Zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der „Protokolle der Weisen von Zion“

Der Historiker und Slawist Michael Hagemeister hat jahrezehntelang immer wieder zur Entstehungsgesichte der antisemitischen Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion“ geforscht. Einige der dazu entstandenen Aufsätze hat er jetzt in einem kleinen Sammelband veröffentlicht.

Von Armin Pfahl-Traughber

Die „Protokolle der Weisen von Zion“ dürften die weltweit bedeutendste antisemitische Schrift sein. Blickt man auf den Inhalt der jeweiligen Kapitel, so wird darin die Existenz einer „jüdischen Verschwörung“ nahgelegt. Angeblich handele es sich um Aufzeichnungen von einer Geheimversammlung, wobei jüdische Mächtige ihre Strategien für die zukünftige Weltherrschaft vortrugen. 1903 erschien eine erste Ausgabe in einer russischen Zeitung, die „Protokolle“ fanden zunächst aber kaum eine weitere Wahrnehmung. Dies änderte sich nach 1917 zumindest für die westeuropäischen Länder, brachten doch judenfeindliche Emigranten die Schrift aus dem erodierenden Zarenreich mit. Nun wurden sie ein weltweiter Bestseller, entstanden doch in nahezu alle bedeutsamen Sprachen einschlägige Übersetzungen. Auch die frühe Entdeckung, wonach es sich um ein Plagiat handelte, verhinderte nicht deren Verbreitung. Von Europa aus erfolgte diese in viele Regionen. Heute sind die „Protokolle“ insbesondere in der arabischen Welt sehr verbreitet.

Doch wie entstand dieses judenfeindliche Machwerk überhaupt, wie kam diese Fälschung zustande? Dazu kursierte eine Entstehungsgeschichte, die dem zaristischen Geheimdienst „Ochrana“ eine herausragende Rolle zuschrieb. Damit wollte man Nikolaus II. davon abbringen, politische Reformen in Russland durchzuführen. So lautete jedenfalls eine Deutung der Entstehungsgeschichte, die in den 1930er Jahren aufkam und auch die spätere Fachliteratur zum Thema prägte. Auch in dem bekannten Buch von Norman Cohn zu den „Protokollen“ findet sich diese Version. Dagegen formulierte indessen Michael Hagemeister, Historiker und Slawist, forschungsbezogenen Widerspruch. Er hatte sich intensiv mit der Entstehungsgeschichte der „Protokolle“ beschäftigt, zahlreiche russische Archive aufgesucht und so auch Defizite dieser Version aufzeigen können. Entgegen möglicher Fehldeutungen negierte er nicht, dass es sich um eine Fälschung handelte. Die eigentlichen Akteure blieben für ihn indessen im Dunkeln – und zwar bis zur Gegenwart.

Einige Ergebnisse seiner Forschungen veröffentlichte Hagemeister in unterschiedlichen Sammelbänden und Zeitschriften. Jetzt hat er diese zu einem kleinen Buch zusammengestellt, das als „The Perennial Conspiracy Theory. Reflections on the History of The Protocols of the Elders of Zion“ erschien. Auch darin kann der Autor nicht enthüllen, wer die Fälscher der Schrift waren. Gleichwohl findet man in den sechs Aufsätzen viele Detailinformationen, die für die Entstehungsgeschichte der „Protokolle“ ebenso wie für ihre Wirkungsgeschichte relevant sind. Dabei irritiert etwas die Reihenfolge, die nicht der zeitlichen Chronologie entspricht. Am Anfang steht noch ein allgemeiner Überblick, der auch gesondert die weltweite Verbreitung thematisiert. Dem folgt dann ein Beitrag zum bekannten Berner Prozess um die „Protokolle“ zwischen 1933 und 1937, wo die erwähnte Version gerichtliche Weihen erhielt. Gleichwohl sieht Hagemeister darin eine Konstruktion, zwar aus guten Gründen, aber doch nicht der historischen Wahrheit verpflichtet.

Andere Beiträge widmen sich etwa Leslie Fry, die mit großem Einfluss für die „Protokolle“ in der englischsprachigen Welt warb. Und dann geht Hagemeister auch auf den Mystiker Sergej Nilus ausführlicher ein, nahm dieser doch die „Protokolle“ in eine seiner Schriften auf. Aufgrund seines Einflusses auf Nikolaus II. wurden sie am Zarenhof bekannt. Und schließlich verweist Hagemeister noch auf die im post-sowjetischen Russland kursierenden Stimmungen, welche in apokalyptischen und konspirationsideologischen Auffassungen bestanden und auch für die „Protokolle“ ebendort eine Renaissance ermöglichten. Wie erwähnt kann für die Entstehungsgesichte auch Hagemeister keine neue und überzeugendere Version liefern. Dies darf man aber gegenüber dem Autor nicht als Kritik formulieren, geht es ihm doch nicht um Spekulationen, sondern eben um Wissenschaft. Seine Aussagen wollte einmal ein antisemitischer AfD-Landtagsabgeordneter instrumentalisieren, dazu hätte man sich noch einige Erläuterungen in dem interessanten kleinen Sammelband gewünscht.

Michael Hagemeister, The Perennial Conspiracy Theory. Reflections on the History of The Protocols of the Elders of Zion, London – New York 2022 (Routhledge), 132 S., Bestellen?

Bild oben: Deutsche Ausgabe von 1920, Siehe Holocaust Encyclopedia

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