„Der Mensch wird am Du zum Ich“ – Martin Bubers Schriften zur Dialogphilosophie

Der hier vorliegende, mit einer lesenswerten Einleitung sowie ausführlichen Kommentaren versehene Band 4 einer insgesamt 21 Bände umfassenden „Martin Buber-Werkausgabe“ (MBW) wurde im Auftrag der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Israel Academy of Sciences and Humanities von Paul Mendes-Flohr herausgegeben…

Von Siegbert Wolf

Der Band versammelt Bubers „Schriften über das dialogische Prinzip“: sein dialogphilosophisches Hauptwerk „Ich und Du“ (1923), in der er eine „poetische Rhetorik“ entfaltete, die sich absichtsvoll abhob von den „traditionellen Formen des philosophischen Diskurses“ (Einleitung Mendes-Flohr, S. 34); „Zwiesprache“ (1932) als Ergänzung von „Ich und Du“, der theologisch-politische Traktat „Die Frage an den Einzelnen“ (1936), der Aufsatz „Urdistanz und Beziehung“ (1950) und die Abhandlung „Elemente des Zwischenmenschlichen“ (1954). Hinzu kommen kürzere Gelegenheitsarbeiten („Kraft und Richtung, Klugheit und Weisheit“ (1928), „Freiheit und Verantwortung“ (1928) u.a.), Vor- und Nachworte (Vorwort zu „Dialogisches Leben“ (1947), Nachworte zu „Die Schriften über das dialogische Prinzip“ (1954) und „Ich und Du“ (1958) u.a.) sowie bislang unveröffentlichte Mitschriften von Vorträgen: „Monologisches und dialogisches Leben“ (1928) (S. 334-344) und „Der Einzelne und das öffentliche Wesen“ (1933) (S. 365-376).

Vor allem die 1923 veröffentlichte Schrift „Ich und Du“ ist „von zentraler Bedeutung sowohl für Bubers eigene Biographie als auch für die Entwicklung des dialogischen Denkens im 20. Jahrhundert“ (Einleitung, S. 9). Eine erste Skizze dazu entstand im Frühjahr 1916, die erste Niederschrift erfolgte im Herbst 1919; die endgültige Fassung lag schließlich im Frühjahr 1922 vor, ursprünglich gedacht als erster Teil einer fünfbändigen umfassenden Beziehungsphilosophie. Buber, geleitet von „der Frage nach der Intersubjektivität“ (S. 272), bezog sich hierbei vor allem auf die deutschsprachige Philosophie der Aufklärung Friedrich Heinrich Jacobis (1743-1819) sowie die Philosophie Ludwig Feuerbachs (1804-1872), Max Stirners (1806-1856) und Sören Kierkegaards (1813-1855). Zeitlich parallel zu Bubers Dialogik kristallisierten sich „während des zweiten und dritten Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts im Denken u.a. von Hermann Cohen (1842-1918), Ferdinand Ebner (1882-1931), Eugen Rosenstock-Huessy (1888-1973) und Franz Rosenzweig (1886-1929)“ (ebd.) weitere dialogische Ansätze heraus.

Martin Bubers Dialogdenken fußt auf den Wortpaaren „Ich-Du“ und „Ich-Es“ – zwei Haltungen zur Welt. Das Du des Grundwortes „Ich-Du“ meint nicht nur den Mitmenschen, sondern ebenso die Natur, die „geistigen Wesenheiten“ (Ich und Du, S. 41), also geistige Schöpfungen des Menschen (Kunst, Literatur, Wissenschaften), und Gott als das ewige Du, eine personale Beziehung zu Gott: „Wir hatten erkannt, dass eben dasselbe Du, das von Mensch zu Mensch geht, eben dasselbe es ist, das vom Göttlichen her zu uns niederfährt und von uns her zu ihm aufsteigt“ (Nachwort zu „Die Schriften über das dialogische Prinzip“, S. 236).

Für Buber ist der Mensch, ausgestattet mit sozialer Individualität, auf Soziabilität hin orientiert. Nur im dialogischen Prozess, nicht durch Jenseitigkeit und Weltflucht, vollzieht sich die auf Wechselseitigkeit basierte Subjektwerdung: „Die Welt ist dem Menschen zwiefältig nach seiner zwiefältigen Haltung. Die Haltung des Menschen ist zwiefältig nach der Zwiefalt der Grundworte, die er sprechen kann. Die Grundworte sind nicht Einzelworte, sondern Wortpaare. Das eine Wortpaar ist das Wortpaar Ich-Du. Das andre Grundwort ist das Wortpaar Ich-Es. […] Grundworte bedeuten nicht Dinge, sondern Verhältnisse. Grundworte sagen nicht etwas aus, was außer ihnen bestünde, sondern gesprochen stiften sie einen Bestand. Grundworte werden mit dem Wesen gesprochen“ (Ich und Du, S. 39). Das Grundwort „Ich-Du“ „stiftet die Welt der Beziehung“ (ebd. S. 41). Beziehung und Gemeinschaftlichkeit gründen sich auf der Begegnung von Ich und Du: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ (ebd. S. 44). Beziehung und Subjektivierung, Berühren und Berührtwerden, bedeuten für Buber Dialog, Gegenseitigkeit, Offenheit, Vertrauen, Verbundenheit und eine Haltung des „Einanderzugewandtsein“ (Zwiesprache, S. 120) und der Einvernehmlichkeit, die den anderen in seiner „Anderheit“ versteht, annimmt und anerkennt: „Mein Du wirkt an mir, wie ich an ihm wirke“ (Ich und Du, S. 47). Grundbestandteile des Dialogs sind das Hören und Sprechen, das zu jemandem sprechen und jemandem (zu-)hören: „Der Mensch ist um so personhafter, je stärker in der menschlichen Zwiefalt seines Ich das des Grundworts Ich-Du ist“ (ebd. S. 76). Die Suche des Menschen nach Einheit könne, so Buber, nicht bei dem eigenen Selbst, sondern nur im Zwischen von Ich und Du stattfinden.

Das Grundwort „Ich-Es“ meint die den Menschen umgebende gesellschaftliche, politische, technische Welt, die Welt der Zwecksetzung, meint unsere menschlichen Erfahrungen und unsere Wahrnehmung von Objekten, umfasst die instrumentelle Sichtweise auf Mensch und Welt: „Ich nehme etwas wahr. Ich empfinde etwas. Ich stelle etwas vor. Ich will etwas. Ich denke etwas. Aus alledem und seinesgleichen allein besteht das Leben des Menschenwesens nicht. All dies und seinesgleichen zusammen gründet das Reich des Es. Aber das Reich des Du hat einen anderen Grund. Wer Du spricht, hat kein Etwas zum Gegenstand. Denn wo Etwas ist, ist anderes Etwas, jedes Es grenzt an andere. Es ist nur dadurch, dass es an andere grenzt. Wo aber Du gesprochen wird, ist kein Etwas. Du grenzt nicht. Wer Du spricht, hat kein Etwas, hat nichts. Aber er steht in der Beziehung“ (ebd. S. 40).

Bubers Einspruch galt nicht dem Grundwort Ich-Es, sondern seiner ständig wachsenden Dominanz, die einhergehe mit zunehmenden Vertrauensverlust, einer Vertrauenskrise, einer Krise des Zwischen. Die Bedeutung des Vertrauens ist für Buber grundlegend – in persönlichen Beziehungen wie auch im gesellschaftlichen und politischen Leben. So hat er 1953 in der Paulskirche zu Frankfurt am Main anlässlich des Festaktes zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hinsichtlich der zerstörerischen Folgen des grassierenden Misstrauens deutliche Worte gefunden: „Der Mensch in der Krise, das ist der Mensch, der seine Sache nicht mehr dem Gespräch anvertraut, weil ihm dessen Voraussetzung, das Vertrauen, verloren gegangen ist. […] Dieser Mangel an Vertrauen zum Sein, diese Unfähigkeit zum rückhaltlosen Umgang mit dem Andern weisen auf eine innerste Erkrankung des Daseinssinns hin.“ (Das echte Gespräch und die Möglichkeiten des Friedens. In: MBW 6, S. 99f.).

Für Buber ist in dem Verhältnis von „Ich und Du“ die „Sphäre des Zwischenmenschlichen“ (Elemente des Zwischenmenschlichen, S. 214) von elementarer Bedeutung. Er verweist hier auf „aktuale Ereignisse zwischen Menschen, sei es voll gegenseitige, sei es solche, die sich unmittelbar zu gegenseitigen zu steigern oder zu ergänzen geeignet sind; denn die Partizipation beider Partner ist prinzipiell unerlässlich. Die Sphäre des Zwischenmenschlichen ist die des Einander-gegenüber; ihre Entfaltung nennen wir das Dialogische“ (ebd. S. 214f.). Das Zwischen ist die Sphäre zwischen den Menschen. Allein im Zwischenmenschlichen vollzieht sich die Ich-Du-Beziehung.

Neben dem Grundwort „Ich-Du“ finden wir bei Buber zusätzlich die Kategorie des wesenhaften ,Wir‘, das er von jeglichem, das Antlitz des Menschen verzerrenden Kollektivismus abgrenzt. Für ihn können nur diejenigen Menschen miteinander wahrhaft Wir sagen, die fähig sind, zueinander wahrhaft Du zu sagen. Dieses wesenhafte ,Wir‘ hat Buber als gleichberechtigtes Grundwort neben ,Ich‘, ,Du‘ und ,Es‘ gestellt. Die Assoziation selbstbestimmter, sich selbst organisierender Menschen in Selbstverantwortung und freier Vereinbarung jenseits von Zentralstaat und kapitalistischer Ökonomie gestalte sich, so Buber, in revolutionären Bünden und in glaubensbasierten Vereinigungen. Je größer die Gemeinschaftshaltigkeit, um so mehr könne die Welt ,geheilt‘ werden. Gemeinschaft gründet für ihn auf unmittelbar persönlichen Beziehungen mit der Gemeinde als Keimzelle. Dies bedeute, „dass sie [die Gemeindemitglieder – S.W.] alle zu einer lebendigen Mitte in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen und dass sie untereinander in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen. Das zweite entspringt aus dem ersten, ist aber noch nicht mit ihm allein gegeben. Lebendig gegenseitige Beziehung schließt Gefühle ein, aber sie stammt nicht von ihnen. Die Gemeinde baut sich aus der lebendig gegenseitigen Beziehung auf, aber der Baumeister ist die lebendige wirkende Mitte“ (Ich und Du, S. 64). Buber hat seine um eine soziale Komponente ergänzte Dialogik mit seiner Sozialphilosophie und politischen Philosophie verbunden, um so durch die Begegnung mit dem Anderen eine Option zu eröffnen, dem monologischen Leben entgegenzuwirken. Um der im Es geronnenen, verwalteten Welt wirksam entgegenzutreten, bedarf es der ständigen Erneuerung des Ich-Du-Verhältnisses.

Zurückhaltung übte Martin Buber hinsichtlich jeglicher Konkretisierung dialogischer Methoden. Unmittelbare, rückhaltlose und gelingende Gesprächssituationen entstünden nicht durch methodische und technische Verfahren: „Das Du begegnet mir von Gnaden – durch Suchen wird es nicht gefunden. Aber dass ich zu ihm das Grundwort spreche, ist Tat meines Wesens, meine Wesenstat. Das Du begegnet mir. Aber ich trete in die unmittelbare Beziehung zu ihm. So ist die Beziehung Erwähltwerden und Erwählen, Passion und Aktion in einem“ (ebd. S. 44). Auch die Verkündung philosophischer Lehrmeinungen lag außerhalb seines Interesses: „Ich zeige nur etwas. Ich zeige Wirklichkeit, ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch“ (Antwort [an meine Kritiker] (1963). In: MBW 12, S. 471).

Gleichwohl könne philosophisches, vor allem dialogisches Denken, so Buber, unmittelbar zur Instandsetzung unserer beschädigten Welt (Tikun Olam) und zur nachhaltigen Erneuerung zwischenmenschlicher Beziehungen beitragen: „Zu allen Zeiten wohl ist geahnt worden, dass die gegenseitige Wesensbeziehung zwischen zwei Wesen eine Urchance des Seins bedeutet, und zwar eine, die dadurch in die Erscheinung trat, dass es den Menschen gibt. Und auch dies ist immer wieder geahnt worden, dass der Mensch eben damit, dass er in die Wesensbeziehung eingeht, als Mensch offenbar wird, ja dass er erst damit und dadurch zu der ihm vorbehaltenen gültigen Teilnahme am Sein gelangt, dass also das Du-Sagen des Ich im Ursprung alles einzelnen Menschwerdens steht“ (Nachwort zu „Die Schriften über das dialogische Prinzip“, S. 229).

Martin Buber Werkausgabe (MBW), Band 4: Schriften über das dialogische Prinzip. Hrsg. u. eingeleitet von Paul Mendes-Flohr. Kommentiert von Andreas Losch unter Mitarbeit von Bernd Witte. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2019, 467 S., 168.- €., ISBN 978-3-579-02679-4.

Bild oben: Martin Buber, 1940er Jahre, The David B. Keidan Collection of Digital Images from the Central Zionist Archives (via Harvard University Library)

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