Ein Chamäleon feiert Geburtstag

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Am 8. Mai 2014 würde Roman Katsev, besser bekannt als Romain Gary, hundert Jahre alt werden. Er war einer der Besten, wenn nicht sogar der beste Schriftsteller, den es je gab. Grund genug, ihn zu seinem 100. Geburtstag zu würdigen…

„Avantgardisten sind Leute, die nicht genau wissen, wo sie hinwollen, aber als erste da sind.“‘
Romain Gary

Von Ramona Ambs

Roman Katsev war ein literarisches Chamäleon. Vor hundert Jahren in Wilna geboren, in Warschau und Nizza aufgewachsen, verfasste er zahlreiche wunderbare Bücher, jedes Einzelene ein Meisterwerk! Er publizierte sie unter den Namen Emile Ajar, Romain Gary, Fosco Sinibaldi, Rene Deville, Shatan Bogat und Lucien Brulard. Es waren Sachbücher, Romane, Kurzgeschichten, Drehbücher, Theaterstücke, Erzählungen und Kurzgeschichten. Er schrieb in Französisch und Englisch, sprach überdies Russisch und Polnisch, arbeitete als Regieseur, Pilot, Diplomat, Konsul, Journalist und Übersetzer. Er hat mit seinem Versteckspiel der Identitäten den französischen Literaturbetrieb genarrt und zweimal den Prix Goncourt gewonnen. Er lebte hundert verschiedene Leben, an hunderten Orten und hatte unendlich viel zu sagen … – trotzdem kennt man ihn heutzutage in Deutschland kaum.

In einem Interview sagte er einmal über sich: „Ich denke oft an die Geschichte vom Chamäleon, das die Farbe seiner Umgebung annimmt, um sich zu schützen. Also setzt man das Chamäleon auf einen roten Teppich so wird es rot. Man setzt es auf einen grünen Teppich und es wird grün. Man setzt es auf einen blauen Teppich und es wird blau. Und dann setzt man es auf einen Teppich mit Schottenmuster und das Chamäleon wird verrückt. Nun, und ich frage mich, warum ich nicht verrückt geworden bin.“

Und wenn man sich Katsevs Leben anschaut ist diese Frage auch mehr als berechtigt. Viele seiner unglücklichen Erfahrungen hat er literarisch verarbeitet. Aber auch vieles, was ihm politisch mißfiel. So hat er beispielsweise in der Erzählung „Der weiße Hund von Beverly Hills“ die Rassenkonflikte in den USA angeprangert, nachdem ihm ein deutscher Schäferhund zulief, der sich, als ein zum Angriff auf
Schwarze dressierter Polizeihund, erwies…

Aber auch mit dem Schrecken der Shoa beschäftigt sich Katsev immer wieder. Fasziniert von der Figur des Dibbuk erschuf Katsev seinen eigenen kleinen Geist. In „Der Tanz des Dschingis Cohn“ lässt Katsev den kleinen jüdischen Komiker Moische aus dem Berliner Kabarett Schwarze Schikse, nach dessen Ermordung 1944 durch die SS, in eben jenen SS-Offizier Schatz einziehen, der ihn ermordet hatte. Der Tanz des Dschingis Cohn ist die vermutlich subtilste literarische Abrechnung mit dem Antisemitismus.

Katsev scheute sich nicht Skurriles und Ernsthaftes zu verbinden, inhaltlich, aber auch sprachlich: Seine Erzählung „Außer Atem“ beispielsweise beginnt wie folgt: „Gleich zu Beginn eine Warnung an den
französischen Leser: es gibt im Französischen keine Entsprechung für den amerikanischen Ausdruck motherfucker. Ich habe darüber mit meinem Freund Edmond Glenn gesprochen, einem der größten Experten in Sachen Kulturaustausch, und wir sind übereingekommen, daß es einigermaßen unmöglich ist, im Französischen Wörter wie motherfucker, cockfed und so weiter wiederzugeben, die heutzutage unerläßlich sind, wenn man sich der amerikanischen Literatur und Jugend erfreuen will….“

Sein wohl berühmtestes Buch „Du hast das Leben noch vor Dir“ handelt von Madame Rosa, einer alten jüdischen Prostituierten, die sich nun um verschiedene Kinder kümmert, die bei ihr landen. Erzählt wird das Buch aus der Sicht des kleinen Mohamed: “Ich kann Ihnen gleich schon als erstes sagen, dass wir zu Fuß im sechsten Stock gewohnt haben, und dass das für Madame Rosa bei all den Kilos, die sie mit sich herumschleppte, und nur zwei Beinen ein richtiger Grund für ein Alltagsleben war, mit allen Sorgen und Mühen. (…) Ich kann Ihnen gleich schon zu Anfang sagen, dass sie eine Frau war, die einen Aufzug verdient hätte.“ Das Buch wurde ebenso wie der Tanz des Dschingis Cohn verfilmt.

Ein Buch, das bisher leider noch nicht verfilmt wurde, obwohl ich Ihnen sagen kann, dass es das verdient hätte, ist “König Salomons Ängste“: „Alle Welt erinnert sich an die berühmten Männer, und niemand kümmert sich um die Leute, die nichts gewesen sind, die aber geliebt, gehofft und gelitten haben (…) und eigentlich ist schon dieser Ausdruck „die nichts gewesen sind“ gemein, wahr und unerträglich. Ich kann ihn im Maße meiner bescheidenen Mittel nicht hinnehmen!“ erklärt Monsieur Salomon seinem Fahrer, als dieser ihn fragt, weshalb er alte Postkarten-Adressen abfährt, die er immer wieder auf Flohmärkten kauft. Er fährt zu diesen Adressen, legt Blumen nieder und erinnert damit an den unbedeutenden Verfasser jener Zeilen auf der Postkarte. Er erinnert und ehrt damit all jene, die „nichts waren“ und eben doch alles…. Auf diese Weise protestiert er gegen das Vergessen der einfachen Leute, gegen die Vergänglichkeit des Lebens. „Er gestikuliert, das ist alles“ kommentiert ein anderer Protagonist Salomons Verhalten: „Er gestikuliert, es ist als würde er die Faust schütteln und Zeichen geben, daß es ungerecht ist, alles vergehen zu lassen, alles dahinzuraffen (…) Du wirst den Alten so lange nicht verstehen, wie du nicht weißt, daß er ein ganz persönliches Verhältnis zu seinem Jehova hat. Sie diskutieren miteinander, sie beschimpfen sich. Das ist sehr biblisch bei ihm. Die Christen gehen bei ihrem Verhältnis zu Gott nie bis zur Beschimpfung. Die Juden hingegen ja. Sie machen ihm eine häusliche Szene.“

Roman Katsev nahm sich am 2. Dezember 1980 in Paris das Leben. Da er geliebt, gehofft und gelitten hat, hat er verdient, niemals vergessen zu werden. Deshalb sollte man am 8. Mai 2014 an ihn denken. Sein hundertster Geburtstag! Er war das bunteste Chamäleon der Literatur! Das Lesenswerteste! Und das Liebenswerteste.

Mazal tov, Roman!

Fernsehtipp:

Fr, 9. Mai • 20:15-21:51 • arte
Du hast das Leben noch vor Dir

Madame Rosa lebt zusammen mit ihren Waisenkindern im Pariser Stadtteil Belleville, im Jahr 1975. Der 14-jährige Mohammed, Momo genannt, ist eines der Kinder, die von der ehemaligen Prostituierten, die Auschwitz überlebt hat, versorgt werden. Preisgekrönte Literaturverfilmung auf Grundlage eines Romans von Romain Gary.
ein schöner Artikel zu seinem Werk (deutsch)

Linktipps:

Ein schöner Artikel zu seinem Werk (deutsch), http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/articleCTMQ8-1.15855
Ein Film über Romain Gary (französisch): http://youtu.be/pQRPIS6iiPU