Warten auf den Big Bang

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Israel liegt inmitten einer Krisenregion. Das weiss nahezu jeder. Dass sich der jüdische Staat darüber hinaus auch in einem hochaktiven Erdbebengebiet befindet, ist dagegen weitestgehend unbekannt…

Von Ralf Balke

Erdbebenschwarm heißt bei Experten das Phänomen, das derzeit nicht wenigen Israelis ein mulmiges Gefühl im Magen beschert. Denn im Norden des Landes gab es in den vergangenen Wochen seismische Aktivitäten gleich in Serie. Mehrfach hintereinander und in recht kurzen Abständen wackelten rund um den Kinneret-See sowie in Sefad die Wände der Häuser und versetzten ihre Bewohner in Angst und Schrecken. Die stärksten Erschütterungen erreichten auf der nach oben offenen Richterskala eine Stärke von 4,4. Auch in der Hafenstadt Haifa, in Tel Aviv und sogar im 110 Kilometer entfernten syrischen Damaskus konnte man diese noch spüren. Größere Schäden oder gar Verletzte wurden nicht gemeldet. Sehr wohl aber zeigten einige Gebäude Risse oder es löste sich mancherorten der Putz. Glück gehabt, sagten viele. Zum einen, weil die meisten Häuser in Israel alles andere als erdbebensicher geplant und errichtet wurden. Rund 80.000 würden im Fall stärkerer Erschütterungen wohl sofort einstürzen. So jedenfalls hiess es dieser Tage selbst aus dem Bauministerium. Zum anderen, weil es immer noch nicht der Big Bang war, mit dem die Geologen und andere Wissenschaftler bereits seit Jahren rechnen. Zuletzt ereignete sich ein solches Worst-Case-Scenario im Jahr 1927. Damals überraschte ein Erdbeben der Stärke 6,2 die Einwohner von Sefad, Tiberias, aber auch von Jerusalem. Rund 500 Menschen starben, etwa 700 wurden verletzt.

„Wenn – und Gotte möge uns davor schützen – heute ein Erdeben in vergleichbarer Stärke die Region heimsuchen sollte, dann müssen wir mit Tausenden von Toten rechnen“, skizziert der Geologe Ariel Heilmann die Gefahrenlage. „Hunderttausende würden darüber hinaus ihr Zuhause verlieren und der dadurch verursachte wirtschaftliche Schaden könnte unser Land wohl um Jahrzehnte in seiner Entwicklung zurückwerfen.“ Und der Katastrophenexperte Ephraim Leor verweist in diesem Kontext auf eine ganz besondere Gefahr: Von den über 1.600 Schulgebäuden im Land sind gerade einmal 53 halbwegs erdbebensicher konstruiert worden. Kurzum – von offizieller Seite weiss man seit einer geschätzten Ewigkeit von den Problemen. Doch geschehen ist bis dato kaum etwas. Sein Ministerium habe für Maßnahmen, die die Strukturen öffentlicher Gebäude für den Fall von seismologischen Erschütterungen verstärken sollen, einen jährlichen Etat von gerade einmal 60 Millionen Schekel, umgerechnet rund 14 Millionen Euro, zur Verfügung, so Jackie Levy, stellvertretender Minister im Bauressort. Und das auch erst seit 2016. „Das ist allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein“, klagte er jüngst in der Presse. „Die Regierung sollte endlich aufhören, jedes Mal die Krise zu kriegen, wenn die Kosten für entsprechende Maßnahmen genannt werden und finanziell mehr als nur eine Schippe nachlegen“, so seine Forderung. „Schließlich handelt es sich bei dem Thema um die größte Bedrohung für Israels Sicherheit.“ Deshalb fordert nicht nur er eine systematischere Herangehensweise. „Wir brauchen einen nationalen Plan.“

Genau dieser steht gerade zur Diskussion. Mit 250 Millionen Schekel, also knapp 60 Millionen Euro im Jahr, sollen bis 2023 zumindest in den Gefahrenzonen im Norden und im Jordantal Häuser nun entsprechend nachgebessert werden, hieß es vor wenigen Wochen noch aus dem Bauministerium. Auch das schien den meisten Fachleuten unzureichend. Dann zauberte Mitte Juli Verteidigungsminister Avigdor Lieberman Details eines neuen Masterplans aus dem Ärmel, der unmittelbar nach dem Erdbebenschwarm bei einer Zusammenkunft von Vertretern des Verteidigungsministeriums, der Sicherheitsdienste sowie der Behörde für Nationale Notfälle beschlossen worden ist. Demnach sollen bis zum Jahr 2030 satte fünf Milliarden Schekel, also rund 1,2 Milliarden Euro, für Maßnahmen zur Nachrüstung von Gebäudestrukturen im Norden bereitgestellt werden. Gleich zwei Fliegen mit einer Klappe will man so schlagen: mehr Sicherheit im Fall eines Erdbebens, aber vor allem einen verbesserten Schutz vor den Raketen der Hizbollah. Einen Namen hat das Ganze bereits: „Schutzschild der Heimatfront“. Nur der Segen der Knesset fehlt dem ambitionierten Plan noch.

Fakt ist, dass erst seit 1984 per Gesetz Bauherren gesetzlich dazu verpflichtet wurden, bei der Planung neuer Gebäude auch an die Erdbebensicherheit zu denken. „Aber alle anderen aus der Zeit davor würden bei größeren Erschütterungen sofort wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen“, so Jackie Levy vom Bauministerium. Und immer, wenn das Thema Erdbebensicherheit zur Diskussion stand, weil es im Jordantal oder im Norden des Landes mal wieder zu einigen Erdstößen kam, versprach die Politik zu handeln. Doch auf die oftmals großspurigen Ankündigungen folgte selten etwas Konkretes. Und das scheint irgendwie Tradition zu haben. Auf einen ersten Bericht des israelischen Rechnungshofes aus dem Jahr Jahr 2001, der konstatierte, dass es keinerlei öffentlichen Mittel für Maßnahmen zum Erdbebenschutz von Gebäuden gab, folgte ein zweiter aus dem Jahr 2004, der feststellte, dass immer noch nichts geschehen sei. Der Grund: Kompetenzstreitigkeiten zwischen diversen Ministerien und Behörden. Zudem veröffentlichte im selben Jahr ein interministerielles Komitee die Ergebnisse einer Untersuchung, wonach bei einem Erdbeben der Stärke 7,5 im Norden Israels mit mindestens 16.000 Toten und knapp 100.000 Verletzten zu rechnen sei. Auch dieses Wissen um die sehr konkrete Gefahr löste bei den Verantwortlichen keinerlei Aktionismus aus, wie dann ein weiterer Bericht aus dem Jahr 2011 bestätigte, der erneut vor den desaströsen Folgen einer solchen Naturkatastrophe warnte und die Untätigkeit der Politik tadelte. Nun steht also die Ankündigung von Lieberman im Raum, der sich bei Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und Finanzminister Moshe Kahalon auch gleich für ihre rasche Unterstützung in dieser Angelegenheit bedankte und von einer „historischen Entscheidung“ sprach. Man darf gespannt sein, was passiert.

„Ganz offensichtlich brauchen wir wohl erst ein mittelstarkes Erdbeben mit vielleicht 100 bis 200 Opfern, bis die Verantwortlichen endlich aufwachen und ernsthaft handeln“, glaubt Colonel Itzik Bar vom Heimatfront-Kommando der israelischen Streitkräfte. Denn auch die 108 als problematisch identifizierten Fabriken, die im Falle eines Erdbebens zusätzlich die Umwelt verpesten könnten, haben in den vergangenen drei Jahren trotz entsprechender Auflagen durch das Umweltministerium in Jerusalem kaum etwas unternommen, um nachzubessern. Nur eine einzige wäre heute in der Lage, alle Sicherheitsbestimmungen zu erfüllen. Und ein 2012 beschlossenes Frühwarnsystem existiert vor allem auf dem Papier. Von den 120 vorgesehenen Stationen hat die Geologische Untersuchungsbehörde, die beim Bauministerium angesiedelt ist, gerade einmal 55 errichtet – funktionstüchtig ist aber nicht eine einzige von ihnen.

Dabei geht es keinesfalls nur um den Norden Israels, der gefährdet ist, sondern fast das gesamte Territorium des Landes. Dafür verantwortlich sind zwei Kontinentalplatten, und zwar die arabische und die afrikanische, die im Jordantal aufeinanderstoßen. Jedes Jahr bewegen sie sich um durchschnittlich vier Millimeter und sorgen dafür, dass fast ganz Israel genau das ist, was Wissenschaftler eine große Störungszone bezeichnen, in der es immer wieder zu seismologischen Aktivitäten kommt. Die Chroniken sind voll von entsprechenden Ereignissen. So wurde beispielsweise 1834 Jerusalem schwer getroffen, wobei unter anderem der Felsendom und andere Gebäude schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Ein Big Bang, also ein richtig starkes Erdbeben wie zuletzt 1927, könnte Israel zudem weiteres Ungemach bereiten als nur die Zerstörung zahlreicher Gebäude sowie viele Opfer unter der Bevölkerung. Auch die militärische Infrastruktur würde mit hoher Wahrscheinlichkeit Schaden nehmen. Zudem wären die Streitkräfte bereits mit der Rettung einer großen Zahl von Menschen sowie ihrer Versorgung ziemlich überfordert und ausgelastet. Einige erklärte Feinde des jüdischen Staates, allen voran der Iran, könnten auf die Idee kommen, in einem solchen Moment des Chaos und der Schwäche militärisch loszuschlagen. Wie so etwas konkret aussehen kann, hat der berühmte Schriftsteller Jonathan Safran Foers in seinem dritten Roman „Hier bin ich“ einmal näher ausgeführt. Darin wird Israel von einem fürchterlichen Erdbeben erschüttert, woraufhin nicht nur Krankheiten wie Cholera ausbrechen, sondern arabische Staaten die Situation zur Auslöschung des Judenstaates nutzen wollen. Aus der Luft gegriffen ist ein solches Katastrophenszenario nicht wirklich. Auch deshalb sollten die Verantwortlichen in Jerusalem nicht einfach nur den nächsten Aktionsplan verkünden, der dann wieder in der Versenkung verschwindet, sondern endlich handeln. Die Zeit läuft.

Bild oben: https://www.emsc-csem.org