Sera Israel: Wir sind keine Nichtjuden!

Die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, legt fest, wer Jude ist – nämlich wer eine jüdische Mutter hat oder konvertiert ist. Max Czollek hat keine jüdische Mutter. Er ist auch kein Konvertit. Konvertiten entscheiden sich zur Annahme des jüdischen Glaubens. Vaterjuden haben dagegen eine jüdische Familie, erfahren jüdische Sozialisation und leben in einem Deutschland nach der industriellen Massenvernichtung der Juden.

Von Ruth Zeifert

Das Thema sorgte gerade für einen heftigen Schlagabtausch, der mit einem Satz von Max Czollek („Für Maxim Biller bin ich übrigens kein Jude.“) auf Twitter den Anfang nahm. Man möge über innerjüdische Diskriminierung sprechen, so Czollek. Dabei dreht sich die aktuelle Diskussion fast ausschließlich um die Frage, ob Vaterjuden Juden sind oder nicht. Wer ein Jude ist, ist dabei alleinig eine Frage der Abstammungsregel. Auf diese kann man sich im Judentum offenbar einigen.

Mit der Zerstörung des zweiten Tempels, etwa 70 u.Z., entstand das rabbinische Judentum und zeitgleich wurde das Gesetz Vererbung des Status durch die Mutter von ebendiesen Rabbinen niedergeschrieben. In der Mischna steht seit fast 2000 Jahren: „In allen Fällen, da sowohl seine als auch die Antrauung eines anderen ungültig ist, ist das Kind so wie sie. Wo ist dies der Fall? Beim Kind einer Sklavin oder einer Nichtjüdin.“ Das Gesetz gibt es nicht schon immer, aber mindestens seither. Es gilt unbestritten. Die Lehre im Talmud hält ebenso unbestritten fest: „Die Familie des Vaters wird als die Familie des Kindes angesehen, die Familie der Mutter nicht.“

In Familien entstehen immer auch Bräuche und Traditionen und eine solche gilt es für Vaterjuden zu entwickeln. Warum? Weil es das Judentum nicht ohne seine Subjekte gibt und weil eine Wertegemeinschaft moralische Verantwortung trägt; auch, wenn es unbequem ist.

Das statistische Bundesamt listet bis Mitte der Nuller-Jahre die Religion der Eltern bei Geburt eines Kindes. Nur etwa ein Drittel der Eltern mit mindestens einem jüdischen Elternteil hat auch ein zweites. Man wählt heute einen Partner, der interessiert, gefällt, sympathisch ist. In Deutschland leben geschätzt 200.000 Jüdinnen und Juden und gut 80 Millionen Nichtjuden. Als deutsche ‚Schickse‘ jedenfalls verliebt man sich wohl kaum in einen der seltenen ultraorthodoxen Stiesel, sondern eher im Café um die Ecke in den Hebrew Hammer – oder Daniel Donskoy. Und die verlangen sicher weder ein Stammbuch, wenn’s knistert, noch die religiöse Konversion. Sie erweitern vielmehr aus Liebe die jüdische Familie. Das Judentum bedeutet Familie. Ein großer Wunsch im Gemeindebarometer des Zentralrats der Juden in Deutschland ist dann auch, mehr Offenheit gegenüber den nichtjüdischen Familienmitgliedern zu entwickeln.

Die Diskussion, wie sie gerade geführt wird, läuft meines Erachtens in eine Sackgasse. Das Gesetz ist, wie es ist. Die Realität ist aber auch, dass zwei Drittel der deutschen Juden in der Partnerwahl nicht halachisch handeln. Besonders die progressiven jüdischen Gelehrten nehmen dies durchaus wahr und arbeiten an neuen Wegen. Zunächst einmal können Vaterjuden und -jüdinnen in vielen Gemeinden als Fördermitglieder oder assoziierte Mitglieder teilhaben. Nicht an allem, aber an vielem. Außerdem ist der Begriff der ‚Statusklärung‘ mittlerweile für den Übertritt eines Vaterjuden angekommen. Ein genaues Prozedere gibt es nicht. Es variiert, wird vielfach als Gijur-light bezeichnet. Ideel ist ‚sera Israel‘ ein Konzept, an dem jüdische Gelehrte arbeiten. Gemeint ist damit die Vorstellung gemeinsamer Wurzeln und eines eingerissenen Bandes, das wieder geflickt wird. Schlußendlich gibt es bei der Übertrittsurkunde des Bet Din heute offenbar schon einen Vermerk, der auf die jüdische Herkunft verweist.

Die liberalen Rabbinerinnen und Rabbiner und viele Institutionen bemühen sich also, aber noch immer gibt es Viele, nicht nur in der Orthodoxie, die gerade wieder einmal recht laut und schlicht sagen: „Nichtjuden!“ Zumindest in der Öffentlichkeit. Okay, wir sind also keine Juden, wir sind aber doch offensichtlich auch keine Nichtjuden. Wir nerven unsere jüdischen Großeltern, sitzen auf den Familienfotos mit am Sedertisch und stehen auf den Listen der Pogrome – aber dürfen nicht ungefragt den Mund öffnen? Die Bezeichnung als Nichtjude ist, als spräche man Vaterjüdinnen und -juden die Existenz ab. Es gibt Juden, Konvertiten und sogar ‚Mamser‘. Uns gibt es nicht. Das ist doch eine Schande – nicht nur für uns Vaterjuden, sondern wohl mehr noch für die jüdische Gemeinschaft. Weder konservativere noch liberalere jüdische Institutionen, also etwa der Zentralrat und ELES, haben die Befugnis zu entscheiden, wer einen jüdischen Status hat. Wir sind vielmehr darauf angewiesen, dass unsere Rabbinen des 21. Jahrhunderts die Halacha fortführen. Dabei muss es bitte um die Anerkennung von jüdischer Seite gehen, in das jüdische Haus hineingeboren zu sein. „Wie soll ich etwas werden, dass ich schon bin?“, fragte eine vaterjüdische Interviewpartnerin. Wenn das Rabbinatsgericht uns anerkennt, unterschreiben wir die vorbehaltlose Annahme unseres Erbes gerne. Zumindest die, die sich jüdisch fühlen.

Erst vor etwa 10 Jahren bekamen wir einen Namen – ‚Vaterjuden‘. Auch ist er vielen unliebsam, waren wir davor nur eine Erklärung „Mein Vater ist Jude, meine Mutter Nichtjüdin.“ Nun müssen Vaterjuden bitte noch einen eigenen Ritus bekommen, der niedrigschwellig und wenig religiös ist. Vielleicht sollte man das ‚Schmah Israel‘ und ‚Kaddisch‘ sprechen können und vorab sechs Mal einen Schabbat Gottesdienst besucht haben? Zahlreiche der in Deutschland lebenden gebürtigen Juden sind religiös ebenso ungebildet. Wer mag darf natürlich mehr. Aber müssen soll er nicht.

Machen wir uns Nichts vor: auch im Judentum wird nach der Herkunft geguckt. Hinter vorgehaltener Hand benennt der Vertraute die Herkunft des Nachbarn wert- oder abschätzend. Nach Legalisierung unseres Status bliebe trotzdem das ‚Gschmäckle‘ an uns haften. Es wäre also höchste Zeit, dass die Rabbiner und Rabbinerinnen den Vaterjüdinnen und -juden einen eigenen Platz und Brauch im Judentum geben.  Den Namen „Sera Israel“ (‚Samen Israels‘) und einen gegenseitigen Annerkennungsvertrag fände ich persönlich eine schönes Konzept, mit dem ich als Hybrid leben kann und meinen Kindern wiederum ermöglichen könnte, als Juden auf die Welt zu kommen.

Dr. Ruth Zeifert ist Soziologin, Autorin und Referentin zu jüdischen Themen. Dieser Tage erscheint von ihr bei Vandenhoeck & Ruprecht „Väter unser… – Vaterjüdische Geschichten“. Zuvor erschien bei Hentrich & Hentrich „Nicht ganz koscher – Vaterjuden in Deutschland“.

Podcast-Tipp zum Thema – Chajm Guski und Juna Grossmann in der neuen Folge von Anti & Semitisch:

Bild oben: Yarmulke and Menorah from the Harry S. Truman collection Skullcap: Jewish yarmulke or kippah with Hebrew lettering. Polyester, metallic thread. Length 17.0, Width 16.1, T 1.0 cm. Harry S Truman National Historic Site, HSTR 20077a Menorah: Jewish me

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