„Ich und Du“

Martin Bubers Klassiker neu entdeckt und neu gelesen

Im Zentrum der Stadt Kerkade, gelegen an der Grenze zu Deutschland im südlichen Teil der Niederlande, gibt es einen Martin-Buber-Platz – Martin Buberplein. Seit 2018 schmücken ihn zwei einander gegenübergestellte Stühle aus Metall. Der eine trägt die Aufschrift „Ich“, der andere ist mit dem Wort „Du“ markiert. Als begehbares Denkmal laden die Stühle ein zum Sitzen, zum Verweilen und zum Gespräch. Vielen Menschen ist „Ich und Du“ als Titel eines kleinen Buches von Martin Buber bekannt. Selbst wer es nicht gelesen hat, mag schon einmal einen der Sätze dieses Buchs gehört haben – Sätze wie „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ oder „Der Mensch wird am Du zum Ich“.

Wer mit sich mit Anthropologie beschäftigt, oder mit jüdischer Philosophie im 20. Jahrhundert, kommt an Bubers Buch „Ich und Du“ nicht vorbei. Zuerst 1923 erschienen, gilt es heute als ein Klassiker. Neben den im gleichen Jahrzehnt entstandenen umfangreichen Büchern von Karl Jaspers und Martin Heidegger nimmt es sich wie ein Zwerg aus – der Text lässt sich bequem auf 113 Seiten drucken. Und doch hat der Inhalt Gewicht. Davon zeugt jetzt die von Bernhard Lang annotierte Neuausgabe. Der ausführliche Kommentar stellt das Werk in die Reihe jener Schriften, die in ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg erschienen sind, um einer seelisch und moralisch zerrütteten Generation Halt zu geben. Viele der damals publizierten Bücher sind mit Recht vergessen. Warum ist es bei Buber anders? Zweifellos deshalb, weil Buber in der Beziehung von Ich und Du, vor allem in der Beziehung zwischen Mann und Frau, den Schlüssel zum Verständnis des Menschseins zu sehen lehrt. Dabei greift er mannigfache Anregungen auf – von Sören Kierkegaard, Max Scheler, Hermann Cohen und Ferdinand Ebner – alles Autoren, die in der neuen Ausgabe ausführlich zitiert werden.

Eine besondere Note erhält die Neuausgabe durch die Entdeckung einer bisher übersehenen autobiographischen Schlüsselepisode. Diese berichtet von einem verzweifelten Menschen, den man sich als jungen Mann und in der Tat als Buber selbst vorstellen muss. Von einer Sinnkrise geplagt, findet er nachts keine Ruhe. Die Welt tritt ihm in einer erträumten Frauengestalt entgegen, die ihn mit grausamem Auge anblickt. Das ist meine Schwester – dieser Gedanke drängt sich ihm auf. Zu ihr muss er wieder finden. Das gelingt nur durch die Rückbesinnung auf den religiösen Glauben, der das Fundament der Ich-Du-Beziehung bildet. Die Frauengestalt ist mehr als nur ein Jugendstil-Ornament, denn für Buber ist die Mann-Frau-Beziehung Inbegriff und Voraussetzung gelingenden Lebens in der „Duwelt“. Von Buber von der Welt der Dinge, der „Eswelt“, unterschieden, bildet die Duwelt den Raum wahrhaft menschlichen Daseins und Handelns. Die Philosophie von „Ich und Du“ wurde in einer Nacht geboren, in welcher der Autor aus tiefer und schmerzlicher Krise zum Leben zurückfand.

Im Anhang der Neuausgabe von „Ich und Du“ sind Zeugnisse von Lesern des Buches zusammengestellt. Namen wie Paul Mühsam, Martin Luther King und Iris Murdoch lassen aufhorchen. Auch Bubers Tochter Eva kommt zu Wort. Sie berichtet, ihr Vater habe mit ihr zusammen das Buch gelesen und es ihr erklärt. „Es beeinflusste mein ganzes Leben, auch meine Beziehung zur Religion. Ich versuchte stets, im Lichte der Botschaft dieses Buches zu leben.“

Martin Buber: Ich und Du. Mit einem Nachwort und Anmerkungen von Bernhard Lang. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 14171. Reclam Verlag, Ditzingen 2021. 232 S., € 6,80, Bestellen?

Bild oben: Martin Buber, 1940er Jahre, The David B. Keidan Collection of Digital Images from the Central Zionist Archives (via Harvard University Library)

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