Agent der Menschlichkeit

Zur ersten Jahrzeit von György Konrád, Weltbürger aus Berettyóújfalu…

Von Hans-Henning Paetzke

1976 klingelte mein Telefon in Frankfurt am Main. Am anderen Ende eine sonore Stimme: „Hier spricht György Konrád!“ Ob ich ihn kenne. Natürlich! Seinen Roman Der Besucher hatte ich gelesen. Sogar persönlich war wir uns bereits begegnet; zu Miklós Mészölys 50. Geburtstag im Januar 1971, als sich in einer geräumigen Atelierwohnung der Budapester Városmajor utca geladene und ungeladene Gäste, Freunde, Bewunderer, Rivalen und Spitzel, versammelt hatten. Damals reichte es, zehn Leute einzuladen, die restlichen 190 kamen von selbst oder wurden mitgebracht. Einzig die Spitzel beharrten auf einer persönlichen Einladung. Sie waren es, die am meisten geliebt werden wollten. Mészölys Roman Saulus war bereits in zwei deutschen Übersetzungen erschienen.

Mészöly war stolz auf die zwei schwarzen Limousinen mit den sich langweilenden und eine Zigarette nach der anderen qualmenden sechs Männern in schwarzen Ledermänteln, die zur Beobachtung ständig eintreffender neuer Gäste vor dem Haus postiert waren. Das unterstrich seine Bedeutung. Dabei hielten sich seine staatsgefährdenden Aktivitäten in Grenzen. Es waren nur Nadelstiche, die er der Staatsmacht versetzte. Aber es gehörte zur Absurdität des sanften Polizeistaats, dass die Nadelstiche von beiden Seiten als Schwerthiebe empfunden wurden. Die sechs Herren waren nur eine Drohgebärde. Und die Bedrohten auf der Geburtstagsparty aalten sich im Gefühl ihrer Bedeutung: Filmregisseure, Komponisten, Journalisten, Lektoren, Übersetzer, Literaturwissenschaftler, Dichter, Romanciers, Asphaltliteraten und Volkstümler, Nationale und Liberale, Antisemiten und Kosmopoliten – sie alle waren an der Geburtstagstafel und in dem diffusen Wir-Gefühl, die Obrigkeit nicht zu mögen, friedlich vereint. Noch war der Geist nicht aus der Flasche, noch hinderte sie die Diktatur an einer freien Entfaltung dessen, was tief in ihnen schlummerte: die unbändige Sehnsucht nach einer geistigen Welt außerhalb der sozialistischen Blockgrenzen einerseits und nach einem Glück im nationalen Winkel andererseits.

An jenem Abend kam György Konrád mit mir nicht ins Gespräch. Eine unerklärliche und unbegründete Eifersucht des Älteren stand zwischen ihnen. Bewundernswerte Oppositionelle waren sie beide, wenn auch sehr verschieden in ihrer Auffassung von Strategie und Taktik. Konrád focht mit offenem Visier, scheute auch die westlichen Medien nicht, während Mészöly eher die vorsichtigen Schritte bevorzugte, um die Mächtigen nicht verhängnisvoll gegen sich aufzubringen. Nicht einmal wenn er einen Pass für eine Westreise brauchte, war er bereit, sich zu kompromittieren oder demütigen zu lassen. Zu den entscheidenden Vorgesprächen schickte er seine Frau, der solche Berührungsängste fremd waren.

Am Telefon fragte Konrád mich – Mario Szenessy, der Konráds beide ersten Romane übersetzt hatte, war verstorben –, ob ich Zeit und Lust hätte, einen kleinen Essay zu übersetzen. Lust? Und ob ich Lust hatte!

Bei dem Essay handelte es sich um jenes bereits berühmt-berüchtigte Manuskript Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht, das 1974 zur Verhaftung der Autoren Konrád und Iván Szelényi geführt hatte. Gyuri (sprich: Djuri, das heißt György) erwies sich als sympathischer Tiefstapler. Der kleine Essay erwies sich als ein Manuskript von schlappen 540 Seiten, von einem Mikrofilm kopiert, großenteils unleserlich. Die Lektorin riet mir, dem Autor das Manuskript vor die Füße zu werfen und stattdessen ein gut lesbares zu fordern. Schließlich seien es meine Augen, die ich mit dieser Arbeit ruinieren würde! Was die resolute Literaturliebhaberin nicht wusste, als ehemaliger politischer Häftling in Cottbus fühlte ich mich von intellektueller Schmuggelware geradezu angezogen. Auch haben meine Augen keinen Schaden genommen. Diese Arbeit war nach der Übersetzung von Miklós Mészölys Saulus der zweite Grundstein für meine Tätigkeit Übersetzer. Ab diesem Zeitpunkt sollten es György Konráds Bücher sein, die im Mittelpunkt meiner Arbeit standen.

Nach kurzer Haft nahm Iván Szelényi das Angebot an, Ungarn zu verlassen und ins Exil zu gehen. Konrád dagegen entschied sich für den steinigen Weg der Opposition. Er wollte ein ungarischer Schriftsteller bleiben, sich nicht partieller Sprachlosigkeit aussetzen.

Wie kam es, dass die beiden Autoren schon nach einer Woche auf freien Fuß gesetzt wurden? Konrád hatte mit dem Vernehmer einen Deal ausgehandelt, hatte das Versteck des einen Manuskripts verraten, dadurch einen Mitwisser preisgegeben. Eine Abschrift des Manuskripts befand sich bereits im Westen. Dass er in Begleitung der Geheimdienstler darum bat, das Manuskript aus dem Kachelofen hervorzuholen, sich also zur Preisgabe offen bekannte, änderte nichts an der Tatsache, dass er eine einsame Entscheidung über den Kopf des Versteckgebers hinweg getroffen hatte. Vergebens hatte er mit der Staatsmacht vereinbart, dass seinem Freund daraus keinerlei berufliche Nachteile entstehen dürften. Daran freilich hielten sich die Machthaber nicht.

Gyuri hatte sich einen lebenslangen Feind gemacht. Selbst in Konráds Zeit als Präsident der Berliner Akademie der Künste (1997–2003) versuchte der rechtspopulistische Journalist István Lovas in einem an die Akademie gerichteten offenen Brief, den Landsmann als IM zu denunzieren. Auch wenn hierbei lediglich von Verleumdung die Rede sein konnte, knabberte K. ein ganzes Leben an seiner Fehlentscheidung. Lange Zeit versuchte er, seinen Fehltritt zu verschweigen. Selbst mir gegenüber, der ich mich spätestens seit meiner Übersetzung des Komplizen (deutsch 1980) als Freund begriff. Ein wenig schmerzte mich später Konráds mangelndes Vertrauen schon, zumal die Geschichte in Budapest ohnehin längst die Runde gemacht hatte. Fast hätte ich mich mit einer Freundin verkracht, von der ich diese Geschichte erstmals gehört hatte. Als ich K. davon erzählte, schüttelte der nur den Kopf, andeutend, dass er meinen verworrenen Bericht nicht verstünde. Ich schämte mich angesichts der von mir vorgetragenen Ungeheuerlichkeit. Erst lange nach der Wende musste ich die Behauptungen meiner Freundin rehabilitieren. Doch was folgt daraus? Eigentlich nur eines. Nämlich dass man nicht mit Steinen werfen soll, wenn man im Glashaus sitzt! Jedenfalls ist mir keine andere für die Öffentlichkeit relevante Verfehlung bekannt, die man K. vorwerfen könnte. Umgekehrt aber sind mir Verfehlungen der intellektuellen Öffentlichkeit Ungarns bekannt, die sich diese György Konrád gegenüber zuschulden kommen lassen hat und immer noch lässt. Wovon rede ich? Nun ja, von geringschätzigen Äußerungen zu Konráds Lebenswerk. Davon, dass es dem intellektuellen Mainstream in Ungarn entspricht, K. auf den 1969 erschienenen Der Besucher zu reduzieren. An diesem zugegebenermaßen genialen Roman gemessen versinke alles hernach Geschriebene fast schon in Bedeutungslosigkeit. In den ungarischen Medien findet dies vor allem darin seinen Ausdruck, dass, überspitzt formuliert, sein Werk totgeschwiegen oder nicht eben freundlich besprochen wird.

Diese Missachtung trifft allerdings nicht auf Konráds ungarische Leser zu, bei denen er sich größter Hochachtung und Beliebtheit erfreut. Der Komplize, Antipolitik – Mitteleuropäische Meditationen, Versuchung der Autonomie, Geisterfest, Melinda und Dragoman (Kerti mulatság), Glück (Elutazás és hazatérés), Über Juden und Die unsichtbare Stimme sind für mich stilistisch zwar anders einzuordnende Werke, stehen aber in ihrer Bedeutung dem Besucher letztlich in nichts nach. Hervorzuheben ist der autobiografische Roman Glück, der nachzeichnet, wie Konrád den Holocaust in einem unter Schweizer Schutz stehenden Haus in Budapest überlebte.

Zu Tante Rózsis Leidwesen – die Rede ist von Konráds Mutter– war ihr Gyuri nie dazu zu bewegen, sie in ein Konzert zu begleiten, weil er zum einen keinen Zugang zur Musik hatte und zum anderen nicht unbegründet Angst davor hatte einzuschlafen. Seine Fähigkeit, selbst auf dem Podium oder bei einer Verleihung eines Preises an ihn einzuschlafen, hat im Laufe der Jahrzehnte schon viel Anlass zu amüsiertem Lächeln gegeben, zu verzweifeltem Bemühen geführt, ihn wachzuhalten, aber auch zu bissigen Bemerkungen von Kollegen, die da meinten, Konrád sei nur an Konrád interessiert, und alle anderen langweilten ihn, weshalb er lieber demonstrativ abschalte.

Im Budapester Merlin-Theater passierte es einmal, dass ihn der verebbende Applaus weckte, weshalb er angesichts seines fehlbaren Verhaltens erschrocken auffuhr und in die Stille hineinklatschte. Der missgünstigen oder schmunzelnden Kritik angesichts einer solchen Schwäche ist entgegenzuhalten, dass ein Mensch, der oft nur drei bis vier Stunden nachts schlief, weil ihn die umzusetzenden Ideen an den Schreibtisch riefen, fast schon auf ein Recht der Natur pochen könnte, in den unmöglichsten Situationen gelegentlich in süßen Schlummer zu verfallen.

So manches Mal, wenn ich mit Konrád auf Lesetour gehen durfte, war nächtelang an Schlaf kaum zu denken. In zeitlichen Abständen brachte er mir den gerade im Hotelzimmer nebenan entstandenen Text, der abends einem größeren Publikum zu Gehör gebracht werden sollte, klopfte kaum hörbar an und sah mir, nachdem er den Raum auf leisen Sohlen betreten hatte, über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass die deutsche Fassung rechtzeitig fertig werden würde. Ebenso leise, wie er gekommen war, entfernte er sich auch, nicht ohne mir mit der Hand über den Kopf zu streichen, als wollte er Abbitte leisten, mir schon wieder einen derartigen Stress aufgebürdet zu haben. Doch ähnlich wie damals bei dem geschmuggelten Intelligenzmanuskript schien ich für mich nun die Erotik des Stresses entdeckt zu haben. In der Regel sitze ich an einer Seite zwischen ein und vier Stunden. Wenn erforderlich, war es auch mal möglich, die letzten Seiten des Textes in jeweils zehn Minuten in deutscher Fassung zu Papier zu bringen. Papier? Ja, natürlich, damals schleppte ich meine gusseiserne Triumph quer durch das deutschsprachige Gebiet. Es kam vor, dass ich für 35 Seiten nur zehn Stunden zur Verfügung hatte. Und den Termin dennoch einhielt, nicht ohne den Text noch einmal auf Sprachliches und Tippfehler kontrolliert zu haben. Das Taxi wartete schon vor dem Hotel, um uns ans andere Ende von Wien zu transportieren, wo wir fast auf die Sekunde genau eintrafen, um den im Saal Versammelten den Essay, uns im Vortrag abwechselnd, zu Gehör zu bringen. Die Bezahlung war gut, auch wenn sie noch besser hätte sein können. Deshalb unternahm ich gelegentlich im Interesse einer Nachbesserung einen tastenden Vorstoß beim Veranstalter. Und manchmal stieß ich sogar auf offene Ohren. Der unerwartete Geldsegen gefiel meinem Freund in der Regel ebenso, wie er ihm auch missfiel. Das irgendwie übel riechende Geld musste unter die Leute gebracht werden. Sofort rief er mehrere Taxis und lud den Tross seiner Freunde zu einem lukullischen Mahl in eine Gaststätte ein. Der Mutter seiner beiden älteren Kinder ließ er einmal nach einem ähnlich unerwarteten Geldsegen tausend Mark schicken. Mit der Bemerkung: „Für Luxus!“

Die gemeinsamen Lesungen gehören seit Jahren der Vergangenheit an. Je berühmter Konrád wurde, desto mehr bestanden die Veranstalter auf dem Original, wollten sich in seinem Alleinauftritt sonnen. Natürlich sprach der Autor inzwischen auch so gut Deutsch, dass er nicht mehr auf die Hilfe seines Übersetzers angewiesen war. Auch wenn er einmal beim Lesen des Textes Seeufer und Säufer nicht voneinander zu unterscheiden vermochte.

Angesichts seiner barocken Persönlichkeit neigte er gelegentlich dazu, die Strapazierfähigkeit des Publikums nicht immer richtig einzuschätzen. Bei einem Vortrag in der Jüdischen Gemeinde in Berlin begab es sich, dass die meist russischsprachigen Zuhörer, die deutsch meist mangelhaft beherrschten, nach einer Stunde applaudierten. Konrád genoss die Begeisterung und winkte ab, man solle keine Angst haben, die zweite Hälfte des Vortrags beginne erst jetzt. Als der Applaus erneut einsetzte, die Unruhe zunahm, begriff er schließlich, dass man auf einer Fortsetzung der Lesung nicht unbedingt bestehen würde. Gutmütig lachend und amüsiert meinte er später: „Diese unverschämten Juden haben mich hinausapplaudiert!“

Wenn Tante Rózsi, Konráds Mutter, etwas für richtig befand, setzte sich ihre uneingeschränkte Liebe ohne Wenn und Aber selbst gegen ihren an mehreren Wänden auf Fotos prangenden Gyuri durch. Als er mich einmal bat, nicht wie üblich in der Wohnung am Szilágyi tér 4 abzusteigen, weil er anderweitig über die Schlafplätze verfügen wollte, widersetzte sie sich seiner Organisation mit der keinen Widerspruch duldenden Erklärung: „Für Henning ist bei mir immer Platz!“

Tante Rózsis fast schon verstockt zu nennende Treue war auch dem Sohn nicht fremd. Wen er einmal in sein Herz geschlossen hatte, der hatte darin einen ziemlich sicheren Platz, selbst wenn sich die Lebenswege trennen sollten, selbst wenn die zuverlässigen Chronisten der Kádár-Ära aus der Versenkung auftauchen und der Verdacht entstehen könnte, dass einer von denen, die sein Vertrauen genossen haben, auch ihn bespitzelt haben könnte.

Wenn György Konrád vor der Wende in einer großbürgerlichen Wohnung illegal und zugleich geduldet aus einem seiner Romane las, kamen mehrere hundert Zuhörer zusammen. Die Ohren der Geheimpolizei waren stets zugegen – entweder in Gestalt eines oder mehrere IMs oder als technische Abhörvorrichtung. Unmittelbar nach 1989 wurde sein zuvor nur im Samisdat erschienener Roman Der Komplize in 80 000 Exemplaren verkauft – eine für den kleinen ungarischen Buchmarkt enorme Auflage.

Der Schriftsteller Konrád ist ein nicht leicht zu ergründendes Phänomen: Träumer, scharfsichtiger Beobachter, Theoretiker, Philosoph, Soziologe, Rabbi, Essayist, Romancier, Präsident des Internationalen PEN, Präsident der deutschen Akademie der Künste, Diplomat, Querdenker, Oppositioneller, Intellektueller, treu sorgender Familienvater, Ehemann und nicht zuletzt rührend besorgter Sohn um seine Mutter, die 2004 im Alter von 98 Jahren verstarb.

In Vorstadtkneipen unter einfachen Menschen fühlte sich Konrád ebenso zu Hause wie in Gesellschaft von hochrangigen Politikern und Industriemanagern. Letzteres mag ihm anzusehen sein. Ersteres weniger. Einmal wurde mir in einem Konrád-Text das Wort „Kneipe“ gestrichen und durch den Ausdruck „Gaststätte“ ersetzt: „Unser Präsident geht doch in keine Kneipe!“ So das vornehm entrüstete Argument der Dame, die meine Übersetzung zu redigieren hatte. Vergebens beteuerte ich, vom Autor persönlich in ziemlich finstere Kaschemmen geschleppt worden zu sein.

In seinen Essays entwarf Konrád politische Utopien, die sich im Gegensatz zur Politik verantwortungsbewusster Realpolitiker des Westens und des ehemaligen Ostens binnen kürzester Zeit als erstaunlich realpolitisch entpuppen sollten: die Visionen aus seiner Antipolitik, dass die durch Jalta festgeschriebenen Blockgrenzen und die Teilung des Kontinents und seiner Menschen durch den Eisernen Vorhang überwunden werden müssten, sind keine Visionen mehr. Mit diesem Essayband, der deutsch 1985 bei Suhrkamp erschien und sofort Berühmtheit erlangte, hatte er in Ost und West in politischer und in intellektueller Hinsicht ein absolutes Tabu verletzt.

Als politischen Träumer, der intellektuelle, grenzen- und blockübergreifende Utopien entwirft, würde ich ihn heute nicht mehr bezeichnen. In einer Zeit aber, da fast alle Politiker in Ost und West die Zementierung des Status quo in Europa beschworen, der in Jalta fixiert worden war, um, wie sie meinten, den Weltfrieden nicht zu gefährden, gab es einige wenige Intellektuelle in Osteuropa, die meinten, Jalta und die Teilung Deutschlands müssten überwunden werden. Zu den Wortführern dieser politischen Ungeheuerlichkeit, wurden Adam Michnik in Polen und György Konrád mit seiner Antipolitik. Heute wissen wir, dass Konráds Utopie keineswegs haltlose Träumereien eines politischen Abenteurers und Außenseiters waren. Als er bei Freund und Feind längst rehabilitiert war, sah er jenen großmütig ihre Kleingläubigkeit nach, die zuvor freundschaftlich missbilligend oder gar entrüstet über ein derartiges Übermaß an Naivität und Verantwortungslosigkeit den Kopf geschüttelt hatten.

Kurz nach Erscheinen der Antipolitik war er von der Evangelischen Akademie in Loccum eingeladen worden, um in einer hochkarätigen Politikerrunde über Europa mitzudiskutieren. Konrád war extra von New York eingeflogen, wo er eine Gastprofessur innehatte. Sein Auftritt war das, was man schlicht einen Reinfall nennt. Einzig die Höflichkeit dem Ausländer gegenüber verhinderte einen Skandal. Unübersehbar aber war das peinlich betretene Schweigen im Publikum und auf dem Podium. Nein, nein, so schien man bei sich zu denken, der freundlich lächelnde Budapester Schriftsteller aus New York ist zwar ein netter Mensch, wie er sich da im Deutschen in freier Rede versucht, und vielleicht kann man ihn ja sogar als bedeutenden Romancier gelten lassen, mit hoher Politik aber sollte er sich besser nicht befassen. Da war doch der ehemals stalinistische Ministerpräsident Ungarns und spätere Reformpolitiker András Hegedüs ernster zu nehmen, der von einem drohenden Bürgerkrieg sprach, ja, sogar das Gespenst eines Dritten Weltkriegs an die Wand malte, würde man in Ungarn und in den sozialistischen Bruderstaaten die Struktur des Einparteiensystems zerstören wollen.

Wie reagierte der haltlose Träumer? Statt sich noch weitere drei Tage schmähen zu lassen, wie vom Veranstalter erwartet, akzeptierte er das Urteil der Mehrheit, überließ den Realisten das Feld und zog sich zurück. In einer nahe gelegenen Gaststätte leerten wir eine Flasche trockenen Rotwein und begaben uns auf den Weg nach Berlin, um dem idealisierten Status quo den Rücken zu kehren und einzutauchen in die Mauerwirklichkeit.

György Konrád, der scharfsinnige Beobachter und Analytiker, war, man sollte es nicht glauben, auch ein naiver und gutgläubiger Mensch, der sich leicht täuschen ließ. Anfang der 1980er Jahre ließ er sich in Warschau von fliegenden Geldwechslern betrügen. Anderentags suchte er den Ort auf, wo er um eine größere Summe geprellt worden war, um, wie er sagte, dem Betreffenden durch einen Tritt in den Allerwertesten seine Wut zu vermitteln. Doch der Händler war nicht aufzufinden und Konráds Wut verflogen. „Einen Tritt in den Allerwertesten!“ Nun, ich muss gestehen, hier mache auch ich mich eines beschönigenden Eingriffs in den Konrádschen Originalausdruck schuldig. Die Wahrheit ist, dass sich der Autor mir gegenüber viel drastischer ausgedrückt hat. Sogar von einem Tritt in den Arsch könnte die Rede gewesen sein.

Liest man Konráds Romane, dann fällt seine gewählte Sprache auf, aber auch die gelegentlich überraschend daherkommende Brechung. Schon Tante Rózsi, die sich nichts sehnlicher wünschte, als dass ihr Sohn etwas schreiben möge, was vor der ungarischen Zensur bestehen sollte, beklagte sich bei mir über gar zu gewöhnliche Formulierungen. Ganz besonders beklagte sie sich über eine Szene im Komplizen, wo der Autor als Halbwüchsiger von einem Baum aus beobachtet, wie die Großmutter den Großvater zu verschlingen droht, mit einem Wort, wo sich die Großeltern offensichtlich sexuell vereinigen.

In seinem Roman Melinda und Dragoman heißt es: „Dragomans Lieblingswörter aus der Kindheit: ausbüchsen, davonzischen, sich verkrümeln, verduften.“ An dieser inneren Bereitschaft, unangenehmen Situationen und gepflegter Langeweile zu entfliehen, hat sich seit der Kindheit offensichtlich nichts geändert. Als er vor rund 40 Jahren seinen vielleicht besten Freund und Co-Autor Iván Szelényi in Australien besuchte, um mehrere Wochen dort zu verbringen, reiste er nach einer knappen Woche wieder ab. Szelényi erzählte später, die sterile Eintönigkeit der australischen Villensiedlungen habe Konrád melancholisch gestimmt.

Auf den ersten Blick sah man ihm diese innere Unruhe gar nicht an, die Unruhe des Autors, der ständig die Brandung des Lebens, die Großstadt, aber auch das mitteleuropäische Dorf um sich haben mochte, um sich vollzusaugen mit den Geschichten seiner Mitmenschen. Ein Spion der Seele war er, ein Geschichten- und Anekdotendieb, Soziologe, Antipolitiker, Nonkonformist, Weiser aus dem Orient, Prophet aus alttestamentarischer Zeit, ein Gerechter, ein Aussteiger, ein Romancier, der von vielen Schicksalen zu berichten wusste, von Begebenheiten, die immer auch mit seinem Leben verwoben waren. Selbst wenn er Mörder porträtierte, denen er als Elfjähriger in die Augen geblickt hatte, ist trotz des bedrückenden autobiographischen Bezugs nirgendwo der erhobene Zeigefinger des Oberlehrers zu entdecken. Dafür aber stets ein Anflug von Ironie, die für Konrád ein unverzichtbares literarisches Mittel war. In Melinda und Dragoman, worin in einer Dreiecksbeziehung aus den 1980er Jahren immer wieder Momente aus der Vergangenheit aufscheinen, heißt es:

Also als die Wohnung noch vier Zimmer hatte und der Klauzál tér das Herzstück des mit Brettern eingezäunten Ghettos war, erschoss der eine von zwei jungen Männern mit Armbinde und in Jagdstiefeln, offensichtlich kleideten sie sich gern militärisch, im Wohnzimmer eine junge Jüdin, die sich weigerte, ihnen zu folgen. Auch einen alten Mann schossen sie nieder, der sich erhob und mit versagender Stimme fragte: „Sehen Sie, was Sie da tun“ „Wollt ihr endlich Ruhe geben, dreckiges Judenpack?“ So der junge Mann, nachdem er den alten Mann abgeknallt hatte. Ich erinnere mich an das flüchtige Lächeln des Todesschützen, wodurch er mir, dem Augenzeugen, zu verstehen geben wollte, dass er den Anschauungsunterricht in Betragen für geistreich hielt. Ruhe war eingekehrt. Möglicherweise war an dem jungen Mann ein Volksschullehrer verloren gegangen. Vielleicht war er sogar einer, auch das ist nicht auszuschließen. Das Gesumm der Fliegen wollte er hören. Und solange ihm das nicht möglich war, marschierte er, ohne uns eines Blickes zu würdigen, nur vor sich hinstarrend, unheilverkündend auf und ab. Er verfügte über eigene radikale Methoden und den dazu passenden Humor. Schließlich deutete der andere junge Mann auf meine Mutter. Totenstille. Alle sahen meine Mutter an. „Darf ich Sie darum bitten, dass Sie mich nicht hier, nicht vor meinem Sohn erschießen?“ Ich drückte ihre Hand: „Bleib!“ Hand in Hand standen wir da und beobachteten sie. Der zuvor geschossen hatte, sagte: „Wenn sie nicht will, lass sie. Wer von den Juden partout nicht einsieht, dass wir nur ihr Bestes wollen, dem ist nicht zu helfen.“ Tatsächlich.

Vor einigen Jahren stand Konrád, der in den letzten Jahrzehnten so viel Zivilcourage bewiesen hatte, vor der Wohnungstür der Budapester Pozsonyi út 49, so die Adresse des geschützten Hauses, in dem er den Holocaust überlebt hatte; er wollte den Ort besichtigen, an dem viele seiner Leidensgefährten von umherstreunenden Pfeilkreuzlerkommandos, deren Ideal ein judenfreies Budapest war, eliminiert worden waren, doch ihm fehlte der Mut zu klingeln.

193 seiner 200 jüdischen Schulkameraden aus Berettyóújfalu sind in Auschwitz umgebracht worden. Ihnen, eine solche innere Verpflichtung spürte er, setzte er in seinem literarischen Werk ein Denkmal. Doch nicht nur ihnen, sondern all den Millionen, die in Hitlers und Stalins Todesmaschinerie umgekommen sind, all den Opfern der kommunistischen Zwangsherrschaft nach der Befreiung vom Faschismus, all den Erniedrigten und Beleidigten, den Opfern und Verführten. Zugleich bilden sie das Panorama, vor dem Konrád die Geschichten seiner Figuren erzählt, von Mördern und Ermordeten, Henkern und Gehenkten, Gefängnisaufsehern und Häftlingen, Folterern und Gefolterten, Verfolgern und Verfolgten, Verrätern und Verratenen, Spitzeln und Bespitzelten, Liebhaberinnen und Liebhabern, Zuhältern und Prostituierten, Alkoholikern und Antialkoholikern, Drogenpolizisten und Rauschgiftabhängigen, Juden und Arabern, Weisen und Oberlehrern, Gestrauchelten und Gefestigten, Unterdrückern und Befreiern, Politikern und Antipolitikern, Lebenden und Toten, kurz von Menschen und Schicksalen, die ihm begegnet waren, von denen er gehört hatte. Sie alle baute er ein in sein großes Zeitgemälde, worin er das Auf und Ab unseres vergangenen Jahrhunderts im Bild, im Wort, im Gedächtnis festgehalten hat. In einem Essay sagte er:

Seit nunmehr vierzig Jahren empfinde ich unablässig und im Stillen Abscheu vor all denen, die für die Erstickung meiner Schulkameraden verantwortlich sind. Mein Abscheu erstreckt sich auch auf jene, die die Vergasung von Kindern irgendwie verstehen. Abscheu kann mir auch der einflößen, den ich verstehe. Ich habe nie jemandes Hinrichtung oder Einkerkerung gewünscht. Weder Rache noch Vergebung. Das Geschehene kann weder durch Strafe noch durch gute Taten ungeschehen gemacht werden. Wer es getan hat, der hat es getan. Wer das Verbrechen begangen hat, der hat sich auch die Strafe zugemessen. Von der Erinnerung an Mord und Verrat kann man ebenso wenig losgesprochen werden wie von der Erinnerung an den Erfolg in der Liebe. Wer getötet hat, der hat sich dazu verurteilt, ein Mörder zu sein. Die Untat kam ihm entgegen, und er schaffte nicht, ihr auszuweichen. Ein qualifizierter Unfall… Das Denken hat seinen Platz; es ist einem Gedanken anzumerken, woher er kommt. An dem Tisch, der mit verschlissenem grünen Samt bedeckt ist, habe ich passable Zeilen geschrieben. Das Zimmer besitzt einen Geist, der den Wänden entströmt, eine in die Holzdecke eingedrungene Erinnerungswelt; die Wände haben einen angenehmen Atem, sie sind unschuldig…, ich arbeite etwas von der Zeit ab, die noch vor mir liegt. Selbstbewußtseinshäutung: Was ist es, was man selbst dann noch braucht, wenn man nichts mehr braucht? Der Garten ist der immer wiederkehrende ursprüngliche Schauplatz, die Bühne, wo sich die Lust der Vision ausbreitet. Garten, Kindheit, Paradies verschwinden, kehren zurück. Hinter mir eine weiß getünchte Wand, vor mir eine rasenbedeckte Fläche, von unten tauchen auf dem Pfad zwischen den Weinstöcken aus der Tiefe Menschen auf, sie lassen sich im Garten nieder, sitzen in den Korbsesseln, in der Laube, auf der Schaukel, auf Ästen der Bäume und plaudern leise, sie sind erreichbar. Kommt zu mir in den Garten, meine Freunde, Lebende und Tote, von Übersee und vom Friedhof her… Ob existiert, was ich sehe, weiß ich nicht. Alles, woran ich mich erinnere, sehe ich auch.

1976 begab er sich als Stipendiat des Wissenschaftskollegs nach Westberlin. Diese Zeit im Westen war für ihn ein äußerst turbulenter Lebensabschnitt. Wie ein Schwamm sog er Eindrücke und Informationen auf, was eine westliche Gesellschaft ausmacht, wie stark Konsumorientierung und kulturelle Ignoranz sind. Er sprach auf PEN-Tagungen in Stockholm, auf der Biennale in Venedig, gab Fernseh-, Funk- und Zeitungsinterviews in den USA, Australien und Westeuropa, war Gast westlicher Intellektuellengesellschaften, verkehrte in Millionärskreisen, überzeugte mit einer alten Freundin, der Filmästhetin Yvette Bíró, den Dollarmilliardär George Soros, der die Judenverfolgung in einem Budapester Kellerversteck überlebt, nach dem Krieg bei Karl Popper studiert und mit dem sprichwörtlichen Dollar in der Hosentasche sein Finanzimperium aufgebaut hatte, immer den Traum einer offenen Gesellschaft vor Augen, von der Notwendigkeit, in Osteuropa Stiftungen zur Förderung der Zivilgesellschaft ins Leben zu rufen, trieb sich in Slums und Vergnügungsvierteln umher; einfach alles wollte er kennenlernen. Er war eben ein Schriftsteller, der immer auch ein wenig Soziologe und Philosoph geblieben war.

In der Kádár-Ära mehr als ein Jahrzehnt lang von geheimen Manuskriptjägern der allmächtigen Partei belagert und gehetzt, entschloss sich der im Westen inzwischen mit mehreren renommierten Literaturpreisen Geehrte, seinen Roman Der Komplize vor seiner Rückkehr 1979 nach Ungarn abzuschließen. Freunde von Konrád bangten in dieser Zeit, dass auch ihn das hinlänglich bekannte Dissidentenschicksal sowjetischer und deutscher Schriftsteller aus der DDR ereilen könnte. In einem Pariser Café wurde ihm von einem ungarischen Diplomaten angedeutet, dass er bei einer Rückkehr nach Ungarn inhaftiert oder an der Grenze abgewiesen werden könnte. Die Idee, sich von mir als Journalisten nach Ungarn begleiten zu lassen, gefiel ihm. Er war entschlossen, mein Angebot anzunehmen. Doch zur gemeinsamen Reise ins Ungewisse kam es nicht. György Aczél, der Chefideologe und Oberzensor schickte den durch seine Minutennovellen berühmt gewordenen István Örkény nach Paris, um zu vermitteln. Als Kompromiss wurde Konrád ein dreimonatiges Silentium auferlegt. Erst nach Ablauf dieser Frist sollte er nach Ungarn zurückkehren dürfen. Doch schon einen Tag nach Fristablauf sollte in einer internationalen Tageszeitung wieder etwas Unbotmäßiges erscheinen, was die kommunistischen Machthaber schier verzweifeln ließ. Der zurückhaltende, stets vornehm wirkende Konrád war wie ein nicht zu zähmendes Pferd, das jeden Reiter abwirft.

Dennoch war er keineswegs unempfindlich. Bei einem Besuch des ungarischen Stands Anfang der 1980er Jahre auf der Frankfurter Buchmesse hielt er vergebens Ausschau nach seinen von der Zensur freigegebenen Büchern (Der Besucher, Der Stadtgründer). Das traf ihn, obwohl er sich über die damals aktuelle Kulturpolitik keine Illusionen machte. In einer Sendung des Südwestfunks äußerte er sich dazu:

So dickhäutig ich auch sein mag, es macht mich betroffen, wenn ich daheim in Ungarn in einer Million Exemplaren als Agent des Feindes bezeichnet werde. Ein einseitiger Dialog. Als Antwort schreibe ich meine fünfzigjährige Geschichte. Etwas anderes kann ich nicht tun, schreibend erinnere ich mich. Meine Philosophie und meine Biographie sind miteinander verschmolzen. Ein Glück, dass mich bei dieser Tätigkeit hier niemand stören kann. In Budapest fühle ich mich eingesperrt. Meine Freiheit kann dort nur eine innere sein, und sobald ich sie zu einer äußeren machen möchte, stoße ich auf erhebliche Hindernisse. Zu meinen unveröffentlichten Büchern gesellen sich weitere, vermutlich ebenfalls unveröffentlichte. Jene Inseln der Öffentlichkeit, von der unabhängigen Presse errichtet, und jene wenigen jungen Leute, die meine Schriften in ein paar hundert, vielleicht paar tausend Exemplaren verbreiten, weiß ich sehr zu schätzen. Ohne sie wäre alles trostlos. Wenn jene wenigen jungen Leute ausharren, dann ist der kategorische Imperativ in Budapest gerettet.

Kurz nach Erscheinen seiner Antipolitik brach Konrád mit einem Tabu, das ihm durchaus zum Verhängnis hätte werden können. Auch bisher schon waren zwar Essays und Interviews mit ihm im Radio Free Europe gesendet worden, jedoch stets auf Umwegen zum Sender gelangt. Diese indirekten Kontakte entsprachen der Praxis unter den Oppositionellen. Eines Tages sagte Konrád zu mir, er sei bereit, Radio Free Europe ein Exklusivinterview zu geben. Ich solle Levente, den für Ungarn zuständigen Redakteur alias László Kasza fragen, ob er daran interessiert sei. Selbst gute Freunde billigten diesen Schritt nicht, hielten ihn für eine überflüssige Provokation. In einem vierstündigen Gespräch stand er dem in Ungarn und ganz Osteuropa beliebten und zugleich verhassten Feindsender Rede und Antwort. Das hätte Ausbürgerung oder gar Gefängnis bedeuten können, womöglich auf Befehl aus der Moskauer Zentrale. Nichts dergleichen geschah. Die Sowjets mischten sich nicht ein, und die Kádár-Administration war – wenn auch vor Wut schäumend – angesichts der hohen Dollarverschuldung Ungarns in ihrer repressiven Handlungsfreiheit eingeschränkt. Konrád war ein zu schwerer Brocken für sie. Publizistische Angriffe auf ihn und Publikationsverbot mussten genügen. Und die Einschüchterung einstiger Freunde, die in Zukunft einen noch größeren Bogen um ihn machen würden.

Menschen, die offensichtlich bald in die Ewigkeit eingehen würden, weckten seine Neugier. Er wollte ihnen in die Augen sehen. 1991, kurz vor Aczéls Tod, stattete er dem ausgeschalteten Potentaten einen Krankenbesuch ab, wollte von ihm erfahren, was sich damals nach dem Exklusivinterview für Radio Free Europe im Politbüro wirklich abgespielt hatte. Die sowjetischen Genossen, so Aczél, hätten ihn unter Druck gesetzt, den Störfall Konrád zu lösen. Hätten sich die Wogen der Unbotmäßigkeit nicht rechtzeitig geglättet, wäre eine Verhaftung unumgänglich gewesen. Aczél war stolz darauf, dass es seit Mitte der 1960er Jahre zu keinen Verurteilungen von Intellektuellen wegen oppositioneller Meinungsäußerungen gekommen sei. Schließlich stellte er dem von ihm Verfolgten die Frage, ob sie unter Kádár tatsächlich alles so falsch gemacht hätten. Diese Frage verrät, dass der Zyniker der Macht vielleicht doch kein Zyniker, sondern schlicht ein überzeugter Kommunist und in diesem Rahmen lediglich ein Pragmatiker gewesen sein könnte.

Und ein anderer, Péter Rényi, stellvertretender Chefredakteur der Parteizeitung Népszabadság, ein Schulfreund von Helmut Schmidt, der im Dezember 1982 in seinem Blatt einen ganzseitigen Hetzartikel Das Spiel ist keineswegs harmlos gegen Konrád veröffentlicht hatte, erweckte 1999 am Rande der Frankfurter Buchmesse, als er bei einer Veranstaltung einige Reihen hinter ihm saß, Konráds Mitleid, weil er erkennbar schwer krank war.

Zurück in die 1980er Jahre! Der Psychoterror steigerte sich bis zu anonymen Morddrohungen nach dem Muster tödlicher Regenschirmattacken gegen bulgarische Oppositionelle. Und in der Wendezeit dann musste György Konrád sogar Briefe lesen, in denen nicht nur er auf das Unflätigste beschimpft wurde, sondern auch seine Familie. Er solle, hieß es auf dem Gipfel antisemitischer Schmähungen, gut auf seine beiden kleinen Söhne achtgeben, damit ihnen nichts zustoße. Passiert ist ihnen zum Glück nichts. Der Geist aus der Flasche konnte wieder dorthin verbannt werden, wohin er gehört.

Nach der Wende stellte ich mir die Frage, welchen Themen sich Konrád im Essay nach dem Fall der Mauer wohl zuwenden werde. Auf die folgenden Zeilen brauchte ich nicht lange zu warten:

Auf seine Weise ist der Erwachsene ein Idealist. Er weiß, dass er zu eingegangenen Verpflichtungen stehen muss. Sein Gegensatz ist der Plastelinmensch, der Plastikmensch, der jede Form annimmt, zu der umgeknetet zu werden vorteilhaft erscheint. In der Saison unserer Verwandlung haben die Tüchtigen eine Umschulung durchgemacht, und durch ein bisschen Training ist aus ihnen quasi vor unseren Augen ein neues Wörterbuch hervorgegangen. Es hat sich herausgestellt, dass sie in Einzelteile zerlegt und ausgetauscht werden können. Außerordentlich wirtschaftlich ist er, darin besteht der Vorteil des Plastikmenschen. Wie wird aus einem Gebrauchtspitzel ein funkelnagelneuer Sittenwächter? Gefährliche Zeiten sind das, alles ist durcheinandergeraten – Charaktersalat, Erinnerungsbrei, die Wörter verfallen der Sünde der Unwahrhaftigkeit. Du kannst dich nicht mehr damit vertrösten, dass alles anders werden wird. Alles ist so, wie es ist. Die phantastischen Reserven und heimlichen Wunder gehören der Vergangenheit an.

Die Bürgerkriege auf dem Balkan und die Zukunft der Europäischen Union sind Themen, denen sich Konrád in seinen Essays ebenso unkonventionell widmete wie vor der Wende dem in zwei feindlichen Blöcken erstarrten Europa. Fast nichts hatte sich seit der Wende an Konráds provokantem Herangehen an seine Themen geändert. Den unter deutscher Beteiligung und ohne UN-Mandat 1999 durchgeführten NATO-Angriff auf Rest-Jugoslawien verurteilte er ebenso wie er den US-Einmarsch im Irak befürwortete.

Warum schaffte es die albanische nationale Bewegung nicht, mit demokratischen Mitteln zu operieren? Sie hätte ihre Geduld nicht verlieren und auf den politischen Spielraum nicht verzichten dürfen. Die Politiker des Westens verhandelten mit der UČK, wodurch sie Rugova schwächten und das Überlaufen der albanischen Mehrheit zu den radikalen Nationalisten beförderten. Sie [… ] legitimierten die albanische Guerillaorganisation, die ein eminentes Interesse daran hatte, die NATO in den Konflikt, in einen ethnischen Bürgerkrieg an ihrer Seite hineinzuziehen. […[ Die UČK schien ein akzeptabler Partner zu sein. Die NATO ergriff Partei für eine separatistische Guerillaorganisation, was bisher nicht vorstellbar gewesen wäre, weder den kurdischen, noch den baskischen, noch den nordirischen Separatisten zuliebe.

Ich weiß nicht, wie ehrlich im Schloss Rambouillet die Annahme der gesetzlich verankerten Autonomie von serbischer oder albanischer Seite gemeint war. Warum aber musste dieser Anspruch mit jener weder objektiv noch logisch, noch rechtlich notwendigen Forderung verknüpft werden, dass mehrere zehntausend NATO-Soldaten als Friedenstruppe mit uneingeschränkten Bewegungsrechten auf dem Territorium Jugoslawiens zu stationieren seien?

Welch paradiesische Zeiten waren es doch, als György Konrád in Ungarn als Unperson neben seinem Schreiben über unendlich viel Zeit für seine Freunde verfügte, nicht weltweit durch präsidiale Aufgaben, Vorträge, Lesungen und politische Gespräche in Atem gehalten wurde? Oft, wenn ich ihn in Budapest besuchte, unternahmen wir ausgedehnte Spaziergänge durch sein Großstadtrevier, wo mir plötzlich die Figuren aus seinen Romanen entgegenkamen, er mich in die Gebäude führte, die für ihn, aber auch mich als seinem Leser und Übersetzer mit Erinnerungen verbunden sind, schmerzlichen und angenehmen gleichermaßen, Erinnerungen an Kriege und Revolutionen, Tod und Verderben, Liebe und Hass, Freude und Trauer. Auch durch die Nefelejcs utca (Vergissmeinnnichtstraße) im VII. Budapester Stadtbezirk schlenderten wir, als uns die elf Jugendlichen entgegenkamen, die 1960 wegen ihrer Aktivitäten zur Revolution von 1956 hingerichtet worden waren. Der gesetzestreue Landesvater hatte die Volljährigkeit der vermeintlichen Staatsverbrecher abgewartet. Auch die Eltern von zwei der Hingerichteten kamen uns entgegen. Sie hatten den Freitod durch Gas gewählt, konnten den Tod der geliebten Kinder, die sie nach der gescheiterten Revolution zu einem Bleiben in Ungarn überredet hatten, nicht ertragen.

Hier waren damals große Teile der gesellschaftlich Ausgestoßenen zu Hause, so auch jene elf Jugendlichen. In diesem VII. Bezirk hatte György Konrád als Sozialarbeiter sein Material für den Roman Der Besucher gesammelt, für den Besucher, der sich als Intellektueller, als Fürsorgebeamter um eine heruntergekommene Familie kümmert und schließlich den Ausstieg aus der Gesellschaft wagt. Erst am Ende des Romans wird klar, der Fürsorgebeamte ist ein Traumtänzer, ein Opportunist, dessen Entscheidungen sich lediglich am Schreibtisch und in seinem Kopf abspielen. In Wirklichkeit ist er ein funktionierendes Rädchen im Getriebe des real existierenden Sozialismus, ein Intellektueller, kein Mann der Tat.

Nie ist mir einer vom Format Konráds begegnet, der Kritik gegenüber so aufgeschlossen gewesen wäre, ja, sie manchmal auch heiter und gelassen hinnahm. Einmal als Stipendiat des Westberliner Wissenschaftskollegs wurde er nachts von einem auf der Türschwelle vor der Haustür sitzenden Freund erwartet, einem verkannten Genie, der bei einigen Gläsern Wein über Gott und die Welt philosophierte, bevor er schließlich ausrief: „Gyuri, sag doch, eigentlich bist du ziemlich dumm, absolut nicht klug! Wirklich, wie dumm du doch bist!“ Dem Verhalten eines anderen Freundes konnte er weniger Humoristisches abgewinnen. Über Jahre, wenn sie sich in verschiedenen westlichen Städten begegneten, erlebte ich den Freund als eine Art konrádischen Schatten, der dem Meister einfach nicht von der Seite wich, die Anwesenheit des Übersetzers und anderer oft als störend empfand. Wie eine Geliebte wollte er den Geliebten ganz für sich haben, ihn in den Rausch verbotener Genüsse entführen.  Wie verblüfft war Konrád, als der Intimus bei einem Besuch in Budapest es tunlichst vermied, auch nur in die Nähe von Konráds Wohnung zu geraten, um andere Aufenthalte hinter dem Eisernen Vorhang durch unbotmäßige Kontakte nicht zu gefährden. Das traf Konrád fast noch mehr als die vielen ehemaligen guten Freunde, die lieber auf die andere Straßenseite wechselten, wenn sie den Verfemten von Weitem erblickten, um ihn ja nicht grüßen zu müssen, da man schließlich nicht wissen konnte, wer in der Nähe aus einem sicheren Versteck heraus eine solche Begegnung dokumentieren könnte.

Freimütig gestehe ich, ein Nutznießer von Gyuris einstigem Geächtetsein gewesen zu sein. Vielleicht aber hat auch die Literatur aus dieser Situation Nutzen gezogen. Frei von öffentlichen Verpflichtungen entstand ein Werk, das großenteils dereinst als ein wichtiger Bestandteil der Weltkultur begriffen werden wird. Davon bin ich fest überzeugt. Woran denke ich? An mehrere seiner Romane (Der Besucher, Der Komplize, Geisterfest, Melinda und Dragoman, Glück, Das Buch Kalligaro) und an die meisten seiner Essays. Dieses Werk wird unseren Nachfahren in einem Jahrhundert einen wichtigen Schlüssel an die Hand geben, um literarisch in die uns vertraute Vergangenheit und Gegenwart einzutreten, sie zu verstehen, sich zu orientieren und sich ein Lesevergnügen der besonderen Art zu gönnen. Zwar wird sich niemand an die Entstehungsgeschichte seines Budapest-Porträts erinnern (Von Schelmen, Harlekinen und Hochstaplern – Budapester Marginalien), doch das ist eigentlich auch nur als Randnotiz von Bedeutung. Der Text ist aus einem mündlichen Vortrag entstanden. Es war die Zeit Anfang der 1980er Jahre, da ich mich als Interviewer versuchte. So bat ich in meiner Frankfurter Wohnung auch Konrád vor das Mikrophon. Ich befragte ihn zum Leben in Budapest. Plötzlich riss er mir das Mikrophon förmlich aus der Hand und begann wie in Trance ein Hohelied auf Budapest zu singen. Dieses Gespräch, das irgendwann kein Gespräch mehr war, sondern ein rauschhafter Monolog, der mehrfach von verschiedenen Rundfunkanstalten ausgestrahlt wurde, entwickelte sich in meinem Kopf zu einem Text, in den ich meine von Konrád beeinflussten Gedanken einarbeitete und dem Autor unterschob.

Gyuri, Du warst ein wunderbarer Mensch, ein Gesamtkunstwerk! Nur eine Schwäche muss ich Dir nunmehr wohl nachsehen: Obwohl Du oft in vorauseilender Sensibilität sogar unausgesprochene Versprechen eingelöst hast, kam es selten dennoch vor, dass Du Dich an gegebene Versprechen plötzlich nicht mehr erinnern wolltest. Seit fast zehn Jahren nun schon wartete ich auf die mehrfach versprochene Fortsetzung Deiner Unsichtbaren Stimme, einem Deiner Hauptwerke vielleicht. Nach immer wiederkehrender Erneuerung Deines Versprechens, einen Roman über König David schreiben zu wollen, sagtest Du mir bei einer unserer letzten Begegnungen, dass ich mit dem Einlösen seines Versprechens nicht mehr rechnen solle. Ein Vorbote des Todes? Die schöpferische Kraft schien allmählich zu versiegen.

In den letzten Jahren widmete er sich dem Ordnen und Überarbeiten seines essayistischen Werks. Der Umfang soll um fünftausend Seiten betragen. Am 22. September 2019 hieß es, Abschied von einem großen Europäer und Freund zu nehmen. Um 14 Uhr hatte sich auf dem Budapester Farkasréter Jüdischen Friedhof eine vielleicht tausendköpfige Menge versammelt: die engste Familie, Freunde, Bewunderer, Wegbegleiter und Politiker. Die Regierung hatte sich durch ihre zweite Garnitur vertreten lassen.

Die wenigen Reden, gehalten von seiner Tochter Dorka aus Paris, Miklós Haraszti (Stücklohn), dem Autor Pál Závada (Das Kissen der Jadviga) und dem Rabbi, alle sehr berührend und beeindruckend. Sofern eine Beerdigung, ein Abschied, schön sein kann, könnte man sie als schön bezeichnen.

Mehr als vierzig Jahre lang habe ich jede Zeile meines Freundes György Konrád übersetzt. Er war ein treuer Freund und menschlich nicht nur seinen Freunden gegenüber. Gewesen? Ja, das kann ich noch nicht wirklich fassen. In meinen gespeicherten Filmrollen sehe ich ihn als Präsidenten des Internationalen PEN, als Präsidenten der Berliner Akademie der Künste. Er hatte kein Problem damit, in Widerspruch zum Geist der Zeit zu erscheinen, wenn er sich etwa gegen die Errichtung eines überdimensionierten Holocaust-Denkmals in Berlin oder gegen die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union aussprach. Seit dem Regierungswechsel im Jahr 2010 zunehmend vom offiziellen Ungarn verschmäht, griff er wiederholt Ministerpräsident Viktor Orbán wegen dessen autoritären Kurses scharf an, was ihn nicht daran hinderte, dessen Analyse in Sachen Migration für richtig zu halten. György Konrád fühlte sich stets einer ideologiebereinigten Wahrheitssuche verpflichtet. Das liebte und schätzte ich besonders an ihm. Aber auch seine Bescheidenheit und beneidenswerte Haltung, wie er Niederlagen wegsteckte. Auf der Frankfurter Buchmesse 1996 stand ich neben ihm, als verkündet wurde, dass die polnische Autorin Wisława Szymborska den Literaturnobelpreis erhalten werde. Ein wenig bleich schien er geworden zu sein, denn die Journalisten erwarteten ihn schon im Frankfurter Hof zu einer Pressekonferenz anlässlich der Geheiminformation, wonach ihm der Preis zugesprochen werden sollte. Es hat nicht sollen sein! Dennoch wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt. Nicht zuletzt erhielt er nach der Wende im Jahr 1990 den ungarischen Kossuth-Preis, 1991 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und im Jahr 2001 den Internationalen Karlspreis zu Aachen für die Einheit Europas. Seit einigen Jahren ist es still oder stiller geworden um ihn.

Ja, es ist schon so, Du hast tatsächlich immer mehr zu bieten gehabt als nur Dein Schreiben. Manchmal denke ich, wärest Du nicht der Graphomanie verfallen – keineswegs aber der Epistelomanie, denn das Briefeschreiben war nun wirklich Deine Sache nicht –, hättest Du auch als ungarischer Präsident Deinen Mann gestanden. Doch in einem Land, dem der Antisemitismus noch immer nicht fremd ist, meintest Du, sei es nicht gut, wenn Du als Jude politische Macht anstrebtest. Gehörtest Du nicht einer anderen Generation an, könnte Feuchtwanger seinen Musa, den Mann des Friedens, den sanften Gelehrten, nach Dir konzipiert haben.

Wem hattest Du Deine Sanftmut zu verdanken? Deine Großeltern und Eltern, Deine Schwester, Cousins und Cousinen, Deine Tanten und Onkel sind mir vor allem aus Deinen Büchern vertraut. In den Beschreibungen Deiner Familie erkenne ich Dich wieder. Allen eignet ihnen etwas Obsessives. Kann jemand zur gleichen Zeit sanftmütig und besessen sein? Für Dich traf das jedenfalls zu, wie auch für Deine Mutter, der Du mit zunehmendem Alter immer mehr ähneltest. Bei aller Sanftmut bist Du unbeirrt Deinen Weg gegangen, hast Dich durch nichts und niemanden davon abbringen lassen. In einem Interview vor anderthalb Jahren hast Du Viktor Orbán empfohlen, Ungarn zu verlassen, wenn er nicht am Ende gar Ceauşescus Schicksal erleiden wolle.7 Gottes Wege seien verschlungen und unergründlich. Selbst öffentlichen Beschimpfungen von Freunden gewann K. stets humorvolle Elemente ab.

Schon als Elfjähriger in den Monaten der Deportationen hatte er seinen eigenen Weg gefunden und war ihn unbeirrt gegangen. Darin glich er seiner Mutter frappierend. Auch sie wusste immer, was zu tun war. Ungewöhnliche Entscheidungen erweisen sich im Nachhinein manchmal als die einzig richtigen. Denn als ungewöhnlich darf es zweifellos bezeichnet werden, wenn eine filigrane, jedoch bei aller Bescheidenheit resolute Frau sich entschloss, vier kleine Kinder sich selbst zu überlassen, weil sie versuchen musste, den von der Gestapo verhafteten Ehemann aus deren Fängen zu befreien, weil sie ihn schließlich lieber als Schutzengel in die Deportation begleitete, als ihn im Stich zu lassen. Doch genau diese nur schwer nachvollziehbare Verhaltensweise bewirkte mittelbar die Rettung der gesamten Familie.

Als deutsche Truppen am 19. März 1944 auch in Konráds Heimatdorf einmarschierten, endete die Kindheit des erst Elfjährigen. Mit einer Riesensumme konnte er die Behörden bestechen und eine Genehmigung für seine ältere Schwester und die beiden verwaisten Cousins besorgen, um nach Budapest fahren zu dürfen, wo die Kinder in einem unter Schweizer Schutz stehenden Haus in der Pozsonyi út 49 Unterschlupf fanden und so dem für sie vorgesehenen Schicksal entgingen. Seine jüdischen Schulkameraden wurden nur einen Tag nach Konráds geglückter Überlebensreise ins Ghetto und dann, meist zusammen mit ihren Müttern, nach Auschwitz in die Gaskammern gebracht. Ihnen und der halben Million weiterer ungarischer Juden, denen Eichmann einen frühen Tod zugedacht hatte, um Europa judenfrei zu machen, lieh Konrád seine Stimme als Schriftsteller, mahnte Menschlichkeit an, wo es doch davon immer weniger zu geben scheint.

Als Imre Kertész als erster ungarischer Schriftsteller verdient den Nobelpreis für Literatur erhielt, gratulierte Konrád seinem Kollegen natürlich. Man möge mir nachsehen, wenn ich als György Konráds Übersetzer diesem die preisliche Anerkennung mehr gegönnt hätte als Kertész. Konráds autobiographischer Roman Glück, in dem er erzählt, wie er und seine Schwester dem Holocaust entkamen, ist leider zu spät erschienen, obwohl die Erzählstränge in vorangegangenen Werken schon alle vorhanden waren. Ich machte meinen Freund auf die Eigenplagiate sogar aufmerksam. Aber er winkte ab, das sei so in Ordnung. Und noch etwas, weshalb ich Konrád für den bedeutendsten ungarischen Schriftsteller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts halte. Ausschlaggebend für diese meine Einschätzung ist neben seinem Schreiben die integere Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Wegen seiner zahlreichen Interviews und Essays für Zeitungen in Westeuropa und den Vereinigten Staaten, worin er antikommunistische Positionen bezog, galt er den kommunistischen Machthabern als Agent des Imperialismus. In Wahrheit aber war er ein Agent der Menschlichkeit.

Hans-Henning Paetzke (geb. 1943) ist Schriftsteller und literarischer Übersetzer. Seine jüngste Romanveröffentlichung (2019) im Mitteldeutschen Verlag: heimatfremd.

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