Hiersein, Being Here, להיות כאן

Ausstellung im Rahmen des Festjahres 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland in der Kommunalen Galerie Berlin. Mit Paula Elion, Michal Fuchs, Olaf Kühnemann, Atalya Laufer, Elke Renate Steiner, Heike Steinweg und Birgit Szepanski

Kuration und Text von Dr. Birgit Szepanski

Was zeichnet ein Hiersein aus? Ist ein bestimmter Ort gemeint, wenn jemand über Hiersein spricht? Bezieht sich ein Hiersein ausschließlich auf die Gegenwart? Im Zusammenspiel von Ort, Zeit und Subjekt hat das Hiersein eine philosophische und existentielle Bedeutung. Zudem unterscheidet sich Hiersein von symbolisch stark aufgeladenen und oft instrumentalisierten Begriffen wie Heimat, Zuhause, Verwurzelung. Hiersein ist etwas, das über individuelle Perspektiven und Ansprüche hinausgeht, denn es ist mit vielen anderen Menschen teilbar.

Mit diesen Facetten eines Hierseins setzen sich Paula Elion, Michal Fuchs, Olaf Kühnemann, Atalya Laufer, Elke Renate Steiner, Heike Steinweg und Birgit Szepanski auseinander. Ihre unterschiedlichen Herkünfte lassen dabei vielfältige Blicke auf die Frage des Hierseins entstehen. Gemeinsame Themen sind die Reflexion mit der jüdischen und deutschen Geschichte, die Fragilität kultureller Identitäten und die Stadt Berlin als Lebens- und Arbeitsort. Die Künstler*innen stellen sich in ihren Arbeiten spannungsvollen Auseinandersetzungen: Wer blickt wie auf die jüdische und deutsche Geschichte? Wie wird Identität kulturell und familiär generiert und politisch instrumentalisierbar? Welche Brüche, Desillusionierungen und Traumata werden an die so genante ›dritte Generation‹ nach der Shoah weitergegeben und von ihnen konstruktiv in die Gegenwart überführt? Wie gehen Künstler*innen mit deutscher Herkunft mit dem Gedenken in der Stadt um?

Auf einer Fotografie Heike Steinwegs ist ein junger Mannes in einem grauen Mantel zu sehen, der vor einem U-Bahn-Pfeiler steht. Melancholisch-ernst blickt er in die Kamera der Fotografin. Erst, wenn Sie liebes Publikum, die zur Fotografie gehörende Texttafel die Hand nehmen, erfahren Sie, dass der junge Mann ein Musiker aus Israel ist, der seit 2004 in Berlin lebt. Diese Fotografie gehört zu Steinwegs Serie »Open History«. Heike Steinweg hat mit großer Offenheit und Empathie Israelis in Berlin porträtiert. Durch Gesprächszitate der Porträtierten gibt die Künstlerin einen besonderen Einblick in das Hiersein dieser Menschen: Es sind alltägliche oder ganz persönliche Antworten auf Fragen der Identität und dem Leben als so genannte ›zweite oder dritte Generation‹ nach der Shoah in Deutschland. Die Menschen kommen uns durch die Kombination von Fotografie und Gesprächszitaten nahe: Es ist wie bei einem Kennenlernen, man möchte mehr über sie erfahren.

Mit schwarzweißen Comiczeichnungen erinnert Elke Renate Steiner an die Berlinerin Regina Jonas, die 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Regina Jonas war weltweit die erste Frau, die zur Rabbinerin ordiniert wurde.  Sie predigte in verschiedenen Synagogen in Berlin. Steiner macht in ihrer Comicerzählung die Emanzipationsgeschichte von Regina Jonas sichtbar, die bis in 1990er Jahre hinein in Vergessenheit geriet. Mit dem sensiblen und weichen Zeichenstrich des Comics vermittelt die Künstlerin die Schwierigkeiten, denen Regina Jonas als Frau und Jüdin in den 1930er Jahren in Deutschland ausgesetzt war. Die fließenden Formen des Comics geben Regina Jonas große Tatkraft, die heute für viele Rabbinerinnen ein Vorbild ist, lebendig wieder. Weitere Comicbücher von Elke Renate Steiner über deutsch-jüdische Familien und Biografien laden ebenfalls zum Lesen ein.

In den Zeichnungen von Michal Fuchs ist eine kleine Füchsin die Protagonisten. Damit reflektiert die Künstlerin empfindsam und selbstironisch ihr eigenes Ankommen in Berlin. 2011 zog sie von Israel nach Berlin. Die kleine Fuchsfigur geht in eine Klasse für Deutsch, um die Sprache zu lernen, fährt mit dem Bus und fühlt sich manchmal einsam. Diese Reflexion der kulturellen Identität setzt die Künstlerin auch in ihren Skulpturen fort. Michal Fuchs hat von der Kaktuspflanze ›Tzabar‹ Betonabgüsse angefertigt. Mit ›Tzabar‹ werden in Israel unter anderem auch die Menschen bezeichnet, die nach 1940 dort geboren wurden: Die Wüstenpflanze ›Tzabar‹ und ihre Widerstandsfähigkeit gilt als Metapher für ein ›Verwurzelt-Sein mit dem Heimatboden‹. Bei Michal Fuchs liegen die Tzabar-Pflanzen in Fragmenten gebrochen auf dem Fußboden. Kulturelle Zuschreibungen und Symbole werden dekonstruiert und das Fragile erhält einen Sinn und eine Sinnlichkeit.

Ausstellungsansicht mit: Michal Fuchs, Collagen, 2012 und Disillusionment, 2021, Betonskulpturen auf dem Boden
Heike Steinweg, Open History, 2015, Fotografien mit Texttafeln
Fotograf: Piotr Bialoglowicz, Kommunale Galerie Berlin

Atalya Laufer ist in Israel in dem Kibbuz Hazorea aufgewachsen. Zum Jom haScho’a hat sie und ihre Freundinnen Zeichnungen angefertigt. Auf den Zeichnungen sind erzählte und selbst erlebte Verluste, Ängste und Traumata des Holocaust  Kinderzeichnungen enthalten. Laufer hat diese auf Glasscheiben gedruckt und sie in ein Fenster der Galerie gehängt – so entsteht eine mehrfache Fragilität. Auch der in Israel bekannte Bildhauer Ben Yaakov lebte seit seiner Emigration aus Berlin in dem Kibbuz Hazorea. Für Laufer war Yakoov das erstes künstlerische Vorbild. In Tagebucheinträgen erinnert Yakoov sich an seine an seine Kindheit in Berlin. Atalya Laufer hat aus diesen Texten, die in einem rudimentären Hebräisch verfasst sind, einige Sätze nachgeschrieben und gezeichnet. In Yaakovs Schreibfehlern wird ein Verlust und die Unschärfe des Erinnerns deutlich: Laufer transformiert diese Brüche und Leerstellen durch ihr Nachschreiben auf eine künstlerische Ebene. Auf einer Wand zeigt Laufer ihre Schriftzeichnungen. Dazu hängt die Künstlerin fotografische Abbildungen von Papiermodellen, in denen sie Skulpturen von Ben Yakoov nachgebildet und collagiert hat. Die verschiedenen Geschichten und Fragmente verweben sich zu etwas Neuem.

An der großformatigen Buntstiftzeichnung arbeitet Olaf Kühnemann seit einem Jahr und dabei jeden Tag. Vorlage dafür ist eine Fotografie, die sein israelischer Vater in Herzliya machte: In einem Wohnzimmer sitzen Olaf, seine Geschwister und seine Mutter beisammen. Familie ist hier ein Bezugspunkt für das Hiersein sein. In einem Wohnzimmer sitzen Olaf, seine Geschwister und seine Mutter beisammen. Während Farbfotografien im Laufe der Zeit ihre Farbe verlieren und darin dem Verblassen von Erinnerungen gleichen, verdichtet Olaf Kühnemann diesen vergangenen Moment mit einer intensiven Farbigkeit. In der Buntstiftzeichnung sind verschiedene kulturelle Symbole zu entdecken: An der Wand hängen Menoras für das Chanukafest und eine Reproduktion von Bruegels »Bauernhochzeit«; ein bunter Kerzenhalter und die Holzmöbel verweisen auf die anthroposophische Weltanschauung der Mutter. In der Ausstellung ist auch eine Skulptur des Künstlers zu sehen: Kühnemann sammelt von abgestellten, verlassenen Fahrrädern Einzelteile und baut aus diesen ein komplettes und funktionsfähiges Fahrrad zusammen: Das zusammengesetzte Fahrrad ist ein individueller Gegenstand, der vielen anderen gehörte und ähnelt hierbei einer Erinnerung.

Ausstellungsansicht mit: Olaf Kühnemann, Bicycle, 2020 und Grid References, 2020-2021, Buntstiftzeichnung auf Papier
Atalya Laufer, Wandinstallation Ohne Titel (aus der Serie Yaakov), 2021, Zeichnungen, Texte, Fotografien
Fotograf: Piotr Bialoglowicz, Kommunale Galerie Berlin

Auch bei Paula Elion spielen Familienkonstellationen eine große Rolle. Auf Second-Hand-Tischdecken und Betttüchern zeichnet die Künstlerin mit Filzstift Familienporträts. Manchmal näht und stickt sie diese auch. In der Ausstellung hängen einige dieser Arbeiten zusammen: Kinder umringen eine junge, lächelnde Frau. Was idyllisch aussieht, ist eine Geschichtsbewältigung. Nach historischen Fotografien hat die Künstlerin Magda Goebbels und ihre Kinder gezeichnet. Im nationalsozialistischen Deutschland nahm Magda Goebbels eine maßgebliche und propagandistische Vorbildrolle für Weiblichkeit und Mutterschaft ein. Elion fügt Abbildungen von sich als Kind in die Familiengruppe Magda Goebbels hinzu und wird zu einer Beobachterin und Protagonistin der Szenerie. Die Künstlerin mit argentinischer und jüdischer Herkunft dekonstruiert damit das faschistische Familienbild. Paula Elions Installation aus Textilien, Objets trouvés und einem Tagebuch mit vielen Skizzen ist vielschichtig und setzt damit einen Kontrapunkt gegen Zuschreibungen.

Birgit Szepanski präsentiert in einer Installation den ›Helene Nathan Verlag‹. Diesen gründete sie in Hommage an die Berliner Bibliothekarin Dr. Helene Nathan: Sie leitete in Berlin-Neukölln in den 1920er Jahren die Stadtbibliothek und setzte sich für bessere Lernbedingungen von Arbeiter*innen und Schüler*innen ein. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft entließen die Nationalsozialisten Nathan. Ihre Emigration scheiterte und sie nahm sich 1940 in Berlin das Leben. Der Helene Nathan Verlag veröffentlicht Künstlerhefte und Kunstwerke und bietet ein Forum für demokratische Ideen in der bildenden Kunst. Das Thema Stadt ist dabei ein inhaltlicher Schwerpunkt. Szepanskis Installation besteht aus einem mit Kaugummi beklebten Vorhang, einer Archivfotografie von Helene Nathan, einem Kleidungsstück und Künstlerheften. Der Vorhang erinnert an ein Stück Straße und in einem Künstlerheft reflektiert die Künstlerin dazu das Wohnen und Hiersein in der Stadt. Sie schreibt über Asphalt und Asphaltliteratur – beides Begriffe, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Faszination des Großstadtlebens standen, bis sie von den Nationalsozialisten instrumentalisiert und negativ umgewendet wurden.

Hiersein, Being Here, להיות כאן vermittelt, neben einem (neuen) Selbstverständnis in Deutschland und Berlin zu leben, auch die Fragilität einer kulturellen Identität und die Brüche und Reflexionen der jüdischen und deutschen Geschichte. Die Künstler*innen stellen sich dieser Spannung und Reflexion und lassen die Besucher*innen daran teilhaben.

Ausstellung bis zum 21. November 2021
Kommunale Galerie Berlin, Hohenzollerndamm 176, 10713 Berlin
Öffnungszeiten: Di bis Fr 10-17 Uhr, Mi 10-19 Uhr, Sa und So 11-17 Uhr

Bild oben: Ausstellungsansicht mit: Elke Renate Steiner, Woman Rabbi – Regina Jonas, 2010/2021, Wandinstallation, Comicbücher

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