Auseinandersetzungen um Antisemitismus und Rassismus

Der Politikwissenschaftler Hajo Funke greift in seinem neuen Buch „Black Lives Matter“ die Auseinandersetzung um Achille Mbembe und Black Lives Matter hinsichtlich von Antisemitismus und Rassismus auf. Zwar macht er in der Darstellung berechtigt auf damit einhergehende Missstände aufmerksam, neigt aber zu einseitigen Betrachtungen in seiner „Streitschrift“…

Von Armin Pfahl-Traughber

Nicht nur Corona prägte das Jahr 2020. Es kam in Deutschland wie in den USA zu heftigen Zerwürfnissen, die um Antisemitismus, Kolonialismus und Rassismus kreisten. „Black Lives Matter“ und „Achille Mbembe“ mögen hierfür als Stichworte dienen. Dabei handelte es sich um ähnliche, aber dann doch verschiedene Themen. Sie werden indessen in dem neuen Buch von Hajo Funkte zusammengeführt. Es geht dem Politikwissenschaftler entsprechend des Titels um „Black Lives Matter in Deutschland. George Floyd und die Diffamierung von Achille Mbembe als Antisemit – eine Streitschrift über (post)koloniale Konflikte“. Bereits in der Formulierung wird deutlich: Das Buch will eine Streitschrift sein. Nicht das nüchterne Abwägen und die differenzierte Deutung, sondern die inhaltliche Polarisierung und konfrontative Wirkung stehen im Zentrum. Funke spricht dabei unterschiedliche Inhalte an und kombiniert dazu verschiedene Textteile, die offenbar in diversen Arbeitszusammenhängen entstanden und nicht immer in ein einheitliches Konzept passen.

Zunächst geht es um den Fall Achille Mbembe, der als bedeutender post-kolonialer Denker und Historiker gilt. Ihm sei unberechtigterweise Antisemitismus von Felix Klein unterstellt worden, denn dieser habe derartige Behauptungen zur Diskreditierung von Kritik an der israelischen Politik genutzt. Funke macht berechtigt auf Kleins mitunter ungenauen Vorwürfe aufmerksam. Sprach er aber tatsächlich von Antisemitismus gegenüber Mbembe? Funke spricht davon in einem gesonderten Unterkapitel (vgl. S. 28f.), worin aber eine solche Aussage gar nicht zitiert wird. Klein hatte vor israelfeindlichen Pauschalisierungen gewarnt, wobei es um Apartheidsgleichsetzungen und Holocaustrelativierungen ging. Dabei hätte er sich differenzierter positionieren können, war indessen aber nicht so platt wie unterstellt. Indessen findet man „Antisemitismuskeule“ (S. 24) bei Funke als Vokabel, eine Formulierung, die man anderen Kommentatoren überlassen sollte. Der Autor bringt dann noch zum Nahost-Konflikt eine „subjektive Skizze“ (S. 43), so die eigene Wortwahl.

Dem folgt ein Kapitel zu Kolonialismus, Rassismus und Sklaverei, wobei zutreffend die Doppelstandards geschätzter Philosophen kritisiert werden. John Locke trat etwa für die Menschenrechte ein, hatte aber auch Aktien im Sklavenhandel. Funke liefert hier eine bilanzierende Geschichte zu erinnerungswerten Schandflecken der westlichen Welt. Dass es ausgeprägtere Formen davon in afrikanischen und arabischen Ländern gab, ist indessen nur in einer Fußnote als kurze Randnotiz ein Thema (vgl. S. 63, Fußnote 32). Und dann werden die Aussagen häufig primär auf der Grundlage einer Monographie referiert, etwa von Iris Därmann auf immerhin zehn Seiten (vgl. S. 69-79). Dem folgt dann ebenfalls eher beschreibend gehalten eine Darstellung zu Mbembes Schriften, die zwar berechtigterweise an Kolonialismus und Rassismus erinnern, methodisch aber auch in der Forschung inhaltliche Kritik erfahren haben. Diese arbeitet Funke indessen nicht mit Reflexionen in seinen Text ein, sieht man einmal von der Auseinandersetzung mit Krells Stellungnahme ab.

Und dann folgen noch kürzere Kapitel, welche die Geschichte des Rassismus in den USA thematisieren und dabei Kontinuitäten bis in die Trump-Zeit sehen. Funke fragt auch danach, ob das Erbe des Kolonialrassismus im Westen überwindbar sei. Berechtigt macht der Autor darauf aufmerksam, dass es bislang in nicht wenigen europäischen Ländern an der entsprechenden Sensibilität mangelte. Belgien steht mit den Kolonialverbrechen dafür. Aber auch in Deutschland sind derartige Ereignisse angesichts der Shoah eher in Vergessenheit geraten. Und dann blickt Funke noch einmal auf die USA, wo es um Black Lives Matter geht. So berechtigt deren Anliegen ist, so kritikwürdig sind aber auch dortige Ausschreitungen. Hierzu kann man auch ein kritisches Wort verlieren, hat doch ein solches nichts mit einer Rassismusrelativierung zu tun. In der Gesamtschau macht Funke kritisch auf noch aktuelle bedenkliche Vergangenheiten aufmerksam. Gleichwohl wäre dabei mehr Differenzierungsvermögen gut gewesen, Streitschriften bringen nicht immer weiter.

Hajo Funke, Black Lives Matter in Deutschland. George Floyd und die Diffamierung von Achille Mbembe als Antisemit – eine Streitschrift über (post)koloniale Konflikte, Hamburg 2021 (VSA), 190 S., Bestellen?

Kommentar verfassen