Über „latenten“ Antisemitismus in der belgischen Polizei vor 1930

Die deutsche Übersetzung von Yasmina Zians Dissertation Un antisémitisme latent? La criminalisation du juif de Cureghem par la Sûreté publique et ses institutions Partenaires (1880–1930) hat mich besonders wegen des titelgebenden Ausdrucks „latenter Antisemitismus“ interessiert, der seit einigen Jahren in politischen Debatten verwendet wird, mit dem aber je nach Kontext Unterschiedliches gemeint ist…

Von Olaf Kistenmacher

Leider ist, wie diese Rezension zeigen wird, der Titel irreführend. Denn bei der Polizeiarbeit in dem untersuchten Brüsseler Stadtteil kamen meist rassistische und antisemitische Vorstellungen zusammen, weil die Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner aus den Niederlanden oder aus Osteuropa kam, und der Fokus liegt auf dieser Verschränkung liegt, und in zwei von drei Teilen kommt Zian zu dem Schluss, dass Judenfeindschaft – anders als Rassismus – keine nachweisbare Rolle gespielt hat. Allerdings stellt Latenter Antisemitismus? Die Kriminalisierung von Brüsseler Juden durch die belgische Ausländerpolizei (1880–1930) implizit eine Korrektur des Forschungsstands dar, denn bislang wird meist angenommen, das Phänomen einer unterschwelligen Judenfeindschaft sei erst nach 1945 in Deutschland aufgekommen. Tatsächlich war es in Europa bereits in den 1920er Jahren bekannt und wurde auch schon zu dieser Zeit so bezeichnet. Im 1921 veröffentlichten dritten Band seines berühmten Romans Auf der Suche nach der verlorenen Zeit schrieb Marcel Proust über eine der Figuren, bei ihr sei ein „latenter bürgerlicher Antisemitismus zum Ausbruch gelangt“.

In der sozialwissenschaftlichen Forschung bestehen mindestens drei Definitionen des Begriffs „latenter Antisemitismus“ nebeneinander: So werden damit erstens bestimmte sprachliche Codes bezeichnet, wie sie insbesondere die extreme Rechte ganz bewusst benutzt, um gegen Jüdinnen und Juden zu hetzen, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Zweitens wird der Begriff „latenter Antisemitismus“ benutzt, um eine unbewusste Judenfeindschaft zu beschreiben; sie ist in vielen Fällen nicht im wörtlichen Sinn unbewusst, sondern die jeweilige Person verleugnet vor sich wie vor anderen ihre eigene Haltung und hält sich für frei von Ressentiments. Drittens dient der Ausdruck „latenter Antisemitismus“ dazu, auf ein bestimmtes Potenzial hinzuweisen. Wie bei der medizinischen Bedeutung des Begriff „latent“ soll damit gesagt werden, dass die Anlage zum Judenhass schon vorhanden sei, aber sich nur unter bestimmten Umständen offen zeige.

In Yasmina Zians Studie ist der Ausdruck ein Sammelbegriff und vereint mehrere der genannten Bedeutungen. Sie betont allerdings, angelehnt an das Konzept des verinnerlichten sozialen Wissen und der eingeübten Praxis, noch einen weiteren Aspekt und analysiert unter dem Label „latenter Antisemitismus“ die „Ausdrucksformen von Feindseligkeit gegenüber einem Juden oder Juden insgesamt, die sich nicht unbedingt aus zeitgenössischen antisemitischen Theorien speisten“. Zwar lag mit den Schriften Edmond Picards eine belgische Variante zu den rassistisch-antisemitischen Weltanschauungsbüchern vor, die in Frankreich seit dem 19. Jahrhundert erschienen sind, um die Jahrhundertwende noch befeuert durch die Dreyfus-Affäre. Doch im Unterschied zu vielen anderen europäischen Staaten habe es in Belgien bis 1930 keine politische Bewegung gegeben, die „sich selbst als antisemitisch bezeichnete“. Auch sozialrassistische Auffassungen zur angeblichen Physiognomie von Straffälligen waren „in Belgien scharf kritisiert“ worden.

Für die Abteilung der „Ausländerpolizei“ der Sûreté publique galt wohl auch deswegen, dass rassistische Kategorisierung „tabu“ waren. Sie tauchten trotzdem in den Akten auf – jedoch meistens codiert, verschlüsselt. So sprachen die Akten zum Beispiel von der „besondere[n] Ausländerkolonie von Anderlecht“ oder der „veritable[n] Kolonie, die ihren Sitz in Anderlecht hat“. Zian erläutert: „Der Begriff Kolonie spielte auf den Gedanken an, dass die Juden ein Gebiet besetzten, das nicht das Ihre war, dass sie als Gruppe fremd waren.“ In diesem Zusammenhang eine Nebenbemerkung zur Übersetzung: Da Zian ihre Diskursanalyse zu der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg an dem Stereotyp „jüdischer Hausierer“ festmacht, ist es irritierend, dass der Ausdruck zugleich wie eine im Deutschen scheinbar neutrale Berufsbezeichnung benutzt wird. Ähnlich irritierend ist es, in der deutschen Fassung gerade einer Studie, die die „Rassialisierung“ von Menschengruppen thematisiert, von der „rassischen“ Einteilung statt von einer rassistischen zu lesen. Dass „Ausländerpolizei“ nicht die wörtliche Übersetzung der im Originaltitel genannten Institutionen und ihrer Abteilungen ist, wirft ebenfalls Fragen auf. Die Menge an offensichtlichen Fehlern zeigt zudem, dass der Band leider nicht lektoriert wurde.

Die Studie Latenter Antisemitismus? Die Kriminalisierung von Brüsseler Juden durch die belgische Ausländerpolizei (1880–1930) ist chronologisch in drei Teile gegliedert und widmet sich je neuen diskursiven Verknüpfungen: In der Zeit von 1880 bis 1914 geht es wie gezeigt um das Stereotyp des „jüdischen Hausierers“, für die Zeit des Ersten Weltkriegs um die Vorwürfe der „Spionage“ und „Kollaboration“ und im dritten und letzten Teil um die Verbindung zwischen Antisemitismus und Antikommunismus. Spätestens beim zweiten Teil wird der Titel der Studie fraglich. Denn Zian kommt bei der Periode des Ersten Weltkriegs unter deutscher Besatzung zu dem Ergebnis, dass „die jüdische Identität zwar in Presseartikeln“ erwähnt worden sei, wenn es um mutmaßliche Kriminelle ging, „nicht aber von den Beamten der Ausländerpolizei“, wohingegen sich rassistische Vorstellungen gegen „Polen“ durchzogen. „Die Staatsbürgerschaft“, so ihr Resümee, „war hier durchaus entscheidender: Sie diente dazu, den ‚Feind‘ zu identifizieren.“

Für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die der dritte und letzte Teil behandelt, kommt Zian zu einem Ergebnis, das auf ähnliche Weise dem Titel ihrer Studie widerspricht. Denn die Akten verrieten „nichts über die Haltung gegenüber dem ausländischen Juden“. Es müsse deswegen offenbleiben, ob sich die Polizeiarbeit feindlich gegen die aus Polen stammenden Bewohnerinnen und Bewohner richte oder gegen aus Polen stammende Jüdinnen und Juden. Das gelte, obwohl sich in den überlieferten Polizeiakten Dokumente finden, in denen „Juden aus Polen, Russland und Deutschland“ als „beschäftigungslos und bolschewistisch“ dargestellt wurde, während bei der Beschreibung aus Großbritannien stammender Jüdinnen und Juden betont wurde, dass sie „unter erbärmlichen Bedingungen“ arbeiteten, um leben zu können. Spannend wäre es gewesen, hätte Zian den Reaktionen jüdischer Organisationen wie der Alliance Israélite Universelle mehr Raum gegeben, die auf ihre Weise versucht haben, den antisemitischen Vorstellungen entgegenzuwirken. Dabei richteten sich ihre Aktivitäten gegen kommunistische Positionen innerhalb der jüdischen Minderheit Belgiens, obwohl der Alliance „bewusst“ war, dass „Diskurse, die Kommunismus und Juden miteinander verbanden, einen Antisemitismus speisten“, zu dessen Opfern letztlich alle Jüdinnen und Juden gehören konnten.

Im Anschluss an aktuelle Studien zum Rassismus in der französischen Polizei will Zian die Analyse des Judenfeindschaft entkoppeln von der bewussten Einstellung oder unbewussten Voreingenommenheiten einzelner Polizisten, sondern versteht deren Wahrnehmung und deren Handeln als Effekte eines antisemitischen Diskurses in der belgischen Gesellschaft und als Effekt eines tradierten sozialen Wissens und einer polizeilichen Praxis. In Belgien gab es ein besonderes Melderegister für alle Migrantinnen und Migranten. Seit 1846 musste alle Personen ohne belgische Staatsangehörigkeit bei der Sûreté publique vorstellig werden; wer ihr als verdächtig erschien, konnte ausgewiesen werden. Nicht immer folgte die entsprechende Handlung zwingend aus dem Ressentiment. So schildert Zian die Fälle zweier Polizisten, die „trotz vorhandener antijüdischer Vorurteile“ sich ihren Vorgesetzten entgegenstellten, um Betroffene zu schützen. Ein Polizist schrieb 1889 in einer allgemeinen Notiz:

„Aber wir müssen uns gleichwohl vor Übertreibung hüten und dürfen uns nicht von der voreingenommenen Idee bestimmen lassen, die jüdischen Händler seien immer Schelme und Spitzbuben. Ich habe die einzelnen Anzeigen wieder vorgenommen, die sich in der Akte befinden. Ich stelle fest, dass der Hausierer in keinem einzigen Fall direkt beschuldigt wird, ein genau bezeichnetes und absichtliches betrügerisches Manöver ausgeführt oder über die Qualität der verkauften Objekte getäuscht zu haben.“

Solche Selbstkritik habe aber, so Zian, nicht zur Revision des Ressentiments geführt. Stattdessen wurde der Rückgang der Betrugsfälle darauf zurückgeführt, dass „sich die [nichtjüdische] belgische Bevölkerung nicht mehr betrügen lasse“. Am Schluss übernimmt sie aus aktuellen Studien den Begriff „institutioneller Rassismus“, und es stellt sich die Frage, ob ihre Studie nicht besser diesen Begriff im Titel genannt hätte. Vielleicht in Verbindung mit einem institutionellen, einem strukturellen oder auch einem latenten Antisemitismus, für den diese Dissertation einige Beispiele gibt. Es wäre auf jeden Fall gut gewesen, die soziologischen Konzepte klarer auf das jeweilige Quellenmaterial anzuwenden.

Yasmina Zian: Latenter Antisemitismus? Die Kriminalisierung von Brüsseler Juden durch die belgische Ausländerpolizei (1880–1930). Metropol, Berlin 2020, 345 S., ISBN 978-3-86331-546-7, 24,- Euro, Bestellen?

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