Paschatalk

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Neulich, kurz vor Pessach…

Von Ramona Ambs

«Hallo Ramona!» begrüßt mich meine junge Nachbarin Sabrina, die sechs Häuser weiter in einer Studi-WG wohnt. «Hallo» sag ich, nur mäßig freundlich, denn ich komme grade aus dem Einkaufscenter, habe zwei schwere Tüten am Arm und will möglichst direkt nach Hause. Aber Sabrina hat andere Pläne: «Ich wollte dich einladen zu unserem Paschafest!». Sie strahlt mich an. Ich kann nie lange unfreundlich sein und bin außerdem neugierig: «Paschafest? Was ist denn das?» «Na, das Fest, was Ihr Juden jetzt doch feiert?» Ich brauch eine Weile um zu kapieren: «Du meinst Pessach?» «Ach, so heisst das auf jüdisch?» fragt sie erstaunt. Ich seufze, sie fährt fort: «Ja, jedenfalls bin ich ja in der evangelischen Studentengemeinde und wir hatten uns überlegt das wir auch mal Pasch, also Peschach feiern wollten.» «Aha» sag ich und meine Neugierde auf das Paschafest ist bereits gestillt, aber Sabrinas Enthusiasmus nicht: «Ich dachte, es sei gut eine echte Jüdin dabei zu haben und wir würden uns sehr freuen, wenn du zu unserem Seder kommen würdest!»

Ich lächle: «Das ist wirklich sehr nett von Euch, aber Pessach feiere ich dann doch lieber zuhause mit meiner Familie.» «Ja klar, aber wir feiern erst am Donnerstag Abend nächste Woche, weil ja von uns viele auch nach Hause fahren über Ostern und da haben wir das Peschachfest einfach nach hinten verlegt.» «Warum habt Ihr nicht einfach Ostern verlegt?» frag ich und vermute stark, dass sie mir das nun übel nehmen wird… Tut sie aber nicht, stattdessen spricht sie einfach weiter: «Wir haben ja den Interkulturellen Kalender bei uns hängen und eigentlich wär ja genug Zeit vorher, aber es fahren halt doch einige schon früher nachhause und außerdem ist das doch praktisch, weil so kannst du ja vielleicht doch auch vorbeikommen?»

Meine Tüten am Arm werden schwer und ich denke an das Schokoladeneis, dass bestimmt schon anfängt vor sich hin zu schmelzen… also sag ich: «danke für das Angebot, aber länger als unbedingt nötig mag ich keine Mazzen essen.» Ich bin zufrieden mit meiner Absage. Sie nicht.

«Na, du musst ja auch keine Mazzen essen, wir haben eh überlegt, das wir vielleicht Knäckebrot dazu nehmen, weil das einfacher zu besorgen ist, aber der Joshua meint, er bringt eine Packung echte Mazzen aus Israel mit, der fährt nämlich über Ostern nach Jerusalem. Aber eine Packung reicht ja dann nicht für alle, aber das ist natürlich trotzdem cool und ich dachte halt, es wär sehr nett und du könntest uns was dazu erzählen. Wir haben einen Hagaddah..» Ich unterbreche sie: «eine Haggadah» «Ja, genau, eine Haggadah und die wollen wir lesen und die Sachen, die man so isst haben wir schon als Rezept ausgedruckt aus dem Internet, aber falls wir was nicht verstehen, dacht ich halt..«

Ich unterbreche sie nochmal, weil nämlich mein Arm gleich abfällt. «Es ist wirklich nett, dass Ihr mich dabei haben wollt, aber ich bin für sowas nicht zu haben. So religiös bin ich dann auch wieder nicht.» «Achso? Ich dachte, weil du ja immer die Meschuga küsst, wenn du heimgehst…» Das amüsiert mich jetzt. Ich überlege kurz, ob ich ihr erklären soll, das das Ding Mesusa heist und das die Meschuggenen sich mehrheitlich außerhalb meines Hauses befinden und sich dort offenbar darüber unterhalten, dass Ramona den Türrahmen knutscht, wenn sie nach hause kommt… Aber ich finde, sie hat für heute genug Vokabeln gelernt. Und ich finde, dass mein Eis nun wirklich ins Gefrierfach muss.

Deshalb sag ich ihr freundlich, wo sie noch mehr Infos findet (bei haGalil 🙂 und wünsche ihr fröhliche Ostern. Sie bedankt sich und trottet davon. Aber dann dreht sie sich nochmal um: «Dir auch ein frohes Paschafest!»…

1 Kommentar

  1. Interkulturelle Aspekte

    Mah nischtanah haLajlah haseh?
    Nichtjuden am Sedertisch

    Die Pessachzeit ist wieder einmal in allernächster Nähe. Die Wohnung ist fast fertig geputzt, die Einladungen zum Seder sind verschickt und man ist dabei, das Menü für den ersten Abend zusammenzustellen. Man denkt an Familie X., die gute nichtjüdische Bekannte sind…

    Blick nach Samaria / Schomron:
    Pesach bei den Nachbarn

    Die Feier von Pessach mit dem Seder-Abend ist wohl der Höhepunkt des gottesdienstlichen jüdischen Jahres. Dass es sich dabei um ein Wallfahrtsfest handelt, ist seit der Zerstörung des Heiligtums in Jerusalem in den Hintergrund getreten…

    Pessach und Ostern:
    Zu den jüdischen Wurzeln des christlichen Pascha

    Das jüdische Pessach-Fest und das christliche Pascha-Fest (griechische Sprachform aus dem Aramäischen) haben gemeinsame Wurzeln…

    Christlich-jüdische Zusammenarbeit:
    Pessach im christlichen Religionsunterricht

    In den letzten Jahren gibt es immer mehr christliche Gemeinden oder Gruppen, die „Pessach-Feiern“ veranstalten. Auch im Religionsunterricht greift diese Praxis um sich…

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