Paraschat haSchawua: Matot und Mase

Im Sinai. Die Israeliten stehen vor der Überquerung des Jordan und vor dem Einmarsch in das ersehnte Land Kanaan. Eine wahrhaftig dramatische Situation. Was wird seitens der himmlischen Instanz dem Volk verkündet, das im Begriff ist, eine so schwerwiegende Wende in seiner Geschichte zu vollbringen? Sind es Worte der Ermutigung? Wird das Volk gar gewarnt? Eine Vorhersage? Nichts von all diesem.

Matot und Mase 4. Moses, Kap. 30 – 36 Schabbat, 10. Juli 2021

Und Jahwe redete zu Mose und sprach: Rede zu den Israeliten und sage zu ihnen: Wenn ihr über den Jordan in das Land Kanaan zieht…. Und ihr sollt das Land nicht entweihen…. denn das Blut, das entweiht das Land; und dem Land kann für das Blut, das in ihm vergossen worden ist, keine Sühne erwirkt werden…. Und warum soll das Land nicht entweiht werden? …. denn ich, Jahwe, wohne inmitten der Israeliten (4. Moses, K. 35). Das Land als Wohnstätte Gottes ist symbolisch gemeint. Jesaja (Kap. 66, 1) verkündete diesbezüglich die Aussage Gottes: So spricht Jahwe: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße! Was ist denn das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet? Gott kann sich nicht in etwas Gegenständlichem aufhalten. Es sind die Menschen, in deren Mitte sich Gott aufhält. Wenn sie an Ihn glauben und sich entsprechend seinen ethisch-moralischen Forderungen verhalten.

Es wird im Talmud von einer Geschichte berichtet, einer wahren Geschichte, keinem Midrasch, die dieses Blutvergießen illustrieren kann: Es muss im ersten Jahrhundert gewesen sein, als der zweite Tempel noch aufrecht gestanden hat. Die jungen Priester pflegten morgens die Asche vom Alter abzuräumen. Es war freiwilliger Dienst, und jeder versuchte als erster die Stufen des Alters hochzuklimmen und als erster diese Aufgabe zu verrichten. Eines Morgens, berichtet der Talmud, waren zwei junge Priester gleich schnell. Als einer der beiden sah, dass der andere ihn wahrscheinlich überholen würde, holte er sein Schlachtermesser und erstach ihn. Es gab natürlich einen Tumult und Wehklagen. Als der Vater des Erstochenen kam und dass Geschehene sah, verkündete er, dass sein Sohn noch lebe, und deshalb das Messer, das in ihm stecke, nicht entweiht und noch benutzbar sei (wäre er bereits tot gewesen, wäre das Messer wegen Berührung mit einem Toten für kultische Zwecke unbrauchbar geworden).

Daraufhin fragt der Talmud: Kann es sein, dass ein Messer, das zu Kultzwecken benutzt wird, heiliger ist als das Leben eines Menschen?

Man kann meinen, dass die Warnung vor dem Entweihen des Landes durch Blutvergießen genau auf ähnliche Fälle hindeutete. Und wenn das Volk derart verroht, wenn das Blutvergießen ihm einerlei ist, was hat da noch Gott zu suchen? Warum soll er sich in einem Land aufhalten, das sich so sehr von den menschlichen Werten entfernt hat? Wenn Kultgegenstände wichtiger sind als Leben, dann dient dieser Kult nicht mehr dem Gott Jahwe, sondern bedeutet eigentlich den Dienst an Götzen. Und so klagte auch der Prophet Jeremia (Kap. 2): Und ich brachte euch in das Gartenland, seine Frucht und sein Bestes zu essen. Und ihr kamt hin und habt mein Land unrein gemacht, und mein Erbteil habt ihr zum Gräuel gemacht.

Der Prophet Ezekiel (Kap. 36), der bereits in der Babylonischen Diaspora lebte, äußerte sich ähnlich: Und das Wort Jahwes an mich lautete: Als das Volk Israel noch in seinem Land wohnte, da machten sie es unrein durch ihren Weg und durch ihre Taten, wie die Unreinheit der Absonderung war ihr Weg vor mir. Die Vorstellung im heutigen Israel, Gott beschütze unbedingt „sein heiliges Land“ oder die Menschen, die da leben, ist eine Selbsttäuschung. Gott sagt in unserer Parascha ausdrücklich, dass er in mitten der Israeliten sei, wenn sie das Land nicht durch Blutvergießen entweihen.

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

Zu den Wochenabschnitten

Kommentar verfassen