Avlaremoz! Lasst uns reden! Konușalım!

Nesi Altaras ist türkischer Jude aus Istanbul. Inzwischen befindet er sich wie viele andere türkische Juden im Ausland. Nachdem er erfolgreich seinen Master in Politologie abgeschlossen hat, lebt er aktuell in Montreal und forscht zur Geschichte und Identität der türkischen Juden. Seit vier Jahren ist er Autor für die türkisch-jüdische Online Plattform und digitale Zeitung „Avlaremoz“.

Dort bekommen junge Juden und Jüdinnen aus der Türkei und am Judentum Interessierte eine Möglichkeit, sich mit den Herausforderungen des türkisch-jüdischen Lebens zu beschäftigen. Film- und Buchrezensionen, Gastbeiträge deutscher Juden und Jüdinnen, Formen des Antisemitismus in der Türkei – Avlaremoz hat seinen Leser*innen viel zu bieten. Neben der inzwischen als staatstreu geltenden jüdisch-türkischen Tageszeitung Șalom ist Avlaremoz die einzige Plattform, auf der türkische Juden und Jüdinnen die Möglichkeit bekommen, das jüdische Leben der Türkei darzustellen. Einer der Autoren und Mitgründer des Projektes ist Nesi Altaras, den wir nach seinen Beweggründen für Avlaremoz fragten.

Interview: Ilgin Seren Evisen

Wieso haben die Gründer der Plattform und des Projektes „avlaremoz“ als Namen ausgewählt, um die türkisch-jüdische Kultur wiederzubeleben?

Avlaremoz heißt „lasst uns reden!“. Wir waren eine Handvoll von jungen Türken, manche von uns sind stark verwurzelt im Judentum, andere weniger, manche gar keine Juden, unser gemeinsames Ziel war es, eine Plattform zu schaffen, auf der wir uns gegen Antisemitismus in der Türkei positionieren, die Geschichte und Kultur der türkischen Juden darstellen und der Community ein Gesicht geben können. Seit den 60er Jahren hatte die türkisch-jüdische Community in der Türkei die Haltung, politisch neutral zu sein, sich nicht einzumischen bzw. sich politisch nicht klar zu positionieren. Wir jüngeren Juden sahen, dass diese Haltung keinen Erfolg hatte und wir nicht so tun können, als ob es in der Türkei keinen Antisemitismus gibt bzw. den vorhandenen nicht ignorieren dürfen. Um gleichgestellte Bürger zu sein, mussten wir uns zeigen und uns gegen Antisemitismus positionieren, wir mussten eine klare Haltung einnehmen.

Aus wie vielen Personen besteht Euer Team?

Wir sind circa 6 Ehrenamtliche und 15 -20 Autoren und betreiben gemeinsam die Plattform Avlaremoz. Da wir mehrheitlich aus Ehrenamtlichen bestehen, sind wir immer auf der Suche nach Autoren, die uns durch ihre Texte unterstützen. Letztes Jahr erlebten wir leider einige Cyber Attacken, die unsere Plattform und unser Projekt bedrohten. Um unser Projekt nicht zu verlieren, mussten wir die Sicherheitsvorkehrungen auf unserer Homepage erhöhen und hoffen nun, dass wir derartige Angriffe nicht mehr erleben. Unsere Follower unterstützen uns, hinter den Angreifern vermuten wir übrigens die gleichen islamistischen Gruppierungen, die auch die türkisch-jüdische Tageszeitung Șalom attackierten.

Die Türkei erlebt aktuell sehr schwierige Tage. Meinen Sie, dass dieser Zustand vorübergehend ist?

Wir glauben nicht, dass diese schwierigen Tage bald vorüberziehen werden. Unser einziges Ziel ist daher nicht nur die Bekämpfung von Antisemitismus. In der Türkei gibt es wenige Bildungsprojekte zu Themen wie dem Holocaust, an der Stelle gibt es für uns noch viel zu tun. Wir hoffen auf eine Türkei, in der wir uns frei äußern und als Juden gleichberechtigt leben können.

Interessierte und türkisch Sprechende Leser*innen können sich gerne selbst ein Bild von diesem so wichtigen und vielfältigen Projekt machen: https://www.avlaremoz.com/

Bild oben: Lebt aktuell in Montreal: Nesi Altaras, Mitbegründer von Avlaremoz, Foto: privat

Ilgin Seren Evisen ist gebürtige Mannheimerin und studierte Turkologin/Soziologin/Germanistin/Betriebswirtin für NGOs. Als freiberufliche Journalistin schreibt sie vor allem über Minderheiten in der Türkei, türkische Literatur, politische Entwicklungen in der Türkei und die türkischen Communitys Deutschlands sowie über die türkisch-jüdische Gemeinde in Israel. Ferner ist sie Biografin und gibt Schreibkurse sowie interkulturelle Trainings. –> www.masal-levon.de

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