Antisemitismus in Österreich nach 1945

Der 2022 veröffentlichte Sammelband „Antisemitismus in Österreich nach 1945“ zeigt auf, wie spezifisch, verwurzelt und gefährlich dieses Phänomen ist. Neben politischen und religiösen werden auch mediale und kulturelle Facetten untersucht.

Rezension von Karl Pfeifer

Christina Hainzl, die eine Reihe von Interviews mit Juden in Österreich geführt hat, stellt fest, dass „Jüdischsein nach wie vor keine Selbstverständlichkeit darstellt.“ Hingegen berichten junge Gesprächspartner, „dass Stereotype bei jüngeren Generationen ihre Aussagekraft verlieren“ sowie über den Auftrieb jüdischer Kultur und Leben insbesondere in Wien.

Barbara Serloth hat über das Thema bereits einige Bücher publiziert. Sie schreibt über den „demokratisch legitimierten legislativen Antisemitismus der Zweiten Republik“. Karin Bischof und Marian Löffler dokumentieren den „Antisemitismus als politische Strategie. Plenumsdebatten im österreichischen Nationalrat nach 1945“.

Margit Reiter hat mit ihrem Buch über linken Antisemitismus in Österreich bereits vor Jahren Licht auf ein bis dahin tabuisiertes Phänomen geworfen. In diesem Sammelband schreibt sie über Antisemitismus in der FPÖ und im „Ehemaligen“-Milieu nach 1945.

Helga Embacher setzt sich auch mit der FPÖ und deren Verhältnis zu Israel auseinander. Bernhard Weidinger – Autor eines wichtigen Buches über die Burschenschaften – schreibt über „Studentenverbindungen und Antisemitismus in Österreich“.

Der an der Universität Münster islamische Theologie lehrende Österreicher Mouhanad Khorchide beschäftigt sich mit „Antisemitismus unter Muslimen in Österreich“ und sieht „Dringlichen Handlungsbedarf, junge MuslimInnen in Österreich über Antisemitismus aufzuklären“. Genauso spannend und vielseitig ist der Beitrag von Hasan Softic „Antisemitische Argumentationsmuster in bosnisch-muslimischen Communities“.

Matthias Falter schildert den katholischen Antisemitismus nach 1945, der zwar mit Kirche und neugegründeter ÖVP zwei wichtige Plattformen sukzessive verloren, der jedoch im privaten und halböffentlichen Bereich weitervermittelt wird und jederzeit durch Codes und Bilder abrufbar ist.

Bernadette Edtmaier stellt in ihrem Bericht über „Antisemitismus unter Jugendlichen in Österreich wichtige Fragen und macht Vorschläge, von denen zwei auch im Aktionsplan „Nationale Strategie gegen Antisemitismus“ des Bundeskanzleramtes verankert sind.

Weitere Beiträge befassen sich mit dem Nachkriegsfilm, Umfragen zu antisemitische Einstellungen 1973-2000 sowie „Antisemitismus und Social Media“.

Florian Markl dokumentiert den bis heute vorhandenen Antisemitismus in österreichischen Medien. Das positive Beispiel ist Die Presse, die einen antisemitischen Artikel entfernt hat, der nicht den „Qualitätsstandards“ entsprochen hatte. Hingegen machte der Krone Außenpolitikchef Kurt Seinitz umstandslos österreichische Juden für einen Mord verantwortlich, der in Israel begangen worden war.

Wundern über Antisemitismus in Österreich kann man sich nicht, wenn der höchste Repräsentant der Republik während des Gaza-Kriegs im Sommer 2014 meinte: „Der alttestamentarische Grundsatz Auge um Auge ist überholt und gefällt mir nicht, aber vielleicht manchmal unvermeidbar. Aber auf der Basis ein Auge gegen 100 Augen wird ein Friedensprozess kaum gelingen.“

Die Autoren zeichnen ein mannigfaltiges Bild des zeitgenössischen Antisemitismus. Sie haben auch kontroverse Themen behandelt und aufgezeigt, dass der Antisemitismus bis weit in der Mitte der Gesellschaft feststellbar ist, manches ist erschreckend aber es werden auch Beispiele einer Gegenwehr aufgezeigt.

Christina Hainzl/Marc Grimm (Hrsg.), Antisemitismus in Österreich nach 1945, Leipzig 2022 (Hentrich & Hentrich-Verlag), 325 S., Bestellen?

Leseprobe (PDF)

Diese Rezension erschien zuerst in der Illustrierten Neuen Welt.

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