Beiträge von Micha Brumlik zur Frage eines „postkolonialen Antisemitismus“

Micha Brumlik veröffentlicht in seinem neuen Buch „Postkolonialer Antisemitismus? Achille Mbembe, die palästinensische BDS-Bewegung und andere Aufreger“ seine „Bestandsaufnahme einer Diskussion“ (so ein weiter Untertitel). Dabei werden die gemeinten Ereignisse aber meist nur kurz kommentiert, aber weniger systematisch untersucht.

Von Armin Pfahl-Traughber

Gibt es einen neuen Antisemitismus, der aus einer postkolonialen Grundhaltung heraus vorgetragen wird? Demnach würde man Israel als Kolonialmacht deuten, wobei daraus gegen Juden gerichtete Ressentiments entstünden. Über diese Frage kann angesichts diverser öffentlicher Kontroversen gestritten werden, wofür hier die Auseinandersetzungen um BDS, das Jüdische Museum Berlin oder Mbembe als Stichworte stehen. Darauf bezieht sich auch Micha Brumlik, der früher Direktor des Fritz Bauer-Instituts war und Erziehungswissenschaften als Professor lehrte. Bekannt ist er durch eine Fülle von Publikationen, meist zu dem, was als jüdische Themen gilt. Brumlik legte anlässlich der erwähnten Kontroversen jetzt eine kurze Monographie vor, welches sich als „Bestandsaufnahme einer Diskussion“ in einem Untertitel gibt. Der Haupttitel lautet: „Postkolonialer Antisemitismus? Achille Mbembe, die palästinensische BDS-Bewegung und andere Aufreger“. Und genau um die Aufreger soll es in den sieben Kapiteln gehen.

Zunächst fragt der Autor aber: „Ein zweiter Historikerstreit?“ Damit ist aktuell eigentlich eine Debatte gemeint, worin der deutsche Kolonialismus für die Shoah als deterministische Vorgeschichte gedeutet wird. Mitunter war dabei die Rede von einem „Schuldkanon“ hinsichtlich der Singularitätsthese. Brumlik geht indessen trotz dieser Kapitelüberschrift darauf gar nicht ein, sondern springt ohne genaue Erläuterung seiner inhaltlichen Perspektive ins nächste Thema. „Die BDS-Bewegung und ihre Geschichte“ lautet der Titel. Das Angekündigte ist darin aber nicht so richtig enthalten, wird doch mehr auf den Bundestagsbeschluss dazu eingegangen. So entgehen Brumlik aber wichtige Gesichtspunkte, wozu die Bedeutung islamistischer Gruppen bei der Herausbildung gehört. Er zitiert den Gründungsbeschluss auch nur in seiner deutschen Version. Die eigentliche Erklärung beschränkte die „Beendigung der Besatzung … des besetzten arabischen Landes“ nicht auf 1967, was eben die Auflösung von Israel mit einschließen könnte.

Führende BDS-Aktivisten haben derartige Forderungen auch deutlich erhoben. Dies mag bei den Anhängern in Deutschland anders sein, es hätte aber stärker thematisiert werden können. Gerade dieser Kontext erklärt auch die besondere Problematik, geht es bei BDS doch nicht nur um Boykottforderungen gegenüber Israel. Dann widmet sich der Autor ausführlicher der „Welcome to Jerusalem“-Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin und den damit einhergehenden Konflikten, wobei sich tatsächliche viele Absurditäten von unterschiedlichen Seiten ergaben. Der dabei bezogen auf „Kontaktschuld“ unterstellte „McCarthyismus“ kann indessen nicht verallgemeinert werden, er wäre nur für bestimmte Beteiligte an den polarisierten Debatten angemessen. Und dann geht Brumlik auch auf den Fall Mbembe ein, wobei berechtigt auf manche Einseitigkeiten seiner Kritiker verwiesen wird. Indessen sind seine Einwände gegen Israel auch ohne Judenfeindschaft nicht unproblematisch. Sehr zaghaft formuliert Brumlik, dass „Mbembe noch die Grenze zur Dämonisierung wahrt“ (S. 26).

Und dann thematisiert er schon Rassismus und Sklaverei, aber bezogen auf die europäische Geschichte, hier mit intensivem Blick auf Denker wie Hegel und Kant, aber auch andere westliche Philosophen, die hier zumindest von einer Doppelmoral wenn nicht vom Rassismus geprägt waren. Dem folgen noch Betrachtungen zu Kolonialismus und Zionismus, wobei Brumlik frühere Deutungen wiederholt. Diese Ausführungen haben so nicht mehr viel mit der gegenwärtigen Debatte zu tun. Somit wirken sie ein wenig wie Anhängsel zu den vorherigen Texten. Bilanzierend fallen zum Buch einige formal, aber dann auch inhaltlich relevante Spezifika auf: Alles wirkt eher fragmentarisch und sprunghaft, unstrukturiert und zitatenlastig. Die bei Brumlik eigentlich immer interessanten Einschätzungen hätten ausführlicher erläutert und hinsichtlich eines konkreten Erkenntnisinteresses zugeschnitten werden können. Dies gilt auch und gerade zu BDS, gibt es dieser Bewegung gegenüber doch gut begründete Einwände, die schon breiter zur Kenntnis genommen werden könnten.  

Micha Brumlik, Postkolonialer Antisemitismus? Achille Mbembe, die palästinensische BDS-Bewegung und andre Aufreger. Bestandsaufnahme einer Diskussion, Hamburg 2021 (VSA-Verlag), 158 S., Euro 14,80, Bestellen?

Kommentar verfassen