Vergeltung oder Stillhalten – was plant die Hisbollah?

Die Kriegsgefahr auf dem Golan wächst. Nachdem die Hisbollah angekündigt hat, die vermeintliche Tötung eines ihrer hochrangigen Aktivisten rächen zu wollen, verstärkt Israel seine Truppenpräsenz im Norden…

Von Ralf Balke

Mit der Ruhe auf dem Golan scheint es erst einmal wieder vorbei zu sein. So waren am frühen Freitagmorgen nahe der syrischen Grenze gelegenen und von Drusen bewohnten Stadt Majdal Shams gleich mehrere Explosionen zu hören. Ein Haus sowie ein Fahrzeug wurden beschädigt, meldete die israelische Armee, Verletzte oder gar Tote hatte es keine gegeben. Über die Ursachen wurde anfänglich noch spekuliert. Doch im Laufe des Tages schien sich herauszukristallisieren, dass entweder Artilleriefeuer aus Syrien oder die Versuche, einen israelischen Beobachtungsballon abzuschießen, für den Vorfall verantwortlich waren. Aber nicht nur deshalb verstärkt Israel gerade seine Truppenpräsenz vor Ort. Denn zugleich hatte die Hisbollah angekündigt, die Tötung eines ihrer Kader, Ali Kamel Mohsen Jawad, rächen zu wollen. Das hochrangige Mitglied der Schiiten-Miliz war am Montag bei einem Luftangriff auf ein Waffendepot in der Ortschaft Kiswah rund 13 Kilometer südlich von Damaskus ums Leben gekommen. Darüber hinaus wurden zeitgleich aus den Ortschaften Jabal al Mane, Muqaylabiya und Zakiya schwere Explosionen gemeldet, wobei mehrere Angehörige der Iranischen Revolutionsgarden, die in der Region aktiv sind, zu Tode kamen.

„Vor dem Hintergrund einer neuen Einschätzung der Lage sowie in Übereinstimmung mit den Verteidigungsplänen des Nordkommandos verändern sich gerade die Einsätze der IDF sowohl im zivilen als auch militärischen Bereich“, hieß es dazu in einer Erklärung der Armee. „Unser Ziel ist eine Verstärkung der Abwehrbereitschaft entlang der Nordgrenze.“ Konkret bedeutet dies, dass sich alle Truppenteile derzeit in erhöhter Einsatzbereitschaft in der Region befinden. So werden Straßensperren errichtet, um zu vermeiden dass Militärfahrzeuge zu nahe an die Grenze zu Syrien oder den Libanon geraten und damit in das Visier von Panzerabwehrraketen. Auch sollen Zufahrtsstraßen zu einigen Ortschaften auf dem Golan besser abgesichert werden. Zivile Fahrzeuge können sich zwar weiterhin ungehindert bewegen. Einige Felder in unmittelbarer Grenze sind dagegen derzeit für die Landwirte Tabu. Darüber hinaus wurden einige Posten weiter ins Inland verlagert, um sie aus der direkten Schusslinie der Hisbollah oder der in Syrien operierenden Revolutionsgarden herauszunehmen.

„Unsere zentrale Aufgabe ist es, auch in diesen Tagen die Sicherheit der Bewohner des Nordens zu gewährleisten“, kommentierte Generalmajor Amir Baram vom Nordkommando die Aufstockung der militärischen Kapazitäten. „Wir sind auf eine Vielzahl von Szenarien vorbereitet und beurteilen die Lage ständig neu. Auf diese Weise bereiten wir uns auf eine mögliche Verteidigung und eventuell notwendige operative Maßnahmen vor.“ Denn aktuell ist es schwer einzuschätzen, ob und wie die Hisbollah auf die Tötung von Ali Kamel Mohsen Jawad reagieren wird. Und genau das ist das Problem. So meldete am Dienstag die in London erscheinende Tageszeitung „Aharq al-Awsat“ unter Berufung auf Quellen, die der Hisbollah nahe stehen, dass die Schiiten-Miliz nach der von ihrem Anführer Scheich Hassan Nasrallah ausgegebenen Devise handeln werde, wonach jeder tote Hisbollah-Angehörige gerächt werden würde und die Israelis einen hohen Preis dafür zahlen sollen. Doch zwischen Wollen und Können liegen bekanntlich Welten.

Zwar gab es in den sozialen Medien wie Twitter am Dienstag einen Sturm der Entrüstung aus dem Umfeld der Schiiten-Miliz – zu sehen war reichlich „Märtyrer“-Kitsch in Form von Fotos, die den Hisbollah-Kader als liebevollen Vater zeigen oder Bilder mit bewaffneten Milizionären, wie sie im Auto auf den Felsendom in Jerusalem zusteuern. In unzähligen Hashtags wurde „Rache“ geschworen. Aber ob es darüber hinaus zu realen Vergeltungsaktionen kommt, ist fraglich. Denn in der jüngster Vergangenheit war das nicht automatisch immer der Fall. Als Israel im Spätsommer 2019 ein Hisbollah-Kommando ausschaltete, das mit Hilfe von Drohnen Terroranschläge auf den Norden des Landes verüben wollte, blieben die Reaktionen ebenso aus wie nach der Tötung zahlreicher Hisbollah-Angehöriger auf syrischem Boden, die für den Diktator Assad kämpften. Und ein Luftangriff auf ein Fahrzeug der Schiiten-Miliz in Syrien im April wurde seitens der „Gotteskrieger“ allein damit beantwortet, in dem man mehrere Löcher in die israelischen Sperranlagen entlang der libanesisch-israelischen Grenze schnitt. Das war durchaus als Drohung zu verstehen. Die Hisbollah wollte damit signalisieren, dass sie sehr wohl in der Lage ist, Israel jederzeit im Norden anzugreifen. Darüber hinaus hat man entlang der Waffenstillstandslinie, vor allem aber im unmittelbar zu Majdal Shams gelegenen Dorf Khadar ein Netzwerk an Hisbollah-Zellen geschaffen, die sofort zuschlagen könnten. Aber nicht nur das. Vor wenigen Tag hob der israelische Inlandsgeheimdienst im Westjordanland eine Zelle der Volksfront zur Befreiung Palästinas aus, die unter dem Namen „al-Shabab al-Alumi al Arabi“ Terroranschläge und Entführungen israelischer Soldaten plante. Die Tatsache, dass ihr Verbindungsoffizier ein Libanese namens Assad al-Amali war, verweist auf Kontakte der Gruppe zur Hisbollah. Auch gab es in den vergangenen Monaten immer wieder Meldungen, dass die Schiiten-Miliz Versuche unternommen habe, israelische Araber zu rekrutieren.

Genau deshalb können sich die Verantwortlichen in Israel nicht auf die Erfahrungswerte der jüngsten Zeitspanne berufen und erklären, dass es auch diesmal wohl bei leeren Drohungen bleibt. Die Erhöhung der Alarmbereitschaft zeigt, das man auf alle Eventualitäten vorbereitet sein will. Denn mit der Schiiten-Miliz ist keinesfalls zu spaßen. Ihre Kämpfer verfügen über reichlich militärische Expertise aus rund neun Jahren Bürgerkrieg in Syrien. Und genau dieses wird gerade an der israelisch-libanesischen Grenze in Stellung gebracht. Am Mittwoch bereits hatte Sarit Zehavi, ehemals langjährige Mitarbeiterin des Geheimdienstes und jetzt Chefin des Thinktanks Alma Research and Education Center gewarnt, dass man durchaus mit einem größeren Angriff der Hisbollah rechnen müsse. Als Indiz führte sie unter anderem die hohe Konzentration von Kämpfern sowie von Fahrzeugen entlang der Grenze an, die ihrer Einschätzung zufolge mittlerweile die Dimensionen vom Sommer 2006 annehmen würde, also jenem Jahr, in dem die Hisbollah Israel überraschend in einen Krieg verwickelte, in dessen Verlauf sich bei den israelischen Streitkräfte zahlreiche Schwachstellen bei der Versorgung und der Ausbildung offenbarten.

Was sich aber grundlegend von der Situation damals vor vierzehn Jahren unterscheidet, ist die Tatsache, dass der Libanon aktuell kurz vor dem Kollaps steht, und zwar wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich. Die Coronavirus-Krise hat diesen Zerfallsprozess, der eine Folge der grassierenden Korruption, der Unfähigkeit der Verantwortlichen in Beirut sowie der Interventionen durch den Iran und Syrien ist, nur noch beschleunigt. Seit Frühjahr heisst der Ministerpräsident Hassan Diab. In das Amt kam er nur mit Hilfe der Hisbollah und ihrer Verbündeten. Doch auch er vermochte es nicht, das Ruder herumzureißen. Die Arbeitslosenrate kletterte auf 50 Prozent und mehr, die Wirtschaft liegt am Boden. Im März verkündete Diab, dass das Land seine Auslandsschulden nicht mehr bedienen kann. Zudem begannen die Libanesen unabhängig von ihrer religiösen Herkunft – auch das ein Novum – auf die Straße zu gehen, um gegen die Missstände und die Verelendung der Mehrheit der Bevölkerung zu protestieren, was von der Hisbollah mit massiver Gewalt gegen die Demonstranten beantwortet wurde. Vor einem solchen Szenario einen Waffengang mit Israel vom Zaun zu brechen und damit eine weitestgehende Zerstörung des Libanons zu riskieren, wäre auch für die Hasardeure der Schiiten-Miliz ein Risiko, dessen Folgen für sie selbst schwer abzuschätzen sind.

Umgekehrt könnte Hisbollah-Chef Scheich Nasrallah durchaus der Versuchung erliegen, einen Krieg mit Israel zu instrumentalisieren, um von der Staats- und Wirtschaftskrise im Libanon abzulenken und die Bevölkerung auf sich einzuschwören. Auf diese Weise würde man sich als Retter der libanesischen Nation inszenieren. Das militärische Potenzial dafür ist durchaus vorhanden. Je nach Schätzung verfügen seine Milizen dank der Unterstützung durch den Iran derzeit über ein Arsenal von weit über 100.000 Raketen. Und im Unterschied zu 2006 haben diese nicht nur über eine größere Reichweite, sondern sind darüber hinaus oft Laser gesteuert und daher deutlich präziser sowie tödlicher als die Waffen von 2006. In seinen Propagandavideos weist Scheich Nasrallah auch immer wieder daraufhin, wie zuletzt Ende Juni, als die Hisbollah in einem Video-Clip damit drohte, israelische Städte anzugreifen. „Heute können wir nicht nur Tel Aviv treffen, sondern – so Allah will – ganz präzise Ziele innerhalb der Stadt“, hört man darin Scheich Nasrallah sagen. „Wir können jederzeit im gesamten besetzten Palästina zuschlagen.“ Bemerkenswerterweise endet das Video mit einer Textbotschaft in hebräischer und arabischer Sprache: „Was immer ihr auch unternimmt, um das zu verhindern – es wird schon heute vergeblich sein.“

Dass der Hisbollah dabei das Schicksal der libanesischen Bevölkerung herzlich wenig interessiert, beweisen die zahlreichen Dokumente über ihre Waffenfabriken, die sie mit iranischer Hilfe überall im Land aufgebaut haben. 28 solcher Produktionsstätten zählt das Alma Research and Education Center allein in der Hauptstadt Beirut. Darunter sind auch Lagerungsorte und Abschussrampen für ballistische Boden-Boden-Raketen, unter anderem für den Typ Fateh-110 iranischer Bauart. „Die Welt sollte verstehen und wissen, dass sich alle diese Anlagen inmitten von urbanen Wohnvierteln befinden“, so Tal Beeri, Chef der Recherche-Abteilung von Alma. „Die Hisbollah benutzt die Zivilbevölkerung von Beirut als menschliche Schutzschilde und zögert nicht, ihre militärischen Einrichtungen neben Schulen oder öffentlichen Gebäuden zu betreiben.“ Doch unabhängig davon, ob die Hisbollah sich ruhig verhält oder den Ankündigungen, Vergeltung zu üben, Taten folgen lässt – die Entscheidung dafür wird nicht von ihrem Anführer Scheich Nasrallah gefällt, sondern letztendlich von den Machthabern in Teheran.

Bild oben: Screenshot Twitter, Märtyrerkitsch mit Ali Kamel Mohsen Jawad

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