gleichwohl lebte er für seine Verhältnisse sehr einfach. „Die lange Lebensdauer der Kleidungsstücke, die der große stattliche Mann trug, verursachen oft ein Stirnrunzeln seiner Verwanden,“ erinnerte sich ein Zeitgenosse.

Seinem Lungenleiden geschuldet, hatte sich Alfred Nathan wegen der besseren Bergluft in Bad Reichenhall niedergelassen, dort und in Meran besaß er jeweils ein Haus und widmete sich der Schriftstellerei. Aus Krankheitsgründen konnte Nathan nicht an der feierlichen Einweihung der Geburtsklinik in Fürth teilnehmen. Er schickte jedoch einen Brief, der bei der Eröffnung verlesen wurde: „Im Heim, das wir heute eröffnen, sei kein Raum für Vorurteile irgendwelcher Art; hier wehe nur ein Banner, das froh und sieghaft in leuchtenden Worten die Aufschrift trägt ,Der Liebe und dem Leben‘“, schrieb Alfred Nathan. Das Nathanstift nahm am 1. Dezember 1909 die ersten Patientinnen auf – das erste Kind wurde am 6. Dezember 1909 geboren.

Das Nathanstift – Wöchnerinnen- und Säuglingsheim in Fürth, ca. 1920. (Foto: Public Domain)

Doch nicht nur in Fürth engagierte sich Alfred Nathan als Mäzen und Philanthrop. In Erinnerung an seine Mutter ließ er in Bad Reichenhall die Aussichtsplattform mit Kapelle „Amalienruh“ errichten, er spendete eine namhafte Summe für ein Militärerholungsheim, unterstützte ein Armenhaus und eine Kinderheilstätte. Insgesamt spendete er rund eine Million Mark. Dafür erhielt er 1906 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Bad Reichenhall.

Auch in Fürth wurde Alfred Nathan diese Ehre 1906 verliehen; im April 1907 reiste eine Delegation des Fürther Stadtrats unter Leitung des Bürgermeisters nach Meran und überreichte ihm die Ehrenurkunde. Nathan blieb seiner Geburtsstadt zeitlebens eng verbunden, davon zeugen die zahlreichen Gedichte, die er seinem geliebten Fürth widmete, teilweise in Fürther Mundart: „Im Fischhäusla die backna Karpfen/Spanferkel beim Herrn Schüpferling/Beim Pfister Bratwörscht ohne gleichen/ Sen di nit wert, dass ich’s besing?“

Am 9. November 1922 starb Alfred Nathan in Bad Reichenhall; er wurde auf dem alten jüdischen Friedhof in Fürth beerdigt. „Selbst von einfachster, schlichtester Lebensweise, streute er mit vollen Händen Wohltaten aus, verschönerte das Stadtbild seines Wohnsitzes Reichenhall und seiner Geburtsstätte Fürth und gründete daselbst hervorragende Wohlfahrtseinrichtungen“, schrieb die Zeitung Der Israelit in einem Nachruf. Der Fürther Oberbürgermeister würdigte Nathan als „einen der größten Wohltäter und Menschenfreunde, die Fürth jemals hervorgebracht hat“.

Mit der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten wurde der Stiftername gestrichen, alle Hinweise auf ihn entfernt und das Nathanstift bis 1945 unter der neutralen Bezeichnung „Wöchnerinnen- und Säuglingsheim Fürth“ geführt. Mit der demokratischen Wahl des Nachkriegsbürgermeisters Hans Bornkessel bekam die Geburtsklinik wieder ihren alten Namen. Zum 40. Jahrestag der Gründung des Nathanstiftes 1949 erinnerte die Stadt in einer offiziellen Gedenkstunde an den Stifter, der das Haus „der Liebe und dem Leben“ gewidmet habe, wie der Oberbürgermeister ausführte. 1955 übernahm das Städtische Krankenhaus die Verwaltung des Nathanstiftes. Nach der Eröffnung des neuen Fürther Klinikums 1967 wurde das Wöchnerinnen- und Säuglingsheim in die Abteilung der Frauenklinik integriert. Das Gebäude des Nathanstiftes beherbergt nun die Ullstein-Realschule. Das Klinikum Fürth sieht sich auch heute noch „mehr als 100 Jahre nach Alfred Nathans gemeinnützigem Engagement, in der Tradition der Werte, die den Menschenfreund Alfred Nathan zu seiner Gründung veranlassten“.

Bild oben: Alfred Nathan ca. 1910. (Foto: Jüdisches Museum Franken)

Anlässlich des 100. Todestages von Alfred Nathan zeigt das Jüdische Museum Franken vom 25. Oktober 2022 bis zum 31. Januar 2023 die Ausstellung „Stiften aus Tradition“. Ein Ausstellungskatalog ist in Vorbereitung.

Jüdisches Museum Franken, Fürth, Königstraße 89
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