Komponenten von „Lone Wolf“-Rechtsterrorismus

Der Attentäter von Hanau: Psychische Bedingungsfaktoren schließen politische Bedingungsfaktoren nicht aus…

Von Armin Pfahl-Traughber
Erschienen bei: blick nach rechts, 24.02.2020

Für führende AfD-Politiker gab es in Hanau keine terroristische Tat. Es habe sich um den Ausdruck eines unpolitischen Wahns gehandelt, lautet die Deutung vieler hochrangiger Funktionsträger in Stellungnahmen. So meinte beispielsweise der AfD-Bundeschef Jörg Meuthen: „Das ist weder rechter noch linker Terror, das ist die wahnhafte Tat eines Irren.“ Und der Co-Bundestagsfraktionsvorsitzende Alexander Gauland erklärte: „Bei einem völlig geistig Verwirrten sehe ich kein politisches Ziel, insofern bin ich vorsichtig bei dem Begriff Terror. Und von links und rechts wollen wir hier gar nicht reden. Das ist ein Verbrechen.“ Gleichzeitig distanzierte man sich von einer AfD-kritischen Einschätzung, wonach man keine Mitschuld an den Morden trage. Doch wie steht es um die beiden genannten Aussagen? War der Mord an neun Menschen mit Migrationshintergrund nur die Tat eines Verrückten? Und kann die AfD von daher jede Verantwortung von sich weisen?

Eine Antwort auf diese Fragen setzt die Beschreibung der Tat und einen Blick auf den Täter voraus. Am Mittwoch, den 19. Februar 2020 erschoss ein Mann gegen 22.00 Uhr in und vor der Shisha-Bar „Midnight“ und der Café-Bar „La Votre“ in Hanau vier Menschen. Danach fuhr er weiter zu einer Café-Bar „Arena“ in der gleichen Stadt und ermordete dort weitere fünf Menschen. Wie sich später herausstellte, waren die Opfer dem Täter nicht bekannt. Sie wurden offenkundig nur aufgrund ihres Migrationshintergrundes ausgewählt. Danach fuhr der Mann weiter in seine Privatwohnung, wo er mit seiner 72-jährigen Mutter lebte. Er erschoss diese ebenfalls und dann sich selbst. Der ebenfalls anwesende Vater blieb unverletzt. Demnach kamen durch die Ereignisse elf Menschen ums Leben, den Täter eingeschlossen. Darüber hinaus wurden sechs Personen verletzt, eine davon schwer. Eine besondere Erklärung hinterließ der Mann nicht, auch fanden sich weder in seinem Fahrzeug noch an den Tatorten irgendwelche Symbole. Die Opfer waren zwischen 21 und 44 Jahre alt und hatten unter anderem bosnische, bulgarische, rumänische und türkische Migrationshintergründe. Bei dem Attentäter handelte es sich um den 43-jährigen Tobias Rathjen. Mittlerweile liegen einige Angaben zu seinen Besonderheiten und seinem Lebensweg vor: Er hatte 1996 sein Abitur gemacht und galt bei seinen Mitschülern als zurückhaltend. Beachtlich ist vielleicht, dass Rathjen keinen Wehr-, sondern Zivildienst leistete. Danach begann er eine Banklehre und studierte anschließend Betriebswirtschaftslehre. Ansonsten scheint er ein unauffälliges Privatleben geführt zu haben. Bedeutsam ist, dass er keine Frau oder Freundin hatte, was aus bestimmten Gründen noch interessant sein wird. Darüber hinaus verdient Beachtung, dass Rathjen noch als über 40-Jähriger bei seinen Eltern lebte.

Kombination von fremdenfeindlichen und verschwörungsideologischen Inhalten

Als Mitglied eines Schützenvereins war ihm der Umgang mit Waffen vertraut. Einer politischen Organisation gehörte er indessen nicht an, was generell gilt, also sowohl bezogen auf einen rechtsextremistischen wie nicht-rechtsextremistischen Personenzusammenschluss. Auch handelte Rathjen allein, sowohl bei der Tat selbst wie bei deren Vorbereitung. Über Anstifter oder Helfer ist nichts bekannt. Rathjen. hinterließ indessen auf seiner Internet-Homepage unterschiedliche Texte und nahm auch ein gesondertes Video auf. Dadurch ergeben sich Einblicke in sein Weltbild, wobei autobiographische, fremdenfeindliche und verschwörungsideologische Inhalte in einer inneren Kombination auszumachen sind. Demnach ging Rathjen davon aus, dass er bereits seit seiner Kindheit regelmäßig von einem Geheimdienst überwacht wurde. Deren Angehörige seien in der Lage, „die Gedanken eines anderen Menschen lesen zu können und darüber hinaus fähig …, sich in diese ‚einzuklinken‘ und bis zu einem gewissen Grad eine Art‚Fernsteuerung‘ vorzunehmen.“ Darüber hinaus sprach er von der Möglichkeit von „Zeitreisen“, sich auch formal nicht stimmige Zusammenhänge postuliert wurden: „Zudem müssen wir eine ‚Zeitschleife‘ fliegen und den Planeten, den wir unsere Heimat nennen, zerstören, bevor vor vielen Milliarden Jahren das erste Leben entstand.“ Außerdem ging es noch um Außenpolitik, Fußball, Hollywoodfilme und Lehrveranstaltungen.

Neben derartigen Auffassungen fanden sich bei Rathjen aber auch viele fremdenfeindliche bis rassistische Statements: So listete er über 20 Länder auf, die von Afghanistan über Israel bis zur Türkei reichen, deren „Völker komplett vernichtet werden müssen.“ Er habe schon in jungen Jahren erkannt, dass das „schlechte Verhalten bestimmter Volksgruppen“ ein Problem sei. Denn: „Diese Menschen sind äußerlich instinktiv abzulehnen und haben sich zudem in ihrer Historie nicht als leistungsfähig erwiesen.“ Demgegenüber wurde von ihm als Gegenbild ein Nationalismus gestellt: „Umgekehrt lernte ich mein eigenes Volk kennen, als ein Land, aus dem das Beste und Schönste entsteht und herauswächst, was diese Welt zu bieten hat.“ Denn seine Landsleute hätten „die Menschheit als Ganzes hervorgehoben“. Forderungen zur Grenzsicherung seien auch richtig, wie etwa die angestrebte Mauer zu Mexiko. Seine eigenen Ideen, meinte Rathjen, würden von Trump bereits umgesetzt, allerdings nicht von diesem bewusst ,sondern „über die so genannte Fernsteuerung“. Er hielt sich demnach selbst für ein Genie.

Hinweise auf die „Incel“-Bewegung

Blickt man auf solche und die vorgenannten Aussagen, so wird deutlich: Rathjen war offenkundig psychisch krank. Es lassen sich Bestandteile von einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie erkennen, kombiniert mit einer narzisstischen Überhöhung der eigenen Person und wilden Verschwörungsvorstellungen über die Welt. Mit diesen erklärte sich Rathjen auch, dass er nie eine Frau oder Freundin hatte, was im Ergebnis auf eine geheimdienstliche Überwachung zurückgeführt wurde. In diesem Detail lassen sich Hinweise auf die „Incel“-Bewegung erkennen. Dabei handelt es sich um allein stehende Männer, die unfreiwillig im Zölibat leben. Derartige Besonderheiten und Einstellungen gab es bei nicht wenigen der „Lone-Actor“ im Rechtsterrorismus. Insofern kommt diesem scheinbar eher nur privaten Gesichtspunkt auch hier eine inhaltliche Relevanz bei der Ursachenanalyse zu.

Bedeuten aber nun die Hinweise darauf, dass der Attentäter erkennbar psychisch stark gestört war, dass es sich hier auch um eine psychisch motivierte und damit unpolitische Tat handelte? Eine derartige Deutung, die nicht nur von den einleitend erwähnten AfD-Politikern immer mal wieder vorgetragen wird, ignoriert, dass zwischen politischen und psychischen Bedingungsfaktoren kein Widerspruch bestehen muss. Blickt man auf die Entwicklung des „Lone Actor“- oder „Lone Wolf“-Rechtsterrorismus, so lässt sich immer wieder die Kombination beider Ursachen im Wechselverhältnis miteinander feststellen. Auch bei Anders Breivik, dem wohl international bekanntesten Fall in diesem Sinne, konnten beide Komponenten ausgemacht werden. Die Betonung des psychischen Gesichtspunktes wird häufig von den juristischen Verteidigern vorgenommen, um damit eine geringere Freiheitsstrafe für ihre Klienten zu erwirken. Es ist darüber hinaus schwierig, die politischen und psychischen Bedingungsfaktoren bei solchen Taten quantitativ einzuschätzen.

Konkrete Opferauswahl aus ideologischen Prägungen

Vor einerderartigen Notwendigkeit steht man in der sozialwissenschaftlichen Terrorismusforschung indessen nicht. Danach bietet sich folgende Differenzierung an: Es gilt bei solchen Ereignissen, die Gewalttat für sich und die Opferauswahl für sich hinsichtlich ihrer Ursachen zu analysieren. Genau dies ist mit den beiden unterschiedlichen Ebenen gemeint. Die besonders brutale Gewaltanwendung ist wohl meist tatsächlich primärpsychologisch erklärbar, handelt es sich doch hier um hohe Intensitätsgrade eben bis hin zu einem Massenmord. Doch wie erklärt sich dann die jeweilige Auswahl der Opfer, steht diese doch für eine inhaltliche Motivation und politische Prägung. Letzteres lässt sich auch bei Rathjen ausmachen, der eben aufgrund seiner fremdenfeindlichen bis rassistischen Grundpositionen die Orte seiner mörderischen Tat aufsuchte. Die Erklärungen auf der eigenen Homepage belegen diese ideologischen Prägungen, mögen sie in sich noch so lückenhaft oder widersprüchlich sein. Aus diesen Deutungsmustern heraus erfolgte die konkrete Opferauswahl. Bislang ist noch nicht bekannt, was Rathjen besonders beeinflusste. Aufgrund seiner sozialen Isolation dürften es eher Internetseiten und keine Organisationen gewesen sein.

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