Giora Feidman in Berlin

Im Schtetl in Osteuropa war die Klesmermusik zu Hause. Eine Volksmusik, die zum jüdischen Leben gehörte. Durch die Gassen zogen die jüdischen Musikanten mit ihren Instrumenten. Bei Familienfesten spielten sie, in Synagogen zu Gottesdiensten. Auch zum Tanzen, zum Fröhlichsein, fordert sie auf.

Von Christel Wollmann-Fiedler

Klesmermusik gibt Stimmungen wieder, die Instrumente schluchzen, weinen und lachen, zu Tränen rühren sie und Fröhlichkeit vermitteln sie. Meist wurde die instrumentale Tradition von den Vätern vererbt. Die wunderbare, sehr emotionale Musik und die wehmütigen Weisen versetzen den Zuhörer in eine längst vergangene Zeit, in eine Zeit, in der die Juden in Osteuropa ihr eigenes, ihr jiddisches traditionelles Leben führten und pflegten. „Ausgerottet“ wurden diese ererbten Traditionen in einer Zeit, in der die jüdische Bevölkerung von den Nazi-Schergen ermordet und die Vergangenheit und Kultur dieses jüdischen osteuropäischen Lebens für immer zerstört wurde.

Weltberühmt ist Giora Feidman, der mit seiner Klarinette und der Klesmermusik Menschen in aller Welt verzaubert. Hetty Berg, die Direktorin des Jüdischen Museums in Berlin, empfängt den sechsundachtzigjährigen Klarinettisten und bittet ihn, für uns zu spielen. Die Klarinette ist das Mikrofon meiner Seele ist eine immer wiederkehrende Aussage des leidenschaftlichen Musikers. Am Abend wird er im Glashof des Museums ein Konzert geben, sein 75-jähriges Bühnenjubiläum feiern und anschließend diese Klarinette, die verzaubern kann, dem Jüdischen Museum schenken.

Die Eltern von Feidman fliehen vor Progromen aus Bessarabien und kommen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Argentinien an. Argentinien wird die neue Heimat der Familie. Die historische Landschaft Bessarabien verschwindet vor Jahren von der Landkarte. 1936 wird der Sohn Giora in Buenos Aires geboren, das Klarinettenspiel erbt er vom Vater und Großvater. Bereits als Junge tritt er mit dem Vater in Argentinien auf, später lädt ihn, den Weltbürger mit seiner berühmten Klarinette, die weite Welt zu Konzerten ein. In Kirchen und Klöstern, in Synagogen und Konzertsälen ist seine Klesmermusik zu hören. Volksweisen seiner argentinischen Heimat, der argentinische Tango u.a. Klänge nimmt er in sein vielseitiges Repertoire auf. In New York und in Israel wird er später wohnen.

Seine Augen strahlen noch immer, wie vor Jahrzehnten als ich ihm auf der Schwäbischen Alb begegnete und seine ganz besonderen melancholischen Melodien hörte.

Fotos: C. Wollmann-Fiedler

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