Aufklärung gegen Cancel Culture

Der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig hat Post von prominenten Unterzeichnern wie Eric Kandel und Georg Stefan Troller bekommen. Taten nach endlosen Diskussionen wollen die Unterzeichner sehen, die es, wie sie schreiben, „schmerzt, dass einer der prononciertesten Antisemiten des 19. und 20. Jahrhunderts immer noch im Herzen Wiens geehrt“ werde.

Von Karl Pfeifer

Der Vorstand des Wiener Zeitgeschichteinstituts der Wiener Universität, Oliver Rathkolb hat sich dagegen ausgesprochen. Rathkolb war in der Debatte bisher zurückhaltend, nahm nun jedoch gegenüber ORF.at in der Frage nach der Zukunft des Denkmals Stellung und sprach sich, klar im Gegensatz zu manchen seiner Kolleginnen und Kollegen, für einen Erhalt des Denkmals aus. „Luegers Denkmal einfach zu entsorgen wäre das falsche Signal in Richtung scheinbarer politischer Korrektheit in der Gegenwart, ganz im Gegenteil, das wäre der Beginn der Cancel Culture, denn dann ist der nächste Schritt, antisemitische Zitate Luegers in wissenschaftlichen Publikationen zu verbieten und eine heile Welt zu suggerieren, die leider so heil nicht ist – ganz im Gegenteil“, so Rathkolb.

Vielmehr spricht er sich dafür aus, dass Lueger „Teil der selbstkritischen demokratischen Erinnerungspolitik bleiben“ müsse: „Ihn einfach zu entsorgen ist das falsche Signal, er muss daher Teil unserer Geschichte bleiben – und vor allem müssen wir unsere ganze Kraft zur Verhinderung von Antisemitismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Gegenwart und Zukunft einsetzen.“

Als österreichischer Journalist und Holocaustüberlebender teile ich die Meinung von Oliver Rathkolb.

2013 schrieb ich: „Nach 1945 entdeckte man Antisemitismus immer nur bei der anderen Partei und bis heute haben sowohl SPÖ wie auch ÖVP versäumt, den Antisemitismus in den eigenen Reihen aufzuarbeiten. Von 1897 bis 1910 prägte und regierte Bürgermeister Karl Lueger die Stadt, der sich nicht nur als Modernisierer, sondern auch als politischer Antisemit einen Namen machte. Nach jahrelangen Diskussionen wurde im Frühjahr 2012 der nach Lueger benannte Ringabschnitt vor der Universität Wien in »Universitätsring« umbenannt. Wer das beliebte Café Prückel aufsucht, wird am Karl-Lueger-Platz noch immer die Statue dieses Politikers anschauen können, der Juden im Wiener Reichsrat sogar Ritualmord vorwarf.“

Weil ich das bereits 1990 erschienene Buch von Richard S. Geehr Karl Lueger: Mayor of Fin de Siècle Vienna gelesen hatte wusste ich, dass Lueger, dessen Antisemitismus bis heute in Wien mit seinem angeblichen Spruch „Wer ein Jude ist bestimme ich“ verharmlost wird, ein Judenhasser war, der Juden Ritualmord unterstellte.

Die wirkliche Schande ist nicht das Denkmal Luegers, sondern die Tatsache, dass dieses wichtige Buch bis heute nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Der Aufklärung würde die Veröffentlichung dieses Werks als Taschenbuch mehr dienen als die Beseitigung von Luegers Denkmal.

Bild oben: Graffiti auf dem Denkmal, Sept. 2020, (c) Kasa Fue / CC BY-SA 4.0

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