27. Januar 1946: David Ben Gurion im Münchner Rathaus

Vor 75 Jahren fand die konstituierende Sitzung des Zentralkomitees der befreiten Juden in der US Zone statt…

Von Jim G. Tobias

„Von Weitem sieht München wie eine Stadt ohne Juden aus“, war im Dezember 1945 in dem jiddischsprachigen Blatt „Landsberger Lager Cajtung“ zu lesen. Doch die bayerische Metropole war zu dieser Zeit eine Durchgangsstation für Zehntausende Juden, die auf ihrem Weg nach Erez Israel waren. Im Frühjahr 1946 hielten sich im Stadtgebiet über 6.000 Juden auf: in beschlagnahmten Wohnungen und Sammelunterkünften, wie etwa im Lager Freimann oder in der Funkkaserne. In München residierte zudem seit Sommer 1945 das Zentralkomitee der befreiten Juden in Bayern, die Interessenvertretung von Zehntausenden jüdischer Displaced Persons (DPs) – Überlebende des nationalsozialistischen Völkermords.

„In Wahrheit ist die Stadt voll mit Juden“, berichtete die jiddische Zeitung in dem oben erwähnten Artikel weiter. „Kommst du von außerhalb, hört dein Ohr überall vertraute Klänge.“ Verstärkt waren diese in der Gegend um den Marienplatz im Januar 1946 mehr als deutlich zu vernehmen. Zahlreiche Personen, die sich angeregt auf Jiddisch oder Hebräisch unterhielten, strömten in Richtung Rathaus. Das Eingangsportal war mit einer US-amerikanischen Flagge sowie der weiß-blauen Fahne mit dem Davidstern geschmückt. Auf einem großen Schild war zu lesen: „Conference of liberated Jews“.

Am Sonntag, dem 27. Januar 1946 eröffnete im Rathaussaal der bayerischen Metropole das nun erweiterte Zentralkomitee der befreiten Juden in der US-Zone seine erste Plenarsitzung. Delegierte aus allen DP Camps der amerikanischen Besatzungszone waren angereist. Zahlreiche Journalisten aus dem In- und Ausland wollten über dieses Ereignis berichten. Neben den Abgeordneten aus den jüdischen Auffanglagern nahmen auch der spätere israelische Ministerpräsident David Ben Gurion, der bayerische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner und zahlreiche hochgestellte Offiziere der alliierten Militärbehörden sowie Abgesandte von zionistischen Organisationen als Gäste teil.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit lebten bis zu 200.000 osteuropäische Juden im besetzten Westdeutschland, vornehmlich in Bayern. Sie waren Befreite aus den NS-Lagern, hatten im Untergrund, bei den Partisanen oder im sowjetischen Exil überlebt. Eine Zukunft sahen sie im Land der Täter gleichwohl nicht: Die Mehrheit wollte den jüdischen Staat in Palästina aufbauen. Doch dieser Staat existierte noch nicht. Deswegen mussten die Menschen jahrelange in den DP-Camps ausharren. In diesen „Wartesälen“ wurden eigene Schulen und Zeitungen gegründet, es entstanden Theater, Orchester, Sportvereine und politische Parteien, die bei demokratischen Wahlen um die Sitze in der Lagerselbstverwaltung konkurrierten.

Drei Tage, vom 27. bis zum 29. Januar 1946, diskutierten die 200 Delegierten aus den Camps in der Vollversammlung des Zentralkomitees der befreiten Juden im Münchner Rathaus. An der Stirnseite des Saales war ein großes Transparent gespannt, auf dem in hebräischer Sprache geschrieben stand: „Solange ein jüdisches Herz in der Welt schlägt, schlägt es für das Land Israel“. Alle Redner forderten vehement die sofortige Einrichtung eines jüdischen Staates. Als David Ben Gurion ans Rednerpult trat, kannte der Jubel keine Grenzen mehr. Mit mehr als deutlichen Worten begründete er den Anspruch auf eine „jüdische Heimstatt“ auf historischem Gebiet: „Das jüdische Volk begründete Palästina, Palästina hat das jüdische Volk hervorgebracht; es gibt kein anderes Volk in der Welt, das Palästina erschuf.“

Wenngleich er seine Rede in englischer Sprache hielt, verstanden viele der anwesenden DPs Ben Gurions Worte intuitiv, wie die „Landsberger Lager Cajtung“ ausführte. Das lag sicher nicht zuletzt an seinem Charisma, erschien er doch vielen Juden wie ein Prophet, wie Moses, der die Israeliten aus der Knechtschaft führt. „Warum lasst ihr uns Juden nicht ein Volk werden, wie alle anderen Völker?“, forderte Ben Gurion. „Es muss ein Land in der Welt geben, in dem die Juden die Mehrheit haben – und dieses Land ist Erez Israel.“

Doch es dauerte noch über zwei Jahre, bis die Welt dem jüdischen Volk die staatliche Autonomie nicht mehr verwehren konnte. Einen nicht unwesentlichen Anteil daran hatten die Shoa-Überlebenden, die sich in Deutschland wieder formiert hatten, inmitten der Trümmerlandschaft des besiegten Feindes. Ein wichtiger Meilenstein auf diesem langen und schweren Weg zur jüdischen Nationalstaatlichkeit, die mit der Proklamation durch David Ben Gurion am 14. Mai 1948 in Tel Aviv vollendet wurde, war sicher der erste Kongress der befreiten Juden in der US-Zone.

Bild oben: Dr. Zalman Grinberg (stehend), Überlebender aus dem KZ Kaufering, begrüßt die Delegierten und den Ehrengast David Ben Gurion (3. v. r.) zur Sitzung des Zentralkomitees der befreiten Juden im Münchner Rathaus. Repro: nurinst-archiv

Feature im Deutschlandfunk Kultur hören:
Holocaust-Überlebende nach 1945 in BayernAusbildung für den Kampf um Israel
Von Thies Marsen und Jim Tobias

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