Die Tarnung bestand 76 Jahre

Eichmanns geheimnisvoller Gesprächspartner in den „Sassen-Interviews“ – Dr. Ernst Chlan alias Dr. Franz Langer

Von Susanne Benöhr-Laqueur/ Matthias Gafke
Unter Mitarbeit von: Johanna Holtschlag, Lina Schröder und Jana auf der Heide

Buenos Aires, 1957: In kleiner Herrenrunde wurde Eichmann über Monate vom deutsch-niederländischen Journalisten und früheren SS-Angehörigen Wilhelm Sassen für ein Buchprojekt zu seiner NS-Vergangenheit und insbesondere der „Endlösung der Judenfrage“ interviewt. Teilnehmer in dieser Runde war u.a. ein Dr. Langer – teilweise auch bezeichnet als Dr. Lange. Wer dieser Mann war, der auf den Tonbandmitschnitten mit einem vernehmlich österreichischen Akzent sprach, blieb über Jahrzehnte unklar. Ob es sich bei dem Namen Dr. Langer um einen Tarnnamen handelte, gleichfalls. Fakt war indes, dass Dr. Langer über fundierte juristische Kenntnisse verfügte, dem SD angehörte, mit einem österreichischen Akzent sprach und über keine Fronterfahrung im 2. Weltkrieg verfügte.

Dr. Langer wäre sicherlich ein Phantom geblieben, hätte ihn Eichmann nicht während des 102. Prozesstages in Jerusalem verraten. Am 19.7.1961 erklärte er vor der Weltöffentlichkeit, dass Dr. Langer in Wirklichkeit Dr. Klan hieße. Die nunmehr beginnenden Nachforschungen liefen jedoch ins Leere. Verkannt wurde, dass der Name Klan auch wie folgt geschrieben werden kann: Chlan. Und in der Tat: SS-Sturmbannführer Dr. jur. Ernst Chlan war der Abschnittsführer des SD Wien, verfügte über keine Fronterfahrung, war in Trient geboren, in Innsbruck aufgewachsen und entzog sich 1945 der Strafverfolgung, weil ihn im Jahre 1946/1947 der Vatikan und das IKRK zu einer neuen Identität verhalfen. Der Tarnname lautete Franz Langer.

Franz Langer, alias Dr. jur. Ernst Chlan, IKRK-Ausweis Nr. 39634 vom 27.1.1947 – Quelle: Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) Genf.

Ein Bildabgleich, ein Schriftabgleich und die Angaben eines noch lebenden Zeugen bestätigen die doppelte Identität. Unter dem Namen Langer floh Chlan zuerst nach Paraguay und dann nach Argentinien. Im Jahre 1955 wurde er begnadigt und kehrte offenbar Ende der 1950er Jahre nach Österreich zurück, wobei er zunächst in Südtirol für die Tourismusunternehmen Dr. Scharnow und Dr. Tigges arbeitete. Spätestens Mitte der 1960er Jahre fungierte er als Chefreiseleiter von Dr. Scharnow und später der TUI auf Mallorca. Chlan, der fließend spanisch sprach, erregte im Jahre 1965 die Aufmerksamkeit des ZEIT-Journalisten Kai Herrmann. Er beschrieb ihn in seinem Artikel „Mallorcinische Abenteuer“ wie folgt: „In seinem deux cheveaux jagd der vielgeliebte, vielgereiste freundliche Herr über frischasphaltierte Eselspfade und mietet Betten für das nächste Jahr…Dr. Chlan liebt seine Insel, und das nicht nur von Berufs wegen…da gibt es Orte, die der Fuß des Dr. Chlan nie betreten hat: einsame Felsbuchten, idyllische Fischerdörfer, Treffpunkte der Reichen und der Ausgelassenen dieser Welt“.[i]

Chlan blieb bis Anfang der 1970 auf Mallorca, kehrte nach Österreich zurück und war jedenfalls bis 1976 in der Tourismusbranche tätig. Interessanterweise fehlt im Magistrat der Stadt Innsbruck seine Einwohnermeldekarte. Dank der umfangreichen Recherchen konnte die wahre Identität aufgedeckt werden, wobei ein Großteil seines Lebens weiterhin völlig unbekannt ist. Chlan starb 1992 und ist auf dem Innsbrucker Westfriedhof begraben.

–> WEITER ZUM RECHERCHE-BEITRAG

Bild oben: Dr. Ernst Chlan, circa 1941, Quelle: Wiener Stadt und Landesarchiv (WStLA), Vg 8e Vr 709/55 (Strafsache gegen Dr. Ernst Chlan), Bl. 5a.

[i]      Hermann, Kai: Mallorcinische Abenteuer, in: DIE ZEIT Nr. 42/1965, 15.10.1965, online unter: https://www.zeit.de/1965/42/mallorcinische-abenteuer (letzter Zugriff am 12.9.22).

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