Quer durch Amerika – Eindrücke einer Reise

Der letzte Teil der Reiseeindrücke des jiddischen Schriftsteller Schalom Asch, die ab November 1931 in Fortsetzung in der Zeitschrift Menorah erschienen. Von Kalifornien führt ihn sein Weg über die Grenze nach Mexiko…

Schalom Asch wurde 1880 in Kutno geboren und traditionell jüdisch erzogen. 1899 zog er nach Warschau und begann dort als Schriftsteller in Hebräisch und Jiddisch zu arbeiten. Nach einem Aufenthalt in den USA und der Rückkehr nach Russland, verbrachte Asch die Zeit des Ersten Weltkriegs in New York, wo er für jüdische Zeitschriften arbeitete und seine Theaterstücke erfolgreich aufgenommen wurden. 1923 kehrte er nach Polen zurück, musste jedoch 1938 erneut in die USA emigrieren. 1956 zog er nach Bat Jam nahe Tel Aviv. Schalom Asch starb am 10. Juli 1957 in London.

Quer durch Amerika
Eindrücke einer Reise

Von Schalom Asch
Autorisierte Übersetzung von Siegfried Schmitz
Erschienen in: Menorah, X. Jahrgang, November/Dezember 1932, Nummer 11/12

IX.
Die Stadt des Rausches

Der Weg von Los Angeles nach San Diego führt durch das reichste Gebiet von Kalifornien. Die Ebene ist geradezu bedeckt mit Orangen-, Zitronen-, Wallnuß- und Olivenbäumen. Überall ragen Ölbohrtürme in die Höhe. Gar baldig blühen zwischen den Naphthatürmen die
Orangen. Aus dem tiefen Schoß der Erde wird das Petroleum gepumpt und ihre Rinde ist mit Blumen und Früchten übersäht. Das Rohöl ist
für unsere Zeit ebenso das Symbol von Fruchtbarkeit und Reichtum wie etwa im Lande der Bibel Milch und Honig. Kalifornien könnte mit
Fug und Recht als das Land von Rohöl und Honig bezeichnet werden.

Um der Landschaft auch den romantischen Glanz der Historie zu verleihen, ragen auf dem Wege zwischen Los Angeles und San Diego die Ruinen der Missionskirchen hervor. Diese haben die Franziskanermönche, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts von Mexiko nach Kalifornien kamen, um die Indianer zum Christentum zu bekehren, als Siedlungsmittelpunkte errichtet. Rings um diese Kirchen entwickelten sich die Städte. Die Geschichte der Missionen ist zugleich die Geschichte Kaliforniens. Die Kirchen, die in dem charakteristischen maurisch-altspanischen Stil erbaut sind, liegen schon längst in Trümmern und nur ihre Ruinen stehen noch; aber es hat den Anschein, als wollte die katholische Kirche in Amerika aus diesen romantischen Kirchenruinen politisches Kapital schlagen. Sie läßt sie neu aufbauen und benützt das historische Sentiment für katholische Propaganda. In San Gabriele, einer kleinen Vorstadt von Los Angeles, wird seit einigen Jahren mit großem Ausstattungsprunk ein Festspiel aufgeführt, welches die Schicksale der Missionäre darstellt, wie sie über das Meer in das unbekannte Land ziehen, sich unter den wilden Indianern ansiedeln, sie zum Christentum bekehren, ihnen zivilisiertes Handwerk beibringen und sie so nicht mit dem Schwert, sondern mit christlicher Liebe unterwerfen. Dieses historische Spiel ist eines der stärksten Propagandamittel, das die katholische Kirche in der Union verwendet. Pater Serra, der einstige Führer der Missionäre, wird als ein Mann von großer Glaubensstärke dargestellt. Die Szene, in der geschildert wird, wie alle bereits an ihrer Aufgabe verzweifeln und das Land verlassen wollen, und nur Pater Serra, voll inbrünstigen Glaubens an seine Mission, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz auf seinem Posten ausharrt, erinnert sehr stark an die Geschichte der ersten jüdischen Kolonisten in Palästina, die in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ins Land kamen. Sic verdursteten nahezu, doch sie harrten aus und verließen ihre Siedlungen nicht.

Den orientalischen Stil der Kirchenruinen, die über die ganze pazifische Küste Kaliforniens verstreut sind, verwenden jetzt die Architekten, um einen speziellen kalifornischen Stil für die Paläste der amerikanischen Millionäre in Pasadena und anderen paradiesischen Orten Kaliforniens zu entwerfen. Alle diese Millionärsvillen werden jetzt in dem charakteristischen maurisch-altspanischen Stil erbaut. Und es muß zugestanden werden — dieser orientalische Stil, den die maurischen Kalifen in Spanien einführten, paßt überaus gut zu der kalifornischen Landschaft. Das Land des ewigen Sommers macht dadurch den Eindruck, als wären nicht erst knapp 100 Jahre verflossen, seit Weiße es betreten haben, sondern als wäre es eines der ältesten Länder der Welt, in dem die Wiege der menschlichen Kultur stand. Es verwandelt sich in ein Land aus Tausendundeiner Nacht, es scheint der Sitz der Kalifen aus dem Maurenland gewesen zu sein. Und wenn man die großen orientalischen Paläste, die neuen Alhambren betrachtet, die zwischen dunkelgrünen Zypressen emporragen, dann hat man den Eindruck, Kalifornien sei das Land neuer Kalifen, Khane und Sultane aus der amerikanischen Rasse.

La Yolla, auf dem Wege von Los Angeles nach San Diego gelegen, ist ein Produkt des neuen orientalischen Stils, der nach Amerika verpflanzt wurde. Die ganze Stadt ist im maurisch-spanischen Stil erbaut. Kleine niedrige Häuser mit flachen, roten Ziegeldächern, halbmondförmige Bogenfenster, die weißen Mauern von dunkelgrünen Zypressen beschattet. La Yolla zählt ohne Zweifel zu den schönsten Erdenwinkeln. Die Stadt steigt einen Hügel hinan, der sich an der weißen Sandküste des Pacific erhebt. Deshalb ist hier das Meer so blau und durchsichtig wie in Sizilien. Jedes Sternchen, jede Pflanze, jede Alge auf dem Meeresgrund ist deutlich zu sehen. Die Stadt ist nicht in Grün, sondern in Jasmin und Mimosen gebettet, von Tulpenfeldern umsäumt — sie erinnert an die Gedichte mittelalterlicher persischer Poeten. Das ganze Bild hat etwas traumhaft Visionäres. La Yolla erscheint wie eine Wiedergeburt der maurischen Kultur.

Vor dem Weltkrieg und während desselben sandte Europa seine Kunst nach Amerika. Die Söhne der alten Aristokratie nahmen von den Wänden ihrer väterlichen Paläste die kostbaren Teppiche, die seit Jahrhunderten dort gehangen hatten, und brachten sie nach Amerika zum Verkauf. Auf den Kunstauktionen in New-York kann man sehen, wie Woche um Woche die Kunstschätze des alten Europa, der Besitz zahlloser Generationen, nach Amerika abwandern. Es sind nicht nur Bilder alter Meister, antike Möbel, kostbare Teppiche, seltenes allchinesisches oder persisches Porzellan, sondern ganze Paläste. Die Holzverkleidung italienischer, französischer und englischer Schlösser, die Prunkräume spanischer Könige und Kalifen werden für gutes Geld nach Amerika übertragen. Die amerikanischen Millionäre kaufen die spanischen Kunstwerke aus der Epoche, in welcher die maurischen Kalifen Spanien beherrschten, und übertragen sie in die neuen Paläste, die sie sich im allspanischen Stil in Kalifornien erbauen lassen. Die Architektur der Wände, der Feuerstellen, die Wandbehänge, alles wird in den Palästen der neuen Kalifen wieder angebracht. So reitet auf dem Rücken des amerikanischen Goldes die Kunst der allen Welt nach Amerika. Aber die Kultur kommt nicht mit, denn Kultur ist etwas Lebendiges, etwas unaufhörlich Schallendes. Das amerikanische Gold kann nur Geschaffenes aufkaufen, aber nicht Neues schallen.

Leider kamen wir spät am Abend in San Diego an und konnten daher nur wenig von der ältesten Stadt Kaliforniens sehen. Wir übernachteten in einem Millionärhotel in Coronado-Beach, unweit der mexikanischen Grenze. Das Hotel ist einer jener Alhambrapaläste, die für die amerikanischen Sultane erbaut wurden. Der Fußboden ist mit den teuersten und seltensten Teppichen belegt, die direkt aus Persien kamen. In Wandschränken ist das schönste, chinesische Porzellan aufgehäuft. Die Möbel sind altspanischer Herkunft, stammen aus einem Schloß auf der Iberischen Halbinsel. Alles, was in der neuen Alhambra zu sehen war, war um Gold erworben, nichts aus eigener Kraft geschaffen.

In Sagen und Legenden des Orients ist viel von den hängenden Gärten und den Wasserspielen des alten Persien die Rede. Ich war nie in Persien. Doch wenn man die hängenden Gärten von Kalifornien sieht, fühlt man sich in die Gärten des allen Babylon oder Persien versetzt. So ging es mir auch im Garten des Hotels in San Diego.

Von der Stadt bis zur mexikanischen Grenze ist es kaum eine halbe Stunde. Nicht ohne Grund wurde das Hotel so nahe der Grenze erbaut. Denn die millionenschweren Gäste übernachten nur darin, den Tag und den Abend aber verbringen sie in Mexiko. Was sie dort tun, werden wir bald sehen.

Am folgenden Morgen fuhren wir mit dem Auto in die nächste mexikanische Ortschaft. An der Grenze wollte uns der junge mexikanische Beamte, der die charakteristischen schwarzen Augen und den sorgfältig gedrehten kleinen Schnurrbart seines Landes besaß, um keinen Preis passieren lassen. Unaufhörlich verlangte er etwas von uns, was wir nicht verstanden, da er mit uns ausschließlich mexikanisch sprach, während er sich mit dem amerikanischen Offizier, der neben ihm stand, in recht gutem Englisch verständigte. Aber er schien uns beweisen zu wollen, daß wir in einem anderen Lande seien, indem er sich uns gegenüber nur der Landessprache bediente.

Nach langem fruchtlosen Bemühen, uns zu verständigen, erfuhren wir von dem amerikanischen Offizier, worum es sich handelte: Wir sollten einen Dollar pro Kopf zahlen. Mit Vergnügen leisteten wir die Gebühr, um endlich passieren zu können.

Hart an der Grenze liegt die mexikanische Ortschaft, die den stolzen Beinamen „Das mexikanische Monte Garlo“ führt. Das kleine Städtchen ist noch sehr jung. Es ist ihm anzusehen, daß es erst gestern gegründet wurde, — eigentlich nein, es befindet sich noch immer in der Gründung. In fieberhafter Eile werden Holzhäuschen zusammengezimmert, ganz so wie in Coney Island vor Beginn der Saison. Wir betraten die Stadt. Aber was ist das? Das ist ja keine Stadt, das ist eine einzige große Gastwirtschaft. Jeder Laden ist eine Schenke, überall werden Schnäpse, Liköre, Bier verkauft. Die Bezeichnungen der Wirtschaften sind nicht mexikanisch, sondern englisch. Auch die Inschriften der Schilder sind in gutem Englisch gehalten, damit nur ja deutlich zu verstehen sei, was gemeint ist.

Die kleine Stadt ist erst entstanden, als in Amerika das Alkoholverbot erlassen wurde. In der „trockenen Zeit“ wuchsen zu beiden Seiten der mexikanisch-amerikanischen Grenze zwei Ortschaften aus dem Boden. Auf der amerikanischen Seite entstanden große, vornehme Millionärhotels, ähnlich dem in Coronado-Beach, wo wir übernachtet hatten: auf der mexikanischen Seite blüht und gedeiht eine kleine Stadt, die aus lauter Schenken besteht. Und da die „trockene Zeit“ anhält, so vermehren sich die Hotels auf der einen Seite der Grenze und es wachsen die Schenken auf der anderen Seite. In den Hotels wird nur übernachtet, bei Tag aber passieren die Luxusautomobile die Grenze, die Übertrittsgebühr von einem Dollar wird gerne entrichtet, denn man kommt in das „freie“ Mexiko, wo es kein Alkoholverbot gibt.

Aus ganz Amerika kommt man, um sich vom Alkoholverbot ein wenig zu erholen, zur mexikanisch-kalifornischen Grenze, und in dem kleinen Mexikanerstädtchen schießen die Schenken wie Pilze aus dem Boden. Die Bedürfnisse der amerikanischen Millionäre haben allerlei Spielgelegenheiten für Roulette, Trente et quarante, Boule u. a. geschaffen. Auch ein Rennplatz wurde errichtet. Die schönsten Frauen Mexikos haben hier Quartier aufgeschlagen. Tänzerinnen aus Spanien und Kokotten aus Paris wurden engagiert. Die teuersten Weine, die teuersten Frauen, die teuersten Spiele sind hier zu haben. Und das Städtchen wächst zusehends . . .

Es war früher Morgen, als wir ankamen. Anscheinend war man tags vorher spät schlafen gegangen. Die Straßen waren nicht gesäubert, noch lagen die Spuren des Verkehrs vom Tage vorher umher. Die Schenken wurden eben geöffnet. Die ersten Luxusautomobile rollten heran und hielten vor dem großen Spielklub. Auf der Arena tauchten die ersten Pferde mit ihren Jockeys auf, die für das zwei Tage später stattfindende Rennen trainierten. Auf den Gehsteigen begannen die schlanken biegsamen Gestalten der schwarzgekleideten, spanischen Kokotten, mit Rosen im Haar und den dünnen, schwarzen mexikanischen Zigarren zwischen den roten Lippen, ihre Promenade.

Als ich mich umwandte und über die Grenze in die Landschaft blickend die orientalischen Schlösser aus den dunkelgrünen Zypressenreihen emporragen sah, in denen die Kalifen und Sultane von Amerika residieren, da ging es mir durch den Sinn: Amerika hat sich mächtig entwickelt; es hat wirklich Kalifen hervorgebracht; aber um ein Gläschen Alkohol zu trinken, müssen sie in ein fremdes Land ziehen …

Oben: Emil Kraus / Kurve, Tuschezeichnung

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