„Sylvester-Gebräuche“

Wenn Silvester auf einen Freitag fällt, wie in diesem Jahr, dann kann es durchaus zu Verwirrungen kommen. Dieser kurze Beitrag erschien 1919 in der von Max Jungmann herausgegebenen Satire-Zeitschrift „Schlemiel“ und erzählt von solch einem Silvester an Schabbat.

Sylvester-Gebräuche

Gr. – Schlemiel Heft 6, 10.09.1919

Der Hamburger Kongreß endete in der Nacht vor Sylvester. – Sylvester selbst fiel auf einen Freitag.

Ich saß am Freitag abend mit meiner Frau in unserem Zimmer im Atlantic-Hotel, das damals das zionistische Hauptquartier bildete.

Die Sabbathlichter brannten auf dem Waschtisch. Da trat das Zimmermädchen ein und bat die Betten machen zu dürfen, weil es später bei der Sylvesterfeier unten im Restaurant beschäftigt sei. – Sie schien über die Lichter auf dem Waschtisch höchst erstaunt.

Als ich später über den Korridor ging, lief sie mir auf einmal nach:
„Ach bitte, gnädiger Herr, was bedeuten die Lichter, die bei Ihnen im Zimmer brennen?“
„Das wissen Sie nicht?“, sagte ich, scheinbar höchst erstaunt. „Das ist doch eine alte Sylvestersitte. Mann und Frau zünden jeder ein Licht an, und wessen Licht am längsten brennt, ist in dem Jahr der treuere gewesen.“

Sie bedankte sich, und ich ging weiter. Auf einmal lief sie mir wieder nach.
„Ach, Verzeihung, können Sie mir nicht sagen: Muß man dazu verheiratet sein?“ –

Da an jenem Abend im Atlantic die bedeutungsvollen Lichter vielfach gezündet wurden, dürfte unter den Hausmädchen des Hotels die Kenntnis von diesem Brauch eine allgemeine geworden sein. Vielleicht hat sich der Brauch als germanische Volkssitte durch unsere Marine auch in überseeischen Ländern verbreitet, und vielleicht werden so auf dem Weg der Assimilation die Kerzen auch wieder in jüdischen Familien, die den Brauch schon vergessen hatten, Eingang finden.

Bild: Titelblatt der Ausgabe Heft 6

Kommentar verfassen