Grünsfeld gedenkt

Stolpersteinverlegung im Gedenken an die früheren jüdischen Bürger von Grünsfeld

Von Israel Schwierz

In der im Main-Tauber-Kreis gelegenen heutigen Stadt GRÜNSFELD , das bis zum Anfang des 19.Jahrhundert eltlichen Adelsfamilien gehörte, bestand bereits im Mittelalter eine Jüdische Gemeinde, die bei der Judenverfolgung 1928 vernichtet wurde, aber ab 1377 wieder existierte. Das Entstehen der neuzeitlichen Gemeinde geht in die Zeit Anfang des 16. bzw. 17. Jahrhunderts zurück. Die damalige Gemeinde hatte eine Synagoge, eine jüdische Schule und eine Mikwe. Die Verstorbenen wurden auf dem jüdischen Friedhof zu Allersheim bestattet. 1827 wurde die Gemeinde dem Bezirksrabbinat Wertheim zugeteilt.

Im 19. Und am Anfang des 20. Jahrhunderts lebten in Grünsfeld immer weniger als 100 Juden, deren wichtigster Beruf der Viehhandel war. Im Ersten Weltkrieg fielen zwei Gemeindemitglieder für ihr Deutsches Vaterland.

1933 wurden im Ort 29 jüdische Bewohner gezählt. Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Repressalien und der Entrechtung wanderten mehrere Juden aus oder verzogen in andere Städte – daher wurde die Kultusgemeinde am 7.März 1938 aufgelöst – hier noch lebende Juden wurden Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Tauberbischofsheim. 1940 wurden die letzten in der Stadt lebenden jüdischen Menschen in das Lager Gurs in Frankreich deportiert, von denen nur einer überlebte.

Am Mittwoch, den 27. Oktober 2021, fand in Grünsfeld ein sehr bewegendes Ereignis statt: die Stadt hatte sich entschlossen, den Juden ein Denkmal in Form von Stolpersteinen an zwei Stellen im Ort zu setzen. Hauptverantwortlicher für dieses äußerst lobenswerte Geschehen waren der Stadtrat Realschullehrer Franz Ködel M.A., ein profunder Kenner der jüdischen Geschichte seines Heimatortes, und Bürgermeister Joachim Markert.

Um 09.00 Uhr versammelte sich an der 1. Station der Veranstaltung – vor dem Haus Jürgen Haude –ehemals Haus Rosenbaum in der Brunnengasse 1 – eine erfreuliche Anzahl von Menschen aus Grünsfeld und aus anderen Orten – um hier der Verlegung von Stolpersteinen für die früheren jüdischen Bewohner des Hauses durch den Künstler Gunter Demnig beizuwohnen. Nach der Öffnung der vorhandenen Straßenpflasterung erfreute Herr Matthias Ernst die Anwesenden durch ein sehr schön vorgetragenes Musikstück auf der Klarinette. Nach der Nennung der Personen, für die jeweils ein Stolperstein verlegt wurde – Babette Rosenbaum s.A., Karolina Merzbacher s.A. und Rosa Schwab s.A. – alle drei Opfer des Nationalsozialismus – und einem nochmaligen Musikstück auf der Klarinette trug der Begleiter von Frau Dr. Monika Berwanger – Herr Joachim Bürkle, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, in Hebräisch und Deutsch das Totengebet „El male rachamin“ (Gott voller Erbarmen) vor. Frau Dr. Berwanger hatte sich um das Andenken der Juden hier durch Übersetzung ihrer Gräber auf dem Friedhof zu Allersheim große Verdienste erworben.

Anschließend begaben sich die Veranstaltungsteilnehmer zur 2. Station – zum heutigen Haus Pierrot Michel – ehemals Haus Rothschild – in der Abt-Wundert-Straße. Hier wurden von Herrn Demnig 10 Stolpersteine für die folgenden Opfer des Nationalsozialismus deponiert: Rosa Rothschild s.A,, Irma Baer, Walter Baer, Bruno Rothschild, Max Rothschild, Rita Rothschild, Emil Rothschild, Elly Rothschild, Justin Rothschild und Klementine Rothschild. Das Schicksal der meisten Personen, für die hier ein Stolperstein bereitgestellt wurde, ist bis heute unbekannt. Dazu gab Bürgermeister Markert folgende sehr gut verständliche Erklärung ab: „Unsere Voraussetzung für die Verlegung den Stolpersteinen ist, dass im Gedenken die Familien wieder „zusammengeführt“ werden. Daher werden auch Überlebende Familienangehörige an der entsprechenden Adresse einbezogen und erhalten einen Stolperstein: zum Beispiel Kinder, die in Sicherheit gebracht werden konnten! Jugendliche, die nach Palästina gingen, Angehörige, denen die Flucht gelang; KZ-Überlebende; u.a. Gedacht wird auch der Menschen, die unter dem Druck der damaligen Umstände ihrem Leben ein Ende setzten.“ Wegen der schwierigen Beschaffenheit des Straßenbelages konnten die Steine nicht sofort installiert werden. Dies wird jedoch bald geschehen. Nach einem weiteren wundervollen Musikstück auf der Klarinette durch Herrn Ernst begaben sich alle Anwesenden in den Rienecksaal der Stadt.

Beim Eintreffen der Gäste sang der Kirchenchor den hebräischen Kanon „Haschiwejnu“, danach trug Stadtrat Realschullehrer Franz Ködel M.A. Gedanken zum Thema „Erinnerungskultur – ein bleibender Auftrag unserer Stadt“ vor. Anschließend erfolgte eine kurze Darstellung des Kunstprojekts „Stolpersteine“ durch deren Initiator Gunter Demnig, gefolgt von einem weiteren wunderschönen Musikstück. Danach wurden alle Anwesenden gebeten, sich in das Goldene Buch der Stadt einzutragen. Mit dem Lied „Hine ma tov umah naim“, sehr ergreifend vom Kirchenchor vorgetragen, und einem weiteren Musikstück auf der Klarinette durch Herrn Ernst endete der denkwürdige Empfang durch den Bürgermeister.

Foto: (c) Monika Berwanger

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