„Ich erinnere mich an diese elektrisierende Wirkung, die im ganzen Land herrschte“

Vor 60 Jahren, am 11. April 1961 wurde der Eichmann Prozess in Jerusalem eröffnet. Ein Gespräch mit Gabriel Bach, der einer von drei Anklägern im Prozess war

Dieses Interview wurde vor zehn Jahren geführt als Gabriel Bach auf Einladung des Auschwitz-Komitees in Hamburg war. 

Gabriel Bach, heute 94 Jahre alt, lebt mit seiner Frau Ruth in Jerusalem. Lange Zeit war er weiter ehrenamtlich im Obersten Gericht der Armee Israels tätig. Zeitgleich mit diesem Interview hätte er damals stattdessen an einem Mittagessen mit Angela Merkel teilnehmen können. Aber er sieht es als seine Lebensaufgabe an, über den Eichmann-Prozess zu berichten. Denn er war der zweite Ankläger im Prozess 1961 gegen Adolf Eichmann. Dieses Interview begann mit einer Hafenrundfahrt in Hamburg und wurde fortgeführt in einem Café mit Blick über die Elbe – gegenüber war die Außenstelle des KZ Neuengamme bei der Deutschen Werft mit den ZwangsarbeiterInnen, die dort und bei Blohm und Voss, der zweiten Hamburger Kriegsschiffwerft, schuften mussten. Auf der Rundfahrt fand der Barkassenführer zwischen seinen Schnackereien keine Zeit, dies zu erwähnen.

Interview: Moritz Herbst
Ursprünglich erschienen in: Jungle World 14 & 15/2011

Sie haben bis sie elf Jahre alt waren in Deutschland gelebt?

Ich bin 1927 geboren worden, im März. Wir haben Deutschland 1938 Richtung Holland verlassen, zwei Wochen vor der Kristallnacht. Holland haben wir verlassen 1940, einen Monat vor der Invasion der deutschen Armee in Holland. Von Holland aus kamen wir nach Palästina, mit der Patria, dem Schiff, dass bei der nächsten Fahrt versenkt wurde, mit 250 Toten. Wir waren den Deutschen immer so einen Schritt voraus.

Mein Vater war einer der führenden Zionisten in Berlin. Ich bin geboren in Halberstadt, aber im jugendlichen Alter von zwei Monaten habe ich beschlossen Halberstadt zu verlassen. Ich kannte eigentlich nur Berlin. Und ging sinnigerweise, ironischerweise in die jüdische Theodor-Herzl-Schule am Adolf-Hitler-Platz. In Holland ging ich in eine gemischte Schule, da waren aber auch viele jüdische Kinder da im Gymnasium, es war buntgemischt. Mein bester Freund von dort, der nichtjüdisch ist, der war später der Gesandte Hollands bei den Vereinten Nationen. Der hat mich im Fernsehen gesehen, bei den Berichten vom Eichmann-Prozess, und der hat sich 1961, 20 Jahre später, bei mir gemeldet und mir erzählt, dass er eine Untersuchung gemacht hat. Und da hat er festgestellt, dass von den ganzen jüdischen Schülern ich der einzige bin, der am Leben geblieben ist. Und ich habe auch erfahren, dass zwischen dem Ausbruch des Krieges 1939 und 1940, als wir Holland verlassen haben, da hatte Hitler siebenmal ein Datum festgelegt für den Einmarsch nach Holland, und jedes Mal hat er den im letzten Augenblick verschoben. Einmal wurde ihm gesagt die Sterne stehen ungünstig, einmal haben sie etwa von der BBC gehört und dachten, die hätten Verdacht geschöpft. Einige Male war das Wetter ungünstig. Sieben Mal hat Hitler den Einmarsch im letzten Augenblick verschoben. Beim achten Mal, als sie einmarschiert sind, hatten wir Holland gerade eben verlassen. So sieht man, wovon das Leben abhängt.

Als sich damals General Rommel mit einer deutschen Armee durch Libyen und Ägypten Palästina näherte während des Krieges, da kamen Alle zu meinem Vater und haben ihn gefragt: Wo jetzt hin, wohin können wir uns jetzt absetzen?  Da hat mein Vater gesagt: Hier ist die letzte Etappe, hier wird nicht gewichen. Und so war es dann auch.

Was waren ihre persönliche Erfahrungen in Deutschland, bevor sie emigrieren mussten?

Da hatte ich einen gewissen Vorteil, weil ich in eine zionistische Schule gegangen bin. Zum Beispiel neben unserem Haus war ein Park, der Preußenpark, da waren Bänke, grüne rote und ein paar gelbe Bänke, da stand drauf: Nur für Juden. Für die jüdische Bevölkerung war das natürlich niederschmetternd. Für uns, die wir die zionistische Prägung hatten, wir haben uns dorthin gesetzt und hebräische Lieder gesungen. Dabei war dass natürlich eigentlich grausig, diese Ausgrenzung.

Mein Vater war in der Schwerindustrie tätig,  Kupfer, Messing. Er war später der Generaldirektor einer der größten Fabriken der Schwerindustrie von Deutschland. Am Wochenende sind wir im allgemeinen in den Grunewald gefahren, haben zusammen Fußball gespielt. Auf dem Wannsee gab es so Motorboote, wie dieses hier, und damit sind wir spazieren gefahren. An jeder Ecke gab es damals einen Stürmerkasten. Eines Tages kam ich zu dem Stürmerkasten, der bei mir in der Konstanzer Straße stand, und da sah ich ein Bild von einem Motorboot, genau so einem, mit dem wir sonst fuhren. Dazu stand dort: ‚Juden fahren immer noch auf dem Wannsee spazieren!‘.  Es reicht uns mit den jüdischen Reichen stand da. Alle haben diese Parolen gesehen. Da standen viele Leute drum herum, meine Mutter etwas weiter hinten, hat mich dann gesucht, damit wir weggehen. 

Ich war bei der Olympiade dabei, 1936, ich war dort sehr oft. Von dem Fußballverein Schalke 04 war ich ein großer Anhänger. Ich kann ihnen heute noch die Namen der Mannschaft der 30er Jahre sagen, all diese Namen sind mir noch gut in Erinnerung. 1933 war ich sieben Jahre alt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie der Boykott gegen die jüdischen Geschäfte begann, und an die Nazigesänge, von der Hitlerjugend, in den Straßen. An den grausigen Antisemitismus erinnere ich mich noch sehr genau. Wir waren Keine Orthodoxen, waren aber öfter in der Synagoge als heute, einfach als Demonstration der Zugehörigkeit. Unsere Ferien haben wir nicht in Deutschland verbracht, wegen der Atmosphäre, die war einfach nicht freundlich. Wir waren im Sommer und im Winter im allgemeinen in der Schweiz.

Von der Schule aus haben wir einmal Geld gesammelt für die Jewish Mission, um Land zu kaufen in Palästina, für die Siedlungen. Und es hieß, wer am meisten sammelt, der wird eingetragen in das goldene Buch in Palästina. Jeder wollte da gewinnen, ist gerannt zu seiner Familie und zu seinen Freunden. Aber dass haben alle gemacht. Mit ein paar Freunden hatte ich eine Idee. Ich sah nicht sehr jüdisch aus, ging in jedes Haus, und wenn da so ein typisch deutscher Name war, wie Müller, Schulze, dann habe ich dort geklingelt und gefragt: ‚wer sind die Juden im Haus?‘ Dann hieß es ‚dieser und jener, dritter Stock oben‘ und so weiter, da habe ich dann gesammelt. Auch in einem Café am Kurfürstendamm, da waren hauptsächlich jüdische Pärchen. Ich war neun Jahre alt und habe dort ein paar Mal gesammelt. Eines Tages saß dort ein Mann, ganz alleine. Der sagte, dass kommt für mich nicht in Frage. Da erwiderte ich, dass ist typisch! Aber wenn sie dann nach Palästina kommen, werden sie dort nur Kritik üben, dass ihnen dies und dass nicht gefällt. Aber jetzt haben sie die Möglichkeit, legal etwas Land zu kaufen. Der Mann sagte, ‚Ich werde dir zeigen, dass das für mich wirklich nicht in Frage kommt. Dann hat er sein Kragen angehoben und dort war ein Hakenkreuzabzeichen, anscheinend ein Gestapomann. Er fügte hinzu, aber du hast so schön gesprochen, da, nimm eine halbe Mark. Dass ist mir in Erinnerung geblieben, wie ich von diesem Nazi  tatsächlich eine halbe Mark für die Siedlungen bekommen habe, so etwas absurdes.

Wir wollten schon früher aus Deutschland weg. Aber mein Vater war Generaldirektor. Er hatte  einige Assistenten, dass waren sogar Freunde von Göring, richtige Nazis, die haben ihn immer gebeten er solle bleiben. Und wenn die Assistenten einen Streit hatten, haben sie meinen Vater als Schiedsrichter genommen, in gewissen Dingen. 

Einmal hatten wir die Ausreise nach Holland schon geplant, da war eine Filiale, für Kupferimport. Wir wollten Deutschland verlassen, waren schon in einem Hotel, da begann die Tschechien-Krise. Die Gestapo kam und hat uns die Pässe weggenommen. Später erklärte man uns, weswegen. Anscheinend hatten die gedacht, der Krieg würde ausbrechen, wegen der Tschechien-Krise. Mein Vater wusste sehr viel über das Kriegspotenzial von Deutschland in der Schwerindustrie. Von daher wollte man ihn nicht raus lassen, hat uns deswegen die Pässe weggenommen. Dann kam Chamberlain nach München und verhandelte das Abkommen mit Hitler. Es folgte eine  zeitweilige Entspannung, nach München. Wir bekamen die Pässe zurück. Wenn heute Chamberlain kritisiert wird, dass er damals vor Hitler kapituliert hat, dann bin ich damit rational einverstanden. Aber ich bin still und leise, denn uns hat da wahrscheinlich das Leben gerettet. In diesem Moment konnten wir Deutschland verlassen.

Elf Jahre war alt, als wir Deutschland verlassen haben. Als wir die Grenze zu Holland erreichten, da  kamen einige SS-Leute ins Abteil rein, sagten ‚Familie Bach – mitkommen!‘  Wir mussten zu einer Baracke gehen, da waren so zehn SS-Leute drin, befahlen: ‚Koffer aufmachen!‘ Sie haben alles rausgerissen, in eine Ecke geworfen. Wir wussten nicht, was geschieht, weswegen das geschah. Der Zug wollte abfahren, mein Vater bat warten sie eine Minute, bis dass geklärt ist. Dann kam der SS-Offizier und befahl uns, die Sachen schnell zusammenzupacken. Und dann sind wir gelaufen. Der Zug setzte sich schon in Bewegung. Ein SS-Mann kam hinterher und trat mich in ein gewisses hinteres Körperteil. Das hat mit sogar ein bisschen geholfen, so bin ich mit dem Koffer leichter die Stufen in den Zug hinauf gekommen. Der SS-Mann hat mich mit einem Fußtritt aus Deutschland hinaus befördert, dass werde ich nie vergessen. Wir haben einige Minuten im Zug abgewartet, mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich, dann kamen holländische Zöllner. Der erste war gar nicht mal so freundlich. Aber es war verrückt – mir kamen die Tränen. Er hatte eine Uniform an und sprach mit uns wie ein gewöhnlicher Mensch.

Wie haben Sie die Entrechtung in Deutschland erlebt?

Dass habe ich nicht so empfunden. Mein Vater war in Halberstadt schon Prokurist, wurde dann Generaldirektor. Und ich war noch ein Kind, habe zum Beispiel während der Olympiade 1936, die ja in Berlin  stattfand, eine Phase der Entspannung erlebt. Dass war eine gewisse Ruhepause. Ich bin auch ein heilloser Optimist, ich erinnere mich immer an positive Sachen, etwa im Fußballstadion. Da wurde bei der Olympiade die Nationalhymne gespielt, und alle Juden die da saßen sind aufgestanden und haben auch den rechten Arm gehoben. Aber ich bin sitzen geblieben. Und plötzlich kam ein SS-Mann auf mich zu. Ich befürchtete etwas, weil ich sitzengeblieben war. Aber er sprach mich an: ‚Sportskamerad, darf ich ihnen eine Zeitung anbieten, um sich gegen vor dem Regen zu beschützen?‘ Es gibt so Momente. Ich weiß bis heute nicht, was ihn da bewogen hat.

Es gab auch viele grausige Momente. Die Art, wie wir Holland verlassen haben war so einer.

Vor ein paar Jahren hat mich der deutsche Botschafter angerufen und mir mitgeteilt, der deutsche Präsident würde mir das große Bundesverdienstkreuz anbieten – ob ich bereit wäre, dass anzunehmen. Da erwiderte ich, weswegen glaubt man, dass mir das zukommt. Er sagte, wegen meiner Rolle im Eichmann-Prozess. Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu Gustav Heinemann, zu deutschen Lehrern, zur Aktion Sühnezeichen. Für diesen Austausch sollte ich ausgezeichnet werden.

Es gab einen sehr netten Empfang beim deutschen Botschafter, da wurde ich gebeten, etwas zu sagen. Da konnte ich es mir nicht verkneifen zu erwähnen, wie ich mit einem Fußtritt aus Deutschland hinaus befördert worden bin. Die Diskrepanz war wirklich groß, zwischen  dem Fußtritt damals und dem Bundesverdienstkreuz.

So ist mein Kontakt zu Deutschland: Die negativen Sachen habe ich damals genossen, den ich wollte nicht, dass mir alles gefällt in Deutschland, und die positiven Sachen später habe ich auch genossen.

Die Kontakte zu Ministern habe ich genossen, aber mehr beeindruckt haben mich die privaten Begegnungen. Eines Tages fuhr ich Zug in Deutschland. Mit gegenüber saß ein junger Mann, der sah an meinem Koffer, dass ich aus Israel komme. Zuerst hat er gezögert, dann fragte er: ‚Sind sie aus Israel?‘ Ich bejahte, und er sagte auf Iwrit: ‚Sie sind der erste Israeli, den ich treffe, auch der erste Jude, ich habe noch nie einen Juden kennengelernt. Was da geschehen ist gibt mir keine Ruhe. Ich habe alle Bücher über Israel gelesen, über den Krieg, über Zionismus. Ich habe angefangen, Hebräisch zu lernen. Aber ich will Israel nicht besuchen, ich kann den Leuten nicht in die Augen sehen.‘  Ich dachte mir, vielleicht ist er ein Philosophie-Student oder ein Historiker. Als ich ihn fragte, wo er studiere, erwiderte er: ‚Nein, ich bin ein Lehrling bei einem Tischler‘. Wenn ich nicht zufällig mit ihm gesprochen hätte, hätte ich dies nie erfahren. Begegnungen wie mit diesem jungen Mann, der Israel kennenlernen wollte, wegen des Holocausts, hatte ich mehrere. Die haben mich mehr beeindruckt als die offiziellen Begegnungen.

Ich bin ein heilloser Optimist, und die positiven Sachen habe ich genossen, die negativen auch, weil ich nicht alles genießen wollte in Deutschland. Als ich zurück war in Israel, da war ein Freund, der auch in Deutschland gelebt hatte früher, der hatte ähnliche Erfahrungen von Reisen, hatte auch positive und negative Erlebnisse. Aber er hat gesagt, er hat alles gehasst. Warum? – die positiven  Dinge hat er gehasst, weil er nicht wollte, dass ihm Dinge in Deutschland gefallen, die negativen Dinge  hat er so gehasst, weil sie ihn so mitgenommen haben.

Ich habe immer Mitleid mit Leuten, die immer alles so pessimistisch sehen. Aber ich bin ein heilloser Optimist. Und ich habe die Hoffnung auf die Jugend, welche die Prozesse mitbekommen hat, dass die dafür sorgt, dass so etwas fürchterliches in Deutschland nie wieder passiert.  

War die Erfahrung von Ausgrenzung und Vertreibung für sie ein Grund, Jura zu studieren?

Ich glaube nein. In der Schule war ich eigentlich hauptsächlich interessiert an Mathematik und Physik. Ich dachte, Jura ist für mich vielleicht ein Fach aus humanitären Gründen. Aber schon in der Schule, wenn ein Schüler bestraft werden sollte, wenn es Probleme gab mit dem Klassenlehrer – da hat man mich gebeten, die Verhandlungen zu führen für die Klasse. Damit der Schüler nicht bestraft wird. Vielleicht hatte da schon jemand dass Gefühl, dass ich Anwalt werden würde. Aber ich denke, dass hat nichts damit zu tun gehabt.

Sie haben dann in London Jura studiert?

Ja, an der Londoner University. Ich habe einen Abschluss als englischer Anwalt, habe als Jahrgangsbester abgeschlossen.  Nachdem ich Anwalt wurde, habe ich ein Jahr gearbeitet in dem Büro von einem englischen Anwalt, der auch Abgeordneter im Parlament war, für die Arbeiterpartei. Zu der Zeit hatte die Labourparty nur eine kleine Majorität. Die mussten alle jeden Abend dorthin, um zu verhindern, dass die Konservativen die Regierung zu Fall bringen.  Wir haben unsere Prozesse dann im Parlament vorbereitet. Jeden Abend war ich im House of Lords  und habe dem Mann geholfen, seine Reden vorzubereiten. Und Churchill hat noch gelebt. Wenn eine interessante Debatte war, habe ich sie mir angehört. Ich habe so die Verbindung von politischen und juristischen Themen gesehen, das war von besonderem Interesse für mich. Dass ich diese Kombination miterlebt habe, hat mich geprägt. Dann war ich in der Armee. Man wollte mir gleich einen Offiziersstatus geben, aber ich habe gesagt, ich möchte erst mal einen Offizierslehrgang durchlaufen. Wenn ich mal Staatsanwalt oder Verteidiger werde, dann will ich wissen, welche Schwierigkeiten es geben kann, in der Armee. So habe ich  einen Kurs mitgemacht und wurde Infanterieoffizier, dann Verteidiger, dann Staatsanwalt, nachher Richter. Ich bin heute noch im Reservedienst tätig als Richter für das oberste Armeegericht.  Nicht mehr aktiv, aber die Verbindung besteht noch.

Und für Sie war immer klar, dass sie aus England nach Israel zurückgehen?

Da gab es für mich keinen Zweifel. Der Londoner Anwalt hatte mir angeboten zu bleiben, aber ich wollte zurück, um in die Armee zu gehen. Bald nach der Armee wurde ich bei der Generalstaatsanwaltschaft angestellt. Später wurde ich Deputy, später der Generalstaatsanwalt von Israel und Richter. Mit 70 Jahren wurde ich pensioniert,  aber ich bemühe mich, nicht in die Falle zu tappen, noch beschäftigter zu sein als vor der Pensionierung. Wenn ich alles annehmen würde, was jeden Tag an Anfragen an mich herangetragen wird, dann würde ich noch beschäftigter sein. Aber auch so, vor 2, 3 Uhr nachts komme ich eigentlich fast nicht ins Bett. Ich arbeite in Kommissionen mit, auch als Freiwilliger habe ich einige Aufgaben, Anfragen aus aller Welt. Aber ich beklage mich darüber nicht, ich glaube, es ist besser, ein bisschen zu viel beschäftigt zu sein als zu wenig. Gerade in meinem Alter.

Wie haben sie dem Moment erlebt, als die Festnahme von Eichmann bekannt gegeben wurde?

Das werde ich nie vergessen. Einige Jahre bevor Eichmann gefasst wurde gab es den großen Kasztner-Prozess, ich weiß nicht, ob sie davon gehört haben.

Ja..

Der war ja einer der zionistischen Führer in Ungarn. Eichmann war ja im allgemeinen in Berlin, hat die Fäden gezogen, seine Assistenten haben in den verschiedenen Ländern gearbeitet. Eichmann ging nach Ungarn, als die deutschen Armeen dort einmarschierten. Der Admiral Horthy wollte ja einen Separatfrieden mit den Alliierten machen, Hitler wollte das verhindern. Deshalb ging die deutsche Armee dort rein, auch, um dafür zu sorgen, dass eine halbe Million Juden von dort nach Auschwitz transportiert werden. Horthy wollte das nicht. Aber als die deutschen Armeen dort einmarschiert sind, da hat Reichspräsident Himmler zu Eichmann gesagt, er soll persönlich hinfahren um eine Massenflucht oder einen Massenaufstand der jüdischen Bevölkerung in Ungarn zu verhindern. Eine Million Juden sollte deportiert werden. Marschall Horthy, der Führer von Ungarn, wollte sich daran nicht beteiligen. Da hat Hitler in Verhandlungen erreicht, dass die deutsche Armee dort rein kann, und auch die Juden alle deportiert werden. Kasztner hat damals Verhandlungen mit Eichmann geführt, um dort Juden zu retten. Als Kasztner später nach Israel kam, wurde er von gewissen Personen beschuldigt, Hochverrat begannen zu haben. Während der Diskussionen mit Eichmann hätte er verhindert, dass die anderen Juden hätten gewarnt werden können, um einige tausend Juden zu retten. Es gab in Israel dann einen großen Prozess. Die Personen, welche diese Vorwürfe gegen Kasztner erhoben hatten, wurden angeklagt wegen Verleumdung. Die wurden freigesprochen. Kasztner selbst wurde dann verurteilt, dass er sich tatsächlich beteiligt hat und dem Eichmann geholfen hat, damals die Juden von Ungarn zu erfassen und zu töten. Kasztner hätte verhindert, dass die Juden entkommen konnten und so weiter. Und da wurde ich damals vom Generalstaatsanwalt gebeten, die Berufung gegen dieses Urteil vorzubereiten, alle Argumente vorzubringen. Seit da hatte ich eine ganze Menge gewusst über Eichmann. Aber ich hatte keine Ahnung, dass versucht wurde, ihn zu fassen. Ich hörte davon im Radio, erinnere mich an diese elektrisierende Wirkung, die im ganzen Land herrschte, als Ben Gurion im Parlament mitgeteilt hat, dass Eichmann gefasst ist und er in Israel vor Gericht gestellt werden soll. Zwei Tage danach, ich war damals stellvertretender Generalstaatsanwalt,  hat mich der Justizminister zu sich gerufen und mich gefragt, ob ich bereit bin, der juristische Berater von dem Polizeibüro zu werden, dass die Untersuchung gegen Eichmann geführt hat. Ein Gefängnis, nicht weit von Haifa hat man dafür geleert. Neun Monate war ich täglich dort im Gefängnis, neben Eichmann. Übernachtet habe ich in einem Hotel in Haifa und kam jeden Morgen früh in dieses Gefängnis. Da waren 30, 40 Polizeioffiziere und Eichmann. Ich war verantwortlich für die Untersuchung und wusste, ich würde auch einer der Ankläger sein.

Sie hatten direkten Kontakt mit Eichmann?

Eichmann habe ich damals mitteilen lassen, dass ich für ihn, wenn er sich über etwas technisches oder formelles sich beraten will, dann kann er zu mir kommen. Ich war der einzige Kontakt zur Außenwelt für ihn, bis seine Anwälte aus Deutschland kamen. Aber ich habe ihm auch mitteilen lassen, dass ich nicht bereit bin, mit ihm über die Vergehen zu sprechen, die ihm vorgeworfen werden. Denn dann hätte ich als Zeuge aussagen müssen und es war bereits klar, dass ich einer der Ankläger sein würde. Also hatte ich am Anfang keinen Kontakt zu ihm.

Als ich ihn zum ersten Mal traf, dass werde ich nie vergessen. Ich hatte Eichmann noch nie gesehen. An diesem Tag las ich im Büro die Autobiografie von Rudolf Höss, dem Kommandanten von Auschwitz. Der Mann war 48 gehängt worden in Polen, nach einem Urteil. 12 Jahre, bevor Eichmann gefasst wurde. Bevor er hingerichtet wurde, hat er seine Autobiografie geschrieben. Ich erinnere mich genau, ich las an diesem Tag in dieser Autobiografie: Ein Kapitel, in dem er beschrieb, dass sie gerade Tage hatten, an denen sie eintausend jüdische Kinder pro Tag getötet hatten. Er schrieb, wie die Kinder manchmal um ihr Leben gebeten haben. Er schreib, wenn ich die Kinder in die Gaskammer stoßen musste, dann bekam ich manchmal Kniezittern. Er hatte hinzugefügt, ich habe mich dann immer geschämt, über diese Schwäche von mir, nachdem ich mit Obersturmbannführer Adolf Eichmann gesprochen hatte. Denn Eichmann hat mir erklärt, dass es hauptsächlich die Kinder sind, die man zuerst töten sollte. Wo ist die Logik, sagte er, wenn man eine Generation von älteren Menschen umbringt, aber eine mögliche Generation von Rächern, die ja auch eine Keimzelle für die Wiedererrichtung dieser jüdischen Rasse bedeuten, dass man die am Leben lässt.

Es entbehrt vielleicht nicht einer gewissen makabren Logik, aber zehn Minuten, nachdem ich dies gelesen hatte sagte man mir, Eichmann will dich sprechen. Und als ich dann die Schritte draußen hörte, und der Mann mir gegenüber saß, gerade so wie sie jetzt mir, da war es nicht so einfach, eine ruhige Miene zu bewahren. Das war mein erstes Treffen mit ihm. An dem Tag wollte er sich mit mir beraten über die Ernennung von Verteidigern, die seine Familie vorgeschlagen hat. Über die Ernennung von Doktor Servatius als seinen Verteidiger, und da haben wir diese Sachen besprochen. Dann war ich neun Monate dort, und wurde später einer der Ankläger. Wir waren drei Ankläger, die wir den Prozess geführt haben. Die Zeugen verhört haben, die Argumente aus dem Bericht vorgetragen haben. Die Zeugen, die wir verhört haben, dass haben wir aufgeteilt unter uns Dreien. Da war Gideon Hausner, das war der Rechtsberater der Regierung, ich war Nummer zwei, als Vertreter des Generalstaatsanwalts und der Bezirksstaatsanwalt von Tel Aviv, Jakov Barot war der der Dritte. Wir haben die Länder und die Zeugen unter uns aufgeteilt. Da ich die ganze Untersuchung geführt hatte und als einziger direkt mit Eichmann in Verbindung stand, hatte ich viele Länder, ganz Westeuropa wo ich die Zeugen vor Gericht verhört habe. Auch Ungarn, wo Eichmann persönlich aktiv gewesen war. Herr Hausner hatte die Länder, wo die Todesläger waren, befragte die Überlebenden von dort. Und Herr Barot Zeugen zu Deutschland und der Tschechoslowakei. Dass hatten wir uns aufgeteilt, jeder .hat die Zeugen gewählt, von denen er dachte, dass sie etwas entscheidendes sagen würden. Man wollte aber auch nicht, dass es zu lange dauert. Das Hauptbelastungsmaterial warten gewisse Dokumente mit Eichmanns Handschrift. Aber ich war der Meinung, um zu vermitteln, was damals wirklich geschehen war, muss man einen lebendigen Zeugen bringen, einen von jedem Land, das besetzt war. Meine Erfahrung ist, wenn jemand liest, hier 300.000, dort 500.000, dort 700.000 Juden deportiert und dann getötet. Natürlich ist dass sehr entscheidend, aber um ein Bild zu bekommen, was damals wirklich vorgefallen war, musste man meiner Meinung nach lebendige Zeugen bringen. die auf überzeugendste Weise beschreiben, was geschehen war. Wir haben vorher genau gesucht nach Zeugen, die eine genaue Erinnerung haben. Die auch wirklich ein Bild geben könnten, das typisch war für diese Gesellschaft und für die Atmosphäre, die damals geherrscht hat. Und dass haben wir dann auch so durchgeführt. 

Herr Mulisch hat in einem Prozessbericht einmal etwas polemisch in Richtung Anklage Danton zitiert und gesagt, wir wollen den König nicht verurteilen, wir wollen ihn umbringen. Was war für sie als Vertreter der Anklagebehörde das Motiv?

Wenn ich diese Untersuchung rein theoretisch geführt hätte, ohne irgendeinen Angeklagten zu haben, ohne irgendjemanden, der in Haft ist, und man mir hinterher gesagt hätte: Du kannst einen Menschen haben, um ihn vor Gericht zu stellen, um wirklich zu zeigen, was damals vorgefallen ist – ohne Zweifel hätte ich Eichmann gewählt. Mehr als andere Leute, auch von höherem Rang, da er wirklich für alle Aspekte verantwortlich war, in der Ausführung von dieser Sache. Die Hauptsache war für uns der Holocaust. Der Holocaust war erwähnt in anderen Prozessen, in den Nürnberger Prozessen, aber immer nur als Nebensache, nicht als  zentraler Punkt. Hier war jetzt die Möglichkeit, weil Eichmann .eben überall an der Judenvernichtung beteiligt war, wollten wir zeigen, was damals vorgefallen war.

Im Reichssicherheitshauptamt gab es viele Abteilungen, die hatten alle ihre Referenten. Die hat man alle, ohne Ausnahme, nach ein, zwei Jahren aufgrund von Rotation ausgetauscht. Der einzige Referent, der während des ganzen Krieges seine Position behielt, war der Referent der Judenabteilung. Der Referent dieser Abteilung, der blieb, war Eichmann. Dass haben sicher auch seine Vorgesetzten gemerkt, dass es bei ihm eine Art Besessenheit wurde, dass er so fanatisch war. Diese ganze Idee, die geäußert wurde, er war ja nur Befehlsempfänger war –  natürlich war er ein Befehlsempfänger. Aber eben nicht nur. Vielleicht noch nicht am Anfang, aber im Laufe der Jahre konnte man sehen, dass war ein Mann, der sich absolut identifiziert hat mit diesem Vorgehen. Wir haben Beweise, dass er zu Freunden zu Ende des Krieges  gesagt hat: ‚Ich weiß, der Krieg ist verloren, aber ich werde meinen Krieg noch gewinnen. Und dann fuhr er nach Auschwitz, um die Tötungen von 10.000 pro Tag auf 12.000 heraufzubringen. Zum Ende des Krieges gab es plötzlich einen Vorschlag, den Eichmann ungeheuer unterstützt hat: Dass man Vierteljuden in der Armee, also Soldaten, die entweder einen jüdischen Großvater oder eine  jüdische Großmutter hatten, dass man die entweder kastriert oder in Konzentrationsläger bringt. Dass  hat Eichmann ungeheuer befördert, zu versuchen, dass dies akzeptiert wird. Wer war dagegen? Keitel, der Oberkommandant der deutschen Armee. Nicht aus humanitären Gründen: Der sagte, es gibt tausende von solchen Soldaten, das schwächt. Dass sind Soldaten, die den ganzen Krieg mit den anderen zusammen gekämpft haben in der Armee. Dass kann man unmöglich machen, das schwächt und demoralisiert die Armee. Und Hitler hat Keitel unterstützt, trotzdem war Eichmann ungeheuer dafür.

Hat Eichmann gegenüber Hitler noch bei anderen Anlässen auf einer schärferen Vernichtung bestanden?

Ja, in Bezug auf Ungarn: Als Hitler dort mit Marschall Horthy gesprochen hat, da hat er verlangt, dass sich Horthy beteiligt an der Deportation von Juden und mit der deutschen Armee zusammenarbeitet. Horthy hat erst gezögert, dann eingewilligt, aber einige Bedingungen daran geknüpft. Eine Bedingung war, dass die Deutschen erlauben sollten, dass 8.700 jüdische Familien aus Budapest, dass denen die ausreise in neutrale Länder ermöglicht werden sollte. Wieder nicht aus humanitären Gründen. Er wusste, es gibt eine halbe Million Juden in Ungarn, er wollte, dass die deportiert werden. Er wollte auch, das Ungarn weiter auf der deutschen Seite kämpft. Woher wir das wussten? Die deutsche Regierung war ungeheuer hilfsbereit während des Prozesses und haben uns alle Akten gegeben von allen Ministerien. So hatten wir die Akten des Reichssicherheitshauptamtes und des Auswärtigen Amtes. Und da sahen wir eine Depesche von dem deutschen Botschafter aus Budapest, von Veesenmayer, an den Außenminister Ribbentrop, und da beschrieb dieser Veesenmayer dieses Abkommen zwischen Hitler und Horthy, inklusive dieser Vereinbarung über 8.700 Familien. Da hat dieser Veesenmayer an Ribbentrop zugefügt: Ich muss sie aber darauf aufmerksam machen, dass der hiesige Repräsentant der SS, Obersturmbannführer Adolf Eichmann, außer sich war, als er hörte, von dem Abkommen zwischen dem Führer und Horthy. Denn er glaubt, diese 8.700 Familien, dass könnte wichtiges biologisches Material sein, und die könnten eventuell auch von den neutralen Ländern nach Palästina kommen und dort beim Aufbau dieser Rasse tätig sein. Deshalb hat Eichmann Instruktion gegeben, als er dies gehört hat, die Deportationen aus Budapest so zu erhöhen, dass, bis man die Visen arrangiert hat für diese neutralen Länder, dort gar keine 8.700 Familien mehr übrig seien.

Ich hatte Ungarn ja unter mir während des Prozesses. Dieses Dokument habe ich mit der Betonung darauf eingereicht, dies würde zeigen, dass er kein kleiner Befehlsempfänger ist. Hier war eine Entscheidung von dem Führer selbst, da hat er sogar versucht, dies zu hintergehen, um zu verhindern, dass dort eben einige Juden gerettet werden. Dass war sehr typisch für ihn. Während der Voruntersuchung habe ich natürlich Dinge gesammelt, die diesen Punkt behandeln.

Während des Prozesses in Israel hat Eichmann dann ausgesagt, dass war das kapitalste Verbrechen der Geschichte.

Eichmann gab sich reumütig?

Während des Prozesses und auch später wurde ich gefragt, ob er dass ernst gemeint hat. Das hätte für das Strafmaß von Bedeutung sein können. Vorher hat er so etwas nie gesagt, aber im Prozess hat er dass gesagt. Ich habe erklärt, damit will er nur nach außen hin reumütig erscheinen. Warum ich da so sicher sei, wurde ich gefragt. Ich sagte, ich könnte mir vorstellen, dass selbst einem solchem Mann mit sechzehn Jahren Abstand von 1945 zu 1961, wo der Prozess stattfand, die Augen geöffnet werden könnten und dass er wirklich Reue zeigen würde. Aber  jemand der 1956, als er in Argentinien war, da besuchte ihn ein holländischer Journalist, mit Namen Sassen, ein Faschist, der hat seine Lebensgeschichte aufgenommen auf Tonband, hat die nachher abgetippt. Dass war der Versuch so einer Art Lebensversicherung für die Familie, damit später, wenn Eichmann nicht mehr lebt, die Familie das veröffentlichen kann und es ihr helfen kann. Aber als Eichmann gefasst wurde von unseren Agenten, da hat Sassen das dem Life-Magazin gegeben und so haben wir es für den Prozess bekommen. Und zwar nicht nur das Tonband, sondern auch die Abschrift von seiner Aussage, mit Korrekturen von Eichmann in seiner eigenen Handschrift. Da besteht also gar kein Zweifel an der Echtheit. Da beschrieb Eichmann auch, was in allen Ländern vorgefallen war, und er wusste, der Mann kam aus Holland, und da hat er gesagt: Ich habe diese fünf Züge gesehen, die nach Auschwitz gingen aus  Holland, und es war so prachtvoll, dass zu sehen. Da fragte ihn dieser Holländer: Aber Herr Eichmann,. tut es ihnen denn nicht auch  manchmal leid? Da sagte Er: Ja, eines tut mir leid – dass ich  nicht hart genug war, dass ich nicht scharf genug war, dass ich  diese verdammten Interventionisten nicht genug bekämpft habe und jetzt sehen sie  das Resultat: Die  Entstehung des Staates Israel und die Wiederrichtung dieser Rasse dort.

Da habe ich gesagt: Wenn Eichmann dass gesagt hat, 1956, und jetzt, fünf Jahre später, 1961, wo er um sein Leben ringt, spricht er auf einmal vom kapitalsten Verbrechen in der Geschichte, da  habe ich das Recht, etwas skeptisch zu sein über den Wahrheitstreue einer solchen Behauptung. Dabei war dass sehr typisch für ihn. Sehr oft werde ich gefragt, was für ein Typ war er denn. Ich lehne es im allgemeinen ab bei allen Angeklagten, die ich hatte, seit ich Staatsanwalt ab, jemanden zu definieren als nur etwas. Menschen sind nie nur etwas. Menschen sind eine Kombination, gehen auch durch Entwicklungsstadien hindurch.

Ich glaube, dass war auch bei ihm so. Am Anfang wollte er, glaube ich, ein Experte für Judenangelegenheiten sein, weil er glaubte, dass ist gut für seine Karriere, dass er damit gut vorankommen kann. Am Anfang versuchte er vielleicht noch vor sich zu rechtfertigen, was er tat. Dann, nachdem er sich jahrelang damit beschäftigt hatte, Tage und Nächte, konnte man wirklich sehen, wie das 43, 44, 45 bei ihm wirklich eine Besessenheit wurde. Er wurde extremer als seine Vorgesetzten.

Konnten Sie dass in der Beweisführung schlüssig darlegen?

Es war am Anfang des Prozesses überraschender Weise schwierig, Überlebende aus den Todeslägern als Zeugen zu gewinnen. Aber ich habe dann sehr viele zu mir bestellt, um Zeugenaussagen zu bekommen. Und viele von denen hatten das Jahrelang verschwiegen, hatten da  mit ihren Kindern, ihren Familien nicht drüber gesprochen. Die wollten das beiseite schieben, wollten auch jetzt nicht. Da habe ich gesagt, Dass ist aber Eure  Pflicht, der Gerechtigkeit gegenüber, der Geschichte gegenüber., dem jüdischen Volk gegenüber, dass ihr sagt, was ihr wisst. Viele haben gesagt, nein, einige ja. Und, das werde ich nie vergessen: Einer hat gesagt, ich bin der einzige Überlebende von meiner Ortschaft. Was meiner Familie geschehen ist, ist nicht weniger wichtig als Andere. Sie  wollen mich vielleicht über einen bestimmten Punkt. Das stimmte, ich wollte ihn zu einem bestimmten Punkt. Er erwiderte: Wenn ich Zeuge werde, dann spreche ich drei, vier Tage lang, da könnt ihr mich dann nicht dran hindern. Da habe ich dann drauf verzichtet, sonst hätte der Prozess zu lange gedauert.

Aber wir haben doch für jedes Land jemand gefunden, der die notwendigen Informationen hatte.

Gabriel Bach während des Eichmann-Prozesses, v.l.: Hausner, Bach, n.n., Jacob Breuer, Foto: National Photo Collection of Israel

Es war grausig, während der Untersuchung diese Geschichten zu hören, von den Todeslägern. Es gab manchmal Berichte, die nichts mit Eichmann zu tun hatten. Wir wussten, die Richter würden sehr scharf mit uns sein. Sie würden keine Aussage erlauben, die nicht in irgendeinem Zusammenhang mit Eichmann stand. Das wusste ich. Deshalb haben wir auch auf manche Berichte und Beweise verzichtet, die nicht mit ihm im Zusammenhang standen. Wir hatten die Akten bekommen von allen Ministerien aus Deutschland, unsere Polizeioffiziere sind da Millionen von Akten durchgegangen. Ich persönlich konnte die ja gar nicht alle einsehen, aber mein Vorgehen war so: Wenn sie irgendein Dokument fanden, dass mit dem Holocaust, mit der Judenvernichtung in Zusammenhang stand, dann brachten sie mir das Abends – und ich habe dann entscheiden müssen, was in den Prozess reinkommt und was nicht. Und, ich werde es nie vergessen, eines Abends kam etwas vom Gesundheitsministerium: Da kam der Polizist und brachte mir einen Bericht, dass der Staatsrat aus dem Gesundheitsministerium, ein Mann mit einer Universitätsbildung, ein Arzt, an seinem Schreibtisch gesessen hat und einen Brief an den Minister geschrieben hat. Damals gab es, ich weiß nicht, ob das heute auch noch so ist, in jedem Krankenhaus nicht nur eine Blutbank, sondern auch eine Milchbank. Dort konnten Mütter, die zu viel Milch hatten oder deren Kinder gestorben waren, ihre Muttermilch spenden für Mütter, die keine Milch hatten. Und da schrieb dieser Mann, er hat heute Informationen bekommen, dass eine Frau, die Vierteljüdin sei, also eine jüdische Großmutter oder einen jüdischen Großvater hatten, hätte Milch gespendet, ohne mitzuteilen, dass sie eine Vierteljüdin ist. Was macht man mit dieser infamen Frau, die dass getan hat. Mein erster Impuls war, schreib dieser Arzt, war, einen Schauprozess zu veranstalten, damit diese Frau entsprechend bestraft wird für dieses infame Verschweigen. .Aber dann habe ich mir überlegt, wie demoralisierend dass wirken könnte auf alle arischen Mütter, die ja glauben könnten, ihre Kinder seien kontaminiert durch die Milch, die sie von der Milchbank bekommen haben. Deshalb würde ich vorschlagen, diese  Frau soll in einem Konzentrationslager verschwinden und nie wieder heraus kommen.

Als Kind war ich ja noch in Berlin, ich hörte manchmal Hitlerreden und sah, wie die Leute hysterisch reagiert haben. Ich will es nicht rechtfertige, aber ich konnte es verstehen. Aber hier: Ein Arzt, ein Mann, gebildet von einer Universität! Ich kann es nicht erklären, alle Erklärungen sind für mich nur Teilerklärungen.

Sie mussten sich damit auseinandersetzen, wie Deutsche bewusst die Vernichtung von Menschen betrieben haben… 

Eine andere Sache: Du weißt, dass es diese Gasautos gab, bevor es die Gaskammern gab in den Todeslägern. Das waren Lastkraftwagen. Man hat die jüdischen Familien, Männer, Frauen, Kinder, hinten in die Lastkraftwagen geladen. Und der Auspuff ging nach innen statt nach draußen. Dann ist man 30, 40 Kilometer gefahren und die Leute sind langsam erstickt. Dann hat man die Leichen dort in ein Massengrab geworfen. Eines Tages, das hat sich in meinem Gedächtnis eingebrannt, gab es einen Ingenieur, der seinem Vorgesetzten geschrieben hat, wie diese Lastwagen funktionieren. Dann hat er noch etwas hinzugefügt: Ich möchte noch etwas vorschlagen: Ich glaube, aus humanitären Gründen müssen wir etwas tun, um unsere armen SS-Chauffeure davor zu bewahren, dass sie diese Schreie hören müssen von hinten, die dann immer leiser werden. Und deshalb habe ich eine schalldichte Wand erfunden, die man so anbringen kann zwischen dem Chauffeur der SS und diesem hinteren Teil, dass unsere armen Chauffeure dass nicht mehr mit anhören müssen.

Als ich dass zuerst las ‚aus humanitären Gründen‘, da dachte ich, er wolle irgendetwas vorschlagen für diese armen Menschen hinten, aber nein: Humanitäre Gründe für die SS-Chauffeure. Diese Art von Dokumenten hat mich manchmal noch mehr erschüttert als die Beschreibungen, die sich oft wiederholt haben. Auch dass hat einen mitgenommen, besonders, wenn es sich um Kinder gehandelt hat.

Wir hatten während der Voruntersuchungen auch Dokumente, da gab es immer wieder mal einen Versuch, irgendeine jüdische Familie auszunehmen, oder eine Persönlichkeit. Und das wurde gebracht zu Eichmann. Die Polizisten brachten mir dann solche Eingaben, die bei Eichmann eingereicht wurden. Aber es kam immer alles chronologisch. Wenn ich so eine Eingabe bekam, dauerte es manchmal, einige Tage, bis die Antwort von Eichmann kam. Es waren hunderte, tausende Dokumente dazwischen. Das war dann simultan aus Frankreich,  aus Holland, aus der Slowakei … das waren Versuche, irgend jemanden zu retten. Da hatte ich nachts geträumt, das mal irgendeiner, irgendeine Familie ausgenommen worden ist. Aber wenn ich dann die Antworten von Eichmann vorgelegt bekam, das endete immer fatal, ohne jede Ausnahme! Der Polizeioffizier, der für Frankreich zuständig war, brachte mir einmal eine Depesche, von einem deutschen General der Wehrmacht, dem Kommandanten von Paris. Wo er schrieb an Eichmann: Es gibt einen jüdischen Professor Weiß, ein Experte für Radar. Der hat einige Entdeckungen gemacht und einige Patente über Radarinstrumente. Da schreibt dieser General: Das ist von besonderer Bedeutung für die deutsche Wehrmacht – wir wollen diesen Mann verhören und das vergleichen mit unseren Untersuchungen. Und deswegen verlangt er, dass dieser Jude Weiß und seine Frau nicht in den Osten deportiert werden. Das sei wichtig.

Da habe ich bei mir gedacht, mitten im Krieg, eine jüdische Persönlichkeit, eine Radarexperte, von dem ein General der Wehrmacht schreibt, dass man ihn gebrauchen kann, da kann Eichmann doch gar nicht anders als den auszunehmen. Nach ein paar Tagen dann die Antwort von Eichmann: Aus prinzipiellen Erwägungen kann ich unmöglich einwilligen. Wieder ein paar Tage später eine Notiz: der deutsche General hat angerufen bei Eichmann: Wie können sie es wagen, meiner Forderung nicht nachzugeben, ich bin General der Wehrmacht. Die Antwort von Eichmann: Und ich bin Obersturmbannführer von der SS und es interessiert mich nicht, was der Jude über Radar weiß. Wieder ein paar Tage später ein Brief von Eichmann an den General: Ich habe diese Sache noch weiter untersucht und festgestellt, dass die deutsche Armee die Patente von diesem Juden Weiß schon übernommen hat. Deswegen sehe ich keinen Grund, die Deportation von diesem Juden Weiß auch nur einen Tag weiter zu verschieben. Daneben die Notiz, dass es ausgeführt wurde. Im Prozess unterstand mir die Beweisvorlage zu Frankreich, da habe ich diese Dokumente beim Gericht eingereicht.

Zwei Tage danach kam eine Sekretärin zu mir und hat gesagt, da ist ein junges Mädchen draußen, das möchte sie sprechen, Anita Weiß. Sagte ich: Kenne ich nicht, aber gut, bringen sie sie rein. Da kam sie und sagte: Ich bin die Tochter von diesem Professor Weiß. Ich war ein Baby, als man meine Eltern abgeholt hat. Meine Eltern haben anscheinend gesehen, dass die SS kam um sie abzuholen, da hat man mich zu Nachbarn geschickt. Die haben mich aufgenommen und mich nach Amerika geschickt. Jetzt habe ich gelesen, das sie diese Dokumente über meine Eltern eingereicht haben. Aber ich habe meine Eltern nicht nur nicht gekannt, ich habe auch kein Bild von ihnen, wie sie ausgesehen haben könnten. Könnten Sie mir einen Ratschlag geben, wie ich ein Bild bekommen könnte von den Eltern, die dann nachher umgebracht wurden in Auschwitz.

Einige Tage später kam eine andere Geschichte aus Holland – das war alles simultan in verschiedenen Ländern – da kam der Mann, der für Holland zuständig war und brachte mir einen Brief, von dem Vorsitzenden der faschistischen Partei. Da gab es eine faschistische Partei in Holland, und dieser Mann schrieb an Eichmann: Es gibt zwölf Juden, die gehören der Faschistischen Partei Hollands an. Es ab solche Typen, warum auch immer, sie waren da. Der Vorsitzende der faschistischen Partei hat verlangt, dass man diese zwölf Juden nicht deportiert, mit Namen und Adresse. Denn das könnte demoralisierend wirken auf alle Mitglieder der Partei, das sind loyale Mitglieder der Partei. Deswegen verlangte er, dass diese Leute nicht deportiert werden. Um es noch attraktiver zu machen für Eichmann, schlug er vor, sie könnten ja eventuell Spitzeltätigkeiten durchführen in der Jüdischen Gemeinde. Dass könnte uns helfen, alle Juden zu erfassen, wenn diese Leute der faschistischen Partei dort Ausschau halten.

Wieder habe ich gedacht, also da wird Eichmann doch wahrscheinlich einwilligen. Die Antwort von Eichmann war aber wieder: Aus prinzipiellen Gründen kann ich unmöglich einwilligen. Wenn diese, schreib er noch, demoralisierend wirken könnte, wenn die Leute heute deportiert werden würden, dann warten wir vielleicht drei, vier Wochen. Bis dahin werden sich alle so daran gewöhnt haben an die Deportationen, dass es keinen besonderen Eindruck mehr machen wird auf irgend jemanden. Aber er bestehe darauf, dass die zwölf Leute auch deportiert werden.

Noch ein Beispiel, dass ich unmöglich verstehen konnte: Da hat sich der italienische Konsul in Estland an Eichmann gewandt, genauer gesagt an die Abteilung der SS, zu der Eichmann gehörte: Da gibt es eine Frau, eine italienische Jüdin, deren Eltern in Estland wohnen. Die hat ihre Eltern besucht und ist dort gefasst worden. Man will sie deportieren. Da schreib dieser Konsul: Diese Frau ist die Witwe von einem hohen Offizier der italienischen Armee, der gefallen war. Nicht nur gefallen, der sich ausgezeichnet hatte mit ungeheurer Tapferkeit, in den Kämpfen dieses Krieges. Der war gefallen, aber ganz Italien spricht von ihm. Von einer Tapferkeit, von seinem Heldenmut, wie fantastisch er da gekämpft hat. Deshalb verlangte dieser Konsul im Namen der italienischen Behörden, dass man dieser Frau, Witwe, die Möglichkeit gibt, nach Italien zurückzufahren. Italien, das waren ja die Alliierten von Deutschland – und dieser Offizier, hatte auf der deutschen Seite gekämpft. Aber auch hier Eichmanns Antwort: Aus prinzipiellen Erwägungen ausgeschlossen. Eichmanns Abteilung hat dann genau verfolgt, dass diese Frau auch in ein Lager gekommen ist und dort zu Tode gebracht wurde. Solche Dokumente gab es viel damals in der Voruntersuchung, so etwas macht man dann traumatisch durch.

Haben Sie sich mit der Strategie der deutschen Verteidiger Eichmanns auseinandergesetzt?

Ich überlegte, was sind die wirklichen Verteidigungsargumente, und tatsächlich haben Eichmanns Verteidiger diese Punkte später vorgebracht: Zuerst war das Anti-Nazi-Gesetz, unter dem Eichmann angeklagt war, dass war von 1950. Der Verteidiger würde bestimmt bemängeln, dass sei ein rückwirkendes Gesetz, also eine rückwirkende Bestrafung. Das wurde auch schon in den Nürnberger Prozessen vorgebracht. Man braucht kein Jurist zu sein, um zu sehen, dass das keine Sache eines Gesetzes ist, sondern der Gerechtigkeit. Sehen sie, wenn sie heute etwas tun, was absolut legal ist, und später macht man dagegen ein rückwirkendes Gesetz, dazu sogar noch mit Todesstrafe, das sieht dann so aus wie etwas, dass nicht gerecht ist. Aber das passt hier nicht zu. Als wir geschrieben haben, der Tod von unschuldigen Menschen, von unschuldigen Juden ist verboten, da haben wir keine neue Norm geschaffen. Das war bereits nach deutschen Gesetzen verboten. Damals haben die Nazis so ein Vakuum geschaffen: Für den Mord an einem Juden kommt man nicht vors Gericht. Wenn man spricht von Gerechtigkeit, gerade hier war es eine Pflicht, ein Forum zu schaffen um Leute vor Gericht zu stellen für Sachen, die absolut illegal waren. Das Argument des Rückwirkungsverbotes wurde deshalb verworfen, auch in allen europäischen Ländern.

Etwas anderes haben viele Rechtsgelehrte in Europa vorgebracht, auch an Universitäten: Israel ist der Staat des jüdischen Volkes, und Juden sind die Opfer von diesen Tätigkeiten. Gerechtigkeit muss nicht nur praktiziert werden, sie muss auch so erscheinen. Dass hier ein Gericht, dass diese Opfer vertritt jemanden aburteilt, der etwas gegen diese Opfer getan hat, sieht aus wie etwas, dass nicht gerecht ist. Auch da ist juristisch nichts dran. Die ganze Idee des Strafrechtes hat sich daraus entwickelt, dass anstelle der persönlichen Rache für einen Mord an einem Familienangehörigen oder einen Einbruch ein Gericht tritt, dass die Gesellschaft vertritt. Da wurde eingewandt, ja, aber hier in Israel sind doch starke Emotionen im Spiel. Aber es geht hier um internationale Vergehen, die überall vor Gericht belangt werden können. Und irgendein Richter in einem Land, der solche Aussagen hören kann, ohne Emotionen zu spüren, der ist nicht wert, Richter zu sein. Er muss doch hier natürlich objektiv sein – er muss dem Angeklagten jede Möglichkeit geben, sich zu verteidigen. Niemand hat behauptet, dass dies das israelische Gericht nicht getan hat. Aber die Tatsache, dass Leute Gefühle haben, wenn sie hören, was da vorgefallen ist, ist nicht zu beanstanden.

Nicht vergessen werde ich in diesem Zusammenhang: da kam auch ein Professor von einer Universität, der war bei mir, hat mich besucht, in der Staatsanwaltschaft.

Der bat mich, die Anklageschrift zu sehen: Er sah dort dann, dass wir Eichmann nicht nur angeklagt haben wegen der Verfolgung und Tötung von Juden, sondern auch wegen der Tötung von Zigeunern, der Tötung von russischen Kommissaren, gewissen Tschechen, Polen, wo seine Abteilung die Morde zu verantworten hatte. Da fragte er mich, warum haben sie ihn deswegen angeklagt, warum haben sie das nicht einem tschechischen, einem russischen, einem polnischen Gericht überlassen? Ich erwiderte: Vor nicht einmal fünf Minuten haben sie mir vorgehalten, dass ein Gericht, das eine Gesellschaft von Opfern vertritt, dass die nicht das Recht haben, jemanden abzuurteilen. Sie haben anscheinend kein Problem mit einem russischen, tschechischen oder polnischen Gericht. Aber wenn es sich um das Gericht eines jüdischen Staates handelt, da haben sie auf einmal Bedenken. Der Mann hatte die Anständigkeit, zu Erröten, und sagte: Ich weiß wirklich nicht, wieso ich diesen Unterschied gemacht habe, ich werde es mir überlegen, ich werde mich wieder mit ihnen in Verbindung setzen. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.

War es ein deutscher Professor?

Nein, aus einem europäischen Staat, ich weiß nicht mehr aus welchem, ich glaube vom Balkan.

Dann begann der Prozess?

Den ersten Moment dieses Prozesses werde ich nie vergessen, wie die israelischen Richter in den Saal kamen, mit dem hebräischen Wappen hinter sich, und wie dieser Mann, Eichmann, dessen ganzes Bestreben darin bestand, dieses Volk zu vernichten, wie der aufstand und Haltung annahm. Vor einem souveränen hebräischen Gericht, eines souveränen israelischen Staates. Ich muss gestehen, in diesem Moment war mir die Bedeutung der Existenz des israelischen Staates klarer als in irgendeinem Moment, der vorhergegangen war. Und dieses Gefühl hatte man damals überall. 

Dann gab es den Vorbehalt des Kidnapping – dass Eichmann damals nach israelischem Recht in Argentinien gekidnappt worden war. Dazu hatte ich eine Untersuchung gemacht, vor dem Prozess. Über den Umgang damit, gerade in den Ländern, in denen die Demokratie am meisten fortgeschritten war, wo die demokratischen Prozeduren am enwickeltsten waren, in Amerika oder England. Da wollte ich sehen, wie da die Einstellung ist. In Amerika kommt es sehr oft vor, dass jemand ein Vergehen begeht in einem bestimmten Staat, und dann flieht in einen anderen Staat. Die Polizei des eines Bundesstaates verfolgt denjenigen dann und bringt ihn zurück – auf illegale Weise – in den Staat, wo man ihn vor Gericht stellen will. Da kam es vor, dass die Verhafteten dagegen geklagt haben: Wir sind hier auf illegale Art und Weise hin verschleppt worden – deswegen habt ihr nicht das Recht, mich anzuklagen. Das ging einige Male bis zum obersten amerikanischen Gericht. Und da wurde entschieden: Diejenigen, die sich der Verschleppung schuldig gemacht haben, können dafür ebenfalls vor Gericht kommen. Aber das beeinflusst nicht das Recht, den Verhafteten vor Gericht zu bringen. Dass hat damit nichts zu tun. Wenn ein Gericht berechtigt ist, etwas zu verhandeln, dann ist die Tatsache, dass man den Angeklagten auf illegale Weise vor das Gericht gebracht hat, nicht entscheidend. So ist die Rechtslage in Amerika. Dasselbe in England. Da gab es während des Krieges einen großen Prozess. Da war ein Deserteur, der war in Belgien gefasst worden und auf illegale Weise hatte man ihn nach England gebracht. Der hat auch vorgebracht, dass man ihn deswegen nicht rechtmäßig anklagen kann. Das ist verworfen worden.

Da habe ich damals auch das Beispiel gebracht: Wenn heute jemand in der Türkei gefasst wird, und es besteht der Verdacht, dass er Hochverrat begangen hat gegen England, dann wird ihn kein türkisches Gericht anklagen. Aber wenn ein englisches Gericht seiner habhaft werden kann, dann wird es dies tun. Wir hatten diese ganzen Punkte bedacht. Aber das entscheidende Argument, die Hauptverteidigung für eine mögliche Verringerung des Strafmaßes würde wohl sein, dass er nur ein Befehlsempfänger war. Und dafür war es wichtig Beweise zu haben, um zeigen zu können, wie er da besessen war, wie er absolut identifiziert war. Und wie er Entscheidungen von Hitler hintergangen hat, um noch mehr Juden umzubringen. Bis zum Schluss, wie der Wisliceny in Nürnberg ausgesagt hat, das Eichmann ihm gesagt hat: Wenn ich eines Tage sterbe, werde ich lachend in mein Grab springen, in dem Bewusstsein, ich habe vier bis fünf Millionen Juden umgebracht.

Da war für mich nur entscheidend, dass das israelische Gericht zeigen konnte, was geschehen war, absolut objektiv. Und auch hier, ich verdiene keinen Kredit dafür, aber ich habe das in jeder Strafsache so gemacht: Während wir die Millionen Dokumente durchgegangen sind, da habe ich auch oft Dokumente gesehen, auch was die Verfolgung betrifft, bei denen ich dachte, dass könnte für die Verteidigung interessant sein. Etwa über Leute, die bestraft wurden, weil sie Befehle nicht befolgt hatten, SS-ler, die einen Eid geleistet hatten, und die Verpflichtung dieses Eides war, alle Befehle zu befolgen. Diese Sachen habe ich an den Verteidiger geschickt, an den Doktor Servatius, weil ich dachte, das könnte ihn vielleicht interessieren. Doktor Servatius hat mir später erzählt, er hat diese Dokumente Eichmann gezeigt. Und Eichmann hat ihn gefragt, wo haben sie den diese Dokumente her. Da hat er gesagt, der Staatsanwalt hat mir dass gegeben, und da ist Eichmann fast ohnmächtig geworden: ‚Was, der höchste israelische Staatsanwalt hat Ihnen Dokumente gibt, die uns vielleicht helfen könnten?‘

Wie gesagt, dass habe ich in jedem Prozess so gemacht und habe es hier auch nicht anders gemacht. Die Verteidiger waren beide auch ganz besondere Persönlichkeiten: Servatius war einer der führenden Verteidiger in den Nürnberger Prozessen gewesen, und der andere, Dieter Weschenburg, der war auch hervorragend. Der lebt heute noch, der Servatius nicht mehr. Wir hatten eine gute direkte Verbindung zueinander.

Wie waren die Richter?

Die Richter waren ungeheuer scharf: Wenn irgendwo ein Punkt war, wo sie dachten, dass hat mit Eichmann vielleicht nichts zu tun, da haben sie uns, die Staatsanwaltschaft, sofort daran gehindert, dass vorzubringen.

Wir wussten aber, da im Saal sitzen Hunderte von Journalisten. Wir wollten, dass die Journalisten aus der ganzen Welt die Hauptpunkte mitbekommen. Ich habe viele Dokumente eingereicht über antisemitische Ausschreitungen, Gesetze oder Vorschläge. Da drunter eines, das von besonderer Bedeutung war, ich wollte die Paragrafen vorlesen, die uns interessieren. Da haben mich die Richter sofort unterbrochen: ‚Herr Bach, sie brauchen dass nicht vorzulesen, wir werden es schon lesen.‘ Aber ich wollte, dass es gehört wird im Radio, dass es gezeigt wird im Fernsehen. Dass habe ich auch geschafft, indem ich sagte: ‚Es ist wichtig hier vorzutragen, welche Paragrafen für uns von Bedeutung sind. Die Paragrafen, die wichtig sind, da bestehe ich darauf, ihnen das vorzulesen.‘ Da haben sie dann eingewilligt.

Wie waren die Auftritte der Zeugen?

Ich wollte ja einen lebendigen Zeugen für jedes Land. Und für Frankreich hatte ich einen Professor, der hatte ein Buch geschrieben über Drancy. Drancy war ein Lager, wo man die Kinder hingebracht hat, nachdem die Eltern schon deportiert waren. Die jüdischen Kinder aus den französischen Familien, die hat man dorthin gebracht. Er beschrieb in dem Buch, wie die Eltern den Kindern den Namen um den Hals getan hatten, damit sie wussten, wer sie sind. Die Kinder haben dass dann manchmal im Spiel ausgetauscht unter sich. Er beschrieb auch, wie die Kinder geweint haben, wenn sie unglücklich waren, krank waren. Da hatte ich diesen Zeugen, der dies beschrieb, und ich fragte ihn: Wer war Jacques Stern. Da unterbrachen mich die Richter sofort: Herr Bach, hat das wirklich mit Eichmann zu tun – wenn nicht, erlauben wir dass nicht. Ich erklärte: Gegen sie mir die Chance, ich werde die Verbindung zeigen. Dann erzählte der Zeuge, wie dieser eine Junge, der besonders aristokratisch aussah, nur einen Schuh hatte. Den anderen hatte er verloren, auf dem Weg. Aber er trug eine Krawatte, der kleine Junge im Anzug. Er beteiligte sich nicht an den Spielen, er hat nicht gelacht und nicht geweint. Er saß so dabei. Der Zeuge erzählte, wie er ihn gefragt hatte, wo bist du her, da kam raus, sein Vater war ein führender Anwalt, seine Mutter eine bekannte Pianistin. Er beschrieb, wie er neben dem Kind geschlafen hat da im Lager. Der Junge hatte immer eine geballte Faust, die er nie aufmachte. Da fragte er ihn, was hast du da in deiner Faust. Der Junge hat die Hand geöffnet, da lag ein halber Keks drin. Er sagte, den hebe ich auf für meine Mutti, wenn ich sie sehe. Da fing er das erste Mal an zu Weinen. Er wusste ja, dass seine Eltern nicht mehr sind. Aber er dachte sich, solange ich diesen halben Keks habe, gibt es eine Hoffnung, sie vielleicht eines Tages doch wiederzusehen.

Am nächsten Tag in der früh hat man Jacques Stern und viele Jungs zum Zug gebracht und mit dem ersten Kindertransport aus Drancy nach Auschwitz gebracht. Später kam auch der Zeuge nach Auschwitz. Das erste was er getan hat, war zu gucken, wo Jacques Stern ist. Er war wie die ganzen anderen Kinder nicht mehr am Leben.

Da habe ich ein Dokument von Eichmann eingereicht, dass Eichmann an seinen Adjutanten in Drancy geschickt hat . Wo der geschrieben hat, einen Tag vor dieser Deportation: Hocherfreut kann ich ihnen mitteilen, dass die Kindertransporte von Drancy nach Auschwitz ab jetzt beginnen. Die Kombination mit der Schilderung des Zeugen wirkte. Besonders wenn es in Schilderungen um Kinder ging, waren die Verteidiger oft auch sehr mitgenommen.

Dann gab es den wohl einzigen Zeugen, den wohl einzigen Menschen der Welt, der schon in einer Gaskammer war, die schon abgeschlossen war und der dies berichten konnte. Wie kam dass?. Er beschrieb, wie man immer 200 Kinder zusammengenommen hat für diese Gaskammern. Er beschrieb, wie er da zusammen mit den 200 reingestoßen wurde, wie abgeschlossen wurde, wie es dunkel war. Die Kinder haben dann angefangen zu singen, um sich Mut zu machen. Als dann nichts geschah, da fingen die Kinder an zu weinen. Dann öffnete sich die Tür. Weswegen – es hatten ja auch Andere geweint , aber es war ein Zug angekommen mit Kartoffeln in Auschwitz. Es gab nicht genug SS-Leute zum Entladen. Da hatte der SS-Kommandant die Idee, warum nicht einen Teil der Kinder aus der Gaskammer benutzen, um den Zug zu entladen. bevor man sie umbringt. da hat man die ersten zwanzig, dreißig rausgenommen. Und er war einer von Denen. Dann hat man abgeschlossen, die anderen 170 wurden gleich vergast. Er hat mit den Anderen dann beim Abladen geholfen. Die Anderen wurden dann auch umgebracht, aber man hat gesagt, er hätte einen Schaden beim Entladen angerichtet an einem der Lastwagen. Da hat der Kommandant gesagt: Der soll erst mal gepeitscht werden, bevor er getötet wird, mit der nächsten Gruppe. Der SS-Mann, der dass ausführen sollte, hatte Mitleid mit ihm und hat ihn bei sich gelassen. Es gab viele grausame Momente, aber dies war selbst für den Eichmann-Prozess etwas besonderes. Es gibt vieles, was man schwer vergessen kann, .aber hier sagten die Richter, wir machen eine Viertelstunde Pause. Während des Prozesses gab es viele Tage, die nicht einfach waren. Und es ging zwei Jahre. Ich habe neun Monate mit der Vorbereitung zugebracht, drei Monate dauerten die Vernehmungen der Zeugen, dann bis das Urteil kam, dann war ich in der Berufung, da war ich auch dabei.

Hat sie die gute Zusammenarbeit der deutschen Behörden bei der Prozessvorbereitung nicht irritiert, wo doch die Deutschen sehr zögerlich waren bei der Bestrafung der NS-Verbrecher?

Das war eine positive Überraschung. Keiner hat Einspruch erhoben. Keiner, mit dem ich gesprochen habe. Kein anderes Land hat die Auslieferung von Eichmann verlangt. Man hat gemerkt, dass die Leute damit einverstanden waren. Ich hatte aber auch nicht genug Zeit, mit Allen darüber zu sprechen. Der Eichmann-Prozess hatte auch Auswirkungen, haben mir deutsche Staatsanwälte erzählt. Es gab immer Staatsanwälte, die wollten Prozesse führen. Es gab immer auch Lehrer, die wollten dass in die Schulen bringen. Aber man hat sie nicht darin bestärkt, es gab keine Mittel dafür. Weder für die Staatsanwälte noch für die Lehrer – in Deutschland. Die Eltern, die Nazis waren, die wollten bestimmt nicht, dass das ihre Kinder in den Schulen lernen. Aber selbst die Eltern, die keine Nazis waren, wollten nicht, dass ihre Kinder nach Hause kommen und fragen: Wo wart ihr, warum habt ihr nicht dagegen demonstriert, nichts dagegen gemacht? Die wollten auch lieber, dass die Kinder davon nichts erfuhren. Aber dann kam der Eichmann-Prozess, und dann kam das eine Stunde lang jeden Abend in jedes Haus. Da konnte man denjenigen nicht mehr widerstehen, die das in den Nachrichten bringen mussten. In den Staatsanwaltschaften kam dann eine Kettenreaktion von Prozessen, hauptsächlich was die Todesläger betrifft. Da kamen die großen Prozesse: Auschwitz, Treblinka, Sobibor – das kam alles nach dem Eichmann-Prozess. 

Das hatte eine große Bedeutung. Mit deutscher Gründlichkeit hat man dann diese Untersuchungen, diese Prozesse geführt, Urteile gefällt. Es gibt ja jetzt in vielen Ländern Leute, die bestreiten, dass so etwas stattgefunden hat, der Holocaust sei zionistische Propaganda, dass sei alles übertrieben. Die Tatsache, dass wir jetzt deutsche Dokumente haben, von allen Lagern, dass ist auch ein Resultat des Eichmann-Prozesses. Das alles hätte man auch früher machen können, sicher. Aber die Tatsache, dass es nachher gemacht wurde, ist etwas positives. Als Resultat des Eichmann-Prozesses.

Wie wurde der Eichmann-Prozess in Israel aufgenommen?

Interessant ist unsere Jugend in Israel gewesen. Die wollten davon nichts hören, erzählten mir Lehrer. Die hatten irgendein Schamgefühl. Ein junger Israeli kann verstehen, dass man in einem Kampf verletzt werden kann, dass man getötet werden kann, dass man eine Schlappe erleiden kann – dass kann er verstehen. Aber er kann nicht verstehen, dass sich da hunderttausende, Millionen von Menschen haben abschlachten lassen ohne Widerstand zu leisten. Deswegen wollten sie darüber keine Einzelheiten hören. Es war nicht der Hauptzweck des Prozesses, aber wir haben uns bemüht, auch hier richtig wiederzugeben, was war. Wir haben im Prozess gezeigt, wie Eichmann und die anderen Nazis die ganzen Leute, die man umgebracht hat, wie man die in die Irre geführt hat bis zum letzten Moment. Egal ob es Juden waren oder Zigeuner, oder russische Kommissare. Wie man die geschwächt hat, und bedroht hat, auch ihre ganzen Familien.

Als Eichmann nach Ungarn geschickt wurde, da hat Himmler ihn gebeten, er soll eine Massenflucht verhindern. Eichmann hat uns im Prozess erzählt: Dass erste, was er gemacht hat als die Juden aus Ungarn nach Auschwitz kamen, war: Er hat sie gezwungen Postkarten zu schreiben, bevor sie in die Gaskammern kamen. An ihre Familien, und an ihre Freunde. Es wurde diktiert von Eichmann, was dort stehen sollte. Sie mussten schreiben: Wir sind hier in einem wunderschönen Ort, der heißt Waldsee, wir machen herrliche Ausflüge. Leichte Arbeit nur, aber es gibt nicht viel Platz. Also kommt so rasch wie möglich, damit ihr die Villen und Häuser bekommen könnt, die hier noch offen stehen. Eichmann erklärte uns noch, er habe hinzugefügt: Bringt gute Schuhe mit für die Ausflüge. Damit die deutsche Armee dann die Schuhe bekommen kann, wenn die Leute in den Gaskammern getötet wurden.

Ich komme von einer Assoziation zur Anderen. Das war schwer zu lesen, diese Postkarten. Ich war für Ungarn ja gar nicht zuständig in der Voruntersuchung, aber zu Ungarn gab es mehr Zeugen als gewöhnlich, weil Eichmann ja persönlich dort war. Nach dem ich vier Tage mit den ungarischen Zeugen zugebracht habe, da hörte ich, es gibt in Israel einen Mann, der so eine Postkarte von seiner Familie bekommen hat. Ich habe ihn ausfindig gemacht und gesagt, komm sofort nach Jerusalem. Der kam um elf Uhr nachts. Ich erwähne dass, denn normalerweise habe ich die Zeugen vor der Befragung im Prozess sehr sorgfältig verhört, aber ich hatte nie mehr als drei Stunden Schlaf während der ganzen Dauer des Prozesses. Und wie der Mann da kam, bat ich ihn nur – hast du die Postkarte, dann übersetze vom Ungarischen ins Hebräische. Das hat er gemacht. Ich sagte ihm, wenn ich dich morgen früh rufe als Zeuge, dann erzähle uns, was mit deiner Familie passiert ist.

Am nächsten Morgen kam er als Zeuge, beschrieb die Postkarte, wie er sie bekam, dass er dann dorthin fuhr mit seiner Frau, seinem kleinen Töchterchen, zweieinhalb Jahre alt und seinem Sohn, dreizehn, vierzehn Jahre alt. Er beschrieb, wie sie in Auschwitz ankamen, in Birkenau, er wusste gar nicht, was dort ist. Er dachte, es würde Waldsee sein. Und dann beschrieb er die Selektion. Wie sie da waren, bei dem Bahnhof. Die Frau – nach links, und das Töchterchen – nach links. Dann hat man ihn gefragt, was war ihr Beruf. Er sagte, Ich war Ingenieur in der Armee. Nach rechts! – wollte man ihn noch ausnützen. .Dann der Sohn: Wie alt ist der exakt? Dreizehn Jahre, vierzehn Jahre? Und dann hat der SS- Mann gesagt, beschrieb der Zeuge: Das muss ich erst mit meinem Vorgesetzten beraten, was mit dem Sohn passiert. Das hat ein, zwei Minuten gedauert, dann hat der gesagt: Renn nach Deiner Mutti. Der Zeuge schilderte, er habe geguckt: Ich dachte, ich würde meinen Frau, meinen Sohn finden. Aber da waren inzwischen schon hungerte von anderen Leuten durchgegangen. Ich dachte nun, ich würde meine Frau, meinen Sohn nicht finden. Meine Frau war in der Menge verschwunden, die sah ich nicht mehr. Mein Sohn, der war auch in der Menge verschwunden, denn sah ich nicht mehr. Aber mein Töchterchen, die hatte einen roten Mantel. Und dieser rote Punkt, der nun so immer kleiner wurde, so verschwand meine Familie aus meinem Leben.

Nun hatte ich eine kleine Tochter, die genau zweieinhalb Jahre alt war, und der hatte ich eine Woche zuvor einen roten Mantel gekauft. Und als der Zeuge das jetzt sagte … einen Tag vorher hatte meine Frau eine Fotografie gemacht, von dem Töchterchen mit dem roten Mantel. Als der Zeugte dies sage, verschlug es mir mir einem Mal völlig die Stimme. Ich konnte keinen Ton herausbekommen. Der Zeuge hatte sich erholt und wartete auf die nächste Frage. Die Richter hatten mir ein Zeichen gegeben – mach weiter. Das Fernsehen war auch da. Ich habe dann versucht, mit meinen Dokumenten zu spielen, das hat so vier, fünf Minuten gedauert, bis ich wieder etwas sagen konnte. Ich kann Dir sagen, seitdem ist es so: Ich kann auf der Straße gehen, ich kann in einem Restaurant sein, und merke plötzlich, ich kriege Herzklopfen, und ich drehe mich um und sehe ein kleines  Mädchen oder einen kleinen Jungen mit einem roten Mantel. Vielleicht eine banale kleine Geschichte, aber für mich symbolisiert dieser rote Mantel diese ganze Geschichte mehr als irgend etwas anderes. Ich weiß, nicht, ob Sie diesen Film gesehen haben, Schindlers Liste?

Ja.

Der Regisseur, der weiß ja von der Geschichte nicht, der hat nur das Protokoll gesehen, dass dieser Zeuge das ausgesagt hatte. Das hat ihn so beeindruckt, dass er so etwas in den Film hineingebracht hat. Aber natürlich gab es jeden Tage so etwas, solche Art von Erfahrungen.

Wissen sie an  diesem Tag, wo ich den Zeugen hatte, der beschrieb, wie die Kinder in der Gaskammer waren und erst gesungen haben, der Zeuge, der bereits in der Gaskammer war, an diesem Tagt kam ich nach Hause und meine Frau sagte mir: Es ist eine Katastrophe passiert: Das Dienstmädchen ist heute nicht gekommen. Sie hatte völlig Recht, das Leben geht weiter, aber ich habe sie anscheinend ziemlich fassungslos angesehen, nachdem ich das gerade hinter mir hatte. Wir waren da gerade in eine neue Wohnung eingezogen. Sie hat mir hinterher gesagt, sie hatte einen wunderschönen persischen Teppich bekommen und wollte mich damit überraschen. Und dann lag der da und ich bin nach Hause gekommen und habe nichts gesehen, nichts bemerkt. Wir waren auf einem anderen Planeten während des Prozesses.

Ruth und Gabriel Bach im Gespräch mit Helga Obens vom Auschwitzkomitee. Zufällig entdeckten wir eine Barkasse mit dem Namen Ruth. Foto: M. Herbst

Vielen herzlichen Dank für das Interview.

Bild oben: Gabriel Bach 2011 in Hamburg, Foto: M. Herbst

Bei einer Veranstaltung anlässlich des 65. Jahrestages der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942, am 18. Januar 2007 im Haus der Wannsee-Konferenz, berichtete Gabriel Bach ausführlich über den Prozess gegen Adolf Eichmann: Zu den Audio-Mitschnitten

Ein Kommentar zu “„Ich erinnere mich an diese elektrisierende Wirkung, die im ganzen Land herrschte“

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