Gelebte Revolution

Anarchismus in der Kibbuzbewegung

„…ein gewisses Maß des Gelingens im sozialistischen Sinn“
(Martin Buber) – Kibbuz und Anarchismus

Von Siegbert Wolf

Neben den anarchistischen Kollektivierungen in Spanien 1936 bis 1939 zählt die Kibbuzbewegung zu den bedeutendsten und langlebigsten Sozialexperimenten und zuleich zu den „wichtigsten praktischen Erfahrungen der Selbstverwaltung“ im 20. Jahrhundert (S. 190). So hob der Sozial- und Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) mit Blick auf die kommunitären Gemeinschaftsprojekte in Europa und Nordamerika die genossenschaftliche Siedlungsbewegung in Eretz Israel als „Neuland sozialer Gestaltung“[1] hervor. Die Kibbuzim würdigte er als das bemerkenswerteste bis dato unternommene sozialutopische Projekt, in welchem Produktion und Konsumtion, Industrie, Landwirtschaft und Handwerk miteinander verbunden waren. Bubers Skepsis gegenüber gesellschaftlichen Hierarchien und staatlichem Zentralismus erklärt seine anhaltenden Sympathien für eine freiheitlich-egalitäre Restrukturierung der Gesellschaft, eine genossenschaftlich-föderalistische Vereinigung in selbstorganisierten, basisdemokratischen und dezentralisierten Wirtschafts- und Lebensgemeinschaften.

Mit seiner erstmals 2009, jetzt auch in deutscher Sprache erschienenen Publikation legt der Politikwissenschaftler James Horox, der zahlreiche Interviews und Gespräche mit Kibbuzmitglieder*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen in Israel, Europa und Nordamerika führen konnte, eine detaillierte und lesenswerte Studie über die inzwischen mehr als 140jährige Geschichte der Kibbuzbewegung und ihre anarchistischen Einflüsse vor. Während die Bedeutung der Kibbuzim „beim Gründungsprozess einer Nation und der Neuorientierung einer gesamten Bevölkerungsgruppe“ (S. 10) unbestritten sei, gelte dies weniger für die Tatsache, dass die Kibbuz-Bewegung als egalitäre und kommunitäre Gemeinschaft „die ideologischen Abkömmlinge der anarchistischen Tradition“ repräsentieren (S. 11). Diesen Zusammenhang von genossenschaftlich-föderativer Kommunebewegung und anarchistischer Sozialutopie ergründet Horrox in seiner Untersuchung.

Vor allem Juden und Jüdinnen in Osteuropa suchten am Ausgang des 19. Jahrhunderts aufgrund des pogromistischen Antisemitismus und ökonomisch verzweifelter Zustände nach einer neuen Verbindung von sozialrevolutionärem Radikalismus im Hinblick auf ihre jüdische Identität und fanden diese teilweise im (nichtstaatlichen) Kulturzionismus und in der genossenschaftlichen Siedlungsbewegung in Palästina. In der Folge mehrten sich diejenigen Stimmen, die eine sozialistisch-zionistische Perspektive favorisierten, sich also auf den Aufbau einer eigenen Gesellschaft fokussierten, in der Juden und Jüdinnen nicht länger auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen der christlichen Bevölkerungsmehrheiten ausgeliefert waren. Vor allem jüdische Anarchist*innen betonten die Notwendigkeit einer kommunitären Gesellschaft mittels freiheitlich-genossenschaftlicher Kibbuzim in Eretz Israel. Marxistische Ideen dagegen, die dann in den 1920er Jahren stärker hervortraten, vermochten „keinen prägenden Einfluss auf die Wirklichkeit des Lebens im Kibbuz“ auszuüben (S. 124).

Detailliert arbeitet Horrox die ideologischen Grundlagen der sich selbst organisierenden Kibbuzim, die zumindest anfänglich auf dem Kollektiveigentum an Land und Produktionsmitteln, gemeinsamer Arbeit, gegenseitiger Hilfe, sozialer Gleichheit, lokaler Autonomie und direkter Demokratie basierten, heraus. Hierbei erinnert er an Peter Kropotkins (1842-1921) anarchokommunistische, gegen den industriellen Kapitalismus gerichtete Konzeption des „industriellen Dorfes“ und der „gegenseitigen Hilfe“ sowie an das Prinzip „Jede/Jeder nach ihren/seinen Bedürfnissen“. Auch Gustav Landauers kommunitärer Anarchismus eines sofortigen sozialistischen Beginnens mittels des Einübens neuer sozialer Arrangements im Verhältnis der Menschen untereinander und zur Natur wurde umfassend rezipiert. Obgleich Landauer der nationalstaatlichen Bewegung des Zionismus nicht anhing, begleitete er die jüdische Siedlungsbewegung mit wohlwollendem Interesse, wie sein Briefwechsel mit dem späteren Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses und der „Zionistischen Weltorganisation“, Nahum Goldmann (1895-1982), aus dem Jahre 1919 dokumentiert (S. 204-208). Als weitere Vorbilder dieses freiheitlich-sozialistischen Kommunitarismus galten neben Martin Buber, über den Landauers Anarchismus in zionistisch-sozialistischen Kreise gelangte, der hebräische Schriftsteller Aharon David Gordon (1856-1922), der in seinen Schriften die „Liebe zur körperlichen Arbeit und zur Natur“ (S. 42) heraustellte und dabei vom agrarischen Anarchismus Leo N. Tolstois (1828-1910) beeinflusst war sowie der sozialistisch-zionistische Politiker Chaim Arlosoroff (1899-1933).

Der Hauptteil von Horrox‘ Studie ist der Geschichte der Kibbuzim, ihren Anfängen und Grundlagen seit dem späten 19. Jahrhundert sowie ihrem gesellschaftlichen Kontext gewidmet. Entlang der insgesamt sechs Alijot, vor allem aus Osteuropa, ist die eigentliche Gründung sozialistischer Kibbuzim eng mit der zweiten (1904-1914) und dritten Alija (1919-1923) verbunden: „Den Lebensstil, den sie praktizierten, gründete auf politischer und materieller Gleichheit, auf Freiheit und Demokratie sowie auf Kollektiveigentum. Das Hauptanliegen der Gemeinschaft war die Abschaffung jeder Hierarchie und Rangordnung. […] Die Entscheidungsstruktur gründete ausschließlich auf der direkten Demokratie.“ (S. 34)

Die Gründer*innen dieser Kibbuzim ließen sich von „klar definierten inhaltlichen Zielsetzungen“ und „prinzipiellen Überzeugungen“ (S. 57) einer Revolutionierung sämtlicher Lebensbereiche leiten, die maßgeblich auf der Geschichte, Theorie und (kommunitären) Praxis des Anarchismus gründeten: „Diese neue anarchistische Gesellschaft sollte um eine partizipative Ökonomie herum geschaffen werden und frei von jeder Regierung sowie externer Verwaltung sein.“ (S. 58) Hinzu trat der Gedanke der kommunikativen und ökonomischen Vernetzung unter den Kollektivsiedlungen: „Während des gesamten 20. Jahrhunderts hindurch arbeitete die Bewegung auf dieser föderativen Grundlage mittels des Prinzips der gegenseitigen Hilfe unter den Kibbuzim, auch wenn sie in dieser Zeit komplexe und umfangreiche Prozesse von Spaltungen und Neuformierungen durchlebten.“ (S. 121)

Als Teil der sozialistischen, kommunitären Bewegung verstanden sich die Kibbuzim als ein ökologisches, selbstverwaltetes, auf der Freiheit des Individuums beruhendes Gemeinwesen, nachkapitalistisch, herrschaftsfrei und sozial gerecht, mit basisdemokratischen Entscheidungsprozessen: Kollektivbesitz der Produktionsmittel, egalitäre Einkommens- und Besitzverhältnisse, kollektive Güterverteilung, Gemeinschaftsküche und -speisesaal, Gleichheit zwischen den Geschlechtern, kollektive und koedukative Erziehung bei gleichzeitiger Ablehnung der traditionellen (Klein-)Familie, Rotation sämtlicher anfallenden Tätigkeiten, Aufhebung von Hand- und Kopfarbeit, Garantierung der Grundbedürfnisse aller Kibbuzmitglieder*innen (Ernährung, Wohnen, Bildung und Gesundheitsversorgung): „Der Zionismus der frühen Kibbuzniks hatte sich nie eine nationale Erneuerung vorgestellt, welche die Formen des Prozesses einer Staatenbildung annehmen könnte.“ (S. 86). Eretz Israel bot „eine Gelegenheit, um eine völlig neue Form von Gesellschaft aufzubauen und ihre Träume und Visionen in die Praxis umzusetzen“, nicht jedoch, um einen Nationalstaat mit kapitalistischer Ökonomie zu bewirken – die Fokussierung auf Gründung und Verteidigung Israels erfolgte erst später. Dass auch viele nichtjüdische Anarchist*innen der Faszination für die genossenschaftliche Kollektivbewegung erlagen, beleuchtet Horrox am Beispiel des Anarchosyndikalisten Augustin Souchy (1892-1984), der Gustav Landauer vor dem 1. Weltkrieg in Berlin kennengelernt hatte, nach dem Zweiten Weltkrieg Israel einige Male bereiste und dort Martin Buber in Jerusalem und zahlreiche Kibbuzim besuchte: „Mein tiefster Eindruck […] war das harmonische Gemeinschaftsleben in den Kibbuzim. Die Verwandlung von Wüstenland in einen Garten ohne Aussicht auf materiellen Gewinn wäre unter diesen schweren Bedingungen auf der Grundlage des Privateigentums kaum möglich gewesen. Der Geist der Gemeinschaft aber brachte es zustande. Was ich in Israel gesehen habe, war die schönste Bestätigung für mich, dass mein Jugendideal verwirklicht werden kann, und dass der freie Sozialismus keine Utopie ist.“[2]

Die Geschichte der jüdischen genossenschaftlichen Siedlungsbewegung lässt sich in vier Abschnitte einteilen: Die erste, sozialutopische Periode von 1907 bis 1935, in der freiheitlich-sozialistische Einflüsse weit verbreitet waren. Die zweite Phase von 1936 bis 1949 wird als „Blütezeit“ der Kibbuzim gewertet. In den Jahren von 1950 bis 1966 verlor die genossenschaftliche Bewegung, infolge der Staatsgründung 1948 und zunehmender Institutionalisierung und Parteieneinflussnahme, an Bedeutung. Von 1967 bis Ende der 1980er Jahre durchlief sie eine Zeit der industriellen Transformation. Zugleich erfolgte innerhalb der intellektuellen Zirkel der Kibbuzbewegung seit den 1970er Jahren eine vermehrte Beschäftigung „mit weltanschaulichen Fragen“, eine „erneute Hinwendung zu Buber und Landauer“ (S. 88) und zum Anarchismus: „Obwohl es zu dieser Zeit bereits zu spät war, um die Uhr zurückdrehen zu können, wurden Persönlichkeiten wie Landauer erneut zu einer intellektuellen Inspiration für viele Kibbuzniks. Die Kibbuzbewegung begann allmählich anzuerkennen, in welch tiefer Schuld sie bei ihren anarchistischen Vorläufern stand.“ (S. 89)

Die Wirtschaftskrise in Israel in den 1980er Jahren zwang auch die Kibbuzim zu ökonomischen Anpassungen mit zunehmender Professionalisierung etwa im Bereich des Managements und der Finanzverwaltung. Darunter leidet die Idee der Kibbuzkollektivität bis heute. Horrox sieht die Gründe, warum sich die Utopie vieler Kibbuz-Gründer*innen letztendlich nicht nachhaltig verwirklichen ließ, darin, dass der „Traum der frühen Kommunard*innen auf systematische Weise manipuliert und instrumentalisiert worden ist – und zwar von den entstehenden zionistischen Institutionen eines im Werden begriffenen Staates.“ (S. 127). Auch Martin Buber blieb der Niedergang der ursprünglichen freiheitlichen Impulse innerhalb der Kibbuzbewegung nach der Staatsgründung Israels nicht verborgen. Zugleich bewahrte er sich seine Hoffnung auf deren Erneuerung und Wiedererstarkung: „Früher hatte die Kibbuzbewegung einen indirekten Einfluss auf das menschliche Zusammenleben in der Stadt und in den Landsiedlungen, und gleichzeitig einen gewaltigen direkten Einfluss auf die Herzen der Jugendlichen in der Diaspora. Dieser zweite Einfluss geht heute weniger tief, während der erste ganz verschwunden ist. Ich bin weit davon entfernt, die Menschen des Kibbuz dafür verantwortlich zu machen. Ich kenne sehr wohl den Anteil der Politisierung unseres Lebens sowie der wachsenden Abhängigkeit vom Weltmarkt u.s.w. Nichtsdestoweniger besteht die Tatsache, dass ich früher die Macht des sich verwirklichenden Geistes gespürt habe, und heute nicht mehr. Glauben Sie aber nicht, dass ich verzweifelt bin, denn ich setze meine Hoffnung auf eine neuartige Unzufriedenheit, auf eine innere Wandlung, auf eine Erneuerung der Kibbuz-Bewegung […].“[3]

Obgleich sich viele Kibbuzim vor allem in den 1980er und 1990er Jahren von den „marktfeindlichen Ansichten ihrer Gründergeneration“ (S. 139) verabschiedeten, sich von der Idee des Sozialismus abkehrten und sich, infolge der Privatisierung der gemeinschaftlichen Produktionsmittel, eher am Kapitalismus orientierten, bedeutete dies, so Horrox, dennoch keineswegs das Ende dieser Bewegung. Zwar bewegen sich die allermeisten Kollektive in ihrer Struktur und alltäglichen Abläufen heute „nicht mehr so nahe am klassischen Anarchismus wie früher“, funktionieren gleichwohl vielerorts „noch immer anders als die kapitalistischen und staatssozialistischen Modelle“ (S. 141f.).

In seinem Ausblick auf die Kibbuzbewegung im 21. Jahrhundert betont Horrox zu Recht, dass, wenn auch die „Bestrebungen der frühen Kibbuz-Kommunard*innen seit langer Zeit in den zionistischen Staatsaufbau integriert worden sind“, sich das „von ihnen mitgestaltete Land“ dennoch als „ein wahres Mikrolabor für radikale Sozialexperimente“ erweist und damit Optionen aufscheinen, die eine „Erneuerung der anarchistischen Tradition“ eröffnen könnten (S. 186). Wie kann, so fragt der Autor abschließend, das „radikale Erbe der Geschichte des Landes Antworten auf die aktuellen sozialen Probleme geben?“ (Nachwort, 2017, S. 201). Seine Antwort lautet: Indem „nämlich realistische Alternativen entwickelt werden, die in einem Geist der gegenseitigen Hilfe, der Kooperation und der Selbstverwaltung zu einem dauerhaften Status Quo werden.“ (ebd.).

James Horrox, Gelebte Revolution. Anarchismus in der Kibbuzbewegung. Übersetzung aus dem Englischen und Französischen (Nachwort von 2017) von Lou Marin. Heidelberg: Graswurzelrevolution, 2021, 259 S., 24,80 €, Bestellen?

 

[1]    Martin Buber, Der heilige Weg. In: Martin Buber Werkausgabe, Bd. 11.1: Schriften zur politischen Philosophie und zur Sozialphilosophie. Hrsg. u. kommentiert von Stefano Franchini, eingeleitet von Francesco Ferrari. Gütersloh 2019, S. 125-156, hier: S. 152.
[2]    Internationales Institut für Sozialgeschichte (IISG) Amsterdam, Augustin Souchy Papers, Nr. 53.
[3]    Martin Buber an Jifrach Chaviv vom 22.12.1959. In: Ders., Briefwechsel aus sieben Jahrzehnten. 3 Bde. Hrsg. u. eingeleitet von Grete Schaeder. Heidelberg 1972-1975, hier: Bd. III, S. 495f.

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