Multikulturell, kosmopolitisch, aufstrebend und modern – Odessa um 1900

Da damit zu rechnen ist, dass auch Odessa, die vielbesungene und gern verklärte Hafenstadt am Schwarzen Meer, bald zu Klump geschossen in Asche und Trümmern versinkt, lohnt möglicherweise ein Blick auf diese Stadt zu ihrer Blütezeit. Herangezogen wurde ein Text aus einem inzwischen historischen, deutschen Nachschlagewerk von 1897, der erstaunlich offen auch über jüdisches Leben, jüdische Errungenschaften und jüdische Emanzipation informiert.

Von Robert Schlickewitz

Deutsche sind, sofern sie über die nötigen Kenntnisse verfügen, gerne stolz auf ihre nationale Lexikonkultur. Dass es diesen Stolz durchaus zu relativieren und zu hinterfragen gilt, hat der Autor auf dieser Plattform bereits mehrfach aufgezeigt, besonders anschaulich am Beitrag zu den Juden-Komposita im deutschen Lexikon.

Denn, deutsche Enzyklopädien des 19. und des 20. Jahrhunderts waren bedauerlicherweise selten frei von nationalistischen, antisemitischen, antiziganistischen und rassistischen  Passagen.

Umso erfreulicher mutet in diesem Zusammenhang der Odessa-Eintrag des Meyer Konversations-Lexikon, 5. Auflage, Band 13, Leipzig und Wien 1897, an, der unten, leicht gekürzt, wiedergegeben wird.

Informationen über jüdisches Leben der Stadt präsentiert das Nachschlagewerk in der Tat ohne jede Wertung. Der Autor des vorliegenden Beitrags hat diese Informationen, der besseren Übersichtlichkeit wegen, kursiv hervorgehoben.

Gegen Ende des Lexikoneintrags zu Odessa ist von zwei Judenpogromen („Judenhetzen“) die Rede – tatsächlich waren es wesentlich mehr als nur zwei, allein im 19. Jahrhundert. Später, im Gefolge der Oktoberrevolution und vor allem im Zweiten Weltkrieg, als die Ukraine von Rumänen und Deutschen besetzt war, sollten die Stadt noch wesentlich opferreichere Massaker heimsuchen. Hierüber wird in einem folgenden Beitrag noch ausführlicher zu berichten sein.

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgehen, dass bei den Nennungen religiöser, sozialer und anderer Einrichtungen der Odessiten jeweils jene zu den Muslimen fehlen. Zumindest die erwähnten Tataren gehörten (und gehören noch) dem Islam an und hätten somit berücksichtigt werden müssen. Jedoch galt der Islam vielen Deutschen lange Zeit über als nicht gleichwertige Religion gegenüber Christen- und Judentum; man überging sie daher bisweilen in Aufzählungen älterer Enzyklopädien.

Odessa, Kreisstadt im russ. Gouv(ernement) Cherson, wichtigster Hafen- und Handelsplatz des Schwarzen Meeres, liegt 40 km nördlich von der Mündung des Dnjestrlimans und ist Ausgangspunkt der Linie O.-Birsula-Wolotschisk der Russischen Südwestbahn. Die Stadt breitet sich an der Südwestseite der Bai von O. aus, auf einer nach W(esten) zu unmittelbar in die kahle Steppe übergehenden Hochfläche, die, mehrfach von tiefen Wasserrinnen (Balki) durchschnitten, im Bereich der Stadt und südlich von ihr steil zum Meer abfällt. O. besteht aus der innern (sic!) Stadt, den Vorstädten Peressyp, Nowaja Slobodka, Moldawanka und den außerhalb des ehemaligen Freihafengebiets gelegenen Vororten Mühlenviertel und Woronzowka. Außerdem umschließt die Bannmeile der Stadt 13 dorfartige Wohnplätze, welche einen besonderen Stadtteil bilden.

O. ist sehr regelmäßig angelegt, die meisten Straßen kreuzen sich rechtwinklig und sind von großer Breite und Länge. Als die schönsten und als Mittelpunkte des Verkehrs sind zu nennen: die De Ribas-, die Katharinen-, die Griechische, die Richelieu-, die Italienische, die Chersoner, die Preobraschenskaja-, die Sophienstraße und der Primorski-Boulevard. Letzterer, der am oberen Rande der Seeküste hinführt, ist zugleich die besuchteste Promenade der Stadt. Inmitten des Boulevards erhebt sich die Bildsäule des Herzogs von Richelieu (errichtet 1827); ihr gegenüber führt eine 200 Stufen zählende, 10 m breite Freitreppe zum Meer hinab. Im Winter tritt der Boulevard seinen Rang an die Straße De Ribas ab, wo sich dann ein förmlicher Korso entwickelt. Als Vergnügungsort ist auch der Gorodskoi Sad (städtischer Garten) zu nennen und außerhalb der Stadt die kurzweg „Langeron“ genannte Villa des Grafen Grocholski (Bellevue) am Meeresufer. Weiter entfernt liegen am Meeresufer: Groß- und Kleinfontan (bei ersterm Orte der Odessaer Leuchtturm mit elektrischem Lichte); die deutschen Kolonien Großliebenthal, Lustdorf und Kleinliebenthal (mit Kaltwasserheilanstalt und Seebädern); endlich der Kujalnikliman (mit warmen und kalten Bädern, Sand- und Schlammbädern).

Die schönsten freien Plätze der Stadt sind: der Domplatz mit der Bildsäule des Fürsten Woronzow (errichtet 1863), der Katharinenplatz, der Alexanderprospekt, sämtlich mit Anlagen und Springbrunnen geschmückt, sowie der Theaterplatz. Ferner sind noch die Strogonow- und die Sabanskibrücke bemerkenswert, von welchen erstere über eine der erwähnten Wasserrinnen führt. Seit 1873 wird Odessa durch großartige, von einer Londoner Aktiengesellschaft erbaute Wasserwerke am Ufer des Dnjestr bei Majaki (40 km westlich) mit gutem und reichlichem Wasser versorgt.

O. zählt 30 orthodoxe Kirchen, außerdem eine katholische, eine evangelische, eine reformierte, eine englisch-presbyterianische und eine armenische Kirche, ein Bethaus der Raskolniken, 2 Klöster, 2 israelitische Hauptsynagogen nebst vielen Betsälen und eine karaitische Synagoge. Sehenswert sind: der 5000 Menschen fassende Sobor (Kathedrale), 1802 gegründet, 1849 in jetziger Gestalt vollendet, mit schöner Kuppel und einer 304 metr(ische) Zentner schweren Glocke sowie dem Grabmal des Fürsten Woronzow; die Troizkikirche mit dem Grabstein des 1826 von den Türken ermordeten Patriarchen von Konstantinopel, Gregor V., und die im Innern mit großer Pracht ausgestattete katholische Kirche mit dem Grabe des Grafen Langeron. Unter den öffentlichen Gebäuden sind hervorzuheben: die Börse mit schönem Saal und Säulenfassade, 1884 vollendet; die Universität mit Bibliothek, astronomischem Kabinett, chemischem Laboratorium, mineralogischer Sammlung, physikalisch-meteorologischem Kabinett, botanischer Sammlung (…), zoologischem, technologischem und agronomischem Kabinett sowie einer Münzsammlung (…); das an Stelle des 1873 abgebrannten errichtete neue Stadttheater; das sogen. Palais Royal mit hübschen Anlagen und Springbrunnen; das historische und Altertumsmuseum mit zahlreichen Statuen, Geräten, Waffen und andern (sic!) Antiquitäten, namentlich aus den hellenischen, genuesisch-venezianischen und mongolisch-tatarischen Epochen der südrussischen Küste; das Gelände des Instituts der adligen Fräulein und die Sabanskikaserne. Die Bevölkerung betrug 1892: 340 526 Einw(ohner) (1841 erst 25 000), so daß O. der Seelenzahl nach die vierte Stadt des Reiches ist. Außer Russen (196 443) finden sich unter der Bevölkerung Deutsche, Franzosen, Italiener, Engländer, Griechen, Arnauten, Rumänier, Ruthenen, Serben, Bulgaren, Polen, Tschechen, Armenier, Tataren, Juden (112 235) und Karäer.

Die industrielle Thätigkeit Odessas hat sich erst in neuester Zeit gehoben und unterliegt jeweilig bedeutenden Schwankungen. Die hauptsächlichsten Industriezweige sind: Getreidemüllerei (in 19 Dampfmühlen) 3 Mill(ionen) Rub(el), Zuckerraffinerie (eine 1879 eröffnete Fabrik, welche jetzt die größte im ganzen Reiche ist) 12 Mill., Ölschlägerei (5 Fabriken) 1,4 Mill. Rub. Außerdem werden fabriziert: Leder, Bier, Zuckerwaren, Schreibpapier, Oleo-Margarin, Essig, Stärke, Makkaroni und Nudeln, Hüte, Korke, Chemikalien, Seifen und Lichte, Tabak u(nd) a(nderes) m(ehr). 1891 hatte O. 442 Fabriken mit 9515 Arbeitern und einem Produktionswert von 28,7 Mill. Rub. Der Handel Odessas, meistens in griechischen, jüdischen und deutschen Händen, hat sich namentlich in den letzten drei Jahrzehnten stark entwickelt…

Von Jahr zu Jahr wächst die Bedeutung Odessas. Der Wert seiner Aus- und Einfuhr betrug in Prozenten der ganzen russische Aus- resp(ektive) Einfuhr: 1880: 8,9, resp. 8,3; 1886: 20,1 resp. 17,2; 1891: 19,4 resp. 16,6; 1894: 19,3, resp. 9,7. Unter den Gegenständen der Ausfuhr spielt die größte Rolle Getreide…

O. besitzt eine gewisse Suprematie unter allen russischen Ausfuhrhäfen, weil es die Nähe der Getreide produzierenden Gouvernements Bessarabien, Cherson, Podolien, Poltawa und Kiew, die Billigkeit der Seefracht und die Großartigkeit der Einrichtungen für sich hat. Neben Getreide kommen (…): Ölsaaten (…), Zucker (…), Spiritus (…), Tabak (…), Wolle (…), Rohseide (…), Schlachtvieh (…), Knochen und Knochenmehl als Ausfuhrartikel vorzugsweise in Betracht. Unter den Einfuhrgegenständen ziehen besonders die Aufmerksamkeit auf sich (…): Früchte (…), Kaffee (…), Steinkohle (…), vegetabilische Öle (…), Baumwolle (…), Jute (…), und bes. Thee (sic!) (…). Seit wenigen Jahren ist O. der Haupteinfuhrplatz Europas für die feinen chinesischen Thees vom Jantsekiang (sic!) geworden und hat die englischen Hafenplätze schon überflügelt. Aus Deutschland werden insbes(ondere) Chemikalien, Manufakturwaren (Konfektionsartikel), optische Instrumente, Uhren und Nähmaschinen eingeführt. Der Hafen Odessas besteht aus einer Reede und drei Häfen, dem sogen. Praktitscheski für die Küstenschiffahrt, dem Quarantänehafen für den auswärtigen Verkehr und dem neuerdings eingerichteten Petroleumhafen in der Nähe der Petroleumtanks am Peressyp. Die Errichtung eines Kohlenhafens wird vorbereitet. Die Reede hat einen Flächenraum von 2124 Hektar, auf welchem ca. 1000 Schiffe sich frei bewegen können. Der Praktitscheskihafen umfaßt 82 Hektar, die Tiefe ist bei der Einfahrt 3 ½ m. Für den lebhaften Verkehr reichen die vorhandenen drei Molen nicht aus. Der Quarantänehafen ist bis 7 m tief; seine Fläche umfaßt 42 Hektar. Er hat zwei Molen. Der Eingang in den Hafen, an sich genügend breit, verengert sich durch zwei Sandbänke am Ende der Karontinny-Mole. Der über 1 km lange Wellenbrecher schützt den Eingang in die Häfen; trotzdem leidet der Hafen von O. durch die im Schwarzen Meere gefährlichen Südostwinde. Die Häfen, besonders der Quarantänehafen, sind beständiger Versandung ausgesetzt. Während der letzten 20 Jahre ist der Hafen nur in zwei Wintern eisfrei gewesen; er friert im Januar gewöhnlich zu, wodurch die Schiffahrt behindert wird. Mit dem Bahnhof der Odessaer Eisenbahn steht der Hafen durch eine Zweigbahn in Verbindung; daneben ermöglicht ein Viadukt in Holzkonstruktion, der die Kais entlang bis zum weit hinausragenden Ende des äußern Hafendamms führt, die Verladung unmittelbar vom Waggon in das Schiff. Die Schiffahrtsbewegung von und nach dem Ausland ergab 1894: 1456 angekommene Schiffe von 2 076 962 Reg(ister)-Ton(nen), darunter nur 25 Segelschiffe. Auf die britische Flagge entfielen 60 Proz(ent), auf die russische nur 14 Proz. Die Reederei Odessas ist überwiegend in den Händen der Russischen Gesellschaft für Dampfschiffahrt und Handel. Sie besitzt eine Flotte von 74 Dampfern, 6 Dampfkuttern und 67 eisernen Dampfbarken; außerdem hat die Schwarzmeer-Donau-Gesellschaft (seit 1886) 10 Dampfer und die freiwillige Flotte 9 Dampfer. Durch nichtrussische Dampfer bestehen regelmäßige Verbindungen mit Triest, Marseille, Amsterdam, Antwerpen, Hull, Hamburg u.a. O(rten). Dem Handel Odessas dienende Anstalten und Vereine sind ferner: die Börse, die Filiale der Staatsbank, die Odessaer Kommerzbank (Aktienkapital 5 Mill. Rubel), die Chersoner Bodenkreditbank, die Bessarabisch-Taurische Bodenkreditgesellschaft, die Gesellschaft für gegenseitigen Kredit, die Städtische Kreditgenossenschaft, viele bedeutende Bank- und Wechselfirmen, Transport- und Versicherungskontore und Agenturen auswärtiger Schiffahrtskompanien.

Für die Pflege des wissenschaftlichen Lebens sowie für Erziehung und Unterricht sorgen zahlreiche Anstalten (im ganzen 1891: 271 mit 20 097 Lernenden), vor allem das frühere Lyceum Richelieu (gegründet 1817), seit 1864 kaiserliche neurussische Universität (mit drei Fakultäten: der historisch-philologischen, der physikalisch-mathematischen und der juristischen; die Gründung einer medizinischen ist 1895 entschieden; Zahl der Zuhörer 1891: 441). Ferner bestehen an öffentlichen Schulen: ein geistliches Seminar, 5 Gymnasien (darunter 2 für Mädchen), ein Fräuleininstitut, 2 Progymnasien, 2 Realschulen, eine Kreisschule, 60 Volksschulen, die jüdische Kreisschule; dann an Privatanstalten: 2 Gymnasien, 4 Realschulen, 9 Pensionate für das weibliche Geschlecht, 22 jüdische Schulen, eine Talmud-Thora u. 48 Cheders (jüdische Religionsschulen); außerdem 13 Pfarrschulen der verschiedenen nichtorthodoxen Bekenntnisse und eine griechische Unterrichtsanstalt. Von Fachschulen sind zu erwähnen: die Junker- (Unteroffizier-) Schule, die Kommerzschule (seit 1862), die Zeichen- und die Musikschule der Gesellschaft der schönen Künste, die Musikschule der Gesellschaft der Musikfreunde und die Handwerkerschule der jüdischen Gesellschaft „Trud“. Odessa besitzt mehrere Theater: das Stadttheater, das „Russische“ (für russische Oper und Schauspiel), das Zirkustheater Suhr und das Marientheater. Unter den wissenschaftlichen und gemeinnützigen Vereinen sind zu erwähnen: die Gesellschaft für Geschichte und Altertümer (1839 gegründet); die Ökonomische Gesellschaft für Südrußland (gegründet 1828); der Landwirtschaftliche Verein, der Verein der Naturforscher (seit 1869); die Gesellschaft der Odessaer Ärzte (gegründet 1850); der Ingenieur- und Architektenverein; die Gesellschaft der schönen Künste; der Krimsche Alpenklub und der Gartenbauverein. Die Mittelpunkte des deutschen Vereinslebens sind die Harmonia (gegründet 1859) und der Deutsche Handwerkerverein. Von den zahlreichen Wohltätigkeitsanstalten sind zu nennen: das Stadtkrankenhaus mit 1200 Betten; das jüdische Krankenhaus (seit 1829); das evangelische Hospital (seit 1892); die Heilanstalt für Arme (gegründet 1853); die Wohltätige Gesellschaft der Odessaer Damen (gegründet 1829) mit einem Waisenhospiz, einem Versorgungshaus für weibliche Gebrechliche, einem Armenschutzkomitee; die Slawische Wohlthätige Gesellschaft zu St. Cyrill und Methodius (seit 1870); ferner ein Gebärhaus, ein Taubstummeninstitut (1843 gegründet), das Haus der Barmherzigen Schwestern mit einem Frauenspital und mehreren Nachtherbergen, Waisen- und Findelhäuser. Das litterarische (sic!) und artistische Treiben Odessas wird durch 13 Buchhandlungen (darunter 2 deutsche und eine französische), zahlreiche Buch- und Steindruckereien unterstützt. Die öffentliche Bibliothek (gegründet 1829) enthält 30 000 Bände (darunter seltene Werke und Handschriften, z.B. der älteste russische Typendruckversuch, ein Neues Testament in Folio, 1581 in der bekannten Offizin des Fürsten Konstantin Ostroshski zu Ostrog gedruckt). Zeitschriften erscheinen 12, darunter 5 russische und eine deutsche Zeitung. O. ist Sitz des Erzbischofs von Cherson und O., eines Militärbezirks, des Kommandos des 8. Armeekorps, eines Stadtgouverneurs, des Gerichtshofs für Südrußland, eines Kreis- und eines Handelsgerichts sowie andrer Gerichtsbehörden, eines Lehrbezirks, einer Zensurbehörde, eines Zoll- und eines Acciseamtes, eines Steuerkontrollamtes, eines Hafenkapitäns, der Konsuln sämtlicher Handelsstaaten Europas (darunter ein deutscher Berufskonsul) u. Amerikas und einer Telegraphenstation, welche auch Annahmestelle der europäisch-indischen Telegraphenlinie ist. Durch Telephon steht O. mit Nikolajew in Verbindung.

[Geschichte] Gegen Ende des 18. Jahrhunderts lag in der Gegend des heutigen O. ein tatarisches Dorf, und da, wo sich jetzt der Boulevard erstreckt, erhob sich eine türkische Burg (Hadschibej), die 14. September 1789 von den Russen unter dem Generalmajor Joseph de Ribas mit Sturm genommen wurde. Dank jener günstigen Handelslage begann der kleine Ort bald aufzublühen und sich in eine Stadt umzuwandeln, welche auf Befehl Katharinas II. 22. Aug. 1794 den Namen O. (nach der im Altertum in der Nähe gelegenen griechischen Kolonie Odessos) erhielt. Unter der Leitung des ersten Gouverneurs, de Ribas, begann der Bau eines Forts zum Schutze der Reede; bald darauf ward von der Regierung auch die Anlage des Hafens (1795), der Quarantäne und der Zollhäuser befohlen und O. zum ersten Kriegshafen des Schwarzen Meeres erklärt. Später wurden jedoch die Anstalten für Kriegszwecke nach Nikolajew, dagegen der Sitz des Generalgouverneurs von Neurußland nach O. verlegt, den als letzter General von Kotzebue (bis 1874) einnahm. Seitdem ist das Generalgouvernement aufgehoben. Von 1811 – 1857 genoß O. Zollfreiheit, eine Vergünstigung, welche bei der ohnehin bevorzugten geographischen Lage und der Fruchtbarkeit des Hinterlandes nicht verfehlte, der Stadt einen Aufschwung zu geben, der ohne Unterbrechung bis in die jüngste Zeit andauerte und O. zum Hauptausfuhr- und Stapelplatz für Südrußland machte. Auch der Krimkrieg vermochte O. nicht zu schädigen, obgleich die Stadt von der vorbeisegelnden englischen Flotte 10. April 1854 beschossen wurde. Eine traurige Berühmtheit erlangte O. durch die wiederholt auftretende Choleraepidemie, welche 1866 von hier nach Deutschland verschleppt wurde, und durch die 1859 und 1871 von der griechischen Bevölkerung angestifteten Judenhetzen. Seit 1876 ist O. durch eine Anzahl Küstenbatterien befestigt, welche den Zweck haben, die Stadt gegen eine Beschießung von der See aus sicherzustellen.  

 

Nachwort:

Deutsche Enzyklopädien von nach 1945 (Brockhaus, Meyer, Herder, Bertelsmann etc.) haben mehrere Generationen über in ihren Ukraine-Einträgen die Anzahl der ukrainischen Opfer des deutschen, völkerrechtswidrigen Angriffskrieges gegen die Sowjetunion verschwiegen.

8 bis 10 Millionen Ukrainer, Kinder, Frauen, Männer, Atheisten, Christen und Juden, Zivilisten und Soldaten, insgesamt 8 bis 10 Millionen Menschen, haben Deutsche allein in der Ukraine auf dem Gewissen.

Es muss die Frage gestattet sein: Mit welcher Berechtigung wurden diese Zahlen den Kindern und Enkeln der Täter vorenthalten?

 

Glossar:

Gouvernement = Verwaltungseinheit im zaristischen Russland

Liman = Mündung

Bai = Bucht

Bannmeile = damals – festgelegtes Gebiet rund um eine Stadt, in dem nur eigene Händler Waren anbieten und verkaufen durften. Fremde Händler mussten bestimmte Sondertage nutzen oder auf Geschäfte verzichten

Herzog von Richelieu = Armand du Plessis (1766-1822), französischer und russischer Staatsmann

Joseph de Ribas = José de Ribas y Boyons (1749-1800), Spanischer Offizier in russischen Diensten

Korso = wörtl. aus dem Italienischen (corso): Lauf, Laufbahn, Hauptstraße. In Südeuropa so viel wie Flaniermeile

Raskolniken = sog. „Abtrünnige“ oder „Ketzer“, die auf Distanz zur russ.-orthod. Kirche des 17. Jh. und danach gingen; auch Bez. für Sektierer und Dissidenten

„Außer Russen (196 443) …“ > da um 1900 Ukrainer noch nicht als solche erfasst wurden, sind sie in der Statistik, zumindest zu einem Teil, als „Russen“ berücksichtigt worden, zum anderen Teil als Ruthenen.

Arnauten = türkische oder griechische Bezeichnung für Albaner

Ruthenen = lange Zeit über im Habsburger Reich die Bez. für solche Ostslawen, die auf dem Gebiet der heutigen Ukraine lebten (Untergruppen: Russinen, Lemken, Bojken, Huzuln)

Karäer = auch Karajime, eine sich als jüdisch betrachtende Religionsgemeinschaft, die turkstämmige Wurzeln aufweist, im Schwarzmeergebiet

Suprematie = Oberhoheit, Dominanz, Macht

Bessarabien = histor. Landschaft am Schwarzen Meer; heute im Wesentlichen das Gebiet der Republik Moldau/Moldawien

Podolien = histor. Gebiet, einst polnisch, heute in der südwestl. Ukraine und einem Teil der Republik Moldau

Konfektionsartikel = fabrikmäßig hergestellte Artikel bes. der Bekleidungsbranche

Folio = Begriff aus dem Buchdruckerwesen; kann auch das Buch-Format bezeichnen

Offizin = Werkstätte, Arbeitsraum vor allem im Buchdruckwesen

Acciseamt = Amt, das für indirekte Steuern zuständig war (Verbrauchssteuer, Binnenzoll)

Nikolajew = Mikolajiw, Stadt in der südl. Ukraine, Odessa liegt 100 km südwestlich von ihr

Judenhetzen = Judenpogrome

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