Kriegstreiber, Volksverhetzer und Menschenfeind: Kronprinz Rupprecht von Bayern

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In vorangegangenen Beiträgen wurden Rassismus und Frauenfeindlichkeit sowie Antisemitismus des langjährigen Oberhauptes der bayerischen Dynastie der Wittelsbacher, des Kronprinzen Rupprecht, anhand von Zitaten aus dessen Reiseerinnerungen nachgewiesen. Es ist daher nur konsequent auch dessen Kriegstagebücher einmal auf Hinweise nach Menschenfeindlichkeit hin zu untersuchen. Dies ist vor allem deshalb von Interesse, weil der Kronprinz lange Jahre über der Verantwortung für diverse Kriegsverbrechen geziehen wurde…

Von S. W. Dräxelmayr

Nur sehr wenige der zahlreichen Würdigungen des Lebensweges des langjährigen Thronprätendenten Rupprecht von Bayern (1869-1955) gehen näher auf die Anschuldigungen, Kriegsverbrechen begangen zu haben, ein. Bereits während des Ersten Weltkrieges, und noch einige Jahre danach, waren solche Bezichtigungen gegen den obersten Feldherrn der Bayern erhoben worden. Doch ist es seitdem heimischen Chronisten und Geschichtsschreibern stets ein inniges Anliegen gewesen, das Ansehen der Krone, an der bis in die Gegenwart zahlreiche bayerische Herzen mit Stolz, Naivität und Unverstand hängen, hoch zu halten und Zweifel oder Kritik, mögen letztere auch noch so berechtigt gewesen sein, abzublocken.

Folgende Verbrechen wurden Rupprecht von Bayern als dem obersten militärischen, und somit für seinen Frontabschnitt verantwortlichen, Kriegsherrn zur Last gelegt:

–          Tötung von Bewohnern umkämpfter oder besetzter Städte

–          Tötung von Kriegsgefangenen

–          Schändung, Plünderung und Brandschatzung besetzter Orte und Städte

–          Aushungerung und Deportation von Bewohnern belagerter oder besetzter Ortschaften

–          Diebstahl von Sachwerten, Geld und Gold

–          Mutwillige Zerstörung von Wäldern und landwirtschaftlichen Anbauflächen

–          Ausführung von Zerstörungsbefehlen über Städte und kulturelle Monumente

–          Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung

–          Grausamkeiten gegen Kriegsgefangene

–          Einsatz von geächteten Waffen (Dum-Dum-Geschoße etc.)

Zuletzt hat der mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Heimathistoriker Dieter J. Weiß die Anschuldigungen gegen den Kronprinzen aufgegriffen (Dieter J. Weiß, Kronprinz Rupprecht von Bayern, Regensburg 2007, S. 174-178), ohne freilich den Mut besessen zu haben aus der Reihe der bisherigen Apologeten des Wittelsbachers auszuscheren und so liest man bei ihm die gleichen Wendungen, die entschulden und eventuelle Zweifel an der Integrität des Kronprinzen ausräumen sollen wie in der früheren Literatur. Jedoch ändern sich allmählich die Zeiten; besonders das Internet ermöglicht es engagierten Bürgern die Versäumnisse der professionellen Geschichtsschreiber anzuprangern und längst überfällige, Erkenntnisse u.a. bei Wikipedia, publik zu machen.

Rupprecht von Bayern hat selbst dafür gesorgt, dass Zeitgenossen ebenso wie Nachgeborene sein Wirken im Ersten Weltkrieg aus seiner eigenen Perspektive nachvollziehen konnten und können.

In relativ hoher Auflage gedruckt und heute noch antiquarisch ohne Schwierigkeiten erhältlich bzw. über Fernleihe von nahezu jeder deutschen Stadtbibliothek abrufbar, liegt das Kriegsmemoirenwerk des bayerischen Dynasten vor, das allerdings bisher vergeblich darauf warten musste, umfassend wissenschaftlich untersucht zu werden (Kronprinz Rupprecht von Bayern, Mein Kriegstagebuch, (Hg.) Eugen von Frauenholz, Berlin 1929, drei Bände).

Dieses Werk, mit mehr als zehnjährigem zeitlichem Abstand zu den Geschehnissen und ausschließlich in der Absicht, die erhobenen schweren Beschuldigungen zu widerlegen, verfasst, versucht Verdachtsmomente anhand von Dokumenten vielfältiger Art zu widerlegen und den Kronprinzen reinzuwaschen. Dennoch blieb, sozusagen, am Rande, noch reichlich bezeichnendes Material übrig, das nach Themen geordnet und in chronologische Reihenfolge gebracht, der gehegten Intention vielfach widerspricht.

Als musterhaft für die argumentative Verteidigung Rupprechts in seinem „Kriegstagebuch“ kann dessen, auf den ersten Blick von humanistischen Beweggründen getragene, Ächtung des Luftkrieges angesehen werden. Jedoch, wenn der bayerische Kronprinz sich mehrfach gegen eine Bombardierung Londons aussprach, so geschah dies einzig in der Einsicht, dass die britischen Kampfflugzeuge, wie Rupprecht mehrfach sich persönlich hatte überzeugen können, den deutschen Flugzeugen überlegen waren. Zudem verfügten Briten, Belgier, Franzosen und Amerikaner zusammen über weit mehr Flugzeuge als die Mittelmächte. Eine Bombardierung Londons durch Deutsche hätte diesen in Form von umso folgenreicheren Vergeltungsangriffen durch Kampfmaschinen, denen nur schwer beizukommen gewesen wäre, also tatsächlich mehr schaden müssen als eine vordergründige Befriedigung von Rachegefühlen scheinbaren Nutzen gebracht hätte. In anderen Bereichen der Kriegsführung, in denen sich Deutsche ihren Gegnern zeitweilig überlegen fühlen konnten, wie etwa im Gaskrieg oder beim unbeschränkten U-Bootkrieg, setzte sich Rupprecht keineswegs derart mäßigend ein, wie er es im Luftkrieg getan hat.

Beachtung verdient außerdem die Tatsache, dass Rupprecht noch bis weit ins letzte Kriegsjahr 1918 hinein seine aggressive Rhetorik nicht mäßigte und, sozusagen bis zum bitteren Ende, seine Soldaten in die Schlacht peitschte.

Bisweilen peinlich wirkende Standesdünkel, der omnipräsente Antisemitismus und bayerische Selbstüberschätzung sind ebenfalls charakteristisch für die Aussagen des Wittelbachers.

Gleich das erste Zitat zur Kriegsführung gegenüber den Briten, das Rupprecht bei seiner Wiedergabe hier im Kriegstagebuch ganz bewusst sowohl verkürzt als auch verharmlost wiedergibt, belegt, dass der ihm gegenüber erhobene Vorwurf als Volksverhetzer hervorgetreten zu sein, nicht einer gewissen Grundlage entbehrt.

Auf einem ganz anderen, und bisher bedauerlicherweise unberücksichtigt gebliebenen, Blatt stehen diejenigen Kriegsverbrechen, die der Kronprinz Rupprecht gegen sein eigenes Volk, gegen seine Bayern begangen hat. Indem er als ranghöchster militärischer Befehlshaber Tausende und Abertausende bayerischer, christlicher wie jüdischer, Landsleute in einen ebenso wohlbedachten wie sinnlosen Tod schickte („für Gott und Bayern!“), indem er sie in Gefechte führte, die unter Anlegung eines gesunden Menschenverstandes niemals hätten „erfolgreich“ ausgehen können, denn die Kräfteverhältnisse standen von Anfang an fest, hat er das schwerste aller seiner Kriegsverbrechen begangen.

Die Anzahl der im Ersten Weltkrieg getöteten Bayern wird auf um 200 000 veranschlagt, das sind mehr Menschen als heute im gesamten Landkreis Regensburg leben.

Anhand ausgewählter Zitate aus dem Kriegstagebuch des Kronprinzen, soll dessen Einstellung gegenüber Gegnern und Verbündeten sowie dessen Haltung zu bestimmten die Kriegsführung betreffenden Einzelthemen deutlich werden.

Der ‚standesgemäße‘ Gegner, die Briten

„Soldaten der 6. Armee! Wir haben nun das Glück, auch die Engländer vor unserer Front zu haben, die Truppen dieses Volkes, dessen Neid seit Jahren an der Arbeit war, uns mit einem Ring von Feinden zu umgeben, um uns zu erdrosseln. Darum, wenn es jetzt gegen diesen Feind geht, übt Vergeltung für die feindselige Hinterlist, für so viele schwere Opfer. Zeigt ihnen, daß die Deutschen nicht so leicht aus der Weltgeschichte zu streichen sind, zeigt ihnen das durch deutsche Hiebe von ganz besonderer Art! Hier ist der Gegner, der der Wiederherstellung des Friedens am meisten im Wege steht. Drauf! – Rupprecht Kronprinz von Bayern“ (Armeetagesbefehl, 19.10.1914, Bd. III, S. 57f)

„Wiederum ereignete es sich, daß zahlreiche Engländer niedergemacht wurden, weil, nachdem die Mehrzahl von ihnen die Hände zum Zeichen der Ergebung in die Höhe gestreckt hatten, andere wieder zu feuern begannen, was unsere Leute außerordentlich erbitterte, die dies Verhalten für eine heimtückische Kriegslist ansahen. Das Hochheben der Hände und nachherige Feuern unserer Gegner ist in weitaus den meisten Fällen sicher nicht als Kriegslist zu erklären. Die Sache verhält sich viel einfacher: Die Feigen erheben die Hände, die Tapferen hingegen feuern nach kurzem Besinnen weiter, und die Feigen folgen ihrem Beispiele, da sie befürchten, sonst sicher getötet zu werden.“ (22.10.1914, Bd. I, S. 227)

„Als eine Kompanie dieser Div(ision) an einen feindlichen Schützengraben herangelangte, hoben 130 darin befindliche Engländer die Hände hoch. Im Augenblick, als jedoch die Bayern den Schützengraben betraten, erschoß ein Engländer ihren Hauptmann, was zur Folge hatte, daß in diesem Gefecht die über diese heimtückische Tat ergrimmten Mannschaften nun kein Pardon mehr gaben.“ (3.11.1914, Bd. I, S. 243)

„Für die Begriffe der meisten Deutschen schwer verständlich ist das Verhalten englischer Gefangener. So äußerten viele, sie begriffen nicht, warum die Deutschen einen solchen Haß gegen die Engländer hätten, sie würden ihrerseits die Deutschen nicht im mindesten hassen. Vielfach betrachten sie den Krieg als Sport. Bei uns galt ein Krieg mit Frankreich immer als eine begreifliche Sache; doch war vielen Deutschen überraschend und unverständlich, daß die Engländer die Waffen gegen uns ergriffen.“ (21.11.1914, Bd. I, S. 258)

„Die Morgenmeldung des II. bayer. A(rmee) K(orps) besagte… Die Engländer hätten sehr energisch angegriffen und ziemliche Verluste gehabt. Die vier Offiziere und 170 Mann, die gefangen wurden, seien in ein von uns unbesetztes, völlig versumpftes Stück des Schützengrabens eingedrungen und dort, zusammengedrängt, durch Werfen von Handgranaten zur Waffenstreckung gezwungen worden.“ (16.2.1915, Bd. I, S. 301)

„Ich fand mein Bild in einer englischen Zeitschrift, in der ich als der Oberhunne bezeichnet wurde, und las von einer Anfrage des Lord Crewe im englischen Parlament, ob ich den Befehl gegeben hätte, daß den Engländern kein Pardon zu geben sei, eine Frage, die seitens der Regierung mit dem Hinweis auf den Bericht eines englischen Konsuls nicht verneint wurde, der behauptete, derartiges aus dem Munde deutscher Überläufer und Gefangener vernommen zu haben.“ (18.5.1915, Bd. I, S. 361)

„Eben lese ich im Daily-Telegraph, die Losung in den englischen Schützengräben sei jetzt, möglichst viele Deutsche zu töten und den übrigen keine Ruhe zu lassen; mithin herrscht jetzt auch auf englischer Seite der Gedanke einer Ermattungsstrategie.“ (28.1.1916, Bd. I, S. 419)

„Was England betrifft, ist es nach wie vor unser hauptsächlicher und gefährlichster Gegner. Es sind noch nicht alle in England aufgestellten Truppen zum Abtransport nach dem Kontinent gekommen, und es verfügt England außer der jährlichen Rekrutierungsquote über etwa eine Million unausgebildeten Ersatzes. Die Hauptgefahr für England liegt in der Arbeiterbewegung, und diese Gefahr dürfte wachsen mit der zunehmenden Verteuerung der Lebenshaltung der arbeitenden Klassen. Die Bombenangriffe auf London sind durchaus verfehlt! Sie fordern zu Repressalien gegen deutsche Städte heraus, wobei zu beachten ist, daß unsere Gegner über mehr Flugzeuge verfügen als wir…“ (19.7.1917, Brief an den bayer. Staatsminister/Reichskanzler Graf Hertling, Bd. III, S. 16)

„Heute morgen weilte ich bei der 5. bayer. Infanterie Division, die sich am 16. bei St. Julien hervorragend bewährt hatte. Alle Offiziere, die ich sprach, hoben hervor, daß unsere treffliche Infanterie sich der englischen überlegen fühle. Bei unseren Gegenstößen hätten sich die Engländer oft kaum gewehrt, während die englischen Truppen früher selbst in flankierendem Feuer ruhig standhielten. Sogar Offiziere hätten sich mit hochgehobenen Händen niedergekniet und sich kampflos ergeben. Allgemein ist bei unserer Truppe der Wunsch, angreifen zu dürfen. So schmerzlich es jedem Soldaten ist, in der Verteidigung verharren zu müssen, ist unser Verfahren, solange wir dem Gegner keinen vernichtenden Schlag zufügen können, dennoch das Richtige, und insofern hatten gefangene Engländer nicht unrecht, die da sagten: ‚Wir Engländer sind so dumm und greifen immer an, während ihr Deutsche stehenbleibt und uns anrennen laßt.‘ Mit welchen Mitteln die Engländer arbeiten, um Zwietracht zu säen, beweist ein bei der 5. bayer. Infanterie Division von einem englischen Flieger abgeworfener Zettel, auf dem gedruckt stand: ‚Wir begrüßen euch Bayern, für die Preußen ist es hier zu heiß.‘ (25.8.1917, Bd. II, S. 249)

„Dazu kommt, daß unsere Infanterie gerade dem Engländer gegenüber sich unbedingt überlegen fühlt. Sie brennt darauf, sich mit ihm im Angriff zu messen, sie scheut die Abwehrschlacht. Setzen wir alle verfügbaren Kräfte – unter Unterordnung der Operationen auf anderen Fronten – zu dem entscheidenden Angriff ‚St. Georg‘ ein, so haben wir alle Aussicht auf einen entscheidenden Erfolg. In diesem Sinne wäre ‚St. Georg‘ eine große, in der Durchführung neue Operation im Westen.“ (20.11.1917, Bd. III, S. 237f)

„Das Armee Ober Kommando 4 klagte über die starke Überlegenheit der feindlichen Flieger, die sich doppelt unangenehm dadurch fühlbar macht, daß die Engländer nun den unseren an Schnelligkeit überlegene Kampfflugzeuge besitzen, ein Umstand, der die in der letzten Zeit sehr angewachsene Verlustzahl an Flugzeugen auf unserer Seite erklärt.“ (14.1.1918, Bd. II, S. 315)

„Ich bedauere es lebhaft, daß wir nicht die Engländer zuerst völlig erledigen durften, die meines Erachtens einem weiteren kräftigen Stoß kaum mehr standgehalten hätten, während sie sich jetzt wieder eingraben und erholen können. Hatten wir die Engländer völlig erledigt, konnten wir uns mit allen Kräften den Franzosen entgegenwerfen… Ich neige nach wie vor zur Ansicht, daß es richtiger wäre, erst noch den Engländern den Todesstoß zu versetzen, bevor man sich gegen die Franzosen wandte.“ (29.3.1918, Bd. II, S. 364)

„… allein man darf nicht übersehen, daß die Engländer zur Zeit nicht bloß physisch, sondern auch moralisch schwer erschüttert sind, und es kann sein, daß ein erneuter schwerer Schlag, der sie trifft, ihre Widerstandfähigkeit endgültig bricht. Nun ich hoffe, daß das morgige Unternehmen gelingt und vielleicht schon genügt, die Engländer ins Wanken zu bringen.“ (8.4.1918, Bd. II, S. 374)

„Es gilt jetzt vor allem, die Engländer dauernd mürbe zu machen, um so ihren endgültigen Zusammenbruch herbeizuführen.“ (12.4.1918, Bd. II, S. 379)

„Heute wurde die deutsche Antwort an (US-Präsident) Wilson veröffentlicht… Ich finde die deutsche Antwort würdig und gut, nur hätte in ihr betont werden können, daß wir durch das völkerrechtswidrige Verhalten Englands, das uns jegliche Zufuhr abschnitt, zum U-Bootkrieg und sonstigen Repressalien, wie Requisitionen von Rohstoffen im besetzten Gebiet, genötigt werden.“ (21.10.1918, Bd. II, S. 464)

Der französische Erbfeind und die mit diesem verbündeten Belgier

„Da in der Nacht in der Stadt einige Schüsse fielen, ließ ich Haussuchungen vornehmen, die das Ergebnis hatten, daß fünfzehn französische Soldaten aufgegriffen wurden, welchen die Einwohner Unterschlupf gewährt hatten. Dieuze ist eine typische französische Kleinstadt: häßlich und schmutzig… In der Kaserne ein unsagbarer Schmutz…“ (22.8.1914, Bd. I, S. 34f)

„Nachm(ittag) kurze Autofahrt nach dem Gefechtsfeld von Lagarde. Die schlechte Bauart und der Schmutz der lothringischen Dörfer sind auffallend: die Misthaufen beiderseits der Straßen vor den Häusern…“ (24.8.1914, Bd. I, S. 44)

„Als ich auf der Fahrt nach Manonviller durch Blâmont gekommen war, hatte ich den großen aber schmutzigen Ort mit bayerischen Flaggen geschmückt gesehen, welche die Mannschaften aus vorgefundenen Trikoloren durch Abtrennung ihrer roten Streifen gefertigt hatten… Ich erlasse einen Tagesbefehl, in welchem ich das strafweise Niederbrennen von Ortschaften untersage und vor Plünderungen warne. Außerdem weise ich darauf hin, daß, wenn es nötig ist, sich in einem Orte wegen des zweifelhaften Verhaltens der Bevölkerung Geiseln stellen zu lassen, man die Geiseln nicht bloß unter den angesehenen Leuten des Ortes wählen dürfe, sondern auch aus den unbemittelten, die zu Ausschreitungen viel mehr geneigt sind als die vermögenden Leute, die aus Angst um ihren Besitz vor solchen zurückscheuen.“ (28.8.1914, Bd. I, S. 65f)

„Die Bestrafung ganzer Ortschaften, die nachweislich Feindseligkeiten gegen die Armee unternommen haben, durch Niederbrennen usw., behält sich das Armee Ober Kommando vor. Selbstverständlich werden die aus taktischen Rücksichten im Gefecht gegen Ortschaften gebotenen Maßnahmen durch dieses Verbot nicht berührt… (Es folgen Hinweise darauf, daß die Führer strengste Disziplin aufrechtzuerhalten haben; sodann folgen verschiedene Einzelanordnungen, darunter:)… Schwer zu überwachende Häuserviertel sind zu umstellen und abzuschließen… Nötigenfalls ist die ganze männliche Bevölkerung in einigen großen Gebäuden zusammenzulegen, die ganze weibliche Bevölkerung mit den Kindern in andren Gebäuden…“ (Armeetagesbefehl, 19.9.1914, Bd. III, S. 48)

„Von Vimy fuhr ich nach Lens zum Gen(eral) Kommando XIV. A(rmee) K(orps). Lens ist eine Industriestadt von 30 000 Einwohnern. Mitten zwischen den schmutzigen Ziegelmauern der Arbeiterhäuser, die … eher die Bezeichnung von Menschenställen als Häusern verdienen, erheben sich wie Vulkane aussehende konische Schlackenhalden…“ (9.10.1914, Bd. I, S. 193)

„Der Einzug der Gefangenen in Lille gestaltete sich für diese zu einer Art von Triumphzug. Wohl weinten einige bei ihrem Anblick und seufzten: „pauvre France“, die Mehrzahl der Zuschauer aber begleitete sie unter „Vive la France“-Rufen, Händeklatschen und Johlen, und noch häufiger wie am Tage zuvor sah man französische Kokarden. Es mußte diesem Unfug unbedingt ein Ende bereitet und der Bevölkerung klargemacht werden, daß mit uns nicht zu spaßen sei, um ernste Erhebungen hintanzuhalten…“ (4.3.1915, Bd. I, S. 307)

„Den heutigen Tag verwendete ich zu dem Besuch einiger Einrichtungen an unserem Etappenhauptort Valenciennes. Die Fahrt führte … durch… eine ebene oder nur leicht gewellte Gegend, welche als die Kornkammer des nördlichen Frankreichs bezeichnet werden kann… Wie primitiv die Landwirtschaft hier betrieben wird, ist erstaunlich. Mähmaschinen wurden erst von uns eingeführt… Die Bauernhäuser, ebenerdige Ziegelbauten, sind kleiner und unansehnlicher wie die unseren. Die Ortschaften unterscheiden sich kaum voneinander, überall die gleichen fortlaufenden Häuserreihen zu Seiten der Straße. Da und dort sind in die Ziegelwände grell glasierte Platten eingelassen, die jedem Farbensinn hohnsprechen.“ (1.8.1915, Bd. I, S. 373)

„Der Schaden, der durch die Zerstörung der Zechen (im Kohlerevier von Lens) entstand, mußte ein ganz gewaltiger sein, betrugen doch, wie wir erfahren hatten, die Anlagekosten der Minengesellschaft Lens 300 Millionen Francs. Aus der Zerstörung der Zechen konnte uns kein Vorteil entstehen. Anders verhielt es sich mit dem vom Feinde in Betrieb genommenen Kohlenzechen, die nach Möglichkeit zerstört werden mußten.“ (3.8.1915, Bd. I, S. 374)

„Wegen der wachsenden Schwierigkeit, aus Amerika oder Holland genügend Lebensmittel für die Verpflegung der Bevölkerung in dem besetzten Gebiete Frankreichs zu erlangen, beabsichtigt der Generalquartiermeister, einen Teil der arbeitslosen aber arbeitsfähigen städtischen Bevölkerung zur Vornahme landwirtschaftlicher Arbeiten nach dem Lande zu verpflanzen. Es sollen dort landwirtschaftliche Arbeiterkolonien geschaffen werden. Der Abschub erfolgt zwangsweise, die Mitnahme des nötigsten Hausrates ist gestattet. In erster Linie sollen Unverheiratete abgeschoben werden, in zweiter kinderlose Ehepaare, in dritter Familien, die sich auf landwirtschaftliche Arbeiten verstehen. Die Ausführung dieser für die betroffene Bevölkerung harten Maßregel wird nicht ohne Reibungen vor sich gehen und manche Mißstände verursachen, der Erfolg aber wird äußerst gering sein, da Handelsangestellte und Fabrikarbeiter für landwirtschaftliche Arbeiten sich nicht eignen.“ (4.4.1916, Bd. I, S. 443)

„Das geplante Abschieben eines Teils der französischen Bevölkerung aus dem Armeebereiche erwies sich, wie ich gleich vermutete, als undurchführbar… Anders wie in den besetzten Gebieten Frankreichs steht es in Belgien. Dort sind noch genügend viele arbeitsfähige Männer zu finden.“ (10.4.1916, Bd. I, S. 447)

„In Lens werden täglich Einwohner durch feindliche Geschosse getötet. Dennoch wollen die Leute nicht fort, sie hängen zu sehr an ihrem Heim, auch hat sich ihrer eine stumpfe Gleichgültigkeit bemächtigt. Auf den Straßen sieht man ganz ruhig die Kinder spielen und Ringelreihen tanzen; schlägt eine Granate ein, flüchten sie in die Häuser.“ (27.5.1916, Bd. I, S. 473)

„Die französischen Verluste bei Verdun werden auf mindestens 350 000 Mann, jene an der Somme bereits auf 50 000 Mann geschätzt. Die englischen Verluste an der Somme übersteigen bereits 150 000 Mann.“ (27.7.1916, Bd. I, S. 510)

„Unsere Verluste an der Somme betrugen seit dem 1. Juli monatlich rund 100 000 Mann. Zum Glück ist ein hoher Prozentsatz der Verwundeten nur leicht verwundet.“ (29.9.1916, Bd. III, S. 111)

„Sehr zu bedauern ist die französische Zivilbevölkerung, die aus dem bei Alberich zu räumendem Gebiete vor der Zerstörung ihrer Orte hinweggeschafft werden muß. Ich begegnete bei meiner heutigen Fahrt zum A(rmee) O(ber) K(ommando) 2 mehreren Zügen dieser bedauernswerten Leute, die mit Bündeln beladen zu den bereitstehenden Kraftwagenkolonnen oder Bahnzügen schritten. Zum Glück ist der Franzose viel leichtlebiger wie der Deutsche und fügt sich daher auch viel leichter in das Unvermeidliche.“ (13.2.1917, Bd. II, S. 98)

„Ich verfehlte nicht, dem Grafen (Graf Czernin, österr. Minister des Äußern) klar zu legen, welche Bedeutung für die deutsche Industrie die Erzlager des nördlichen Lothringen besitzen, worauf er erwiderte, daß er wohl wisse, daß man zu diesen deutscherseits gerne auch jene des Erzbeckens von Briey erwerben möchte. Ein solches Bestreben sei aber aussichtslos, und das Mitbenutzungsrecht der steierischen Erzlager könne einen Ersatz für die Abtretung der lothringischen bilden, worauf ich entgegnete, daß der besondere Vorteil dieser Erzlager in der unmittelbaren Nähe der Saarkohlengruben liege. Graf Czernin fuhr fort, eine Entschädigung Deutschlands für seine Gebietsabtretung in Lothringen denke er sich derart, daß Polen Deutschland gewissermaßen als Interessensphäre überlassen werde, als ein Staat mit selbständiger Verwaltung unter einem deutschen, womöglich katholischen Fürsten, unter deutscher Militärhoheit und in Zollunion mit Deutschland.“ (12.8.1917, Bd. II, S. 241)

„Die in Armentières wiederholt beobachteten Brände können nur zum kleinsten Teil auf unsere Beschießung zurückgeführt werden. Wird eine Stadt von ihren Einwohnern geräumt, was in diesem Falle die Engländer veranlaßten, kommt dies in der Regel ihrem Untergang gleich. Die dort verbleibenden Truppen sagen sich, es wird ja mit der Zeit doch alles zusammengeschossen und lassen sich durch diese Erwägungen nur allzu leicht zu Plünderungen verleiten. Wird einmal geplündert, wird auch zerstört. Ein langer Krieg wirkt immer verrohend, so war es von jeher.“ (25.8.1917, Bd. II, S. 249)

„Bei der Fahrt nach Bapaume über das Schlachtfeld der Sommekämpfe fiel mir auf, daß die meisten Trichter und Schützengräben schon mit Gras überwachsen sind… Die leicht gewellte Landschaft… glich einer öden Steppe. Die Ortschaften waren spurlos verschwunden und nur mehr an neu aufgerichteten Wegweisern erkenntlich. Verschwunden war auch der einst so ausgedehnte St. Pierre Vaast-Wald. Ein paar Gruppen niederer Baumstümpfe war alles, was von ihm übriggeblieben (war). – Eine trostlose Landschaft! Ein trauriges Bild grenzenloser Verwüstung, das mir unvergeßlich sein wird.“ (31.3.1918, Bd. II, S. 368)

„In Armentières und Estaires sollen sich nach der Einnahme wüste Szenen abgespielt haben, indem die später dorthin nachrückenden Truppen die Keller plünderten und in der Trunkenheit alles zerstörten, was ihnen unter die Hände geriet. Ähnlich soll es auch nach der Einnahme von Albert zugegangen sein. Unsere Mannschaften sind infolge des langen Krieges arg verwildert.“ (14.4.1918, Bd. II, S. 383)

„Einer der Gründe, warum die Offensive der 6. Armee nicht schneller vorwärts gelangte und deshalb der Aufstieg auf die Höhen nicht mehr rechtzeitig erfolgen konnte, sind die in den größeren Orten … vorgefundenen sehr bedeutenden Weinvorräte, die von den Mannschaften getrunken wurden. Bei dem Mangel an gedienten Offizieren, der Unerfahrenheit und der mangelnden Autorität der jungen Offiziere ereigneten sich bald nach dem Eindringen in diese Orte üble Szenen von Trunkenheit. Welcher Unterschied gegenüber unserer prachtvollen Armee von 1914!“ (19.4.1918, Bd. II, S. 387)

„Wie es scheint, wurde unser berühmter Kampfflieger Rittmeister v. Richthofen nach seiner Notlandung von australischen Soldaten erschossen. Seine Bestattung erfolgte in ehrenvollster Weise: englische Offiziere trugen seine Leiche zu Grabe. Sehr häßlich ist hingegen die gemeine Weise, in der die französische Presse den gefallenen Helden herunterzusetzen sich müht. – Im allgemeinen kann man sagen, daß von unseren beiden Gegnern die Engländer sich in jeder Weise anständiger benehmen wie die Franzosen.“ (1.5.1918, Bd. II, S. 393)

Die Amerikaner – der einzige ernstzunehmende Gegner?

„Wenn die Vereinigten Staaten gegen die Inhumanität des U-Boots-Krieges protestieren, sollten sie auch nicht unsere Gegner durch Munitionslieferungen unterstützen.“ (24.3.1915, Bd. I, S. 321)

„Ein Krieg mit den Vereinigten Staaten wäre für uns höchst fatal!“ (2.4.1916, Bd. I, S. 442)

„Nachricht von einer Rede des (US-)Präsidenten Wilson, in der er sagt, er bete zu Gott, daß es keinen Krieg gebe, hoffe aber, daß, wenn es für die Sache der Menschlichkeit notwendig sei, die Nation nicht zurückschrecken werde. Welch puritanische Hypokrisie! Man hätte Amerika zu Anfang nicht nachgeben und ruhig die Blockade über England aussprechen sollen. Jetzt heißt es, nachgeben oder Krieg.“ (16.4.1916, Bd. I, S. 449)

„Ich glaube kaum, daß die Amerikaner uns tatsächlich, außer vielleicht zur See, bekämpfen werden, sie werden sich vermutlich darauf beschränken, das zu tun, was sie schon bisher zu unserem Schaden taten, nämlich unsere Gegner durch Geld und durch Lieferungen von Kriegsmaterial zu unterstützen.“ (11.2.1917, Bd. II, S. 97)

„Wenn der Kriegshilfsdienst pflichtmäßig gemacht würde, ließe sich noch aus der Million der in der Kriegsindustrie und bei den Bahnen beschäftigten kriegsverwendungsfähiger Leute eine große Anzahl herausholen. Aber auch die so gewonnenen Leute dürften meines Erachtens einschließlich der Siebzehnjährigen kaum genügen, die voraussichtlichen Ausfälle eines weiteren Kriegsjahres zu decken. Der Krieg wird an allgemeiner Erschöpfung der daran beteiligten Nationen zu Ende gehen, falls es der Tätigkeit der U-Boote gelingt die Engländer zum Einlenken zu zwingen, ehe die Amerikaner in größeren Mengen auf dem europäischen Kontinent erscheinen. So kann es sein, daß die Schlacht in Flandern, der bis längstens Oktober die Grundwasserverhältnisse im dortigen Tiefland Einhalt gebieten werden, die letzte große Schlacht auf dem westlichen Kriegsschauplatze ist.“ (12.8.1917, Bd. II, S. 239)

„Bei dem Armee Ober Kommando 4 eingebrachte gefangene amerik(anische) Offiziere sagten übereinstimmend, es befänden sich zur Zeit 450 000 bis 500 000 Amerikaner in England und Frankreich… Die Offiziere glauben, daß der Krieg erst 1919 beendet werden wird…“ (2.5.1918, Bd. II, S. 393)

„Nach der Mitteilung der Obersten Heeres Leitung scheinen mindestens zwölf amerikanische Divisionen in Frankreich sich zu befinden, also mehr, als man bisher erwartet hatte. Es ist demnach höchste Zeit den Krieg zu beenden. Nach dem Verhalten der englischen wie französischen Presse möchte ich auch glauben, daß bei dem augenblicklich noch bestehenden Druck der militärischen Lage und in der Befürchtung, bei einer längeren Kriegsdauer immer mehr in wirtschaftliche Abhängigkeit von Amerika zu geraten, die Staatsmänner beider Länder nicht abgeneigt sein dürften, auf eine friedliche Verständigung abzielende Äußerungen von deutscher Seite entgegenzunehmen.“ (19.6.1918, Bd. II, S. 411)

„Die Antwort auf Wilsons Note ist gestern abend abgegangen; es wurde ihm die Einstellung des U-Bootkrieges zugesagt. Wilson hat aber bei dem gegenwärtig in Amerika entfachten Kriegsfanatismus kein leichtes Spiel. Es scheint, wie wenn die Amerikaner von einer Art von Kreuzzugsenthusiamus befallen wären in der Meinung, es gelte der Kultur und Freiheit zum Rechte zu verhelfen.“ (20.10.1918, Bd. III, S. 376)

Neger, Inder, Perser, Tunesier und „der heilige Krieg“

„… von der 4. bayerischen Brigade wissen wir, daß sie am Nachmittag den Angriff einer Senegalnegerdivision abschlug. Beim ersten Vorgehen hielt man diese Neger ihrer gelben Khakiuniformen wegen für Engländer. Sie griffen unter lautem Geschrei in dichten Massen an, erlitten hierbei schwere Verluste und flüchteten dann in vollster Auflösung. Zu Pferde vorsprengende Offiziere versuchten umsonst, sie aufzuhalten und wieder vorzutreiben. Die gefangenen Neger sollen vor Kälte und Angst an allen Gliedern geschlottert haben.“ (22. 9.1914, Bd. I, S. 141)

„Die Truppen sind strengstens anzuweisen, gefangenen Indern den Turban zu belassen und ihnen auch nicht, wie dies vorgekommen ist, den Haarschopf abzuschneiden. Beides sind Kennzeichen der Religion, der sie angehören.“ (Armeetagesbefehl, 5.11.1914, Bd. III, S. 58)

„Abends hatte ich… den bekannten Eisenindustriellen Herrn Mannesmann (zu Gast), der als Besitzer mehrerer Eisenbergwerke in Nordafrika zahlreiche Verbindungen mit den dortigen Stämmen unterhält und berichtete, daß 30 000 Senussi im Begriffe seien, in Tunis einzufallen, und andere 30 000 Mann auf dem Wege nach Ägypten sich befänden. Ich stehe den Leistungen dieser Beduinenhorden skeptisch gegenüber.“ (9.12.1914, Bd. I, S. 275)

„Abends erfuhr mein Stab eine zeitweilige Vermehrung durch die Zuteilung einiger Orientalen, eines Scheichs aus einem tunesischen Scherifengeschlechte, der aus Konstantinopel entsendet war, um unsere mohammedanischen Gefangenen zu belehren, daß der Heilige Krieg erklärt sei und sie aufzufordern, ihre auf gegnerischer Seite fechtenden Landsleute aufzuklären, daß unsere Sache die ihre sei, sowie zwei Inder.“ (17.12.1914, Bd. I, S. 277)

„Feldmarschall von der Goltz ist auf dem Wege nach der asiatischen Türkei, um ein Zusammenwirken der Türken mit den Persern zu regeln. Ich gestehe, daß ich von den Persern auch nicht das allermindeste erwarte.“ (28.10.1915, Bd. I, S. 400)

„Schamlos ist, wieviele schwarze und braune Hilfsvölker gegen uns vorgehetzt werden. Nun, die Kälte wird unter ihnen schon etwas aufräumen. Erst gestern wurden 75 halberfrorene Inder nebst zwei englischen Offizieren aufgegriffen.“ (Aus einem Brief Rupprechts von Bayern vom 24. November 1916 wiedergegeben bei Kurt Sendtner, Rupprecht von Wittelsbach Kronprinz von Bayern, München 1954, S. 314)

Der eigentliche Feind, zugleich Bundesgenosse – die Preußen

„Als einige Tage darauf bayerische Pioniere nach Orschies gelangten, fanden sie dort in einem Hause die entsetzlich verstümmelten Leichen dieser Verwundeten. Es waren diesen Unglücklichen die Augen ausgestochen und die Ohren abgeschnitten worden, und man hatte sie durch in den Mund gestopfte Sägkleie erstickt. Der Ort war von seiner Bevölkerung verlassen und wurde später zur Strafe  für diese Untat von einer preußischen Landsturmkompanie in Brand gesteckt, was ich insofern bedauerte, als es für später als Unterkunftsort für uns bedeutsam werden konnte.“ (29.9.1914, Bd. I, S. 165f)

„Seit Wochen wiederholen verschieden japanische Blätter, daß Japan die größten Sympathien für das heldenhaft fechtende Deutschland hege… Deutschland sei eigentlich der natürliche Verbündete Japans, da keine Interessensgegensätze beständen.

Es geben diese Äußerungen viel zu denken. Um so mehr als Japan seinerzeit, als es im Begriffe stand, das Bündnis mit England abzuschließen, sich mühte, auch mit Deutschland ein Bündnis zustande zu bringen, worauf man sich in Berlin leider nicht einlassen wollte, wahrscheinlich weil die pietistischen Kreise es als ungehörig erachteten, daß Deutschland mit einem heidnischen Staate Bündnis schließe.“ (18.4.1915, Bd. I, S. 326)

„Immer mehr verstärkt sich das Bestreben des Reichstages, alle Steuern dem Reiche vorzuenthalten, immer mehr wird der Einfluß der Bundesstaaten zurückgedrängt, und wenn auch die paar Konservativen dem von der Mehrzahl der anderen Parteien erstrebten Parlamentarismus sich entgegenstemmen, arbeiten sie doch in rein preußischem Sinne und sind nur insoweit für die Wahrung der Rechte der einzelnen Bundesstaaten zu haben, als hierdurch auch jene Preußens gesichert erscheinen, Sonderrechte aber wie jene Bayerns, insbesondere auf militärischem Gebiete, möchten auch sie beseitigt wissen.

Ich hoffe, das gesunde Gefühl unseres bayerischen Volkes wird sich gegen alle unitaristisch-nivellierenden Bestrebungen zur Wehr setzen, um so mehr, als bei Ausschaltung des Bundesrates die wirtschaftlichen Interessen Bayerns gegen jene des durch eine größere Stimmenanzahl im Reichstag vertretenen Nordens noch weniger geschützt werden können als bisher.

In Bayern steht es augenblicklich besser um die Ernährungsverhältnisse als in manchen Teilen Norddeutschlands, so namentlich in Berlin und in den Industriestädten des Nordwestens. Die Folge ist eine Überschwemmung Bayerns mit Zuwanderern…“ (5.5.1916, Bd. I, S. 457f)

„Einige stellvertretende preußische Generalkommandos wollen die Kohlenausfuhr nach Bayern nicht mehr zulassen, falls aus Bayern nicht mehr Vieh ausgeführt wird. Die reine Erpresserpolitik! Bayern leistet in der Ablieferung von Vieh viel mehr wie die Preußen, dabei kauft Preußen durch im Namen des Reiches abgeschlossene Kontrakte in der Schweiz alles Vieh auf, so daß Bayern von dort keines mehr erhält.“ (10.5.1916, Bd. I, S. 463)

„In Bayern wie in Württemberg mehren sich die Klagen über die stiefmütterliche Behandlung der bayer. Industrie und des bayer. Handels durch die in Berlin geschaffenen Ankaufs- und Rohstoffzentralen. Die bayer. Fabriken erhielten unverhältnismäßig wenig Maschinen geliefert und nur sehr wenig kriegsindustrielle Aufträge zugewiesen. Wiederum auftretenden Bestrebungen, die Bundesstaaten zu einem Verzicht auf ihre Selbständigkeit im Eisenbahnwesen zu bewegen, sollte man jetzt weniger denn je nachgeben, da die bayer. Bahnen bei den zu erwartenden engeren Beziehungen zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn erhöhte Bedeutung gewinnen werden. Das gleiche gilt für das Postwesen, zumal man in anderen Bundesstaaten mit der Reichspost insofern keine günstigen Erfahrungen machte, als die örtlichen Wünsche nur ungenügend berücksichtigt werden.“ (27.5.1916, Bd. I, S. 473)

„Erst jüngst wurden Versuche gemacht, die bayerische Presse unter eine besondere Zensur zu stellen und die paar von Berlin noch unabhängigen Blätter zu erwerben. Ich hoffe indes, unsere Bevölkerung wird aus den bisherigen Erfahrungen der Kriegszeit, in der man von Berlin aus den wirtschaftlichen Interessen Bayerns nicht gerecht wurde, sich einer zentralistischen Vergewaltigung entgegenstemmen.“ (12.4.1917, Bd. II, S. 142f)

„Bayern wird sich vom Kriege schwer(er) erholen, wie das nördliche Deutschland, da seine Industrie weniger entwickelt ist; es wurde ihr aber auch während des Krieges jede Möglichkeit genommen, sich weiter zu entwickeln, weil ihr unter dem Vorwande, sie sei nicht genügend leistungsfähig unverhältnismäßig wenige Aufträge zugingen. Die Kreise der Großindustrie sind es, die jetzt in Deutschland herrschen. Die letzten Jahre vor dem Kriege schon stand die auswärtige Politik in ihren Diensten; nicht Deutschlands Wohl war allein maßgebend, sondern kaum minder der Profit, den jene Konsortien machten oder zu machen hofften. Siehe Marokko-Politik! Alles tanzte vor dem Goldenen Kalb! Wie ein fressendes Gift hatte von Berlin der Mammonismus sich verbreitet und eine entsetzliche Verflachung des ganzen Denkens bewirkt. Man sprach nur mehr von Geschäft und Vergnügen. In rücksichtslosester Weise die Kriegsnot ausnützend, haben Geschäftsleute es nun verstanden, durch Schaffung all der verschiedenen in Berlin errichteter Zentralstellen das ganze innerdeutsche Wirtschaftsleben allmählich unter ihre Kontrolle und ihre Gewalt zu bringen. Die Folge wird sein, daß nach dem Kriege der jetzt schon in bittere Not geratene Mittelstand verschwinden und eine Vertrustung eintreten wird, schlimmer als in Amerika. Gerade für Bayern mit seinem so zahlreichen Mittelstande wird die Sache nahezu katastrophal.“ (14.7.1917, Bd. II, S. 225)

„Wieder ein Schritt weiter in der Auflösung des bundesstaatlichen Gefüges! Unter den gewählten Abgeordneten ist kein einziger Bayer, do daß in dem Ausschuß Bayern nur mit einer Stimme vertreten ist. In der Sache liegt System. Man wird hoffentlich bei uns noch rechtzeitig einsehen, wohin wir mit der fortschreitenden Zentralisierung gelangen. So erklärte neulich der mit der Kohlenverteilung für den Hausbrand betraute oberste Beamte, diese werde nicht schematisch nach einheitlichen Normen erfolgen, sondern nach dem Bedürfnisse. Infolgedessen werde der Süden Deutschlands weniger erhalten als der Norden. Der liebe Herr scheint nicht zu wissen, daß in großen Teilen Süddeutschlands der Winter kälter ist wie in Berlin.“ (25.8.1917, Bd. II, S. 250)

„Bei meiner Kenntnis des preußischen Charakters und der Schwäche der damals leitenden Männer in Bayern hatte ich schon zu Anbeginn des Krieges befürchtet, daß auch bei einem günstigen Ausgange desselben Bayerns Stellung im Reiche alles andere als gebessert würde.“ (19.12.1917, Bd. II, S. 302)

„Viele Offiziere, selbst preußische Generale – ich betone, keine solchen meines Stabes – sind der Ansicht, daß der Rücktritt Ludendorffs nicht genüge, sondern noch ein anderer Wechsel eintreten müsse, sollen wir nicht völlig zugrunde gehen und soll – die Dynastie in Preußen erhalten werden! – Soweit ist es bereits gekommen. –  Daß die anderen Bundesstaaten durch die in Preußen bestehende Gärung gleichfalls gefährdet werden und das Beispiel ansteckend wirkt, liegt nahe.“ (26.10.1918, Brief an den Vater, Bd. III, S. 29)

Haut die Juden!

„Meine dringenden und wiederholten Anträge auf Zuweisung von Kampfflugzeugen aber waren unberücksichtigt geblieben. Es konnte infolgedessen  unsere Artillerie eigentlich nur auf die feindlichen Infanteriestellungen schießen, wie freilich auch umgekehrt die feindliche Artillerie den Hauptnachdruck auf die Bekämpfung unserer Schützengräben legte. Beide Artillerien verfuhren mehr oder minder nach dem Grundsatze: ‘Haust du meinen Juden, hau ich deinen Juden!‘, nur verfügte die feindliche Artillerie über mehr Munition.“ (11.5.1915, Bd. I, S. 350)

Über die eigenen Bayern

Ich suchte das I. bayer. Armee Korps auf. Unsere Soldaten sind wirklich über jedes Lob erhaben. Bei den Sappenkämpfen des I. bayer. Reserve Korps im verflossenen Frühjahr entstand oft ein wahrer Wettbewerb, wer als erster in der Sappenspitze vorangehen dürfe, und bei den letzten Kämpfen ereignete es sich, daß in einer Pause des feindlichen Trommelfeuers ein Mann der 1. Bayer. Infanterie Division auf die Brustwehr sprang und zu den Feinden hinüberrief: ‚Kommt’s nur, mir Bayern san da!‘, worauf ein anderer ihn zurückriß mit den Worten: ‚Sei stad, bal’s drüben wissen, daß mir da san, nacha kemma’s net.‘

Tatsächlich werden die Bayern von den Franzosen besonders gefürchtet. So sagte ein französischer Gefangener, indem er auf den Uniformsknopf des ihn zurückführenden Soldaten deutete: ‚Très bien, nix Katz!‘ Er hatte nämlich zuerst geglaubt, in die Hände von Bayern geraten zu sein, auf deren Knöpfen ein von ihm als Katze mißdeuteter heraldischer Löwe war. Ein anders Beispiel: Als das I. bayer. Armee Korps aus dem Abschnitte bei Péronne abgelöst worden war, hörte man aus den feindlichen Schützengräben den Ruf: ‚Les Bavarois sont partis, maintenant nous viendront attaquer!‘“ (22.10.1915, Bd. I, S. 399)

„Wenn bei uns in Bayern eine Wiedererstarkung partikularistischer Strömungen zu bemerken ist, halte ich dies für kein Unglück, solange die Regierung sie zu beherrschen vermag, sie kann im Gegenteil sogar daraus Vorteil ziehen.“ (10.9.1916, Bd. III, S. 12)

„Der englische Heeresbericht feiert den Sieg des General Plumer… Im ersten Anlauf sei es den englischen Truppen gelungen, die vorderen deutschen Linien zu überrennen, und bis Mittag hätten sie Wytschaete und Messines in ihrem Besitz gehabt. Bei Messines sei der Boden mit Leichen bayerischer Soldaten bedeckt (Unsere arme brave 3. Infanterie Division!) Die Zahl der Gefangenen betrage 6000.“ (9.6.1917, Bd. II, S. 191)

„Ich erfahre, daß in Nürnberg auf einem Militärzug die Aufschrift zu lesen war: ‘Schlachtvieh für Wilhelm und Söhne!‘ – Die Stimmung ist übrigens nicht nur in Bayern sehr schlecht, sondern auch in Norddeutschland.“ (2.9.1918, Bd. II, S. 439)

„Die inneren Vorgänge klingen gerade auch nicht erfreulich: wir stehen in jeder Hinsicht vor einer gewaltigen und grundlegenden Umwälzung. – Möge Bayern nicht zu schwer zu büßen haben für die Sünden anderer.“ (14.10.1918, Brief an den Vater, Bd. III, S. 29)

„Sogar in dem sonst so ruhigen Bayern gärt es bedenklich. Als mein Vater (König Ludwig III.) neulich an einer Kaserne in München vorbeiging, wurde er von den am Fenster stehenden Ersatzmannschaften ausgepfiffen. Es ist nun auch für Bayern eine Parlamentisierung (sic!) geplant durch Schaffung von Ministern ohne Portefeuille.“ (31.10.1918, Bd. II, S. 470)

„Gegen 9.00 vormittag kurze dürftige Nachricht, unterbrochenes Telephongespräch: daß gestern in München eine Revolution ausgebrochen sei und die Republik ausgerufen wurde. Gerade in München, wo dies am wenigsten zu erwarten stand!“ (8.11.1918, Bd. II, S. 474)

Attacke, Drauf und Weiterkämpfen!

„Auch fernerhin sollen die deutschen Truppen ihre bisherigen glänzenden Erfolge weiter fortsetzen und Furcht und Schrecken verbreiten, aber nur durch den Willen zum Sieg, nicht durch andere Mittel.“ (Armeetagesbefehl, 24.8.1914, Bd. III, S. 40)

„Gespräch mit dem neuen Generalquartiermeister General von Freytag-Loringhoven. Er stimmte mir zu, als ich einen Durchbruch nördl. der Somme als jene Operation bezeichnete, die mir im Westen den größten Erfolg zu bringen scheine.“ (14.2.1915, Bd. I, S. 300)

„Nachmittags kam ein von der 6. Armee befürworteter Antrag des General v. Moser (…), es möge ihm gestattet werden, zur Entlastung der von einem ernstlichen Angriff bedrohten 27. Infanterie Division auch noch Teile der 38. Inf. Div. und der 4. Ersatz Division … zu einem gegen die Linie Lagnicourt-Hermies beabsichtigten Angriff verwenden zu dürfen. Der Antrag wurde genehmigt, die Leitung des Unternehmens dem Generalleutnant v. Moser übertragen. Mich freut sein Antrag. Die beste Parade ist der Hieb. Immer mehr neige ich zu der Ansicht, daß wir in der letzten Zeit uns zu wenig offensiv betätigen. Dies schädigt den Geist der Truppe wie ihrer Führer. (13.4.1917, Bd. II, S. 143)

„In der Erwartung, daß feindliche Schiffe sich an der Abwehr unseres Angriffes im Dünengelände beteiligen werden, beabsichtigt Admiral Schröder, gegen diese Torpedo- und U-Boote in Verwendung zu bringen; auch ersucht er den Admiralstab um Mitwirkung der Hochseeflotte und beantragte, daß das bei Gent liegende Kampfgeschwader der Obersten Heeres Leitung mit dem Bombenabwurf auf den Hafen von Dünkirchen beauftragt werde, in welchem die feindlichen Monitore gewöhnlich sich aufhalten. Ich bin mit all diesen Vorschlägen sehr einverstanden. Sie bringen endlich wieder einmal Leben in die Sache, und es wäre zu schön, wenn es gelänge, die englische Marine in eine Seeschlacht zu verwickeln*.“ – „*(nachträglich angebrachte) Notiz Seiner Königlichen Hoheit: Es ist ein Jammer, daß nicht schon in den ersten Kriegsjahren unsere Hochseeflotte in ihrer Gesamtheit eingesetzt wurde. Als die Sommeschlacht auf ihrem Höhepunkt stand und ständig über den Kanal herüber neue Truppen und namentlich Munitionstransporte eintrafen, während wir an Mannschaften, Geschützen und Munition Mangel litten, hatte ich bei der Obersten Heeres Leitung beantragt, man möge die Matrosen der Kriegsmarine in den Schützengräben verwenden und ihre Geschütze an der Landfront.“ (5.7.1917, Bd. II, S. 214f)

„Als Graf Czernin (der österr. Minister des Äußern) wiederholte, daß er womöglich noch in diesem Herbste den Frieden zu erreichen hoffe, gab ich ihm zu, daß ich gleichfalls schon längst für die Anbahnung des Friedens sei, aber den gegenwärtigen Zeitpunkt nicht für geeignet erachte. Unter den augenblicklichen Umständen sei nur ein sehr ungünstiger Friede zu erreichen, und es könne dann die Mißstimmung in der Heimat und unter den heimkehrenden Truppen in verhängnisvollster Weise sich äußern. Man müsse zunächst die Beendigung der Kämpfe in Flandern abwarten, die wegen der Witterungs- und Bodenverhältnisse nicht über den Herbst hinaus fortgesetzt werden könnten. Wenn die Engländer, wie vorauszusehen, hierbei keinen entscheidenden Erfolg errungen hätten, würden sie nachgiebiger werden, zumal sie bei einer längeren Dauer des Krieges immer mehr in die finanzielle und wirtschaftliche Abhängigkeit von Amerika geraten müßten.“ (12.8.1917, Bd. II, S. 243)

„Wenn wir somit im nächsten Frühjahr nicht imstande sein sollten, die Entscheidung durch eine große Offensive herbeizuführen, so müssen wir auf alle Fälle eine Entlastungsoffensive unternehmen. Der Ausgang eines solchen Angriffs ist nicht vorauszusehen. Es können sich überraschende Lagen ergeben, die zu ungeahnten Erfolgen führen. Der Engländer und der Franzose sind zwar anders zu bewerten als der Russe und der Italiener. Aber der Engländer ist starr und operativ wenig geschult, seine Truppe ist nur für den Stellungskrieg vorbereitet. Ihm gegenüber ist daher ein großer Erfolg sehr wohl möglich. Je stärker wir sind, um so eher können wir günstige Gelegenheiten ausnutzen und überraschende Erfolge erzielen.“ (20.11.1917, Bd. III, S. 225)

„Ich bin jetzt froh, daß ich trotz anfänglicher Bedenken meines Stabes die schleunige Heranführung der 9. Bayer. Reserve Division und der 185. Infanterie Division anordnete; denn der Stein ist hierdurch ins Rollen gekommen, indem Ludendorff (Chef des Generalstabes) sich für den Plan erwärmte, den Gegenangriff bei Cambrai zu einem Aufrollen der englischen Front nach Norden auszugestalten. Seit Jahren bot sich keine solche Gelegenheit, den Engländern eine zu mindesten sehr empfindliche Teilniederlage zu bereiten, und es bleibt nur zu bedauern, daß wir … mit dem Beginn des Angriffs bis zum 30. zuwarten müssen.“ (27.11.1917, Bd. II, S. 297)

„Da ich mir von einer deutschen Offensive im Westen keinen durchschlagenden Erfolg verspreche, hielte ich es für richtiger, alle in Rußland freiwerdenden Kräfte zur Erneuerung der Offensive in Italien zu verwenden, wo wir sicher hoffen dürfen, die Italiener entscheidend zu schlagen und mit ihnen nicht unerhebliche Teile des englischen und französischen Heeres. Erst wenn dieses erreicht – und dies kann bald erreicht werden – würde ich in Frankreich zur Offensive schreiten mit den inzwischen in Italien freiwerdenden Kräften.“ (21.1.1918, Bd. II, S. 323f)

„Das Verhalten unserer Gegner deutete darauf hin, daß sie noch immer zu keinem Einlenken gesonnen sind, es sei denn nach einer Niederlage, und so müssen wir ihnen eine solche bereiten, und wir können es. Aus dem unsicheren Verhalten unserer Gegner bemerken wir bereits, daß alle Vorteile der Initiative endlich wieder auf unserer Seite sind, und wir wollen sie besser ausnutzen, als dies unsere Gegner bei ihren Angriffsschlachten verstanden.“ (20.3.1918, Bd. II, S. 343)

Über den Gaskrieg

„Da Südostwind weht, will die 4. Armee morgen versuchen, den längst beabsichtigten Angriff gegen die Linie Zonnebeke-Verbranden Molen durchzuführen, und zwar soll auf dem nördlichen Abschnitt gegen Zonnebeke mit einem neuen Geschosse gewirkt werden, das giftige Gase enthält, welche die Eigenschaft haben, für mehrere Stunden die in der Nähe befindlichen Leute ihrer Sehkraft zu berauben, während gleichzeitig beim XV. Armeekorps und nördl. davon 6000 auf einem Raum von 12 km verteilte Metallflaschen geöffnet werden sollen, die mit Chlorgas gefüllt sind. Allzuviel verspreche ich mir von dem Zauber nun nicht…“(22.3.1915, Bd. I, S. 318f)

„Der Kommandeur des Gasregiments, von dem nur ein Bataillon zum Einsatze gelangt, erklärte, man könne erst eine Stunde nach dem Abblasen des Gases zum Angriff antreten, wolle man die eigenen Truppen nicht gefährden. Die Gase seien von sehr gesundheitsschädigender Wirkung, und weder die engl. Schutzmasken noch die Sauerstoffapparate böten genügend Schutz. Gerade dieser Umstand fordert aber zur Ausnützung der durch die Gase zu erringenden Vorteile heraus.“ (5.4.1916, Bd.III, S.84)

„Das Gas wurde noch in einer Höhe von 4000 m von einem Flieger gerochen… Die Engländer waren durch den neulich übergelaufenen Sachsen… über das Bevorstehen des Gasangriffs unterrichtet gewesen, hatten ihn aber einen Tag früher erwartet und waren so doch heute morgen überrascht worden. Ihre Masken scheinen nicht viel geholfen zu haben. In den Gräben selbst fand man keine Gaskranken, da die Engländer, als beim ersten Abblasen die Wolke nach Norden strich und nur in den Gräben sich lagerte, sofort aus diesen heraussprangen und nach Westen zurückgingen, wobei viele fielen, meist wohl durch unser Infanterie- und Artilleriefeuer, das beim Abziehen der Wolke sofort einsetzte.“ (27.4.1916, Bd. III, S. 85)

„General Burkhard war Augenzeuge des heutigen Gasangriffes gewesen und hatte gesehen, daß das Gas erst gut abstrich, dann aber sich staute, zurückströmte, in den Gräben des 9. bayer. Infanterie Regiments haften blieb, den Vockeweg füllte und sogar bis zu den ersten Gräben des 17. Bayer. Infanterie Regiments strich. Dann zog das Gas wieder nach Nordwesten über Vermelles und Sailly la Bourse… Die Meteorologen sprechen von einem ‚Luftkissen‘, das das Gas anfänglich zurückdrängte… Der Vorfall stellt sich als eine wahre Katastrophe heraus, das schlimmste Massenunglück, das sich im Laufe des Krieges bei der Armee ereignete… Unter den ersten Opfern befanden sich 40 Gaspioniere, also im Gasverfahren besonders geschulte Leute; aber gerade diese sollen als erste den Kopf verloren und ihr Heil in der Flucht gesucht haben. Bis jetzt beträgt die Zahl der Gestorbenen bereits 200 und die der Gaskranken 600, die wohl größtenteils gleichfalls infolge Verbrennung der Lungen sterben dürften. Sehr schlimm ist die moralische Wirkung des Vorgangs; die Leute haben das Vertrauen zu dem Gasverfahren verloren und andererseits feindliche Gasangriffe fürchten gelernt.“ (29.4.1916, Bd. I, S. 454)

„Über den gestrigen Unfall beim II. bayerischen Armee Korps wurde noch berichtet, daß an einer Stelle um die Hälfte weniger Gasflaschen, nämlich die bei dem früheren Angriff noch unverbrauchten, geöffnet wurden wie an den anderen Stellen, und daß man daher an diesen in Anbetracht der Windstärke das Gas hätte langsamer abblasen sollen. Ich gestehe, daß mir diese Behauptung nicht recht verständlich ist. Ebenso bezweifle ich, daß, wie der Kommandeur des Gasbataillons meint, die Gasmasken derart konzentrierten Gasmengen gegenüber versagten, denn es steht einwandfrei fest, daß viel weniger Offiziere und den gebildeten Ständen angehörende Mannschaften krank wurden, wie andere Leute, weil die ersteren sich meist ruhig verhielten, während die anderen, von Schrecken erfaßt, herumliefen oder gar im Beklemmungs- und Hitzegefühl zeitweise ihre Masken lüfteten und abrissen.“ (30.4.1916, Bd. III, S. 86)

„Morgens wohnte ich in Pont à Vendin der Beerdigung der Opfer des neulichen Gasunfalles bei und richtete bei dieser Gelegenheit eine Ansprache an die Mannschaften, um sie wieder zu ermutigen… Die genaue Zahl der Opfer des Gasunfalles ist noch nicht bekannt, beerdigt wurden 235 Mann, etwa 600 befinden sich noch gaskrank in den Lazaretten, 50 hiervon in ziemlich hoffnungslosem Zustand.“ (1.5.1916, Bd. I, S. 456)

„In einem Bericht des Gasbataillons wird bezweifelt, ob die Einsätze der Gasmasken genügend Schutz gewähren. Schon bei dem ersten Abblasen des Gases am 27. April gab es einen Toten und mehrere Kranke. Den Leuten wurde in der Gaswolke das Atmen unter der Maske schwer. Das Heizen der Unterstände half rasch das Gas (zu) beseitigen. Die Waffen und die Munition blieben gebrauchsfähig. Gewehre, die nicht stark eingefettet waren, zeigten eine geringe, leicht zu entfernende Rostbildung.“ (4.5.1916, Bd. III, S. 86)

„Aus einem Bericht des II. bayer. Armee Korps über die Vorgänge bei dem Gasangriff am 29. April und über die Gründe des damaligen Unglücks: ‚Es scheinen zwischen der Dichte und dem Gewichte der Gaswolke, also der Zahl der einzubauenden Flaschen und dem Tempo des Abblasens, der Windstärke und Geländegestaltung enge Beziehungen zu bestehen, die entweder überhaupt noch nicht genügend geklärt oder aber in vorliegendem Falle nicht entsprechend gewürdigt worden sind. – Es sind ganz bestimmt trotz tadellos angelegten Schutzes gleich beim Zurückschlagen des Gases schwere Störungen auch bei ruhig gebliebenen Leuten eingetreten, in dichter Wolke sogar Todesfälle. Eine Änderung der Form der Maske scheint geboten.‘ Die letzten Todesfälle infolge der Gasvergiftung ereigneten sich am 7. Mai. – Insgesamt starben: 1 Offizier und 306 Mann, geheilt wurden 4 Offiziere und 550 Mann.“ (12.5.1916, Bd. III, S. 86)

„Ein Erlaß der Obersten Heeres Leitung hebt die Vortrefflichkeit unserer Gasmasken hervor und sucht die Unfälle beim II. bayer. Armee Korps damit zu erklären, daß die Mannschaften sich beim Zurückschlagen des Gases unrichtig benommen hätten und in panischem Schrecken davongelaufen wären. Diese Darstellung ist nicht zutreffend: alle Vorsichtsmaßregeln waren getroffen worden, und wenn auch einzelne Leute, namentlich Gaspioniere, Schaden durch Davonlaufen nahmen, so kann doch nicht einer Panik die Schuld für die vielen Gaserkrankungen zugesprochen werden.“ (14.5.1916, Bd. III, S. 87)

„Der gestrige unter Verwendung von Gasmunition (Grünkreuzgranaten) unternommene Angriff bei Verdun hat, obwohl 2000 Franzosen gefangen genommen wurden, nicht den erhofften Erfolg gebracht.“ (12.7.1916, Bd. I, S. 501)

„Die 4. Armee will den Angriff im Dünengelände am 7. ausführen. Sie erhielt hierzu seitens der Obersten Heeres Leitung drei Mörserbatterien und außerdem Blau- und Gelbkreuzmunition überwiesen, die bei dieser Gelegenheit erstmals verwendet wird und auch in der vor Ypern zu erwartenden Schlacht verwendet werden soll. Das Gas der Blaukreuzmunition soll die Gasmasken zerstören und ungemein giftig sein, jenes der Gelbkreuzmunition ist völlig geruchlos und ruft neben sonstigen Krankheitserscheinungen eine vorübergehende Erblindung hervor.“ (2.7.1917, Bd. II, S. 212)

„Besonders bedauerlich ist, daß es noch an Gasmunition mangelt. Sämtliche Gruppenkommandos betonen, daß die Gasmunition zur Niederhaltung der feindlichen Artillerie geradezu unentbehrlich ist, da es an Batterien mangelt, um die feindliche mit Brisanzgranaten entsprechend niederhalten zu können.“ (17.3.1918, Bd. II, S. 342)

Dum-Dum-Geschoße und unbeschränkter U-Bootkrieg

„Bekanntlich wird nicht bloß bei uns, sondern auch seitens unserer Gegner über die Verwendung von Dum-Dum-Geschossen geklagt und jeder Infanterist erschossen, bei welchem sich bei seiner Gefangennahme solche völkerrechtswidrige Geschosse vorfinden. Bisher hielt ich die feindl(ichen) Klagen über Verwendung von Dum-Dum-Geschossen auf deutscher Seite für unbegründet, es erweist sich jetzt aber, daß versehentlich Kisten mit sog. Zerscheller-Munition zur Ausgabe gelangten, einer Munition, die nur für die Schießausbildung auf kurze Entfernung bestimmt ist…“ (28.9.1914, Bd. I, S. 162)

„Ich bedauere, daß auf Betreiben des Reichskanzlers es den U-Booten verboten wurde, Schiffe zu torpedieren, die nicht zweifellos als solche feindlicher Staaten zu erkennen sind. Hiermit verliert der U-Boot-Krieg seine Bedeutung. Wir lassen und durch die Bestimmungen des Völkerrechts binden, während die Engländer sich um diese nicht im mindesten kümmern.“ (30.4.1915, Bd. I, S. 330)

„In der englischen Presse wird hervorgehoben, daß Deutschlands Nachgiebigkeit gegenüber Amerika den U-Bootkrieg wertlos mache, denn jedes zur Warnung auftauchende U-Boot sei verloren! Bezweckt dieses zynische Geständnis, englischerseits sich an keine Regeln binden zu wollen, nicht etwa, unsere U-Bootskommandanten zu verleiten, den Vorschriften entgegen feindliche Handelsschiffe ohne Warnung zu torpedieren? Jedenfalls klingt es wie Hohn.“ (19.5.1916, Bd. I, S. 468f)

„Gelingt es nicht, im verschärften U-Bootkriege England in Bälde niederzukämpfen, sind für uns die Aussichten auf entscheidende Erfolge gering.“ (24.12.1916, Bd. II, S. 74)

„So viel auch ich mir von der verschärften Führung des U-Bootkrieges verspreche, sollte doch Ludendorff (Chef des Generalstabes der 8. Armee) sich enthalten, in politischen Fragen mitzusprechen…“ (2.1.1917, Bd. III, S. 117)

„Hoffentlich erreicht es der U-Bootkrieg, daß England klein beigeben muß, ehe wir aus Mangel an Lebensmitteln zum Nachgeben genötigt sein werden… Mißlingt, wie ich hoffe, die letzte große Kraftanstrengung, zu der unsere Gegner sich rüsten, kann es noch bis zum Sommer zum Frieden kommen. Wir sind bis dahin am Ende unseres Mannschaftsersatzes, die Franzosen aber auch; anders die Engländer, deren Nachschub, wie ich hoffe, durch die Unterseeboote gehemmt werden dürfte.“ (7.2.1917, Brief an den Vater, Bd. III, S. 14)

„Ein Nachgeben in der Frage des U-Bootkrieges kann jetzt nicht mehr erfolgen; unser durch Unterernährung und Kohlennot bedrücktes Volk, das in dem U-Bootkrieg sein Heil sieht, würde es nicht ertragen, und in der Tat läßt sich durch den verschärften U-Bootkrieg eine uns günstige Entscheidung herbeiführen, die wir im Landkriege weder auf der Westfront noch Ostfront in absehbarer Zeit zu erkämpfen vermögen.“ (15.2.1917, Bd. II, S. 99)

„Daß der U-Bootkrieg eine Aushungerung Englands kaum herbeizuführen vermag oder jedenfalls erst nach langer Zeit, scheint festzustehen. Sein Hauptergebnis wird sein, daß … die Kohleförderung Englands und dessen industrielle Produktion eine schwere Schädigung erfahren werden… Ob der U-Bootkrieg weiter solche Erfolge zeitigen wird wie bisher, läßt sich nicht sagen. Die Gegenwirkung ist unstreitig im Zunehmen und wird voraussichtlich noch weiter zunehmen infolge der Beteiligung der Vereinigten Staaten am Kriege.“ (19.7.1917, Brief an den bayer. Staatsminister/Reichskanzler Graf Hertling, Bd. III, S. 15f)

„Nach einer Veröffentlichung des Admiralstabes wurden im ersten Halbjahre des uneingeschränkten U-Bootskrieges insgesamt 14 495 000 Tonnen feindlichen Schiffsraums versenkt.“ (21.8.1917, Bd. II, S. 248)

„Von den in den letzten Tagen eingebrachten englischen Gefangenen … erblickt keiner … in dem U-Bootkriege eine ernstliche Gefahr für England.“ (22.8.1917, Bd. II, S. 248)

„Hätten wir nicht den unbeschränkten U-Bootkrieg begonnen, hätten wir wohl kaum den Krieg mit Amerika bekommen, und wäre damit der Krieg mit den Westmächten jetzt wohl schon siegreich für uns beendet, diese Überzeugung drängt sich mir jetzt nachträglich auf.“ (9.5.1918, Bd. II, S. 396)

Wie er den Tod im Schützengraben wahrnahm

„Dort wo die Engländer die von den Franzosen geschaffenen Verteidigungsanlagen übernommen hatten, wie unmittelbar östl. von Zonnebeke, lagen die Verhältnisse etwas besser, aber auch dort war in den Schützengräben ein namenloser Schmutz. In den Unterständen lagen im Lagerstroh Speisereste, leere Konservenbüchsen und Tuchlappen. Latrinen waren nirgends vorhanden, die Toten in den Gräben verscharrt, wo nicht in die Brustwehren eingebaut, aus denen halbverweste Arme und Beine hervorstarrten. Von den umherliegenden Leichen waren die meisten in der letzten Zeit beerdigt worden, doch sah ich noch etliche, die, nach dem Verwesungsgrade zu schließen, von den Novemberkämpfen herrühren mußten. Einzelne waren völlig in Stücke gerissen, ein widerlicher Anblick. Noch widriger aber war der leimige Verwesungsgeruch, der die Luft verpestete. Beim Durchschreiten der Gräben hieß es vorsichtig sein, um nicht auf Handgranaten oder Blindgänger zu treten.“ (5.5.1915, Bd. I, S. 333f)

Ansätze von Selbstkritik?

„Sehr erheiterte mich eine Wahrnehmung bei einem Ritte nach Roubaix. Am Eingange des dortigen Stadtparkes sah ich nämlich eine große Tafel mit der deutschen Aufschrift: ‚Das Betreten der Rasenflächen ist verboten!‘ Sind die Franzosen unverbesserliche politische Kindsköpfe, sind wir Deutsche unverbesserliche Pedanten!“ (30.4.1915, Bd. I, S. 330)

„Da wiederholt Nachrichten über militärisch wichtige Vorgänge, deren Geheimhaltung geboten war, nach der Heimat gelangten … ordnete die Oberste Heeres Leitung … an, daß … auf den Feldpoststationen einzelne Briefe geöffnet würden… Deutlich ergab sich (aus den Briefen), wie nachteilig die Minderung der Verpflegungsportionen auf den Geist der Truppe gewirkt hatte, denn die in den meisten Briefen wiederkehrende Klage war die über die unzureichende Kost. Mit dieser Klage verbanden sich gelegentlich Klagen über die Offiziere; unter anderem, daß sie im Überfluß lebten, während die Mannschaften darbten… Die angeführten Klagen über die Offiziere mögen zum Teil nicht grundlos sein, denn das Offizierskorps ist nicht mehr das alte… Gottlob gibt es noch ausgezeichnete Truppenteile, die von einem vorzüglichen Geiste beseelt sind; immerhin muß ich im Gegensatze zu den oben geschilderten Klagen feststellen, daß die englischen Gefangenen bei ihrer Vernehmung nie Klagen über ihre Offiziere laut werden ließen. Ein altgedienter Unteroffizier sagte z. B., es sei ja richtig, die jüngeren von ihnen verständen recht wenig vom Handwerk, aber sie seien immerhin tapfere Leute und echte Gentlemen, und ähnliches Lob spendeten ihnen die Mannschaften. Daß in der Offiziersmesse besser gespeist werde, fanden sie ganz in der Ordnung.

Der Neid ist eines der übelsten Laster des Deutschen. Er sieht es nicht gerne, wenn es einem anderen in irgendeiner Beziehung besser geht; freilich der Neid des hungrigen Magens ist eine eigene Sache und entschuldbar.“ (7.5.1916, Bd. I, S. 459ff)

„Da wurden bei Reichstagsabgeordneten Klagen laut über besseres Essen der Offiziere sowie darüber, daß in einzelnen Fällen eigene Wirtschaften und Rasierstuben für Offiziere reserviert wurden. Es ist ja richtig, der volle Magen kennt keinen Neid, wohl aber der leere, und unsere Leute sind im Gegensatze zu den englischen Soldaten nicht bloß unterernährt, sondern auch überanstrengt und daher leicht erregbar. Aber es ist keine Frage: der Deutsche hat weniger Selbstzucht wie der Engländer, ist skeptischer wie dieser und hat den Hang zu räsonnieren. Sein Wissensdrang ist größer und es werden auf unseren Schulen mehr Kenntnisse beigebracht wie auf den englischen; dafür aber wird in diesen mehr Wert gelegt auf Charakterbildung und Erziehung zu guten Formen. Des Engländers Ideal, auch des Engländers aus Arbeiterkreisen, ist der Gentleman, der wohlerzogene Mann. Der Ton des Umgangs ist bei den Engländern entschieden ein besserer, und sie verfallen nicht in die Fehler, der besonders manchen Norddeutschen zu eigen ist, Grobheit mit Energie und Höflichkeit mit Schwäche zu verwechseln.“ (2.6.1917, Bd. II, S. 184)

„Wir haben bis jetzt alle unsere Gegner der Reihe nach unterschätzt und tun dies nun auch mit den Amerikanern, da wir immer nur das glauben wollen, was uns genehm ist. Hüten wir uns vor schlimmen Enttäuschungen!“ (16.6.1917, Bd. II, S. 199f)

„Die 11. preußische Reserve Division rückt eben in Brüssel ein in tadelloser Haltung. Es wird von den Mannschaften einer Kompanie mit einem Maschinengewehr gegen Etappen- und Marinemannschaften geschossen, die Lebensmittelwagen der Truppe zu plündern versuchten. Nachricht von Schießereien mit belgischen Zivilisten am Bahnhofe in Löwen; auch auf dem Bahnhofe in Brüssel eine unsinnige Schießerei. Man sieht einzelne Leute mit roten Fahnen. Die Militär- wie Zivilgefängnisse von Brüssel sind von Meuterern erbrochen, die Gefangenen durchziehen die Straßen, johlen und plündern. An den Häusern erscheinen belgische Flaggen: schwarz-gelb-rot. Mich erfaßt ein unsagbarer Ekel; zum erstenmal in meinem Leben, dafür aber um so gründlicher, schäme ich mich, ein Deutscher zu sein. Was müssen die Belgier sich von uns denken und wie uns verachten! Dann aber überwiegt bei mir ein tiefes Mitleid das brennende Gefühl der Schmach.“ (10.11.1918, Bd. II, S. 476)

(Kronprinz Rupprecht von Bayern, Mein Kriegstagebuch, (Hg.) Eugen von Frauenholz, Berlin 1929, Bände I, II und III)

 

Zu den Anschuldigungen Kriegsverbrechen begangen zu haben sind historische englischsprachige Zeitungsmeldungen im www abrufbar:

Eine Reuter-Meldung vom 23.10.1919: http://paperspast.natlib.govt.nz/cgi-bin/paperspast?a=d&d=NA19191023.2.32

Die New York Times vom 1.2.1920: http://query.nytimes.com/gst/abstract.html?res=F00E15FA385F1B728DDDA80894DA405B808EF1D3

Die New York Times vom 8.4.1921: http://query.nytimes.com/mem/archive-free/pdf?res=F00D11FB3B5B1B7A93CAA9178FD85F458285F9

5 Kommentare

  1. Auf ein neues Buch zu den Wittelsbachern in Ersten Weltkrieg soll noch hingewiesen werden:

    Stefan März, Das Haus Wittelsbach im Ersten Weltkrieg. Chance und Zusammenbruch monarchischer Herrschaft, Regensburg 2013.

    Rezensionen :
    http://www.kbl.badw-muenchen.de/zblg-online/rezension_2475.html
    http://www.merkur-online.de/aktuelles/bayern/koenig-ludwig-iii-haus-wittelsbach-ersten-weltkrieg-stefan-maerz-2841672.html
    http://www.tz-online.de/aktuelles/bayern/jubilaeum-koenig-ludwig-iii-bayern-kroenung-jahren-5111913-3201897.html

    In der TZ-Buchbesprechung heißt es:

    Der Münchner Historiker Dr. Stefan März (33) hat in seinem Buch „Das Haus Wittelsbach im Ersten Weltkrieg. Chance und Zusammenbruch monarchischer Herrschaft“ die Rolle König Ludwigs III. und des Wittelsbacher Herrscherhauses im Krieg untersucht. Seine wichtigste These: Der Zusammenbruch der Monarchie in der Novemberrevolution 1918 wäre vermeidbar gewesen, wenn der König die Zeichen der Zeit erkannt hätte. Derzeit arbeitet Historiker März an einer Biographie über Bayerns letzten Kini.

    Noch eine Biografie zum letzten Bayernkönig!

    Was nicht alles möglich ist in Bayern und dazu noch auf Staatskosten! Als ob es nichts Interessanteres gäbe.

    Anstatt zu Eisner endlich eine vernünftige Biografie vorzulegen, oder eine Untersuchung der Minderheitenfeindlichkeit im Hause Wittelsbach vorzunehmen, oder den Antisemitismus im bayerischen Offizierskorps zu erforschen – noch mehr königlich-bayerische Folklore.

    Bayern bleibt eben Bayern.

  2. Wohl durch den haGalil-Beitrag aufgeschreckt, hat erst kürzlich ein königstreuer bayerischer Ultrapatriot erneut umfangreiche Löschaktionen auf der Wiki-Diskussionseite zu Rupprecht von Bayern vorgenommen. Unter dem offiziellen aber nicht näher begründeten Vorwand

    „Auf dieser Seite werden Abschnitte wöchentlich automatisch archiviert, deren jüngster Beitrag mehr als 30 Tage zurückliegt und die mindestens einen signierten Beitrag enthalten.“

    verschwanden nahezu sämtliche inkriminierenden Argumente in ein Archiv, das gewöhnlich nur Spezialisten aufsuchen.

    Hier der Link zur Versionsgeschichte, das in Frage kommende Datum ist der 3. Nov. 2013:
    http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Diskussion:Rupprecht_von_Bayern&action=history

    Hier der Zugang zu diesem Archiv:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Rupprecht_von_Bayern/Archiv

    Solche sogenannten „automatischen Archivierungen“ kommen seltsamerweise nur da zum Einsatz, wo brisante neue Infos oder Erkenntnise das althergebrachte (offizielle) Geschichtsbild eintrüben könnten.

    Nur gut, dass hier auf haGalil diese automatisierten Aktionen noch nicht eingeführt wurden.

  3. Unglaublich was für unsinnige Youtube-Filme über Rupprecht von Bayern heute noch ins Internet geschoben werden.
    Dieser stammt von 2013:
    http://www.youtube.com/watch?v=CeIKV7yVk-o

    Glorifizierung von Kriegstaten und Eroberungen, kein kritisches Wort, etwa über Rupprechts Bereitschaft mit den Nazis zusammenzuarbeiten, nichts als eitle Verehrung und Lobhudelei für einen königlich-bayerischen Charakterkrüppel, der seinesgleichen sucht. Beide seiner Frauen, die eine neun, die andere 31 Jahre jünger als er, hat er in ein frühzeitiges Grab gebracht. Er hat sein Leben lang gelogen, betrogen, gehurt und gesoffen, seine Kinder vernachlässigt und menschenfeindliche Reden gehalten. Eigene Verwandte hat er wie Dreck behandelt, vor allem dann, wenn diese ausländische oder nicht hochherrschaftliche Wurzeln hatten, u.a. seine kroatische Schwiegertochter.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Antonia_von_Luxemburg
    http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Adalbert_von_Bayern_%281886%E2%80%931970%29
    http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Rupprecht_von_Bayern#Rupprecht_von_Bayern_in_der_eigenen_Familie_keineswegs_unumstritten

    Kein Wort davon in diesem Youtube-Film.

    Ein anderer, nicht minder unkritischer Film (siehe der englische Text), bringt Bilder zum Leben der zweiten Frau Rupprechts, Antonia von Luxemburg:
    http://www.youtube.com/watch?v=X8oX9us90pA

    Filmchen von Trottel für Trottel.

  4. Ebenfalls von Interesse ist, wie bei Wikipedia mit kritischen Diskussionsbeiträgen, in dem Fall zu Rupprecht von Bayern (RvB), verfahren wird, sie werden schnurstracks gelöscht.

    == Löschung von Diskussionsbeiträgen auf dieser Seite ==

    Wer sich die Versionsgeschichte oben anschaut, stellt fest, dass am 18.10. 2013 versucht wurde meine Diskussionsbeiträge zu löschen. Es scheint zwei WP-Benutzern nicht zu passen, dass das offizielle (positive) Kronprinzrupprechtbild angegriffen und anhand von Belegen aus der Literatur korrigiert wird.

    Was nur hat die voreiligen Löscher davon abgehalten hier, auf der Disk-Seite, ihre Absichten vorher zu diskutieren?

    Das, was über RvB inzwischen im WWW in Umlauf ist, kann nicht mehr unveröffentlicht gemacht werden. Wer den Kronprinzen der Bayern heute googelt, erhält gleich als dritten Treffer, diesen: http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:wp09hyIC3dYJ:test.hagalil.com/2012/11/04/rupprecht-von-bayern/+&cd=3&hl=de&ct=clnk&gl=de‎. Ein Beitrag, der den Kronprinzen anhand von dessen eigenen Zitaten als einen üblen Rassisten überführt. Wer die Worte: Kronprinz, Rupprecht, Juden googelt, wird auf Material im WWW aufmerksam gemacht, das den eklatanten Antisemitismus des langjährigen Thronprätendenten offenlegt.

    Die Zeiten, in denen die bayerische (oder deutsche) Regierung und einige der Regierung nahestehende Verlage das Monopol darüber ausübten, worüber veröffentlicht werden darf und worüber (aus welch irrationalen Gründen auch immer) nicht, sind seit Einführung des Internet ein für allemal vorbei. In vielen Städten gibt es inzwischen kritische Webseiten, die sich der Lokal- und Regionalgeschichte annehmen und regelmäßig erstaunliche Enthüllungen publizieren, Enthüllungen, die genauso wissenschaftlich belegbar sind wie Dinge die von sog. seriösen Historikern stammen und Enthüllungen, die uns zeigen, wie sehr wir von der etablierten Geschichtsschreibung bisher belogen und betrogen wurden.

    Um auf Rupprecht zurückzukommen, sein letzter Biograf Dieter J. Weiß, ein staatlich bezahlter Gefälligkeitsgeschichtsschreiber, dem wir auch einige verharmlosende Biografieeinträge zu Rupprecht in Nachschlagewerken verdanken, hatte kein Interesse daran, seinen Lesern den wahren RvB zu präsentieren (siehe auch die Rezension:http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-084). Angaben zu Rassismus und Antisemitismus werden von ihm kategorisch unterdrückt, es wird vielmehr das Bild Rupprechts als „Nazigegner“ gepflegt. Gleichzeitig, sozusagen kleingedruckt nebenbei, weil es nicht zu verheimlichen ist, merkt Weiß an, dass Rupprecht, trotz seiner Abneigung gegen den NS noch bis Februar 1933 zu Gesprächen mit Hitler über eine Zusammenarbeit bereit war. Weiß widerspricht sich damit ohne es zu merken. Man kann nämlich schlecht ein „Nazigegner“ sein und auch noch nach der sog. „Machtergreifung“ Gespräche mit dem Führer über gemeinsame politische Ziele führen wollen… Man erkennt an diesem Beispiel leicht, dass die offizielle bayerische Geschichtsschreibung in der Falle sitzt, Verheimlichen geht nicht (mehr), Zugeben aber auch (noch) nicht.

    Daher, liebe voreilige Löscher meiner Diskussionsbeiträge, seid doch bitte froh, dass zumindestens hier die Wahrheit gesagt wird, jene Wahrheit, die mit Sicherheit in der noch zu schreibenden nächsten Biografie zu RvB ganz sicher enthalten sein wird.–[[Benutzer:Zworo|Zworo]] ([[Benutzer Diskussion:Zworo|Diskussion]]) 11:03, 19. Okt. 2013 (CEST)

  5. Der Antisemitismus des Kronprinzen wurde oben zwar angesprochen, kommt hier jedoch nicht allzu deutlich heraus.
    Wikipedia bietet neben der Artikelseite noch eine Diskussionsseite an. Auf der stand bis vor kurzem ein recht aussagekräftiger Beitrag zum Antisemitismus des Kronprinzen Rupprecht, stand, denn er ist inzwischen von einem besonders eilfertigen Löschteufel getilgt worden. Erfreulicherweise aber gibt es bei Wiki die jeweilige Versionsgeschichte zu Artikel und Diskussionsbeiträgen und so kann man den gelöschten Part doch noch nachlesen. Er lautet:

    == Kronprinz Rupprecht von Bayern und die Juden ==

    Im aktuellen Wikitext heißt es:
    „In einer von ihm verbreiteten Denkschrift stellte Rupprecht 1923 als Minimalforderung auf, die sogenannten Ostjuden auszuweisen, da ‚diese Elemente vergiftend gewirkt (haben)‘ sollen. Dies geschah im Zuge einer länderübergreifenden antisemitischen Kampagne, die in Bayern unter Gustav von Kahr zu Massenausweisungen führte.“

    Die erwähnte Denkschrift, von der ein Exemplar im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, Abteilung III, Geheimes Hausarchiv, Nachlaß Kronprinz Rupprecht, No. 774, einzusehen ist, kommt nur in einer einzigen knappen Passage auf Juden zu sprechen; deren vollständige Wiedergabe lautet:

    „Der Antisemitismus ist gegenwärtig aus begreiflichen und nicht ungerechtfertigten Gründen stärker denn je. Die Minimalforderung ist die Ausweisung der Ostjuden die unbedingt erfolgen muss, denn diese Elemente haben vergiftend gewirkt.“

    Zum Vergleich, Punkt acht des 25-Punkteprogramms der NSDAP vom 24. Februar 1920, veröffentlicht in München: „Jede weitere Einwanderung Nicht-Deutscher ist zu verhindern. Wir fordern, daß alle Nicht-Deutschen, die seit dem 2. August 1914 in Deutschland eingewandert sind, sofort zum Verlassen des Reiches gezwungen werden.“ (Punkt vier: „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“)

    Zu dem Zeitpunkt, als der Kronprinz seine Denkschrift zu Papier brachte, Dezember 1923, war Bayern bereits zur Wiege des Nationalsozialismus geworden, waren wenige Jahre zuvor, 1919/20 die NSDAP und 1921 die SA jeweils in München entstanden, herrschte in Bayern schon geraume Zeit, wie u.a. den Biografien von Therese Giehse, Albert Einstein und Lion Feuchtwanger zu entnehmen ist, ein mehr oder weniger stark empfundener christlich geprägter Antijudaismus vor, wurde in der breiten Bevölkerung zwischen Juden und Nichtjuden sehr deutlich unterschieden („IHR hobt’s unsan Herrn Jesus um‘brocht! – „IHR hobt’s unsan Heiland auf’m G‘wissn!“ – „E‘s Gott’smörder, e‘s!“).

    Rupprecht fachte daher mit seinen Worten den vorherrschenden Rassenhass noch zusätzlich an, er gab dem unmenschlichen Vorgehen der SA-Schlägerbanden gegen Juden durch seine hohe Reputation, durch seinen bedeutenden Einfluss in weiten Bevölkerungsschichten, durch seine besondere Stellung Legitimation, ja er rechtfertigte Gewalt und Rechtlosigkeit gegen Juden regelrecht.

    Rupprecht war nicht in der Lage zu unterscheiden, zwischen ein paar wenigen radikalen Juden, die an der Revolution in Bayern beteiligt waren und der weitestgehend integrierten Mehrheit der Juden in Bayern, die schon seit über einem Jahrtausend Bestandteil des bayerischen Volkes war und ganz einfach dazugehörte. Nein, Rupprecht rechtfertigte generell den Antisemitismus gegen alle Juden in Bayern, nicht nur den gegen die sog. „Ostjuden“, denn er spricht in seinem ersten Satz pauschal von „begreiflichem“ und „nicht ungerechtfertigtem“ Antisemitismus. Erst der zweite Satz wendet sich dann gegen die „Ostjuden“.

    Rupprecht nannte die Ausweisung der Ostjuden eine „Minimalforderung“. Blickt man auf die bayerische und deutsche judenfeindliche Vorgeschichte, so erhebt sich die Frage, was denn der Kronprinz als Normal- oder gar als Maximalforderung erachtete, wenn er als das Mindeste die Verbannung forderte. Allzu variantenreich ist die Auswahl nicht. Juden in Deutschland, und vor allem Juden in Bayern, waren bis dahin (1923) mit diskriminierenden Abzeichen („Judenhüten“, „Judenringen“ etc.) gebrandmarkt, sie waren zur Bezahlung von speziellen Judensteuern verpflichtet, ihnen waren Berufe und Berufssparten verboten, ihnen waren elementare Rechte vorenthalten worden, sie waren beraubt, ihre Frauen vergewaltigt, Juden waren aus Städten und Dörfern, in denen sie zum Teil sehr lange ansässig gewesen waren, vertrieben worden. Als sozusagen nächsthöhere judenfeindliche Maßnahmen kämen nur noch unbegrenzte Haftstrafen (Kerker), irgendeine Form der Folter (Marter) oder ihre Ermordung in Frage: Lebendig Verbrennen, Rädern, Hängen, Köpfen, Erstechen, Erschießen…–[[Benutzer:Zworo|Zworo]] ([[Benutzer Diskussion:Zworo|Diskussion]]) 11:40, 12. Dez. 2012 (CET)

    Weitere Belege für Rupprechts judenfeindliche Haltung findet der aufmerksame und sensibilisierte Leser in dessen Publikationen, sowie in von Biograf Sendtner, auszugsweise oder vollständig, veröffentlichten privaten Schriftstücken, zumeist Tagebucheinträgen oder Briefen, aus der Feder des Kronprinzen.

    Als Beispiel mögen einige Passagen aus den „Reise-Erinnerungen“ und ein Tagebucheintrag bei Sendtner genügen:

    „Den in Saloniki in einer Zahl von je 20 000 ansässigen Türken und Griechen stehen 60 000 Spaniolen gegenüber, Nachkommen von im Jahr 1492 aus Spanien vertriebenen Juden, die untereinander noch immer ein verderbtes Spanisch sprechen. Sie sind reinrassig, größer und kräftiger als die polnischen Juden…“

    „Es gibt unter diesen schwer reiche Leute, doch sind nicht alle Spaniolen mit Glücksgütern gesegnet. Viele verdienen sich ihren Unterhalt als Handwerker, ja sogar als Hamâls oder Lastträger. Als unser Schiff im Hafen anlegte, hatte der Kapitän große Mühe, die Ordnung an Deck aufrecht zu erhalten, das Scharen von jüdischen Hamâls erstürmten, die, ohne weiter zu fragen, die herumliegenden Gepäckstücke fortzuschleppen begannen. Die Spaniolen, die das Hafenviertel bewohnen, sind verwegene Gesellen, von denen viele den Schmuggel betreiben. Messerstechereien in ihren Kneipen sind an der Tagesordnung…“

    „Neben den Spaniolen gibt es in Saloniki noch andere Juden, die sog. Maamin oder Dönme, deren Vorfahren gegen das Ende des 17. Jahrhunderts zum Islâm übertraten unter Beibehalt einer Reihe jüdischer Gepflogenheiten…“

    „Uns unverständlich ist welch faszinierende Macht der Anblick des Goldes auf die orientalischen Juden, und wie ich mich später überzeugen sollte, auch auf arabische wie indische Händler ausübt. Wenn sie Gold sehen, funkeln ihre Augen und zittern ihre Hände vor Erregung, und im Basar von Saloniki widerfuhr es mir, daß ein Spaniole beim Anblick des gezeigten Goldes derart außer Fassung geriet, daß er sich in der Hast zu seinen Ungunsten verrechnete und mich betroffen ansah, als ich ihn über seinen Irrtum aufklärte…“ (Jeweils siehe: Reiseerinnerungen aus dem Süd-Osten Europas und dem Orient, Rupprecht Kronprinz von Bayern, München 1923, S. 129-131)

    „Den nüchtern veranlagten Römern fehlte der Schwung, der die Hellenen zu ihren Kunstwerken befähigte. Nur in der Porträtkunst konnten sie mit diesen wetteifern, welche bei den Hellenen eigentlich erst aufkam, nachdem sie mit den Römern in Beziehung traten. Die in Pompeji gefundene Bronzebüste eines Bankiers ist erschreckend in ihrer Realistik und läßt es als fraglos erscheinen, daß der Dargestellte ein Jude war…“ (Tagebucheintrag Rupprechts aus dem Jahre 1936, mit dessen Einwilligung wiedergegeben bei: Kurt Sendtner, Rupprecht von Wittelsbach Kronprinz von Bayern, München 1954, S. 602)

    Wie man leicht erkennt, handelt es sich bei den Juden charakterisierenden Zitaten des Kronprinzen nicht um jenen primitiven „Haudrauf-Antisemitismus“ nach Art Streichers oder Röhms, sondern um einen „gepflegten“, bisweilen sogar subtilen, christlichen, bayerischen Antisemitismus der oberen Mittelschichten bzw. der Oberschichten, einen Antisemitismus der auch heute noch vielfach als „salonfähig“ gilt und den man immer wieder antrifft, wenn (christliche) Bayern unter sich sind und davon ausgehen können, dass sich kein Jude in ihrer Runde aufhält.

    Wer etwa bezweifeln wollte, dass der Ausdruck „jüdische Gepflogenheiten“ antisemitisch gemeint ist, der möge doch bitte in Zukunft, immer dann, wenn er von christlichen Riten und Bräuchen spricht, diese beiden Substantive durch „Gepflogenheiten“ ersetzen und sie auch noch extra betonen, oder in Anführungszeichen setzen. Dass Juden angeblich „goldgeil“ sind, ist ein uralter und weit verbreiteter Stereotyp und dass Rupprecht auch Inder und Araber hier als der Macht des Goldes verfallen zeiht, vermindert nicht, sondern verstärkt noch dieses Element seiner abwertenden Rhetorik. Wenn der Kronprinz die Spaniolen als „reinrassig“ bezeichnet, so bedient er sich eines Schlagwortes der Rasseantisemiten seiner Epoche. Will er sich also mit diesen auf eine Stufe stellen? Oder hat er nur gleichsam unbedacht und zufällig diesen Ausdruck gebraucht?

    Bei Rupprecht sind die Juden „Messerstecher“, Muslime oder Schmuggler, Lastenträger oder Bankiers, Goldhändler, die sich peinlicherweise verrechnen oder „verwegene Gesellen“, nur eins sind sie bei ihm nirgends – ganz normale Menschen, Menschen wie du und ich. Sie sind anders als „wir“, sie gehören nicht „zu uns“, sie sind Fremdkörper. Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor?

    Ãœbrigens hat es sich Rupprecht im täglichen Leben nur wenig anmerken lassen, dass er Antisemit war; so berichtet seine Tochter Irmingard in deren „Erinnerungen“ von einem Hauskonzert bei ihren Eltern, das der berühmte jüdische Pianist Arthur Rubinstein bestritt (schon wieder so ein „Ausnahmejude“ und kein ganz normaler Jude!); auch pflegte der Kronprinz den Umgang mit einigen wenigen Juden und er hat sich möglicherweise tatsächlich für den einen oder anderen Juden im Dritten Reich sogar eingesetzt. Jedoch war und blieb er in seinem tiefsten Herzen zeitlebens ein Antisemit (Einschränkung: Die von ihm autorisierte Biografie Sendtners, in der er sich reichlich antisemitisch gibt, kam ein Jahr vor seinem Tod heraus. Daher wäre es durchaus möglich, wenn auch wenig wahrscheinlich, dass er gegen Ende zu noch – bereute und widerrief).–[[Benutzer:Zworo|Zworo]] ([[Benutzer Diskussion:Zworo|Diskussion]]) 11:19, 13. Dez. 2012 (CET)

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