Kollektive Unschuld

Es sei eine der größten Lebenslügen der Bundesrepublik, die Annahme einer intensiven Aufarbeitung des Massenmordes an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Diese Auffassung vertritt der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn in seinem neuen Buch, das den bezeichnenden Titel „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“ trägt…

Von Armin Pfahl-Traughber

Es handelt sich nicht um eine nüchterne Abhandlung, sondern um einen zugespitzten Essay. Man merkt dem Autor seine Empörung an, vehement trägt er seine Position vor. Doch muss die gewählte Form nicht gegen den postulierten Inhalt sprechen. Angesichts von Erinnerungsstätten, Fernsehdokumentationen, Gedenkveranstaltungen oder Stolpersteinen ist man zunächst etwas irritiert. Und es ist auch so, dass der Autor diese Formen der Erinnerung allzu wenig thematisiert. Er weist aber angemessen auf viele Defizite und Verdrängungsformen gegenüber der Vergangenheit hin. Dabei gilt es die Dimensionen und Formen zu unterscheiden und genau das geschieht über die Kapiteleinteilungen:

Es geht zunächst um das Nicht-Thematisieren im privaten Raum. Während die Fronterlebnisse am Kaffeetisch angesprochen wurden, blieb die Erinnerung an die Judenverfolgung ein blinder Fleck. Auch ansonsten politisch Andersdenkende stellten nicht unbedingt kritische Fragen, wenn es um den eigenen Vater und seine Rolle in der NS-Zeit ging. Daran änderte sich tatsächlich Jahrzehnte lang nichts und später konnten die persönlichen Fragen nicht mehr beantwortet werden. Danach wirft der Autor den Blick auf Justiz und Politik. Und ja, es war so, dass eine offensive Beschäftigung mit diesem Thema eben von dort aus nicht in die Öffentlichkeit getragen wurde. Die Bemühungen der Justiz, entsprechende Tätern habhaft zu werden und sie zu verurteilen, waren vorsichtig formuliert unterentwickelt. Daran erinnert der Autor immer wieder mit Hinweis auf einschlägige Studien, die später in den Geschichtswissenschaften dazu erstellt wurden. Die juristische Befassung mit alldem wurde danach von Öffentlichkeit und Politik eher abgelehnt.

Dann fällt der Blick auf Film und Literatur, wo die Shoah lange ein Nicht-Thema war. In den Kinofilmen der 1950er und 1960er Jahre standen die Kriegserfahrungen im Zentrum, dagegen kamen Judenverfolgung und Judenvernichtung nicht vor. Erst durch die TV-Serie „Holocaust“ wurde breiter in der Öffentlichkeit darüber diskutiert. Gerade mit solchen Beispielen veranschaulicht Salzborn seine These. Dies gilt auch bei dem Blick in die Forschung, hat sich doch die deutsche Geschichtswissenschaft lange gerade nicht mit der Shoah beschäftigt. Die bedeutenden Gesamtdarstellungen kamen von ausländischen Historikern. Eine vom Autor indessen nicht genannte voluminöse Buchveröffentlichung hat mit Peter Longerich aber durchaus ein deutscher Historiker vorlegt. Und in den letzten Jahren wurden viele Detailstudien von jüngeren Wissenschaftlern erstellt, welche aber öffentlich nur wenig Beachtung fanden. Gleichwohl macht der Blick auf die verschiedenen Dimensionen deutlich, dass für die Einschätzung von Salzborn mehr als zunächst angenommen spricht.

Der Autor weist darüber hinaus noch auf einen anderen Gesichtspunkt hin: Die früher bedeutsame Opferperspektive kehrt zurück, wofür die Auseinandersetzung um die Bombardierung von Städten oder die Schicksale bei der Vertreibung stehen. So angemessen dabei die Erinnerung an persönliches Leid ist, so sehr verschieben sich so aber auch die Dimensionen von Ursache und Verantwortung. Hier seien antisemitische Projektionen und ethnische Selbstviktimierungsphantasien auszumachen. Dass es nicht nur eine Erinnerungs- und Schuldabwehr gibt, wird von Salzborn nicht abgestritten. Für ihn handelt es sich aber nur um das Anliegen einer kleinen linksliberalen Elite, die nie die Mehrheit in Deutschland war. Angesichts von nur wenigen Sätzen dazu, wird das Engagement solcher Menschen doch zu geringgeschätzt. Dem Autor geht es erkennbar darum, mit viel Vehemenz für seine Deutung zu argumentieren. Dabei pauschalisiert und verallgemeinert er gelegentlich. Für seine Kernposition kann er indessen viele Belege unterschiedlichster Form vorbringen.

Samuel Salzborn, Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern, Berlin 2020 (Hentrich & Hentrich-Verlag), 136 S., Euro 15,00, Bestellen?

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