Antisemitismus in der Türkei

Dr. Yektan Türkyilmaz ist türkisch-kurdischer Abstammung und forscht aktuell an der Fakultät der Nahost-Studien von Wien („Center for Easter Mediterranean Studies“). Seine Promotion schloss Türkyilmaz an der Duke Universität in Durham (North Carolina) ab. Neben seinem Hauptforschungsgebiet, dem Genozid an den Armeniern 1915, hat er auch weitere Schwerpunkte wie die Minderheitenrechte in der Türkei und die Reflektion von historischen Ereignissen in der Musik der 1900-1920er Jahre im Osmanischen Reich. Türkyilmaz gehört zu den ersten türkischen Intellektuellen, die in Armenien Zugang zum Nationalarchiv bekamen und erklärt uns in diesem Interview die Entwicklung des Antisemitismus in der Türkei vor dem Hintergrund politisch-historischer Ereignisse.

Interview: Ilgin Seren Evisen

Welche Gruppen in der Türkei haben Ressentiments gegenüber Juden bzw. sind antisemitisch? Unterliegt der Antisemitismus in der Türkei Schwankungen, ist er manchmal ausgeprägter oder schwächer? Welche gängigen Vorurteile gibt es in der Türkei gegenüber Juden?

Die Frage sollte eher lauten: Welche Gruppen in der Türkei verbreiten keinen Antisemitismus? Der Antisemitismus lässt sich schwer auf einzelne Gruppen eingrenzen. Leider findet er sich bei allen politischen Richtungen. Ob Religiöse, Linke oder Liberale, alle bedienen sich antisemitischer Ressentiments und antisemitischer Verschwörungstheorien. Vor allem nach dem Kalten Krieg nahm er sehr stark zu. Neben dem dem Islamismus inhärenten Antisemitismus hat sich die Türkei in den 30er Jahren von den Nazis viele antisemitische Theorien „abgeschaut“. In den 60er Jahren kam dann ein rechts-religiös begründeter Antisemitismus dazu. In den 90er Jahren finden sich antisemitische Ressentiments vor allem bei links-säkularen Gruppen und nehmen in den 2000er Jahren an Fahrt auf. Wenn wir also die politische Landschaft der Türkei in rechtskonservative, nationalistische, islamistische, linksliberale Gruppierungen aufteilen, können wir getrost sagen, dass sie alle antisemitisch sind.

Der Antisemitismus, seine Geschichte und Entstehung unterscheiden sich stark vom Antisemitismus europäischer und/oder christlicher Staaten. Im Osmanischen Reich gab es keinen Antijudaismus, also religiös begründeten Antisemitismus.

Das Osmanische Reich kannte – anders als europäische Staaten oder Monarchien – keine Inquisition. Daher wurde und wird es von europäischen Historikern und Akademikern ja auch als Ort der Toleranz gefeiert. 1492 wanderten viele Juden aus Spanien und Portugal, die dort verfolgt wurden oder konvertieren musste, ins Osmanische Reich ein. Dort waren sie gern gesehen und wurden schnell in das Vielvölkerreich integriert. Diese Toleranz heißt aber nicht, dass sie mit muslimischen bzw. sunnitischen Osmanen gleichgestellt waren, das wäre eine allzu romantisch-verklärte Sicht auf das Osmanische Reich. Sie wurden nicht anders behandelt als andere Minderheiten wie die Armenier.  Aber mit Zwangskonvertierungen oder Vertreibungen wie in Europa mussten die osmanischen Juden nicht rechnen.

Stereotypisierungen gab es aber natürlich auch damals. Ich habe zum Beispiel aktuell ein Forschungsprojekt, bei dem ich alte Schallplatten, die im Zeitraum von 1900 -19-20 entstanden, analysiere. Bei der Untersuchung dieser Lieder fällt mir auf, dass es über Juden viele Stereotypisierungen gibt, aber nicht die heutzutage weltweit gängigen der allmächtigen Weltverschwörer, die die Geschicke der Welt kontrollieren. Bei diesen Typisierungen ergibt sich ein Bild vom typischen Juden, der Türkisch mit einem schwer verständlichen Ladino Akzent spricht, zu viel lacht und sehr opportunistisch ist.

Die islamistischen antijüdischen Ressentiments beginnen mit der einsetzenden Säkularisierung, die sie als jüdische Verschwörung interpretieren und den Juden zuschreiben. Zu diesem Zeitpunkt setzt das Vorurteil des mächtigen Juden an, der hinter verborgenen Türen handelt und die Geschicke des Landes in den Händen hält. Ein weiterer Ansatzpunkt für das Aufkommen des Antisemitismus bzw. Gegenstand antisemitischer Theorien sind die aus Thessaloniki stammenden „Dönme“ („Conversos“), die Anhänger von Sabbatai Zevi, eines selbsternannten Messias.  Seine Anhänger wurden angesehen als Juden, die ihre wahre Identität verstecken, als Muslime mit türkischen Namen auftreten und ihre wahre Identität nicht preisgeben und die Gesellschaft unterwandern. Als eine Art Geheimgesellschaft. Der muslimisch motivierte Antisemitismus baut sich auf einem Misstrauen gegenüber diesen „Conversos“ auf. Vor allem, da viele der säkular ausgerichteten Ittihat und Terakki Mitglieder („Komitee für Einheit und Fortschritt“) wie auch Atatürk selbst wie auch die Conversos aus Thessaloniki stammen. Die gemeinsame Abstammung aus Thessaloniki begünstigte diese Theorien. In den 30ern ändern sich diese Theorien. Nazi Ideologien werden übernommen und die Juden immer mehr als eigene „Rasse“ definiert, weshalb sich der damalige Antisemitismus immer mehr rassistisch ausrichtet. Die türkischen Juden werden nun verstärkt wahrgenommen als „Parasiten“, die keinerlei Loyalität gegenüber der Türkei haben und sich nicht türkisieren lassen. Vor allem die sephardische Gemeinde wird mit diesen Vorwürfen konfrontiert. Kampagnen wie „Vatandas Türkce konus“ („Bürger rede Türkisch!“), die nicht Türkischsprachige Mitbürger zum Erlernen der türkischen Sprache auffordern, richteten sich damals vor allem an die Ladino sprechende Bevölkerung. Immer stärker wird nun der Antisemitismus in der Türkei und gipfelt im Pogrom von Thrakien 1934, zudem manifestiert er sich immer mehr in einen staatlichen Antisemitismus. Viele Intellektuelle dieser Bewegung standen in engem Austausch mit Nazi-Deutschland. Erdogans Lieblingsdichter, den auch andere islamistische Führer der Türkei wie Erbakan sehr feierten, Necip Fazil Kisakürek, gehört zu diesen bekannten Antisemiten und bedient sich in seinen Werken antisemitischer Ressentiments. Islamistisch geprägte Antisemiten werfen den Juden vor, dass sie für den vom Komitee für Einheit und Fortschritt begründeten Säkularismus und somit dem Abfall vom Islam verantwortlich sind. Nun fällt in diese Zeit auch die Gründung des Staates Israels. Viele arme Istanbuler Juden fliehen nach Israel, zurückbleiben die reichen Juden. Daraus leiten Antisemiten eine Bestätigung für ihre Theorie des „reichen Juden“ ab. Der aufkommende Nah-Ost-Konflikt beflügelt antisemitische Ressentiments. Nun gehen Antisemitismus und Europakritik eine Synthese ein. Der Westen wird als Marionette der Juden bezeichnet. Die Zerstörung des Osmanischen Reichs, der aufkommende Säkularismus, an all diesen für islamische Kreise schlimmen Ereignissen, sind nun kollektiv die Juden schuld.

In den 90er Jahren entstehen andere Formen antisemitischer Theorien in säkular-nationalistischen Kreisen. Auch hier sind die Conversos die Schuldigen. Sie werden als allmächtige Geheimgesellschaft angesehen, die die Islamisten in der Türkei gestärkt haben und das Land beherrschen. Die Aufstände der Kurden, ihre intellektuellen Führer und auch die Führer der islamischen Kreise, wie Erdogan, werden als „Conversos“, geheime Juden, bezeichnet.

Eine Gemeinsamkeit all dieser Theorien, sowohl in der Türkei als auch im Ausland, ist dass der Schuldige für die eigenen Fehler, Unzulänglichkeiten, Verluste, Misserfolge der „Jude“ ist.

Allerdings hat kein anderer türkischer Politiker wie Erdogan öffentlich so viele antisemitische Stereotype und Beleidigungen ausgesprochen. Er vergleicht Israel immer wieder mit Nazi-Deutschland und spricht öffentlich öfter vom „Weltfinanzjudentum“. Je mehr Misserfolg er politisch hatte, desto stärker bediente er sich dieser Ressentiments.

Mit der Gründung Israels werde sowohl in der Türkei als auch überall auf der Welt antisemitische Ressentiments als Israel Kritik getarnt. Dabei zeigt sich eindeutig, dass diese Kritik an Israel alle antisemitischen Parameter erfüllen. Allerdings behaupten nur natürlich alle diese Kreise, in der Türkei gebe es keinen Antisemitismus, dies sei eine europäische Eigenart.

Hat die muslimische Bevölkerung in der Türkei Kontakt zu den jüdischen Communitys bzw. kennt Juden?

Kaum ein Türke kennt persönlich Juden. Das ist auch schwer möglich bei so wenigen Juden, die es in der Türkei noch gibt. Bekannte jüdische Prominente oder Inhaber bekannter Firmen sind bekannt. Wie überall auf der Welt gilt, wo es keine Juden gibt, gibt es viele antisemitische Ressentiments, denn die Menschen haben keine Möglichkeit, über Kontakte die Vorurteile abzubauen. Leider sehen viele Türken die verbliebenen Juden als verlängerten Arm Israels und nehmen sie nicht als Türken wahr. Dabei gibt es eine enge, Jahrhunderte alte geteilte Geschichte, die Kulturen Anatoliens haben sich gegenseitig stark beeinflusst, dies wird leider nicht wahrgenommen.

Junge Juden verlassen das Land. Was sind ihre Motive?

Die jüdische Community der Türkei war einst im ganzen Land verbreitet, verfügte über unterschiedliche regionale Ausprägungen, Dialekte und vielfältige Traditionen. Diese kulturelle und soziale Vielfalt ist längst nicht mehr vorhanden. Mit der Gründung Israels sind die verbliebenen Juden der Türkei nach Istanbul gezogen. Nun gibt es eigentlich nur noch sephardische Juden. Kurdische Juden, Aschkenas, Karäer oder andere jüdische Gemeinden gibt es schon lange nicht mehr in der Türkei. Die jungen Juden sehen natürlich die katastrophale politische und wirtschaftliche Entwicklung und verlassen das Land. Heute gibt es weniger als 14000 Juden in der Türkei.

Doch es gibt Anlass zur Hoffnung. Avlaremoz, die von jungen Juden der Türkei gegründete Initiative, bei der sich auch nichtjüdische Türken engagieren, thematisiert den Antisemitismus und allgemeinen Rassismus in der Türkei. Viele dieser jungen Menschen kennt sich super aus mit der türkischen Geschichte und Politik und möchten etwas bewirken. Das macht mir Hoffnung.

Foto: privat

Ilgin Seren Evisen ist gebürtige Mannheimerin und studierte Turkologin/Soziologin/Germanistin/Betriebswirtin für NGOs. Als freiberufliche Journalistin schreibt sie vor allem über Minderheiten in der Türkei, türkische Literatur, politische Entwicklungen in der Türkei und die türkischen Communitys Deutschlands sowie über die türkisch-jüdische Gemeinde in Israel. Ferner ist sie Biografin und gibt Schreibkurse sowie interkulturelle Trainings. –> www.masal-levon.de

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