Antisemitismus an Schulen in Deutschland

Die soziologisch-qualitative Untersuchung, deren Ergebnisse im vorliegenden Band vorgestellt werden, zeigt wie sich Antisemitismus an Schulen in Deutschland manifestiert, in welchen Erscheinungsformen er auftritt, aber auch, was das für Jüdinnen und Juden bedeutet. Julia Bernstein räumt diesem Aspekt großen Raum ein und gibt Handlungsempfehlungen für die Praxis…

Jüdinnen und Juden sehen sich in Deutschland mit unterschiedlichsten Formen des Antisemitismus konfrontiert, und das auf alltäglicher Basis, von der Konfrontation mit subtilen antisemitischen Stereotypen und Weltbildern bis hin zu offenen Abwertungen und gewalttätigen Übergriffen. Zwischen 80 und 90% der in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden (je nach Befragung) bemerken dabei eine Zunahme
des Antisemitismus in den vergangenen Jahren. Alarmierende Zustände.

Besonders deutlich ist die Tendenz im Kontext Schule. Dabei scheint es ein eklatantes Unwissen über Antisemitismus, sowohl bei Schüler*innen, aber vor allem auch bei Lehrer*innen zu geben. Wie sonst ist es zu erklären, dass antisemitische Beschimpfungen keine pädagogischen Interventionen zur Folge haben? Julia Bernstein betont, dass Antisemitismus in Deutschland selten in allen seinen Facetten wahrgenommen wird, „sondern häufig nur dort erkannt, wo er in sicherer Distanz zu sein scheint: In der Vergangenheit oder bei anderen Gruppen. Auch darin gründen die Zunahme und Normalisierung des Antisemitismus.“

Schule ist als gesellschaftlicher Mikrokosmos zu verstehen, in dem die unterschiedlichsten Formen von Antisemitismus auftauchen. Wenn aber die Schule als Instanz versagt und diese Formen von Antisemitismus stillschweigend duldet, so hat das Konsequenzen und fungiert als eine „Art Weichenstellung für die Gesellschaft“.

Für die Studie wurden 251 narrative Interviews mit Betroffenen und deren Angehörigen sowie Lehrer*innen geführt. Zusätzlich wurden Experteninterviews mit Akteuren aus der Bildungs- und Sozialarbeit geführt und ausgewertet. Die Befunde wurden in Handlungsempfehlungen für den pädagogischen Umgang mit Antisemitismus übersetzt, die im Besonderen die Perspektive der Betroffenen berücksichtigen.

Das Buch arbeitet mit einer Anzahl von Fragenkatalogen, die Bernstein als „Basiswissen“ betitelt, sowohl zu Antisemitismus, Judentum wie auch Israel. Sie dienen eingangs dazu, das eigene Wissen abzufragen und zu kontrollieren, die Auflösung findet sich im Anhang. Selbstverständlich bietet Bernstein auch grundlegende und pointierte Definitionen zu den unterschiedlichen Erscheinungsformen von Antisemitismus, von Antijudaismus über Krypto-Antisemitismus, israelbezogenem Antisemitismus bis hin zu Philosemitismus. Ein weiterer Fragebogen stellt hypothetische Aussagen vor, die auf ihren antisemitischen Gehalt beurteilt werden können. Auch hier können die Leser*innen sich selbst testen und überlegen, ob Aussagen wie „Massentierhaltung ist der Holocaust auf einem Teller“ oder „Nur weil es irgendwo in der Bibel steht, reicht es noch längst nicht aus, dass Juden in Israel einen eigenen Staat haben dürfen“ antisemitisch sind.

Die Perspektive der Betroffenen ist in der Studie durch 61 Interviews mit jüdischen Schüler*innen, ihren Eltern und mit ehemaligen Schüler*innen, sowie mit 5 Interviews mit Sozialarbeiter*innen aus jüdischen Gemeinden in Deutschland vertreten. Die Interviews zeigen, dass Antisemitismus „und eine daraus erwachsene feindselige Atmosphäre“ als Normalität im Schulalltag gelten, „die einen selbstverständlichen, offenen und „normalen“ Umgang mit jüdischen Identitäten erschwert und teils verhindert“. Daraus ergeben sich sowohl offene Anfeindungen und Angriffe von Mitschüler*innen, aber manchmal auch von Lehrkräften. Der Umgang mit diesen Vorfällen von Lehrkräften und Schulleitung wird als problematisch beschrieben, letztlich fühlen sich die Betroffenen sehr oft alleingelassen.

Im Anschluss wird die Perspektive von Lehrer*innen auf Antisemitismus an Schulen gezeigt. Dabei wurde sowohl gefragt, in wieweit Lehrkräfte von antisemitischen Vorfällen unter Schüler*innen wissen, als auch wie sie mit diesen Situationen umgehen und darauf reagieren. Bernstein betont, dass viele Lehrkräfte Schwierigkeiten haben, Antisemitismus zu erkennen. Es fehle jedoch nicht nur an Wissen, der Grund sei auch in „ausgeprägten Abwehrhaltungen, mit denen sie das Phänomen Antisemitismus dethematisieren und bagatellisieren“ zu suchen.

In den Handlungsempfehlungen für die pädagogische Praxis betont Bernstein entsprechend, wie wichtig es ist, Empathie gegenüber den Betroffenen zu zeigen. Mehr noch, sie verweist auf den oft wiederholten Satz, man müsse „den Anfängen wehren“, der seine Bedeutung verliere, wenn man auf die Perspektiven der Betroffenen schaut. Dann nämlich „entpuppen sich solche Reaktionen als „Selbstgespräch“ ohne Juden, oder engagiertes Reden über Juden. Würde man die jüdischen Perspektiven auf Antisemitismus anerkennen, man könnte dieser Art nicht reden, denn in den Erfahrungen der Betroffenen stellt sich Antisemitismus ganz anders dar.“ Damit spricht Bernstein den entscheidenden Punkt an, der in pädagogischen Empfehlungen sonst oft zu kurz kommt. Es geht eben nicht um persönliche Empfindlichkeiten, Antisemitismus stellt sich für die Betroffenen dar „als Alltagserfahrung, als Bedrohung, als Kontinuität des eigenen Lebens, der Familienbiographie, ja der Geschichte des jüdischen Volks.“

Bernsteins Analyse ergibt drei Problemschwerpunkte im pädagogischen Umgang mit Antisemitismus: „Die Überforderung mit dem israelbezogenen Antisemitismus, die Verwirrung über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Rassismus und Antisemitismus sowie der Umgang mit sekundärem Antisemitismus und Nazisymbolen.“ Gerade in Bezug auf israelbezogenen Antisemitismus zeigt sich, dass Antisemitismus auch von Lehrer*innen selbst ausgehen kann.

Die Handlungsempfehlungen, die Bernstein ausgibt, basieren auf konkreten Fallbeispielen und geben Vorschläge für den Umgang mit antisemitischen Äußerungen in den verschiedenen Kontexten, sowie Ideen zur Unterrichtsgestaltung. Der ausführliche Anhang enthält eine Liste von Bildungs- und Beratungsstellen und löst die Fragebögen zu Basiswissen, die das Buch durchziehen, auf. Ein abschließender Fragenkatalog zum pädagogischen Umgang mit Antisemitismus in der Schule mit hypothetischen Szenarien gibt die Gelegenheit „die Wahrnehmungs-, Denk-, und Handlungsmuster als Lehrkraft anhand konkreter Beispiele zu reflektieren“.

Eine Gelegenheit, die hoffentlich viele Lehrkräfte wahrnehmen. Das Buch kann als effektives Instrument für den Unterricht dienen und zeichnet sich im Besonderen durch die sehr präsente Perspektive der Betroffenen aus. Wenn der Kampf gegen den Antisemitismus kein Lippenbekenntnis sein soll, dann zeigt dieses Buch den Weg für den Kontext Schule auf. Man muss ihn nur beschreiten – konsequent. (al)

Julia Bernstein, Antisemitismus an Schulen in Deutschland. Befunde – Analysen – Handlungsoptionen. Mit Online-Materialien Beltz Juventa 2020, 616 S., Bestellen?

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