Weiterhin über zwei antisemitische Vorfälle am Tag in Berlin

Weiterhin begegnet Antisemitismus Betroffenen in allen Bereichen ihres Alltags, wie aus der heute veröffentlichten Auswertung „Antisemitische Vorfälle in Berlin, Januar bis Juni 2020“ der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin) hervorgeht. Insgesamt 67 der Fälle –- beinahe jeder sechste bekannt gewordener Vorfall – hatten einen direkten Bezug zur Covid-19-Pandemie…

Mit 410 dokumentierten Vorfällen blieb die Zahl auf dem Niveau des ersten Halbjahres 2019, als die Meldestelle inklusive Nachmeldungen 458 Vorfälle verzeichnete. Damit wurden RIAS Berlin im Schnitt weiterhin mehr als zwei antisemitische Vorfälle pro Tag gemeldet. Von bekannt gewordenen antisemitischen Vorfällen waren 134 Personen direkt betroffen.

Vermutlich als unmittelbare Folge des zeitweiligen Lockdowns verringerte sich die Anzahl bekannt gewordener antisemitischer Angriffe deutlich auf sechs (2019: 16), ebenso wie die der Beschimpfungen und Pöbeleien von Angesicht zu Angesicht von 102 auf 77. Während der massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens kam es zu einer Verschiebung antisemitischer Ausdrucksformen. Diese trafen Jüdinnen_Juden vermehrt in Form von gezielten Sachbeschädigungen, sogenannten Zoombombings oder Propaganda im Internet wie in der Öffentlichkeit.

So störten Personen mehrere Veranstaltungen von in Berlin tätigen jüdischen Organisationen anlässlich des Gedenktages Jom haSchoa mit Pöbeleien und NS-verherrlichenden Inhalten. In zahlreichen Massenmails imaginierten die Verfasser_innen die Errichtung einer „NWO“ (Neuen Welt Ordnung) „unter der Herrschaft der Juden“. Als die Einschränkungen gelockert wurden und erste Präsenzveranstaltungen wieder stattfanden, bedrohte ein Mann am 28. Mai die Teilnehmenden an einem jüdischen Open-Air-Event in Kreuzberg und rief „Sieg Heil“. Zudem dokumentierte RIAS Berlin im 1. Halbjahr 2020 20 Versammlungen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, bei denen es zu antisemitischen Inhalten kam.

Wie im Vorjahr bildeten Angriffe auf die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen bzw. positiver Bezug auf den Nationalsozialismus die meistverbreitete Form des Antisemitismus (41,7 % aller dokumentierten Vorfälle). Im Kontext der Covid-19-Pandemie äußerten sich diese häufig in Form von relativierenden Vergleichen zwischen den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und der Verfolgung und Vernichtung europäischer Jüdinnen_Juden. Einen deutlichen Anstieg gab es bei Vorfällen mit Bezug zu Verschwörungsmythen (34,6 %).

Die Auswertung kann unter https://report-antisemitism.de/documents/2020-09-22_rias-be_Annual_Antisemitische-Vorfaelle-Halbjahr-2020.pdf eingesehen werden.

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