Bindung und Freiheit – Jüdisches Religionsgesetz heute

Moshe Zemers Buch bietet einen modernen Blick auf traditionelle Quellen

Von Hartmut Bomhoff

Rabbiner Moshe Reuven Zemer (1932–2011) hat 1993 mit seinem Bestseller Halacha Sfuya („Aufgeklärte Halacha“) gezeigt, dass das jüdische Religionsgesetz den Kern der Erneuerung in sich trägt und uns auch heute relevante Antworten auf schwierige ethische Fragen bieten kann. Das Standardwerk des großen liberalen Halachisten, das 1999 erstmals auf Deutsch herauskam, erscheint diesen Herbst zu seinem 90. Geburtstag (2022) / 10. Todestag (2021) in einer Neuausgabe.

„Mit seinem Buch bot Rabbiner Zemer vielen Jüdinnen und Juden in Israel eine erfrischend neue Perspektive“, schreibt Rabbiner Walter Homolka in seinem Vorwort. „Dort bestimmt das jüdische Religionsrecht nach wie vor weite Teile des Personenstandrechtes für Staatsbürger jüdischen Glaubens. Dieser Umstand reißt die Beschäftigung mit dem Religionsrecht eindrücklich aus der hehren Theorie in die Praxis israelischen Alltags. Aber auch für Jüdinnen und Juden der Diaspora ist Moshe Zemers Buch hilfreich: Es zeigt die Halacha als ethisches System in seiner Besonderheit und ermöglicht einen Zugang zum Religionsgesetz, der als befreiend und hilfreich empfunden wird, nicht aber als unbeugsam und starr.“

Der bekannte Jurist Chaim Cohn (1911–2002), einer der obersten Verfassungsrichter des Staates Israels, befand 1998 in seinem Geleitwort für die deutsche Erstausgabe: „Die vorliegende Zusammenstellung präsentiert die beruhigende Einsicht, dass selbst göttlich inspiriertes Recht nicht unabänderlich zu sein braucht. Praktisch gesehen wird für den Staat Israel die Möglichkeit aufgezeigt, dass halachische Probleme auf fortschrittliche und für moderne Begriffe annehmbare Art zu lösen sind.“ Cohn war neben dem Talmudexperten Yitzchak Gilat ein Mentor von Zemer, der am 1. Januar 1932 als Melvin Ray Zager in Kansas City geboren wurde, in Cleveland aufwuchs, nach seiner Ordination 1960 am Hebrew Union College in Cincinnati in Jerusalem studierte und 1963 Alija machte. Noch im selben Jahr präsentierte er David Ben-Gurion seine Pläne für die Profilierung der jüdischen Reformbewegung in Israel.

„Mich erschreckte die gleichgültige, manches Mal geradezu feindselige Haltung, mit der viele Israelis der jüdischen Religion begegneten«, schrieb Zemer 1993. Als liberaler Gemeinderabbiner in Ramat Gan, in Kfar Shmariyahu und schließlich in Tel Aviv, wo er 1968 die Kedem-Gemeinde gründete, tat er sich schwer mit dem Monopol des orthodoxen Oberrabbinats: „Ich musste öffentliche und juristische Kämpfe führen, mich an die Medien und das Oberste Gericht wenden, um das Existenzrecht unserer Reformsynagogen als Stätten des Gebets in Israel zu sichern.“ Die Tel Aviver Reformgemeinde Beit Daniel, die 1991 aus Kedem hervorging, hat Erfolgsgeschichte geschrieben und verfügt inzwischen als Merkazei Daniel über drei Standorte.

1965 gründete Moshe Zemer MaRaM, die Konferenz israelischer Reformrabbiner, und stand 30 Jahre lang dem liberalen Beit Din Israels vor. Als Gemeinderabbiner im Ruhestand widmete sich er sich verstärkt der akademischen Beschäftigung mit der Halacha, unter anderem als israelischer Direktor des Salomon B. Freehof Institute for Progressive Halacha, dessen Präsident Rabbiner Walter Jacob in Pittsburgh ist. „Zusammen mit Rabbiner John Rayner in London bildeten die beiden eine Trias der positiv-kritischen Beschäftigung mit der halachischen Tradition im progressiven Judentum und ihrer Adaption für die Gegenwart“, würdigt Walter Homolka, Rektor des Potsdamer Abraham Geiger Kollegs, seine Lehrer.

Rabbiner Moshe Reuven Zemer, den viele nur „Mel“ nannten, verstarb am 2. November 2011 nach langjähriger schwerer Krankheit in Tel Aviv. In seinem Buch, das 1998 auch auf Englisch erschien, fragt er sich, ob die „halachischen Grundsätze den heutigen Leidtragenden halachischer Rechtsprechung Hilfe bringen und ob es in der Halacha eine moralische Entwicklung gab und gibt.“ Zu den ganz konkreten Themen, mit denen er sich auseinandersetzt, gehören Personenstandsfragen wie der Status des mamser, die Konversion zum Judentum und die Stellung der Frau, aber auch das Verhältnis zu Nichtjuden und – im Kriegsfall – zum Feind. Moshe Zemer kommt zu dem Schluss: „Letztlich haben wir gelernt, dass es nicht nur ein Recht, sondern ein Gebot der Stunde ist, Neuerungen einzuführen, um unserem Volk seine vom Religionsgesetz herrührenden Leiden zu erleichtern. Die Dezisoren müssen sich der veränderten Lebensrealität unserer Generation stellen, wie Rabbi Albo es schon vor über fünfhundert Jahren forderte: ‚Die mündlichen Überlieferungen, die Mosche am Berg Sinai empfing, sind in der schriftlichen Lehre nur vage angedeutet, damit die halachischen Autoritäten jeder Generation entsprechend der jeweiligen Situation zu neuartigen Auslegungen gelangen können.‘“

Moshe Zemer: Jüdisches Religionsgesetz heute. Ein moderner Blick auf traditionelle Quellen. Neuausgabe mit einer Einleitung von Walter Homolka; bearbeitet und aus dem Hebräischen übersetzt von Anne Birkenhauer. Softcover, 264 Seiten. Verlag Herder, Freiburg i. Br. 2021. ISBN 978-3-451-38979-5, 28,00 €, Bestellen?

Foto: © Hanan Cohen 

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