Suche nach Paul Celan

Der Filmemacher Frieder Schuller, Pfarrerssohn aus Katzendorf/Cata in Siebenbürgen, drehte 1988 in Bukarest einen umwerfenden, großartigen Spielfilm über die zwei Bukarester Jahre Paul Celans. Am 13. April 2020 sollte dieser Film „Im Süden meiner Seele“ in Berlin gezeigt werden, doch die Kinos sind für uns geschlossen, der Virus verschiebt unser aller Leben. Doch die Erinnerung an Paul Celan ist in diesem Jahr bedeutungsvoll, seinen einhundertsten Geburtstag würde der weltbekannte deutschsprachige-jüdische Lyriker aus Czernowitz in diesem Jahr feiern und am 20. April 2020 erinnern wir uns an seinen Tod vor fünfzig Jahren…

Von Christel Wollmann-Fiedler

Vor acht Jahren sah ich bereits diesen großartigen Film und schrieb…

Der Dichter Paul Celan auf einem Passphoto aus dem Jahre 1938

Im Süden meiner Seele

Mit einem siebenbürgischen Bauernjungen floh Paul Celan von Bukarest nach Wien im Jahr 1947. Der Bauernjunge wusste nicht, mit welchem Genie er auf der Flucht war, mit wem er unterwegs in Kuhställen auf Stroh schlief. In Wien kamen sie beide an, doch der Bauernjunge hatte Heimweh und ging zurück nach Siebenbürgen. Paul Celan hingegen blieb und begann sein großes literarisches Leben im Westen Europas. Frieder Schuller, der Siebenbürger aus Katzendorf, zeigte seinen genialen Film „Im Süden meiner Seele“, ließ die beiden Jahre 1945 bis 1947, in denen Paul Celan in Bukarest lebte, vorbeiziehen. Vor 26 Jahren drehte Schuller den Film unter schwierigen Bedingungen mit westlichen Schauspielern in Bukarest, zu Zeiten des Diktators Ceaucescu. Eine schöne Hommage an die beiden Bukarester Jahre Celans ist ihm gelungen und wurde 2012 im Rumänischen Kulturinstitut in Berlin-Grunewald gezeigt.

Der Abend sollte eine Suche nach Paul Celan sein mit Filmvorführungen, Musik und kurzer Lesung und Erzählung über ihn, den Lyriker. Zweiundneunzig Jahre alt wäre Paul Celan, in diesem November geworden, doch bereits mit fünfzig Jahren war sein Leben in Paris mit einem gewollten Sturz in die Seine beendet. 1920 wurde er als Paul Anchel, später rumänisiert zu Ancel, woraus Celan wurde, in Czernowitz am Pruth, der Hauptstadt der Bukowina, geboren. Nach Beendigung der Jüdischen Schule und des Gymnasiums entschied er sich kurzfristig für ein Medizinstudium in Tours, kehrte zurück in die Bukowina und begann mit dem Studium der Anglistik und Romanistik. 1940 kamen die Sowjets in die Nordbukowina, transportierten willkürlich Juden, Intellektuelle und Geschäftsleute nach Sibirien. Danach, 1941, besetzte die Deutsche Wehrmacht das Buchenland. Die jüdische Bevölkerung wurde in das rasch installierte Ghetto getrieben, für andere begannen bereits die Deportationen in die Lager nach Transnistrien. Paul Celan kam zur Zwangsarbeit in die Südmoldau, seine Mutter wurde jenseits des Bugs erschossen, sein Vater starb an Typhus. Celan überlebte, kam 1944 zurück nach Czernowitz. 1945 besetzten die Sowjets die Nordbukowina und er floh vor den Besetzern nach Bukarest, wie so viele Einwohner der Nordbukowina damals. In Bukarest studierte er weiter und arbeitete als Übersetzer und Lektor.

Noch in den beiden Bukarester Nachkriegsjahren bejahte Paul Celan das Leben, hatte die Judenverfolgung überlebt, war jung, verehrte Ruth und andere schöne Frauen, befreite sich die Seele mit seiner Dichtkunst, führte Dialoge mit Frau Ausländer aus Czernowitz. Die kommunistische Zeit begann in Rumänien, der König musste das Land verlassen und täglich wuchs der Wunsch des jungen Dichters in einem freien westlichen Land zu leben. Die Mitglieder der Gruppe 47 verstanden seine Gedichte nicht, fanden sein Vortragen zu pathetisch, die Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann war kurz. Von Wien zog er weiter nach Paris, heiratete die katholische Adelige Gisele de l’Estrange und bekam zwei Söhne. Depressionen und Lebenszweifel verfolgten ihn und mit fünfzig Jahren beendete er sein inzwischen weltberühmtes Dichterleben.

 

CORONA (1948)

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt, daß der Unrast ein Herz schlägt. Es ist Zeit,
daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

 

Der Pruth, (c) Christel Wollmann-Fiedler

Der Filmtermin wurde vom 18. April 2020 auf den 5. September 2020 verschoben. Dr. Ingeborg Szöllösi vom Deutschen Kulturforum östliches Europa in Potsdam und das Bundesplatz-Kino in Berlin werden zusammen diesen Film- und Gesprächsnachmittag veranstalten.

Bild oben: Celans Geburtshaus in Czernowitz,