Humanismus, quo vadis?

Wie wir unsere Menschlichkeit erhalten können – Historische Kontexte, Psychologische Reflexionen, Judenfeindliche Angriffe

Wie steht es mit den humanistischen Grundlagen unseres Lebens und Zusammenlebens? Wolfgang Frindte, Sozialpsychologe und emeritierter Professor für Kommunikationspsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Jena, versucht in seinem neuen Buch eine Antwort auf die Bewahrung unserer Menschlichkeit zu geben.

Wolfgang Frindte: Quo Vadis, Humanismus? Wie wir unsere Menschlichkeit erhalten können – Historische Kontexte, Psychologische Reflexionen, Judenfeindliche Angriffe, Springer Verlag 2022, Bestellen?

LESEPROBE

Die Idee zum Buch entstand 2019 in Arezzo. In der Stadt, südöstlich von Florenz und nordöstlich von Siena, leben knapp 100.000 Einwohner. Giorgio Vasari (1511-1574), Maler, Architekt und Kunsthistoriker, wurde in Arezzo geboren. Ihm verdanken wir u.a. die Lebensbeschreibungen von Leonardo da Vinci, Raffael Sanzio oder Michelangelo Buonarroti. Francesco Petrarca (1304-1374), Dichter und Geschichtsschreiber, mit dem der Renaissance-Humanismus begann, kam ebenfalls in Arezzo zur Welt. Als Petrarca sieben Jahre alt war, folgte er seinem Vater nach Avignon, dem damaligen Sitz des Papstes, studierte später in Montpellier und Bologna eine Zeit lang Rechtswissenschaft, empfing anschließend in Avignon die niederen Weihen der katholischen Kirche und widmete sich vor allem der Dichtkunst und der Geschichtsschreibung. Er schrieb in Latein, aber auch in der italienischen Volkssprache, war mit Giovanni Boccaccio befreundet und stand zeitweilig im Dienst der römischen Adelsfamilien Colonna und Visconti in Mailand.

Bildung, Kultivierung des Geistes, des eigenen wie auch der Anderen gehörten für Petrarca zu den Grundlagen menschlichen Zusammenlebens. Selbsterkenntnis, Freiheit und Mitmenschlichkeit könnten – aus heutiger Sicht – wohl die humanistischen Werte sein, an denen sich Petrarca orientierte und von denen er hoffte, sie mögen auch andere Menschen inspirieren.

An einem Sommerabend im August 2019 saßen der Autor und seine Frau in einem der Restaurants an der Piazza Grande, dem wunderschönen Platz in der Mitte der Altstadt von Arezzo. Sie sprachen über Laura, in die Petrarca unsterblich verliebt war; auch der Gedanke, dass Petrarca wahrscheinlich einer der ersten Bergsteiger war, der nur aus Lust und Laune einen knapp 2000 Meter hohen Berg bestieg, gefiel dem Autor und seiner Frau. Während sie darüber sprachen, kam der Kellner, der die zwei Gäste auf Deutsch begrüßte. Auf die neugierige Frage nach seiner Herkunft antwortete er, er sei Deutscher, in Dresden geboren, studiere in Padua Geschichte, Philosophie und Psychologie. In den Semesterwochen jobbe er gern in Arezzo. Nicht zuletzt wegen Petrarca. Der sei nun einmal seine große Leidenschaft, vor allem der große Gedichtzyklus, der Canzoniere, und Petrarcas Mühen, den Menschen die Menschlichkeit wieder nahezubringen. Heute werde, so der Dresdner beim Abschied, die Menschlichkeit wieder in Frage gestellt und es bleibe nur zu hoffen, dass sich die Deutschen, die Menschen generell, auf ihre humanistischen Errungenschaften besinnen.

Mit den Worten Humanismus und Errungenschaften hatte der junge Mann aus Dresden mehrere Saiten berührt, deren Nachklang zum Grundton des vorliegenden Buches wurden. Wie steht es mit den humanistischen Grundlagen unseres Lebens und Zusammenlebens? Müssen wir uns nicht gerade heute dieser Fundamente versichern? Wer greift diese Fundamente an?

Um diese Fragen beantworten zu können, wird ein Konstruktionsprinzip angewandt, mit dem die humanistischen Anstrengungen seit Petrarca in dreifacher Weise gerahmt werden: Zum einen werden diese Anstrengungen in die jeweiligen historischen Kontexte eingeordnet; zum zweiten wird auf psychologische Reflexionen zurückgegriffen, die sich in der Vergangenheit explizit oder implizit auf humanistische Konzeptionen beziehen; drittens schließlich wird auf judenfeindliche und antisemitische Äußerungen, Vorurteile, Diskriminierungen und Vernichtungsexzesse aufmerksam gemacht, um die Ambivalenzen der verschiedenen humanistischen Anstrengungen zu verdeutlichen. Die Einstellung und das Verhalten gegenüber Jüdinnen und Juden sind – aus Sicht des Autors – der Lackmustest eines jeglichen Humanismus.

In den Teilen I bis IV des Buches finden Leserinnen und Leser die Ergebnisse der Recherchen über den Humanismus. Es handelt sich um historische Collagen aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft und Kunst. Die Judenfeindlichkeit bzw. der Antisemitismus spielen dabei immer wieder eine zentrale Rolle. Die mehr oder minder ausgedrückten humanistischen Ambitionen der sich entwickelnden Psychologie werden ebenfalls beleuchtet. Im Teil V des Buches werden aus einer psychologische Perspektive die Mittel und Methoden analysiert, mit denen die humanistischen Fundamente unseres Zusammenlebens gegenwärtig angegriffen werden.

An früherer Stelle hatte der Autor behauptet, dass die Zeiten der großen realen Utopien von einer menschengerechten und friedlichen Zukunft jetzt erst richtig anfangen. Im Epilog zu diesem Buch beschreibt der Autor seine Vorstellungen und Hoffnungen von einer humanen Zukunft und hält es mit Erich Fromm, dass es für die Menschen auf Erden „[…] nur die Alternative gibt zwischen der Barbarei und einer neuen Renaissance des Humanismus“. Und so ist dieses Buch auch eine Hommage an Erich Fromm.

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