Was geht und was nun gar nicht mehr geht

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Ein Abschiedsbrief an die Graswurzelrevolution

Von Torsten Schulz

Über einen Zeitraum von 16 Jahren habe ich in loser Folge Beiträge für die Graswurzelrevolution verfasst. Hier waren Berichte von mir zu lesen, politische Kommentare, eine Filmkritik, und den Reaktionen nach zu urteilen hat das eine oder andere der einen oder dem anderen sogar gefallen. Angefangen hatte die Zusammenarbeit, als ich Vorsitzender des AStA der FH Münster war. Einer unserer Professoren hatte die Israelitische Kultusgemeinde Wien und ihren Redakteur Karl Pfeifer mit zwei haarsträubenden Prozess-Serien überzogen, um Kritik an seiner Wahnvorstellung einer 2000-jährigen Verschwörung jüdisch dominierter „Internationalisten“ gegen den Nationalstaat zum Schweigen zu bringen. Als Karl, inzwischen ein guter Freund, 2013 seine Jugenderinnerungen unter dem Titel Einmal Palästina und zurück veröffentlichte, schien es mir denkbar naheliegend, mit einer Rezension an diese Geschichte anzuknüpfen. Da mir zeitgleich Yoram Kaniuks Roman 1948 in die Händen fiel, bot es sich an, angesichts der Parallelen wie der Unterschiede einen Vergleich ziehen (Karls Buch fand ich brauchbarer, soviel sei verraten).

Ergebnis: ich darf jetzt gar nicht mehr für die GWR schreiben. Ein Herausgeber, der mir als „X“ vorgestellt wurde, hat sein Veto eingelegt. Gegen meine Rezension und alles weitere, was ich fürderhin in Textform bringe. Als „höchstes Zugeständnis“ soll ich noch „einen Artikel zu Ungarn schreiben“ dürfen, sonst nichts mehr. Mit einem halben Jahr Verspätung erfahre ich immerhin, was meine Verfehlung ist: referentielles Anti-Deutschtum. Ich habe „etwa Thomas Schmidinger ganz positiv und völlig unkritisch erwähnt“, der soll sich wiederum positiv über den israelischen Sperrzaun ausgelassen haben. Auch berichte ich „völlig unkritisch, ja positiv über militaristische Organisationen“. Eine heisst Palyam. Der Erzähler von 1948 hat sich zur Marine des Palmach gemeldet, um Überlebende der Shoah aus Seenot zu retten, dazu kommt es aber nicht. Und nun?

Der Vorwurf ist so böswillig wie verschroben. Die Tätigkeit des Palyam bestand tatsächlich ganz überwiegend darin, Überlebende an Land zu holen bzw. deren Deportation durch die britische Mandatsmacht zu sabotieren. Wenn X etwas daran kritisiert sehen möchte, muss er das selbst übernehmen. Mir fehlt dazu, das ist schon richtig beobachtet, der passende „Ansatz“. Es dürfte im übrigen schwer fallen, im deutschsprachigen Raum, der nicht eben ein einziger Fanclub zionistischer Paramilitärs ist, eine zweite Stimme zu finden, die in Yoram Kaniuks Roman Kriegsverherrlichung entdecken konnte. Das Buch nicht gelesen zu haben hilft dabei sicher, aber taugt das als Argument, seine Erwähnung zu unterbinden? Offenbar sehr gut.

Hätte X sich die Mühe gemacht, das Ergebnis der Rezension nachzuvollziehen, statt sie nach Belastungsmaterial zu flöhen, hätte er bemerken können, dass 1948 darin gar nicht das Positivbild  abgab, das er mir zur Last legt. Ein Staatsanwalt würde sich blamieren, eine Anklage auf eine solche Grundlage zu bauen. Womöglich wäre er sich dafür auch zu schade. „Im Detail“ bzw. eigentlich en gros bemängelt X meinen fehlenden „gewaltfrei-anarchistischen Standpunkt“: „Militär ist gut, wenn es guten Zwecken dient. Nein!“ nein? Ein Vierteljahr bevor er den Stab über mich brach hatte er sich selbst einer brandheißen Neuerscheinung gewidmet: Orwells Mein Katalonien in der Analyse von Louis Gill. Dafür nahm er sich fast so viel Platz, wie er bei mir für zwei Bücher „viel zu lang“ findet, und gebrauchte dabei ganz ähnliche Begriffe: Spanienkämpfer oder schlicht Kämpfer, auch mal Fronteinsätze oder POUM-Milizen.

X kritisiert diese nirgends, allenfalls einen „Miliz-Mythos“, nicht den Gebrauch der Waffen, vielmehr „die Monopolisierung der sowjetischen Waffenlieferungen“, d.h. dass bei der von ihm favorisierten POUM wenig davon ankam. Nach den moralischen Grundsätzen, die er gegen mich in Stellung bringt, müsste er das eigentlich begrüßen. Nicht ich bin es doch, der behauptet, der Palmach wäre großartig gewesen, die POUM dagegen verdammenswert, Krieg an sich eine super Sache, nur der Versuch, die Falange aufzuhalten, daneben – respektive umgekehrt – sondern er! Ich habe auch nicht „alle möglichen zionistischen Organisationen vermischt“, ich habe einzelne einander gegenübergestellt. Offenbar stört es das antizionistische Weltbild so sehr, dass sie auf diese Weise wieder zusammengeschmissen werden müssen.

(Für mich) Anonyme Anwürfe, die gezielte Verbreitung diskretierender Unwahrheiten – von zwei Leserbriefen zu Libyen und Mali, in denen ich „imperialistische Militärintervention legitimiert“ haben soll, hab ich einen nicht einmal geschrieben – pauschales Absprechen der Kompetenz, absichtliche intellektuelle Unterforderung, Festlegen auf Nischentätigkeiten, solche Mechanismen werden in der kapitalistischen Arbeitswelt zunehmend unter dem Schlagwort „Mobbing“ problematisiert. Dass sich „Libertäre“ bemühen, dahinter wenigstens nicht zurückzufallen, wäre eigentlich eine ganz angemessene Idee. Klar: ich muss mir hier nicht die Miete verdienen. Bloß gut auch.

Zwischenzeitlich ist längst die Besprechung einer anderen Biographie erschienen. In diesem Fall selbstredend einer Ikone der Gewaltlosigkeit: Ulrike Meinhof. Keine vier Wochen nach ihrer erwähnteTeilnahme an der Befreiung Andreas Baaders sprach sie der Journalistin Ray-Gavras auf Band, was tunlichst nicht erwähnt wird: „der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden. Denn wir haben nicht das Problem, daß das Menschen sind“ Gezielte Entmenschlichung der Fußtruppen des politischen Gegners zum Abbau der Tötungshemmung? Doch nicht von Ulrike, die „nur mit aus dem Fenster sprang“!

Es ist also durchaus akzeptabel, Meinhofs Rolle beim Zustandekommen der RAF zu verharmlosen und mit keinem Wort die Rohrbomben zu erwähnen, die zwei Jahre später die Angestellten im Satz des Springer-Verlags trafen. Unzulässig ist es, eine Biographie zu rezensieren, die überwiegend im Zeitraum 1933-45 spielt, ohne dass dabei die Bestrebungen zur Gründung eines jüdischen Staates in pejorativer Weise dargestellt würden, womit X „Kritik“ durchgängig verwechselt.

Es geht völlig in Ordnung, die Kolumnen der konkret-Redakteurin zu loben, dabei die idealtypische Täter-Opfer-Umkehr zu unterschlagen, die Meinhof anlässlich des Olympia-Attentats an den Tag legte, indem sie unterstellte, die von ihren palästinensischen Wunschverbündeten ermordeten Sportler hätten „Israels Nazi-Faschismus“ und sein „Himmler“ Moshe Dayan „verheizt wie die Nazis die Juden“. Unmöglich ist es, ein Buch zu besprechen, an dessen Vorwort ein Autor mitgewirkt hat, der X als „Hardcore-Antideutscher“ gilt – anderen wieder als „Mufti des Marxismus“, diese Klebe-Etiketten werden nur in XXL fabriziert – sofern dieser dabei anders als schlecht wegkommt.

Zu einem Blatt, das diese bezeichnenden Standards pflegt, mag ich nichts Konstruktives mehr beitragen. Das Angebot, dass ich hier noch „als jemand, der Antisemitismus ernst nimmt“ die Geschichtsrevision da anprangere, wo man bereit ist, sie wahrzunehmen – schön weit weg, bei völkisch grundierten Konservativen an der Peripherie der EU, in Ungarn halt – muss ich ausschlagen. Mein Schaffen hier endet also aus ganz ähnlichem Anlass wie es begonnen hat. Meinen langjährigen Leserinnen und Lesern wünsche ich viel Vergnügen mit dem, was noch kommen mag. Kann ja sein, dass manche ihre Lektüre künftig deutlich eingängiger finden.

4 Kommentare

  1. Vor einem Dutzend Jahre gab es mal einen Artikel von Torsten Schulz, der sich tatsächlich im Internet wiederfindet: http://www.mund.at/archiv/mai2/aussendung010502.htm#07 und in dem er der offenen Plattform Indymedia die Leviten liest, jedenfalls in Bezug auf ihre – damaligen – Beiträge zu Israel bzw. die zugehörige Moderation, die sie zuließ. Scharfschneidig.

    Immerhin hat sich seit damals auf „indy“ (dem deutschen) einiges geändert. Negatives zu Israel findet keine lange Bleibe. Bestimmt auch Schulz‘ Verdienst. Und indymedia palestine hat es seit damals noch nicht so richtig geschafft, wieder ins worldwide net zu kommen: http://www.indymedia.org/en/static/palestine .

    Und sogar „konkret“ ist nicht mehr, was es mal war.

    Die Welt ist lernwillig, so scheints.

    Es gibt ja noch andere Plattformen als GWR. Obwohl es gute Ansätze*) bietet. Aber „Berufsverbote“ (Schreibverbote) verhängen?

    *) Dieser in der jetzigen online-Ausgabe der GWR zu findende Artikel: http://www.graswurzel.net/384/valls.shtml hätte auch hier erscheinen können.

    • efem Meinen Sie die Wiederholung von antisemitischen Stereotypen in Bezug auf Israel wäre „Negatives zu Israel“?
      Israel ist ein Staat und als solcher natürlich kein Paradies auf Erden und hier auf hagalil findet sich auch Kritik am Staat Israel und das ist gut so.
      Was aber nicht toleriert werden soll, ist, wenn Israel mit Nazideutschland gleichgesetzt wird. Wenn Israel mit einem anderen Maßstab gemessen wird als andere demokratische Staaten.

      • Objektive, berechtigte Kritik an Israels Politik, so sich jemand dazu berufen fühlt, ist mit meiner Kurzformel „Negatives zu Israel“ nicht gemeint.

        Sondern all das, was versucht, dem also evtl. durchaus kritisierbaren Staat die Eigenschaft demokratische Institution abzusprechen in Richtung militär- und polizeibestimmtes Repressionsorgan gegenüber seinen einseitig glorifizierend dargestellten Widersachern. Antisemitismus muss dabei keine Rolle spielen.

        Anders: wenn ein Staat „mit Nazideutschland gleichgesetzt“ werden sollte, was aber wegen der Komplexität der ehemaligen NS-Diktatur immer abwegig und als sie verharmlosend rüberkommen muss, so bräuchte es dafür nicht des Antisemitismus. Das könnte bestimmten anderen Staaten genauso passieren wie Israel. Auch die BRD durfte sich sowas schon anhören zur Zeit des Kalten Krieges.

        Die derzeitige Indymedia-Moderation hat ein feines Gespür für Diskriminierungsversuche gegenüber Israel (wie meist auch gegenüber anderen Staaten) und lässt ihnen keinen Raum.

    • Ich zerstöre ungern Illusionen, aber „Snowman“, der die von Ihnen so gelobte Brandrede gegen Manuel Valls und die PS verzapft hat, ist eben jener „X“ alias „Brother John“ alias „S.Tachelschwein“ – morgen wieder anders – der qua seines Status als Mitherausgeber der Graswurzelrevolution regelmäßig doppelseitige Bleiwüsten mit seinen Ressentiments vollmachen kann, mir aber unbedingt den Mund verbieten wollte.

      Auch hier liegt er wieder vollkommen neben der Spur, wenn er z.B. die rassistische Bananen-Anspielung gegen Christiane Taubira, die Justizministerin „guayanischer Herkunft“(als ob es in diesem Zusammenhang irgendeine Bedeutung hätte, dass sie nicht in der Ile-de-France geboren ist…), erstens bei einem Mädchen von zwölf verortet und zweitens ausgerechnet auf „Propaganda und Praxis der Regierung Hollande-Valls“ zurückführt.

      Offenbar hat er nie davon gehört, wo der Slogan „y a bon Banania – y a pas bon Taubira“ gemünzt wurde: in der extrem rechten katholischen Civitas, und wo er bereitwillige Aufnahme fand: beim Front National und bei der konservativen UMP. Nicht unbedingt aus Begeisterung über die rassistische Praxis der Regierung.

      Was diesen „Snowman“ motiviert, sich in einem deutschsprachigen Medium trotz manifester Unkenntnis fortwährend an der französischen Regierungskoalition abzuarbeiten (oder auch an „kriegslüsternen“ Israelis, rassistischen Schwarzen in Mali, oder, oder…) wäre sicher ein interessanter Untersuchungsgegenstand. Ob solcherlei Obsessionen „auch hier erscheinen können“, mögen andere beurteilen. Ich jedenfalls würde es vorziehen, dass sie da verbleiben, wo sie sich nun leider schon haben durchsetzen können.

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