Die Weiße Rose in Israel

0
125

Im Seminargebäude des Museums Ghetto Fighters  House, im Norden des Landes zwischen Akko und Naharija gelegen, wird seit dem 15. November eine für israelische Verhältnisse ungewöhnliche Ausstellung gezeigt. Sie thematisiert den Widerstand der Mitglieder der „Weißen Rose“, jener Studentengruppe, die – sich auf ihre christlichen und humanistischen Werte berufend – zum Widerstand gegen die Diktatur des Nationalsozialismus aufgerufen hatte und deshalb vom sogenannten Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde…

Von Gisela Dachs

Neben Schautafeln mit Erklärungen, Fotografien und Biographien gibt es auch Auszüge ihrer sechs prominenten Flugblätter, übersetzt ins Hebräische und Arabische. „Im Original sind das eng beschriebene DIN-A-4-Seiten, in einer Sprache, gespickt mit Goethe- und Schiller-Zitaten, die nur schwer von der heutigen Jugend zu verstehen ist. Deshalb haben wir nur Zitate herausgenommen und sie in den Kontext gesetzt“, erzählt Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung in München, die zur Eröffnung am 15. November nach Israel reiste.

Deutscher Widerstand im „Dritten Reich“ ist eine komplexe Thematik – auf beiden Seiten. In der neuen Bundesrepublik hat es lange gedauert, bis dessen Helden nicht mehr der Verräter-Makel anhing. Michael Verhoevens Film „Die Weiße Rose“ von 1982 durfte zunächst nicht von den Goethe-Instituten im Ausland gezeigt werden, weil dieser im Nachspann auf die zu dieser Zeit immer noch ausstehende legale Tilgung aller Urteile des Volksgerichtshofs verwies. Erst am 25. Januar 1985 stellte daraufhin der Deutsche Bundestag einstimmt fest, dass „die als ‚Volksgerichtshof‘ bezeichnete Institution kein Gericht im rechtsstaatlichen Sinn, sondern ein Terrorinstrument zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Willkürherrschaft war.“

Heute sind längst Schulen, Plätze und Straßen nach den Geschwistern Hans und Sophie Scholl, den bekanntesten Mitgliedern der „Weißen Rose“, benannt. Und die Ausstellungüber ihren Widerstand ist, gefördert vom Auswärtigen Amt, allein im vergangenen Jahr in USA, Polen, Russland, Frankreich, Brasilien und Italien gezeigt worden.

In Israel war man aus anderem Grund gegenüber dem Thema Widerstand im Dritten Reich zurückhaltend. In der Regel stellte nämlich die Verfolgung der Juden dabei „keinen Handlungsbedarf“ dar, wie es die Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander in einer Vorlesung zur Erinnerung an die Weiße Rose an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Jahr 2000 ausdrückte. Keine organisierte Opposition habe sich wegen der Verfolgung und Vernichtung der Juden gegründet, „wie unterschiedlich der Widerstand seinen politischen Inhalten nach auch war und wie verschieden demnach auch seine Pläne für die Zeit nach dem Krieg aussahen, was die sogenannte ‚Judenfrage’ angeht, so herrschte einheitliches ‚Nichtstun’.“ Eine Ausnahme sei dabei jedoch die Weiße Rose gewesen, die als das einziges deutsches Widerstandsprojekt das Schicksal der Juden zum Thema gemacht habe.

Im Sommer 1942 schrieben und verteilten die Medizinstudenten Hans Scholl und Alexander Schmorell die ersten vier „Flugblätter der Weißen Rose“ in München. Im zweiten Flugblatt prangerten sie die Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Polen an: „Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschheitsgeschichte an die Seite stellen kann.“ Sie zeigten sich fassungslos, weil sich die Deutschen so „apathisch“ verhielten. Im vierten Flugblatt drohten sie: „Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen, die Weiße Rose lässt Euch keine Ruhe!“

Das fünfte Flugblatt „Aufruf an alle Deutschen!“ erschien im Januar 1943 und wurde in großer Zahl mit Unterstützung von Sophie Scholl, Willi Graf und weiteren Verbündeten auch in vielen deutschen und österreichischen Städten verteilt. Als politisches Programm forderte die Widerstandsgruppe „Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten, das sind die Grundlagen des neuen Europa“. Nachts schrieben Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf mit Teerfarbe „Hitler Massenmörder“ oder „Freiheit“ an Münchner Hausfassaden.

Kurt Huber verfasste Anfang Februar 1943 das sechste Flugblatt; es war ein Aufruf an alle Studierenden, sich gegen die mörderische Regierung aufzulehnen. Hans und Sophie Scholl verteilten es am 18. Februar 1943 im Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität. Sie wurden dabei vom Hausschlosser entdeckt und an die Gestapo ausgeliefert. Ein aufgefundener handschriftlicher Flugblattentwurf führte auch zur Verhaftung des Medizinstudenten Christoph Probst. Bereits am 22. Februar 1943 wurden die drei Studenten zum Tode verurteilt und mit dem Fallbeil im Gefängnis München-Stadelheim ermordet.

Zu den Pionieren in Israel, die sich schon vor Jahren mit dem Thema beschäftigt haben, gehört Janina Altman. Sie veröffentlichte ein Buch auf Hebräisch über die Weiße Rose und hat auch bei der Gestaltung der Ausstellung mitgewirkt. Dass diese nun aber auch noch an einem so symbolträchtigen Ort wie dem Ghetto Fighters’ House gezeigt wird, verdeutlicht aus der Sicht des israelischen Historikers Moshe Zimmermann einen generellen Wandel. „Israelis interessieren sich heute für die Einstellung der Deutschen im Dritten Reich, auch jenseits des jüdischen Themas.“ Dabei spiele die Neugier eine Rolle, verstehen zu wollen, was auf der anderen Seite passiert sei, ebenso wie eine Tendenz, die im Übrigen auch für andere Länder gelte, ein Gegengewicht zu den Tätern finden zu wollen. „Die Widerstandskämpfer machen es möglich, mit den Deutschen ein normales Verhältnis zu haben und ins Gespräch zu kommen.“

Mehrere Workshops sind nun im Ghetto Fighters House geplant, das einst 1949 von Überlebenden des Warschauer Ghettos mitbegründet wurde. Im Unterricht über den Holocaust verfolgt dessen Bildungsabteilung einen humanistischen Ansatz mit universalistischem Ausblick. Dem Leiter, Yariv Lapid, erscheint es deshalb nur natürlich, dieses Thema mit ins Programm aufzunehmen. Bei der Weißen Rose handle es sich um „junge Leute in einer extremen Situation, die alles verlieren, weil sie tun, was sie für richtig halten und dabei gegen den Strom schwimmen“.

Die Ausstellung läuft seit 15. November 2015.

Ghetto Fighters  House Museum
Weiße-Rose-Stiftung

Zuerst erschienen: de50il.org, 19.11.2015